Guten Morgen,
da derzeit alle hier im Forum auf CVA News warten und auch die Halbjahreszahlen in den vergangenen Wochen sehr detailliert erläutert wurden möchte ich einmal auf ein Thema eingehen das meiner Meinung nach noch nicht wirklich intensiv hier im Forum diskutiert wurde und zwar ein Szenario wie sich Steinhoff in einer Rezession machen würde.
Ich möchte dieses Thema ganz bewusst aufgreifen, da ich in der Tat die Wahrscheinlichkeit als sehr hoch erachte, dass wir nach 10 Jahren wirtschaftlichen Aufschwungs wieder am Ende eines Booms angelangt sind und eine weltweite Rezession natürlich auch Steinhoff treffen würde. Derzeit sehe ich die Hauptaufgaben des Managements darum in der folgenden Reihenfolge:
1) Gesundung des EBITs: Restrukturierung in der man wieder (möglichst) alle Beteiligungen profitabel macht - hier haben wir meiner Meinung nach die größten Brocken schon hinter uns (bis auf Conforama und Harvey's). Man konnte darum bereits im ersten Halbjahr 2019 mit einem sustainable EBIT von rund 250 Mio. EUR einen wirklich herausragende Meilenstein erreichen.
2) Gesundung des EBTs: Das "I" des EBITs wird der zweite Schritt, der ab nächster Woche mit dem Investorentag in den Fokus des Managements rückt. Wie wichtig es sein wird neue Kreditgeber zu finden braucht man wohl kaum erläutern. Wenn man Zinsen für 8-10 Milliarden bezahlt wirkt sich 1% Zinsauf- oder abschlag bei einer potentiellen Refinanzierung schon um bis zu 100 Mio. auf das Ergebnis aus. Es wird also in den nächsten Monaten die Kernaufgabe des Managements sein hier zu liefern.
3) Nachhaltige und langfristige Entwicklung des Konzernergebnisses nach Steuern: Hier ist die größte Gefahr ein Einbruch im Wachstum, sprich: eine Rezession.
Wenn ich mir jetzt mal das Portfolio von Steinhoff ansehe und dieses mal losgelöst von den Problemen betrachte die aus dem Bilanzskandal entstanden sind (Klagen, fehlende Liquidität durch fehlende neue Gläubiger,..) dann muss ich allerdings sagen, dass ich mir eigentlich genau so ein Unternehmen wie Steinhoff für mein Depot in Zeiten einer Rezession wünschen würde.
Schaut man sich die einzelnen Beteiligungen mal genauer an, dann kommt man nicht umhin zu erkennen, dass es sich hierbei um die beste Absicherung von Retailmarken handelt, die man sich in einer Rezession wünschen kann:
- bestes Beispiel hierfür ist Mattress Firm. Auf Seite 25 der Public Lender Presentation vom 14. Jänner 2016 ist ein Chart abgebildet, der das Wachstum des US Matratzenmarkts seit 1980 zeigt. Dabei sieht man, dass die Umsätze während der letzten 4 Rezessionen kaum gefallen sind. Jedoch hat man meist schon 1 Jahr nach Beginn einer Rezession wieder enorm angezogen. Matratzen braucht jeder, sie gehören zu den absoluten Grundbedürfnissen eines jeden Menschen. Auch wenn man finanziell noch so starke Einbußen hinnehmen muss, ein Bett und (bzw. zumindest!) eine Matratze wird man sich immer leisten. Selbiges gilt natürlich auch für Bensons and Beds in UK.
- auch Pepkor Europe erachte ich als ausgezeichnetes Hedge in Zeiten einer Rezession. Mit Pepco in Osteuropa und Poundland in UK ist man erste Anlaufstelle für die (untere) Mittelschicht in den Städten. Ich war vor zwei Jahren mal in einem Poundland in London. Dort war es voll von Touristen und Leuten die eher dem ärmeren Milieu von London zuzuordnen waren. Da war fast jedes Produkt um 1 GBP zu haben, also wirklich echte Schnäppchen für Alltagsgegenstände des täglichen Gebrauchs. Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit Pepco in Osteuropa was vor allem Kleidung betrifft. Hier schafft man es die Konkurrenz wie z.B. H&M sogar noch zu unterbieten.
- Pepkor Afrika ist mit seinem Marktumfeld ebenfalls sehr krisenresistent. Laut Weltbank gab es seit Mitte der 90er nur 2009 ein negatives GDP Wachstum, ansonsten hatte man immer positives Wachstum (data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.MKTP.KD.ZG?locations=ZA). Hier muss man meiner Meinung nach jedoch stärker in die Nachbarländer expandieren und sich nicht zu sehr auf den südafrikanischen Markt selbst verlassen, da sich die Wachstumskurve für SA nach und nach abflacht.
Ein wirkliches Risiko sehe ich in einem Krisenumfeld nur bei Conforama und in weniger dramatischen Ausmaß bei Greenlit Brands. Somit ist es auch wirklich enorm wichtig, dass vor allem Conforama der Turnaround gelingt und man sich für Krisenzeiten einen guten Puffer beim EBIT zulegt.
Alles in allem hat Steinhoff meiner Meinung nach ein wirklich gutes Portfolio für Krisenzeiten. Mit den Produkten die man anbietet erfüllt man bei den Konsumenten keinen lang ersehnten Wunsch (wie es z.B. bei einem Autokauf der Fall wäre). Ganz im Gegenteil, man deckt die absoluten Grundbedürfnisse des Konsumenten, sei es jetzt die Matratze zum Schlafen oder der billige Pullover für das Kind aus dem es bald wieder rauswächst.
Somit ist man meines Erachtens für eine Krise - sollte sie denn kommen - zumindest was den Umsatz betrifft gut aufgestellt. Und genau hier ist der wunde Punkt bei vielen Retail-Unternehmen in der Krise, denn die EBITDA Marge leidet in einer Rezession nicht sonderlich, man setzt nur aufgrund geringeren Konsums weniger um und dadurch wird das EBITDA aufgrund geringerer Umsätze einfach im gleichen Maßstab kleiner. Zudem darf man auch eines nicht vergessen: während viele Unternehmen erst bestenfalls zu Beginn einer Wirtschaftskrise damit beginnen die ineffizienten Prozesse und Beteiligungen innerhalb der Unternehmensstruktur anzugehen, ist man hier schon seit Anfang 2018 dran das gesamte Unternehmen umzukrempeln.
Ich bin daher für die Zukunft sehr optimistisch eingestellt. Der einzige offene Punkt ist meiner Meinung nach wie vor die Refinanzierung. Daher darf man auf kommenden Dienstag gespannt sein!