Stahlbranche setzt aufs Internet


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Stahlbranche setzt aufs Internet

 
21.01.02 12:23
Hinter dem neuen Marktplatz Steel 24/7 stehen alle Branchenriesen der europäischen Stahlindustrie. Sie wollen so viel wie möglich über den Marktplatz absetzen.

Die Stahlkonzerne Thyssen Krupp, Corus (Großbritannien), Usinor (Frankreich), Arbed (Luxemburg) und Aceralia (Spanien) wollen ihre E-Business-Aktivitäten auf der Plattform Steel 24/7 konzentrieren. Zu Gunsten des Online-Marktplatzes werden sie sämtlichen eigenen Web-Verkaufsaktivitäten einstellen. Das erfuhr das Handelsblatt aus unternehmensnahen Kreisen.

Die Konzerne stellen 60 Prozent der europäischen Stahlproduktion her. Die Unternehmen wollen zur Unterstützung von Steel 24/7 15 Millionen bis 20 Millionen Euro investieren. Nach internen Prognosen sollen mittelfristig ein Drittel der Jahresproduktion der Partner über Steel 24/7 online verkauft werden.

Wie kaum ein anderer Sektor hat die Stahlindustrie bislang schier alles, was irgendwie mit „E“ zu tun hat, kritisch beäugt und im Zweifel einfach ignoriert. Die Branche erzielt nur einen marginalen Anteil aller Umsätze über das Internet – was viele Wagniskapitalfirmen in die Verzweiflung und die von ihnen finanzierten Startups in den Ruin getrieben hat.

Die Rückendeckung durch die großen Hersteller der entscheidende Unterschied zu den bisher gescheiterten Online-Abenteuern der Branche: Ihnen allen wurde zum Verhängnis, dass die Produzenten zögerten, ihre Produkte über das Internet zu vertreiben – denn den bisherigen Stahlbörsen fehlte die kritische Masse an Angebot und Nachfrage. Die fünf Gründerkonzerne von Steel 24/7 haben hingegen zugesagt, in Zukunft so viel ihrer Produktion wie möglich über den Marktplatz abzusetzen.

Thyssen Krupp Stahl und Usinor, die beiden E-Business-Pioniere in Europa, wollen ihre eigenen Online-Vertriebslösungen zugunsten von Steel 24/7 aufgeben. Das soll der neuen Plattform die nötige Liquidität verschaffen. Durch den gemeinsamen Ansatz wollen die fünf Gründer zudem einheitliche Standards für das E-Business in der Branche schaffen: einheitliche Datenformate, die den Austausch von Bestellungen, Lieferdaten und Rechnungen drastisch vereinfachen sollen. „Das ist wahnsinnig aufwändig, aber eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass E-Business in der Branche funktioniert“, sagt Rudolf Pritzl, Partner bei der Unternehmensberatung Bain und Kenner der Stahlbranche.

Das gemeinsame Internet-Abenteuer haben sich die Gründerväter von Steel 24/7 einiges kosten lassen – insgesamt flossen zwischen 15 Millionen und 20 Millionen Euro in das Projekt, wie aus informierten Kreisen zu erfahren war. Die sollen sich rechnen – durch Kostenersparnisse bei Herstellern und Kunden. So müssen Bestellungen nicht mehr aufwändig per Fax verschickt und manuell erfasst werden, die Anbieter können ihre Produktion besser auf die tatsächliche Nachfrage abstimmen, Zwischenhändler werden ausgeschaltet und Kunden erfahren genau, wann welche Lieferung eintrifft.

Wichtigstes Veränderungsziel von Steel 24/7 ist das so genannte Kontraktgeschäft, also die laufenden Handelsbeziehungen mit bekannten Kunden. Ein „immenses Einsparpotenzial“ sieht Steel 24/7-Chef Sethna in der Steuerung der Lieferkette – im E-Business-Jargon Supply Chain Management genannt.

Klingt toll, ist in der Praxis aber noch weit entfernt. Seit November wickeln die Steel 24/7-Gründer mit ausgewählten Kunden Pilottransaktionen über die Online-Plattform ab, der Großteil der Geschäfte läuft aber wie vor 20 Jahren – offline.

Schon heute experimentieren einige Stahlkonzerne mit E-Business – auf eigene Faust. Beispiel Voest Alpine aus Linz: Das österreichische Unternehmen steckte seit Ende 2000 10 Millionen Euro in verschiedene Pilotprojekte und stellt sich jetzt die „ernsthafte Frage: Was hat uns das bislang gebracht?“, wie Vorstandsmitglied Wolfgang Spreitzer formuliert. „Vielleicht werden wir 2002 weitere Kunden und Konzernteile in die Piloten einbeziehen.“ Klar ist, dass sich Voest Alpine an Steel 24/7 nicht finanziell beteiligt: „Die Aussicht auf einen finanziellen Erfolg war nicht so fantastisch.“ Möglich sei aber, dass der Konzern den Marktplatz irgendwann als Teilnehmer nutzt – „falls sich von der Kundenseite genügend Akzeptanz aufbaut“.

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