Spiegel-Interview zum Enron-Skandal


Thema
abonnieren
Beitrag: 1
Zugriffe: 1.651 / Heute: 2
ENRON CORP CO. kein aktueller Kurs verfügbar
 
Happy End:

Spiegel-Interview zum Enron-Skandal

 
27.02.02 09:45
"Die Kellner werden kontrolliert, die Speisekarte bleibt die alte"

Wie bedeutend ist der Enron-Skandal wirklich? SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Wall-Street-Historiker Charles Geisst über Skandalgeschichten, blaue Augen und den amerikanischen Sinn für Gerechtigkeit.
 
Charles Geisst ist Professor für Finanzwissenschaft am Manhattan College in New York. Er ist Autor mehrerer Bücher, darunter "Wall Street: A History", "Investmentbanking in the Financial System" und "The Last Partnerships: Inside the Great Wall Street Money Dynasties".


SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich intensiv mit der Geschichte der Wall Street beschäftigt. Wie groß ist der Enron-Skandal im historischen Vergleich?
Charles Geisst: Er ist gewaltig. Den letzten ähnlichen Fall gab es vor 30 Jahren. Eine große Versicherungsfirma, Equity Funding, verkaufte falsche Versicherungspolicen an Offshore-Firmen auf Bermuda. Die Aktie war ein Wall-Street-Darling, sie hatte eine der höchsten Wachstumsraten. Sie galt als sicheres Investment, sogar konservative Anleger haben sie gekauft. Dann kam heraus, dass die Manager sich über Jahre aus der Firmenkasse bedient hatten. Die Bilanzen waren gefälscht. Der Verlust für die Anleger ging in die Hunderte von Millionen Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Hatte das Folgen für das Finanzsystem?

Geisst: Die Börsenaufsicht SEC und die Wirtschaftsprüfer versprachen striktere Regeln. Aber viel kam dabei nicht heraus. Equity Funding wurde als Ausnahmefall abgetan. Die Wirtschaftsprüferfirma, eine der damaligen Big Seven, kam mit einem blauen Auge davon: Sie musste eine Geldstrafe zahlen und versprechen, sich zu bessern.

SPIEGEL ONLINE: Könnte der Enron-Skandal, der jetzt so groß erscheint, ähnlich im Sande verlaufen?

Geisst: Nein, er hat eine stärkere Wirkung. Politiker können es sich nicht leisten, Enron als einmaligen Fall abzutun, weil es um den Betrug von zu vielen Mitarbeitern und Anlegern geht. Es wird Reformen geben müssen. Höchstwahrscheinlich wird der Kongress den Wirtschaftsprüfern verbieten, Unternehmen gleichzeitig zu prüfen und zu beraten.

SPIEGEL ONLINE: Das haben die Big Five doch schon von sich aus angeboten...

Geisst: Selbstverpflichtung reicht aber nicht. Ich wäre sehr überrascht, wenn wir keine größere Gesetzesvorlage sehen würden, die der SEC mehr Macht und mehr Geld zubilligt. Die bestehenden Geldstrafen sind kaum höher als Falschparker-Gebühren. Die Wirtschaftsprüferpraktiken würden sich gewaltig ändern, wenn die SEC ihre Strafen von der Schadenshöhe abhängig machte. Auch werden Mandate wahrscheinlich zeitlich beschränkt.

SPIEGEL ONLINE: Wann gab es die letzte Gesetzesänderung nach einem Skandal?

Geisst: Da müssen Sie bis zum Börsencrash von 1929 zurückgehen. 1933 gab es daraufhin den Banking Act und den Securities Act. Der Securities Act (Wertpapierhandelsgesetz) verpflichtete Unternehmen, börsenrelevante Informationen offen zu legen. 1934 wurde die SEC zur Überwachung der Regeln gegründet. Vorher gab es keinerlei Regulationen. Das ist Amerika in seiner ganzen Pracht. 140 Jahre Börsengeschichte ohne ein einziges Gesetz.

SPIEGEL ONLINE: Seit 1933 wurden die Finanzmärkte nicht weiter reguliert, obwohl es alle paar Jahre einen Skandal an der Wall Street gab?

Geisst: So ist es. Die Änderungen, die vorgenommen wurden, zielten in Richtung Deregulierung. Die Gesetze von damals waren sehr strikt. Sie ließen Unternehmen und Banken nicht viel Raum zum Manövrieren. Sie blieben bis 1999 unverändert, als der Kongress den Financial Services Modernization Act verabschiedete. Der diente allerdings nur dazu, Bankenfusionen zu erleichtern. Das Wertpapierhandelsgesetz wurde nicht angetastet. Die alltäglichen Regeln, die die Finanzbranche und die Anleger schützen, sind immer noch die gleichen wie 1933.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es dafür eine Erklärung?

Geisst: Die meisten Skandale der letzten Jahre drehen sich um riskante Finanzgeschäfte. Metallgesellschaft in Deutschland, Orange County in Kalifornien, Hammersmith in Großbritannien - in allen Fällen geht es um Futures. Es gibt keine Gesetzesvorlagen dazu, weil niemand durch diese Geschäfte durchblickt. Sie sind einfach zu nebulös. Das Einzige, was nach einem Skandal passiert, ist gewöhnlich, dass die SEC eine Zeitlang härter durchgreift.

SPIEGEL ONLINE: Und warum sollte das diesmal anders sein? Was macht Enron so besonders?

Geisst: Enron war das siebtgrößte Unternehmen des Landes. Das allein würde schon reichen, um eine nationale Diskussion anzustoßen. Politisch brisant ist es jedoch vor allem, weil es die Mängel des amerikanischen Rentensystems zeigt. Unsere Gesetze bieten kaum Schutz, wenn in Firmen-Aktien angelegte Ersparnisse plötzlich wertlos werden. Das Volk erwartet, dass die Regierung etwas dagegen tut. Das ist wichtig. Aber das zentrale Problem wird der Kongress wieder nicht anpacken: das Wertpapierhandelsgesetz. Stattdessen werden sie sich auf die Verschärfung der Regeln für Wirtschaftsprüfer und die Rentenkonten konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Warum sind die Praktiken der Buchhalter und Wirtschaftsprüfer nicht das zentrale Problem? Schließlich haben diese doch zur Vertrauenskrise der Anleger geführt, die sich jetzt auf andere Unternehmen ausweitet.

Geisst: Die Medien stellen Enron als Wirtschaftsprüferskandal dar, weil es einfacher zu verstehen ist. Ich bin auch dafür, dass Beratung und Prüfung in Zukunft getrennt werden. Aber das eigentliche Problem ist doch, dass Enron völlig unreguliert mit hochriskanten Derivaten gehandelt hat. Wenn es ihnen von Anfang verboten gewesen wäre, wie eine Bank zu handeln, hätten sie diese Dinge gar nicht erst verbuchen können. Ich glaube, dass diese Finanztricks so schmierig waren, dass die jungen Wirtschaftsprüfer einfach nicht durchgeblickt haben.

SPIEGEL ONLINE: Eine Reform der Wirtschaftsprüfer-Regeln allein wird zukünftige Enrons also nicht verhindern?

Geisst: Nein. Solange sie den Derivatehandel unreguliert lassen, wird es weitere Enrons geben. Aber der Kongress setzt auf den alten Trick: Wenn Sie wollen, dass die Gäste aufhören sich zu beschweren, nehmen Sie ein paar Gerichte von der Speisekarte und tauschen die Kellner aus. Genau das wird passieren: Die Kellner werden reguliert, aber die Speisekarte bleibt im Wesentlichen die alte.

SPIEGEL ONLINE: Wie stehen die Chancen, dass die Enron-Manager zur Verantwortung gezogen werden? Bietet die Geschichte irgendeinen Anhaltspunkt?

Geisst: Es wird schwierig, zu beweisen, wer was getan hat, wenn sie alle die Aussage verweigern. Aber ich wäre sehr überrascht, wenn der Kongress diese Leute mit so viel Geld einfach davonziehen lässt. In der Vergangenheit haben sie es eigentlich immer geschafft: Michael Milken und Ivan Boesky, die Skandal-Finanziers aus den Achtzigern, zum Beispiel wurden verurteilt. Zwar sind wir Amerikaner sehr langsam, wenn es um neue Regulierungen geht, aber wenigstens stellen wir sicher, dass die Schuldigen ihre Strafe bekommen.

Das Interview führte Carsten Volkery, New York
Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Hot-Stocks-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen

Neueste Beiträge aus dem ENRON CORP COM Forum

Wertung Antworten Thema Verfasser letzter Verfasser letzter Beitrag
  72 KANN MAN NICHT MAL FESSTELLEN, WER DER ÄLTESTE HIER IST... KAUFMANN Ike_Broflovski 02.03.07 20:00
  4 ENRON - ein Jahr danach Happy End moebius 24.10.06 17:02
3 3 ENRON Pleite - 500.000 E-Mails erzählen Geschichte EinsamerSamariter EinsamerSamariter 24.10.06 06:35
  6 Enron startet durch ! merlinfds Nickitas 28.04.04 10:58
  3 Wer weiß warum Enron so steigt ? merlinfds inmotion 16.01.04 12:53

--button_text--