Spekulation um Greenspans Abgang


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Spekulation um Greenspans Abgang

 
03.03.02 21:28
WASHINGTON, 3. März. Als Alan Greenspan vergangene Woche vor dem Finanzausschuss des Repräsentantenhauses erschien, hielt der weltmächtigste Währungshüter wie immer die Finanzwelt in Atem, und zwar aus mehreren Gründen: Zum einen wollte man wissen, ob sein halbjährlicher Konjunkturbericht Hinweise auf weitere Zinssenkungen enthalten würde oder die elf monetären Lockerungen im abgelaufenen Jahr bereits so viel Wirkung entfaltet hatten, dass sich die Notenbank nun zurückhalten würde. Greenspan verzichtete auf kryptische Formulierungen und machte aus seinem Optimismus keinen Hehl. Die Rezession neige sich dem Ende zu, mit weiterem Entgegenkommen seitens der Fed sei vorläufig nicht zu rechnen. Ebenso wichtig waren Börsianern aber Anspielungen auf Greenspans eigene Zukunft. Würde er vielleicht doch, wie seit Wochen an der Wall Street spekuliert wird, vorzeitig seinen Rücktritt einreichen?
"Idealer Zeitpunkt"

Der Fed-Vorsitzende ließ sich natürlich nicht in die Karten schauen und scherzte lediglich, als er auf die Rentenreform zu sprechen kam, dass "ich wesentlich mehr praktische Erfahrung mit diesem Thema hätte, wäre ich vor elf Jahren zurückgetreten, wie sich das gehört". Die Abgeordneten spendeten nervösen Applaus, einer dankte ihm dafür, doch so lange an Bord geblieben zu sein. Immerhin wird der Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank diese Woche sechsundsiebzig Jahre alt. Er steht seit 1987 an der Spitze der Fed und ist der dienstälteste Notenbanker der Welt. Er hat die weltgrößte Volkswirtschaft mit ruhiger Hand durch zwei Rezessionen navigiert und wurde dazwischen für die Weitsicht gepriesen, mit der er den längsten Boom in der amerikanischen Geschichte am Leben hielt.

Doch während des letzten Jahres geriet das Denkmal Greenspans bedenklich ins Wanken. Er habe den Konjunktureinbruch verschlafen und etwa drei Monate zu spät reagiert, als er im Januar 2001 erstmals den Geldhahn aufdrehte, sagten Kritiker. Die zehn weiteren Zinssenkungen, deren Dringlichkeit nach den Terroranschlägen vom 11. September deutlich zugenommen hatte, seien im Grunde nur eine einzige Aufholjagd gewesen. Jetzt, da er sein Formtief überwunden habe, die Märkte vor Optimismus strotzten und Alan Greenspan wieder das Ansehen der Finanzwelt genieße, sei doch der ideale Zeitpunkt für einen würdevollen Abgang, meinen Fed-Beobachter.

Die Meinungen unter Experten sind jedenfalls gespalten. Einige sagen voraus, dass Greenspan die Gunst der Stunde nutzen und vielleicht Anfang nächsten Jahres den Hut nehmen wird. Das frühere Federal Reserve Mitglied Lyle Gramley glaubt nicht, dass er in einem Wahljahr das Risiko eingehen würde, mit einem Rücktritt Verwirrung zu stiften. "Im Vorfeld der Kongresswahlen wäre es schwierig, die Bestätigung eines Nachfolgers durch den Kongress zu bekommen, das ist Alan sehr bewusst" sagte der ehemalige Fed-Gouverneur. Würde Greenspan hingegen bis zum Ablauf seiner dritten fünfjährigen Amtsperiode im Juni 2004 warten, dann würde das Bestätigungsverfahren direkt mit der Präsidentschaftskampagne zusammenfallen. Diese Ablenkung werde Greenspan Präsident Bush nicht zumuten wollen. Für einen nahtlosen Übergang könne allenfalls Bush sorgen, indem er Greenspan für eine vierte Amtszeit ernennt, an deren Ende der Fed-Chef dann allerdings dreiundachtzig Jahre alt wäre.

Regierung zufrieden

Ökonomen und Analysten halten sich in ihrer Einschätzung in etwa die Waage. Etliche von ihnen rechne mit einem Rücktritt Anfang 2003. Andere meinen, das Erfolgserlebnis einer unerwartet kurzen und milden Rezession werde Greenspan beflügeln, er denke nicht an einen Rücktritt. Höchstens gesundheitliche Probleme könnten ihn umstimmen, von denen aber weit und breit nichts zu sehen ist.

"Zudem ist die Regierung mit seiner Leistung hochzufrieden" erklärt der Nationalökonom und langjährige Fed-Beobachter David Jones. "Politischen Druck wird es keinen geben." Dennoch spekulieren die Analysten bereits über einen möglichen Nachfolger. Finanzstaatssekretär John Taylor gilt als ein Favorit, gefolgt von William McDonogh, dem Chef der New Yorker Federal Reserve, und dem früheren Finanzminister Robert Rubin.
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