Spekulanten-Steuer soll Öl billiger machen


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Zockerbulle:

Spekulanten-Steuer soll Öl billiger machen

 
16.07.06 23:55
 

SPIEGEL ONLINE - 15. Juli 2006, 13:41
URL: www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,426902,00.html
Preisrekorde


Von Karsten Stumm

Rohstoffexperten schlagen Alarm. Der Ölpreis steige bald unausweichlich über die 80-Dollar-Marke, die Weltkonjunktur verliere an Schwung. Wirtschaftsforscher fordern deshalb eine radikale Wende: Steuern auf Ölgewinne sollen die Spekulation eindämmen.


Hamburg - Wie soll das weitergehen? Steigt der Ölpreis weiter, unaufhaltsam, von Rekord zu Rekord? Den jüngsten haben Asiens Rohstoffhändler gebrochen: Am Freitag kostete ein Barrel (159 Liter) der US-Sorte WTI 78,08 Dollar und damit 1,38 Dollar mehr als am Vortag. In der Nacht war zwischenzeitlich sogar die Rekordnotierung vom Donnerstag gebrochen worden, als für ein Ölfass 78,40 Dollar gezahlt wurde. Doch selbst das scheint nur ein Zwischenschritt zu sein.

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Ölförderung: Spekulanten treiben die Notierung
Händler rechnen damit, dass der Ölpreis noch weiter steigen wird. Sie fürchten seit dem Einmarsch israelischer Truppen im Libanon für die Zukunft Förderausfälle. Und das mitten in einer Zeit, in der die Nachfrage nach dem Rohstoff Öl hoch ist. Denn nicht nur die Weltkonjunktur läuft noch gut. Viele Firmen müssen deshalb in erheblichem Umfang Öl als Rohstoff für ihre Produkte einkaufen, um überhaupt so viele ihrer Waren verkaufen zu können, wie derzeit nachgefragt werden. Im Sommer steigt regelmäßig auch der Verbrauch von Ölprodukten wie Benzin, weil vor allem viele amerikanische Bürger mit dem Auto in den Sommerurlaub aufbrechen und dabei erheblich Kraftstoff verbrauchen.

"Der Sprung über die Marke von 80 US-Dollar beim Ölpreis scheint deshalb unausweichlich", sagte Analyst Victor Shum von der Energieberatungsgesellschaft Purvin and Gertz. "Der Ölpreis bewegt sich im Spannungsfeld einer Reihe von Krisenherden, engen Produktmärkten bei einer robusten Nachfrage."

Die Aussicht schlägt bereits auf die Wirtschaftsstimmung der bedeutendsten Volkswirtschaften der Welt durch. Yumi Nishimura von Daiwa Securities beispielsweise fürchtet nun sinkende Aktienkurse vieler Industrieunternehmen in Japan. Sie leiden nicht nur unter steigenden Material- und Rohstoffkosten. Manchen Firmen gelingt es zudem kaum, ihre höheren Produktionskosten durch höhere Verkaufspreise ihrer Produkte auszugleichen. Zu hart ist der Wettbewerb in manchen Branchen.

Japans Börsianer sorgen sich zudem um die heimische Exportindustrie. Analysten in Tokio zufolge könnten die höheren Energiekosten die US-Konjunktur dämpfen und damit auch die Nachfrage nach japanischen Importgütern; Amerika ist der wichtigste Exportmarkt für japanische Firmen. Die Aktien des weltgrößten Digitalkameraherstellers Canon beispielsweise verbilligten sich bereits heute entsprechend um 2,3 Prozent, die von Sony gaben um 2,8 Prozent nach - und die Aussichten sind nicht günstig.

Geldpolitik mit Timingproblem?

"Im Moment ist der Ölmarkt so angespannt, dass schon die Angst vor möglichen künftigen Schwierigkeiten den Preis pro Barrel in die Höhe treibt", sagt Claudia Kempfert. Sie leitet die Energieforschungsabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). "Derzeit reichen für steigende Ölpreise schon Gerüchte, die internationale Staatengemeinschaft planten Wirtschaftssanktionen gegen das Ölförderland Iran, das daraufhin seine Förderung einschränken könnte. Dabei sind das nur Gerüchte, am Ölmarkt herrscht keine Knappheit."

Ausgerechnet in dieser Phase hat heute auch noch die japanische Notenbank erstmals seit sechs Jahren ihren Schlüsselzins auf 0,25 Prozent angehoben. Wirtschaftsexperten fürchten nun, dass die Notenbanker die drohende Konjunkturabschwächung durch die hohen Ölpreise auch noch selbst verstärkt hat.

"Japans Währungshüter haben den Markt zwar lange auf diesen Schritt vorbereitet und das Zinsniveau bleibt auch ausgesprochen niedrig. Aber Japans Notenbanker denken jetzt sicher über die nächste Zinserhöhung nach, die sonst vielleicht schon im Herbst gekommen wäre", sagt Ifo-Forscher Gernot Nerb zu manager-magazin.de. Ganz unbekannt ist Japans Währungshütern das unwohle Gefühle bei Zinserhöhungen nicht. Schon im Jahr 2000 war die Bank von Japan zu spät dran: Damals stoppte Amerikas Zentralbank ihre Zinserhöhungen im Mai, Japans Notenbanker erhöhten ihren Satz dennoch im August - und die Wirtschaft des asiatischen Landes knickte ein.

So weit ist es zwar noch nicht. Aber Japan ist nicht der einzige wichtige Industriestaat, der unter steigenden Ölpreisen leidet. Experten rechnen damit, dass dauerhaft höhere Ölkosten das Wirtschaftswachstum auch hier zu Lande senken werden. "Die Faustformel sagt, dass jeder halbjährige Preisanstieg von zehn Dollar je Barrel unser Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozentpunkte senkt", sagt DIW-Expertin Kempfert.

Dabei ist die heimische Wirtschaft längst nicht mehr so abhängig von dem klebrig-schwarzen Rohstoff, wie zur Zeiten der Ölkrise in den siebziger Jahren. "In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sie die Abhängigkeit vom Mineralöl als Hauptenergielieferant in etwa halbiert", sagt Allianz-Volkswirt David Milleker. Brauchte Deutschland in den frühen 70er Jahren noch 0,12 Millionen Tonnen Öl, um umgerechnet eine Milliarde Euro reales Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften, waren es im Jahre 2001 nur noch 0,05 Millionen Tonnen. Der Trend dürfte sich in den vergangenen vier Jahren sogar fortgesetzt haben.

Zudem hat die Bundesrepublik längst den Wandel von einer Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft weitgehend hinter sich, auch wenn der Industrieanteil an Deutschlands Wirtschaft noch deutlich höher ist als in anderen führenden Wirtschaftsnationen. Doch schon im Jahr 2004 trug das produzierende Gewerbe nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nur noch gut 25 Prozent zum gesamten deutschen Bruttoinlandsprodukt von damals 2,2 Billionen Euro bei; mittlerweile dürfte es noch ein bisschen weniger sein. Zum Vergleich: Im Jahr 1975 erwitschaftete das produzierende Gewerbe noch 33 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes.

Darüber hinaus profitieren mittlerweile auch deutlich mehr Firmen indirekt von den hohen Zahlungen an die Ölförderstaaten als vor einigen Jahrzehnten. Speziell arabische Staaten ordern mit dem Geld aus ihren Ölverkäufen zunehmend Investitionsgüter in Deutschland, so dass die erhöhten Ölpreise das Wirtschaftswachstum weniger stark dämpfen als es vor Jahren der Fall gewesen wäre.

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Börse in Dubai: Arabische Firmen nutzen den Ölboom
"Im Jahr 2005 haben deutsche Firmen Waren und Dienstleistungen im Wert von 20,6 Milliarden Euro in die Ölstaaten dieser Region ausgeführt. Das ist mehr als die gesamten Exporte Deutschlands nach China und Indien zusammen ausmachen", sagt Matthias Mitscherlich, Vorstandschef von MAN Ferrostaal und Vorsitzender der Nordafrika-Mittelost-Initiative der deutschen Wirtschaft. "Diesen Zusammenhang haben wir in unseren vergangenen Konjunkturschätzungen für Deutschland in seiner Stärke offenbar noch nicht richtig eingeschätzt", sagt Carsten-Patrick Meier zur Begründung, Konjunkturexperte des Kieler Weltwirtschaftsinstituts.

Dennoch wird auch dieser Effekt die negativen Ölpreisfolgen für Deutschlands Unternehmen nur dämpfen, nicht aber ausgleichen. DIW-Forscherin Kempfert schlägt deshalb eine radikale Lösung des Problems vor: ein weltweite Steuer auf alle Gewinne aus Ölgeschäften. "Gemessen an dem derzeitigen Ölangebot und der Nachfrage nach dem Rohstoff, müssten wir derzeit ein Preisniveau von 55 bis 60 Dollar pro Barrel haben, und nicht knapp 80 Dollar. Die Differenz ist Spekulation."

Würden sich die acht führenden Industriestaaten der Welt deshalb gemeinsam entschließen, mit steuern in das Geschäft einzugreifen, würden die möglichen Spekulationsgewinne sinken - und in der Folge womöglich auch der Ölpreis. "Bisher sind solche Vorschläge aber stets an der US-Regierung gescheitert", sagt Kempfert. "Aber vielleicht ändern die amerikanische Regierung ja noch ihre Meinung. Schließlich ist Amerika so abhängig von Rohöl, wie kaum ein anderes Land der Erde."


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