Somalia könnte nächstes Ziel der USA sein


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Somalia könnte nächstes Ziel der USA sein

 
13.12.01 07:33
Aus der FTD vom 13.12.2001  
Somalia könnte nächstes Ziel der USA sein
Von Stephen Fidler, Silke Mertins und Roula Khalaf

Nach den militärischen Erfolgen in Afghanistan verdichten sich die Hinweise, dass in der zweiten Phase des Anti-Terror-Krieges der USA nicht Irak, sondern Somalia zum nächsten Ziel werden könnte. "Vergangene Woche haben wir jede Nacht das Dröhnen von Militärflugzeugen gehört", sagte ein Bewohner der somalischen Hauptstadt Mogadischu Uno-Mitarbeitern.

"Die Menschen haben nachts Angst zu schlafen." Somalische Rebellenführer bestätigten am Mittwoch zudem, dass sie Gespräche mit amerikanischen Offizieren geführt hätten. Außerdem sollen vor der Küste Fischerboote von der amerikanischen Armee kontrolliert worden sein - offenbar auf der Suche nach flüchtigen al-Kaida-Kämpfern aus Afghanistan.

Deutliche Signale kommen auch von der US-Regierung. Somalia sei "praktisch ein Land ohne Regierung, ein Land, das bereits eine al-Kaida-Präsenz hat", sagte jüngst Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz. Auch Präsident George W. Bush sieht Somalia "als ein Land, dass neben sechs oder sieben anderen in Terrorismus verwickelt ist."


Mit einem Angriff auf Somalia würden die USA dorthin zurückkehren, wo ihr Militär eine ihrer schlimmsten Niederlagen erlitten hat. Die 1992 von Washington angeführte Uno-Intervention, die humanitäre Hilfe ermöglichen und das zerfallene Land befrieden sollte, endete 1995 mit dem fluchtartigen Rückzug der Amerikaner. Zuvor hatten Bilder von toten US-Soldaten, die von einer johlenden Menge durch Mogadischu geschleift wurden, die Öffentlichkeit schockiert.


Der Einsatz sei schlecht vorbereitet gewesen, argumentieren US-Militärexperten heute. Die Amerikaner würden zudem nicht noch einmal mit Bodentruppen in Somalia einmarschieren, sondern mutmaßliche Terroristenstützpunkte aus der Luft angreifen.



Lokale Hilfe gesucht


Zudem spricht vieles dafür, dass die USA sich - wie in Afghanistan - auch am Horn von Afrika lokale Hilfe für den Bodenkrieg suchen werden: aus Äthiopien, Kenia und Somalia selbst.


Wie die USA werfen die somalischen Rebellengruppen der Übergangsregierung vor, Kontakte zu Terrorgruppen zu haben: So steht die somalische Islamistengruppe "al-Itahaad al Islamija" auf der US-Terrorliste. Die Mittel des Finanzinstituts "Barakat", dem die USA Verbindungen zu al-Kaida vorwerfen, wurden von Washington gesperrt.


Eine Koalition mit somalischen Gruppen bietet sich daher an - ist jedoch auch heikel: Der Führer einer der Rebellengruppen ist Hussein Aidid, der Sohn und politische Erbe von Mohammed Aidid - der Mann, der den USA die bittere Niederlage zugefügt hat.


Walter Kansteiner, US-Staatssekretär für Afrika, sagte am Mittwoch, Washington wolle die Verbindungen zwischen Osama Bin Ladens al-Kaida und der somalischen al-Itahaad zerstören. "Die Möglichkeit, dass es terroristische Zellen in Somalia gibt, ist real", so Kansteiner. Die USA wollten sicherstellen, dass Somalia kein "sicherer Hafen" ist.


Ein Militärschlag gegen Somalia würde zudem nicht annähernd so starke Proteste auslösen wie Angriffe auf Irak, dem nach wie vor keine Verbindungen zu Bin Laden nachgewiesen werden können. Denn anders als Bagdad hat Somalia international keine Lobby. Ein Regierungsbeamter nannte Ziele wie Somalia "tief hängende Früchte", die leicht zu pflücken seien.



Chirurgische Militäreinsätze


In diese Kategorie fallen auch Sudan, der ehemalige Zufluchtsort Bin Ladens, und Jemen, das Herkunftsland seines Vaters. Dort könnte es reichen, mit "chirurgischen" Militäreinsätzen gegen einzelne mutmaßliche Terrorstützpunkte und al-Kaida-Zellen vorzugehen.


In Sudan ist es nicht ausgeschlossen, dass die Regierung Angriffe dulden könnte, sagen Diplomaten. In Jemen "ist die Situation komplizierter", meinte Wolfowitz in einem Interview: "Es gibt ernste Probleme mit al-Kaida-Zellen in Jemen." Er glaube aber, dass die jemenitische Regierung "das inzwischen verstanden hat und entsprechend handelt".


Ähnlich unklar ist die Lage in Bezug auf Irak. Als eine US-Delegation diese Woche in den kurdischen Gebieten in Nordirak eintraf - ein möglicher Stützpunkt für US-Militärschläge gegen Bagdad - wurden die Spekulationen über einen Angriff erneut genährt. Doch das Hauptanliegen der US-Mission war zunächst, die rivalisierenden kurdischen Gruppen zu versöhnen. Die kurdische Opposition gilt als die am besten organisierte der gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein gerichteten Gruppen. Bagdad hat den Streit zu nutzen versucht und den beiden wichtigsten Kurdengruppen in Nordirak Gespräche angeboten.


Die US-Regierung ist in der letzten Woche Spekulationen über einen baldigen Angriff auf Irak stets entgegengetreten. Da es bisher keine direkte Verbindung Bagdads zu den Anschlägen vom 11. September gibt, stemmen sich auch die europäischen Verbündeten gegen eine Ausweitung des Krieges auf Irak.



© 2001 Financial Times Deutschland
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