26.3.01 Viele Wege führen zur ersten Million Kolumne von Erwin Grandinger
Wie das geht? Man könnte es so machen: Sie gründen eine Nonsens GmbH und beteiligen Fondsmanager und Journalisten privat am Firmenkapital. Dadurch lässt sich relativ einfach eine Emissionsbank finden, die sich den lukrativen Börsengang der zur Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmung nicht von einer anderen Bank wegschnappen lassen möchte. Die Emissionsbank sorgt nun dafür, dass bis zu 80 Prozent der Aktien den Alteigentümern, Konsortialbanken, deren Stammkunden, Fondsmanagern und dem vielgeliebten ‚Friends & Family`-Programm günstig überlassen wird (normalerweise eine Aktie zu einem Euro). Man verknappt also künstlich das Angebot, den Streubesitz. Die Erstzeichnung macht auf einen Schlag alle reich - doch nur auf dem Papier als Buchgewinn. Also müssen die ersten sechs Monate mit Verkaufssperre - die "lock up period" - clever überstanden werden. Zu diesem Zweck benutzt man wöchentlich oder häufiger nutzlose aber PR-wirksame Ad-hoc-Mitteilungen, über die man wahre oder auch weniger wahre Geschichten verbreitet. Der oder die ursprünglich am Firmenkapital beteiligten Journalisten, vorzüglich in Wochenpublikationen, erfinden gehaltvolle Titelüberschriften wie: "Die zehn besten Aktien um Millionär zu werden" und zufällig findet sich dann eine Aktienempfehlung der eigenen AG darunter. Der eigentlich mittelmäßige Fondsmanager, hoffentlich inzwischen preisgekrönt und medienbewährt, kauft weiter nach. Seine "Performance" steigt rapide. Er wird "berühmt". Zum Dank darf er möglicherweise in der 3Sat-Börse oder anderen Börsensendungen auftreten, um den Kurs der Nonsens AG durch Empfehlungen weiter zu treiben. Die Bank gewinnt, denn der Mittelzufluss in den Fonds steigt rapide. Flankierend dazu schreiben die Aktienanalysten der Emissionsbanken, deren Gehaltsniveau sowieso nicht mehr rational zu erklären ist, rasch eifrige Kaufempfehlungen. Alle verdienen so, unabhängig von der Geschäftsentwicklung der AG, so lange der Börsentrend nach oben zeigt. KGVs, KUVs, Umsatzerlöse, Gewinne, andere Kennziffern und das globale Umfeld spielen keine Rolle - so lange wie der Kurs steigt. Wer die Verkaufssperre auf diese Weise übersteht, wird nicht nur Millionär, sondern hat schlichtweg ausgesorgt. Denn jetzt wird wie wild verkauft. Die Geschäftsentwicklung der Nonsens AG nach sechs Monaten ist nicht mehr von Interesse. Leider, leider ging das Businessmodell nicht auf, so sagt das Management. Und wer als Alteigentümer innerhalb der Verkaufssperre Aktienpakete - unangemeldet und unveröffentlicht selbstverständlich - verkauft, und dies anschließend auch noch öffentlich zugibt, bleibt - Überraschung! - ungeschoren. Die Börsenaufsicht und Gerichte schauen geneigt zur Seite, die Börsenvorstände geben sich besorgt, lächeln und vergessen. Der Gesetzgeber, der sonst jede sinnlose Kleinigkeit überreguliert, hält Regelungen zum Schutz der Kleinanleger für nicht angebracht und überflüssig. ... Erwin Grandinger ist politischer Analyst bei Eurozone Advisors (Welt, 26.3.01) Kommentar: Die Kolumne drückt es deutlich aus, wie der Schwindel mit Aktien häufig ablief oder immer noch abläuft. Wie man auf solch einem Kartenhaus dann sogar die Altersversorgung langfristig aufbauen will, das bleiben die Verantwortliche schuldig. Viel zu wenig wird überhaupt nach der Ursache für den erzwungenen Börsenboom gefragt - nämlich die durch steigende Kapitalkosten rückläufige Unternehmensrendite und das entsprechende Ausweichen des Kapitals in die Spekulation.
Wie das geht? Man könnte es so machen: Sie gründen eine Nonsens GmbH und beteiligen Fondsmanager und Journalisten privat am Firmenkapital. Dadurch lässt sich relativ einfach eine Emissionsbank finden, die sich den lukrativen Börsengang der zur Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmung nicht von einer anderen Bank wegschnappen lassen möchte. Die Emissionsbank sorgt nun dafür, dass bis zu 80 Prozent der Aktien den Alteigentümern, Konsortialbanken, deren Stammkunden, Fondsmanagern und dem vielgeliebten ‚Friends & Family`-Programm günstig überlassen wird (normalerweise eine Aktie zu einem Euro). Man verknappt also künstlich das Angebot, den Streubesitz. Die Erstzeichnung macht auf einen Schlag alle reich - doch nur auf dem Papier als Buchgewinn. Also müssen die ersten sechs Monate mit Verkaufssperre - die "lock up period" - clever überstanden werden. Zu diesem Zweck benutzt man wöchentlich oder häufiger nutzlose aber PR-wirksame Ad-hoc-Mitteilungen, über die man wahre oder auch weniger wahre Geschichten verbreitet. Der oder die ursprünglich am Firmenkapital beteiligten Journalisten, vorzüglich in Wochenpublikationen, erfinden gehaltvolle Titelüberschriften wie: "Die zehn besten Aktien um Millionär zu werden" und zufällig findet sich dann eine Aktienempfehlung der eigenen AG darunter. Der eigentlich mittelmäßige Fondsmanager, hoffentlich inzwischen preisgekrönt und medienbewährt, kauft weiter nach. Seine "Performance" steigt rapide. Er wird "berühmt". Zum Dank darf er möglicherweise in der 3Sat-Börse oder anderen Börsensendungen auftreten, um den Kurs der Nonsens AG durch Empfehlungen weiter zu treiben. Die Bank gewinnt, denn der Mittelzufluss in den Fonds steigt rapide. Flankierend dazu schreiben die Aktienanalysten der Emissionsbanken, deren Gehaltsniveau sowieso nicht mehr rational zu erklären ist, rasch eifrige Kaufempfehlungen. Alle verdienen so, unabhängig von der Geschäftsentwicklung der AG, so lange der Börsentrend nach oben zeigt. KGVs, KUVs, Umsatzerlöse, Gewinne, andere Kennziffern und das globale Umfeld spielen keine Rolle - so lange wie der Kurs steigt. Wer die Verkaufssperre auf diese Weise übersteht, wird nicht nur Millionär, sondern hat schlichtweg ausgesorgt. Denn jetzt wird wie wild verkauft. Die Geschäftsentwicklung der Nonsens AG nach sechs Monaten ist nicht mehr von Interesse. Leider, leider ging das Businessmodell nicht auf, so sagt das Management. Und wer als Alteigentümer innerhalb der Verkaufssperre Aktienpakete - unangemeldet und unveröffentlicht selbstverständlich - verkauft, und dies anschließend auch noch öffentlich zugibt, bleibt - Überraschung! - ungeschoren. Die Börsenaufsicht und Gerichte schauen geneigt zur Seite, die Börsenvorstände geben sich besorgt, lächeln und vergessen. Der Gesetzgeber, der sonst jede sinnlose Kleinigkeit überreguliert, hält Regelungen zum Schutz der Kleinanleger für nicht angebracht und überflüssig. ... Erwin Grandinger ist politischer Analyst bei Eurozone Advisors (Welt, 26.3.01) Kommentar: Die Kolumne drückt es deutlich aus, wie der Schwindel mit Aktien häufig ablief oder immer noch abläuft. Wie man auf solch einem Kartenhaus dann sogar die Altersversorgung langfristig aufbauen will, das bleiben die Verantwortliche schuldig. Viel zu wenig wird überhaupt nach der Ursache für den erzwungenen Börsenboom gefragt - nämlich die durch steigende Kapitalkosten rückläufige Unternehmensrendite und das entsprechende Ausweichen des Kapitals in die Spekulation.