Die Rohstoffe für die Herstellung von Handys und Computern werden knapper, die Luft für die Industrie wird dünner. Nur konsequentes Recycling und Sekundärrohstoffe können auf lange Sicht Versorgungsengpässe verhindern. Ein Report über einen Markt, der schwer durchschaubar ist.
In der 2010 veröffentlichten Studie „Recycling - from E-Waste to Resources" kommt die Weltumweltorganisation UNEP (United Nations Environment Programme) zu dem Schluss, dass Europa jährlich Rohstoffe im Wert von fünf Milliarden US-Dollar durch fehlendes oder falsches Recycling verloren gehen und „lediglich 40 Prozent des Elektronikschrotts korrekt recycelt" werden. Ein Wert, der Experten zunehmend Sorgen macht, denn die Rohstoffe für unsere geliebten Kommunikationstools - vom Smartphone über Mobile-Gaming-Devices bis hin zum Business-Notebook und Home-PC - werden knapper und teurer.
Noch schlimmer: Diese Rohstoffe könnten in Zukunft auch als wirtschaftliches und politisches Druckmittel verwendet werden, denn der überwiegende Teil der Materialien für IT- und Telekom-Geräte wird in wenigen afrikanischen und asiatischen Ländern gewonnen. Edelmetalle wie Gold, Silber, Palladium und Coltan zählen dazu, aber auch die „Seltenen Erden" (genauer: Metalle der Seltenen Erden). Darin sind 17 chemische Elemente (u.a. Scandium, Yttrium, Europium und Neodym) zusammengefasst, die etwa bei der Produktion von Internet-Handys, Plasma- und LCD-Bildschirmen, Energiesparlampen, Batterien, Spezialgläsern, Generatoren und Radargeräten eine große Rolle spielen.
Chinesische Machtspiele
Derzeit werden 97 Prozent der Seltenen Erden in China abgebaut. Schon 2009 setzte das Reich der Mitte sein Marktmonopol in einem Grenzstreit mit Japan als Druckmittel ein. Der Export der Rohstoffe nach Japan wurde gestoppt, Einschränkungen wurden später auch für andere Länder verhängt.
Logische Konsequenz: Der Preis für Seltene Erden stieg rasant. Zu Jahresbeginn wurde erneut bekannt, dass China die Exportquoten im ersten Quartal 2011 reduzieren und zusätzlich die Exportsteuern auf diese Rohstoffe erhöhen will. Ein zu intensiver Abbau könne die Umwelt zu sehr zerstören, außerdem wolle das Land seine Vorkommen schonen, so die offizielle Begründung. Auch dem illegalen Abbau von Seltenen Erden im eigenen Land sagte die chinesische Regierung den Kampf an. Immerhin stammen rund 50 Prozent der international verkauften Seltenen Erden aus illegalen chinesischen Bergwerken.
Aufregung in der Elektronikindustrie
Angesichts dieser Entwicklung schlugen Anfang Jänner einige europäische Industrieorganisationen Alarm. So forderte in Deutschland das VDI Zentrum Ressourceneffizienz (ZRE) in Berlin zusätzliche Anstrengungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft sowie der effizienten Nutzung von Ressourcen und Rohstoffen, um einer drohenden Rohstoffverknappung vorzubeugen. Der Bundesverband Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) warnte angesichts der Exportbeschränkungen Chinas vor Verteuerungen und Lieferengpässen von Hightech-Geräten und forderte ebenfalls verstärkte Anstrengungen im Recycling. "Wir müssen die Rohstoffkreisläufe schließen", warnt BITKOM-Präsident August-Wilhelm Scheer. Zugleich regt er bei Materialien für Hightech-Produkte die Bildung von Rohstoffpartnerschaften mit alternativen Förderländern an und ermuntert die Forschung zur Entwicklung alternativer künstlicher Materialien mit vergleichbaren Eigenschaften wie die natürlichen Rohstoffvorkommen.
Schwer durchschaubare Marktlage
Reine Panikmache oder realistische Einschätzung? Das lässt sich derzeit nicht genau abschätzen.
Auf dem Markt der Seltenen Erden sind jedenfalls
erstaunliche Phänomene zu beobachten. Erstens gibt es widersprüchliche Angaben zu den tatsächlichen Ausfuhrmengen Chinas. Das Handelsministerium in Peking teilte Anfang Jänner mit, man habe den Export Seltener Erden im Zeitraum von Jänner bis November 2010 um 14,5 Prozent erhöht. Laut China Customs Statistics Information Centre (CCS) in Hongkong wiederum fielen die Ausfuhren 2010 gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Prozent auf 39.813 Tonnen.
Das wahre Ausmaß der Exportbeschränkungen lässt sich also schwer nachprüfen. Zudem werden nur 30 Prozent der Abbaustätten in China tatsächlich von Chinesen kontrolliert, so gefestigt ist das Monopol also auch wieder nicht.
Fest steht lediglich, dass sich der Preis für die wertvollen Rohstoffe 2010 mehr als verdoppelt hat. Fest steht auch, dass Seltene Erden für viele Zukunftstechnologien essentiell sind und China die Produktion von Schlüsseltechnologien stärker im eigenen Land konzentrieren will. Ein Umstand, der die USA besonders empfindlich trifft. Die amerikanische Regierung kündigte als Reaktion auf die restriktive chinesische Haltung bereits an, die Volksrepublik China bei einer Erhöhung der Ausfuhrzölle notfalls vor der WTO zu verklagen.
Auswege aus der Rohstoffverknappung
China fördert derzeit pro Jahr rund 130.000 Tonnen Seltene Erden, die Reserven in den dortigen Abbauregionen werden auf 36 Millionen Tonnen geschätzt - mehr als ein Drittel der gesamten Vorkommen auf der Erde. Natürlich suchen auch andere Länder nach Möglichkeiten, die begehrten Metalle abzubauen. In den USA soll heuer der Abbau in einem seit 2002 stillgelegten Bergwerk am kalifornischen Mountain Pass wieder aufgenommen werden. Australien, Kanada und andere asiatische Länder wie Südkorea suchen ebenfalls nach Alternativen. Nach Angaben von Geologen liegen vor allem auf Grönland und Kanada weitere potentielle Abbaugebiete, allerdings könnte zum Beispiel das Gebiet in Grönland frühestens 2015 erschlossen werden.
Positive Signale angesichts einer doch recht angespannten Marktlage. Ohne dieses „Prinzip Hoffnung" wäre der Preis für die raren High-Tech-Materialien 2010 vermutlich förmlich explodiert.
Teufelskreis statt Kreislaufwirtschaft
Das Beispiel „Seltene Erden" zeigt aber auch, dass die Erschließung von Primärrohstoffen längst nicht mehr ausreicht. Die Rohstoff-Rückgewinnung über Recyclingprozesse ist vor allem für rohstoffarme Industrieländer ein Muss.
Doch die Stoffkreisläufe im Bereich Elektronik sind extrem schwer zu schließen - man muss sich dazu nur die Praktiken im Mobilfunkbereich anschauen. Wie das hessische Materialtechnologie-Unternehmen Umicore errechnet hat, wurde Ende des Jahres 2010 auf unserem Planeten die Schallmauer von zehn Milliarden verkauften Handys durchbrochen. Jedes der Geräte kann man als eigenes kleines Rohstofflager betrachten, durchschnittlich 60 Materialien sind heute in einem Mobiltelefon verarbeitet. Auch wenn es sich pro Gerät nur um kleinste Mengen an Edelmetallen und Kupfer handelt, ergibt das in Summe beachtliche Mengen. In die 1,3 Milliarden Handys, die 2008 weltweit verkauft wurden, steckten die Hersteller rund 325 Tonnen Silber, 31 Tonnen Gold, 12 Tonnen Palladium und 12.000 Tonnen Kupfer.
Bei Umicore hat man errechnet, dass 2008 allein Handys und Computer drei Prozent der Silber- sowie vier Prozent der Goldjahresproduktion aufgebraucht haben. Dazu kommen noch 16 Prozent der globalen Palladium-Fördermenge und rund 20
Prozent (ca. 14.000 Tonnen) der Kobalt-Weltminenproduktion für die Fertigung von Handy- und Laptop-Akkus.
Dass nur ein Bruchteil dieser Mengen wieder als Sekundärrohstoff zurückgewonnen wird, liegt an den seltsamen Gesetzen des Althandy-Marktes. Nur drei Prozent der ausrangierten Mobiltelefone werden heute laut einer Studie von Nokia zum Recycling gegeben (siehe auch „Wußten Sie schon ..."). Der Begriff Recycling ist hier allerdings ein sehr dehnbarer, denn bis zu 90 Prozent der zurückgegebenen Geräte werden von den auf Handys spezialisierten Sammelbetrieben weiterverkauft - zumeist nach Asien, Afrika und Osteuropa. Was einerseits in Ordnung ist, denn viele Altgeräte sind noch völlig intakt oder einfach zu reparieren. Andererseits ist der Export von Gebrauchthandys eine tickende Zeitbombe, denn in jenen Ländern, in die sie exportiert werden, landen sie gewöhnlich irgendwann im Müll, weil in Entwicklungs- und Schwellenländern erst recht kein funktionierendes Elektroschrott-Recycling existiert. Solange aber Elektro-Altgeräte auf Deponien oder in der freien Natur landen, ist eine funktionierende Handy-Kreislaufwirtschaft nur ein Wunschtraum. Ganz im Gegenteil: Der Schaden für Mensch und Umwelt ist ernorm.
Blutige Displays
Sieht man sich die Rohstoffgewinnung für Elektronikprodukte genauer an, bergen übrigens nicht nur die Seltenen Erden Konfliktpotential. Die Edelmetalle, die in Handys und PCs zu finden sind, werden ebenfalls großteils in afrikanischen und asiatischen Minen gewonnen. Aus menschenrechtlicher Sicht sind diese Materialien von Anfang an „Problemstoffe", denn die Rohstoffe werden vielfach durch Ausbeutung der Bevölkerung gewonnen.
Eine unrühmliche Rolle spielt dabei die Demokratische Republik Kongo, aus der ein Drittel der weltweiten Coltan-Fördermengen stammt. Das in Handys, Laptops und Flachbildschirmen enthaltene Coltan wird unter oft unmenschlichen Bedingungen in den Bürgerkriegsgebieten des Landes abgebaut und dient den rivalisierenden Kriegsherren zur Finanzierung ihrer Waffen.
Die Zustände erinnern an die Geschäfte mit Blutdiamanten. Um die Verwendung von Konfliktmaterialien zu verhindern, arbeiten Wissenschaftler bereits daran, die geologischen „Fingerabdrücke" von verarbeiten Edelmetallen zu eruieren und die Herkunftslagerstätten zu lokalisieren, damit illegale Lieferungen aus möglichen Konfliktregionen unterbunden werden können. Und in den USA wurde bereits ein Gesetz erlassen, das von den Unternehmen aus eben diesen Gründen einmal pro Jahr einen Herkunftsnachweis seltener Bodenschätze verlangt.
Link:
Inhalt und Download der UNEP-Studie „Recycling - from E-Waste to Resources"
isp.unu.edu/news/2010/..._countries_for_surge_in_e-wastes.html
Veröffentlicht am 20.01.2011
In der 2010 veröffentlichten Studie „Recycling - from E-Waste to Resources" kommt die Weltumweltorganisation UNEP (United Nations Environment Programme) zu dem Schluss, dass Europa jährlich Rohstoffe im Wert von fünf Milliarden US-Dollar durch fehlendes oder falsches Recycling verloren gehen und „lediglich 40 Prozent des Elektronikschrotts korrekt recycelt" werden. Ein Wert, der Experten zunehmend Sorgen macht, denn die Rohstoffe für unsere geliebten Kommunikationstools - vom Smartphone über Mobile-Gaming-Devices bis hin zum Business-Notebook und Home-PC - werden knapper und teurer.
Noch schlimmer: Diese Rohstoffe könnten in Zukunft auch als wirtschaftliches und politisches Druckmittel verwendet werden, denn der überwiegende Teil der Materialien für IT- und Telekom-Geräte wird in wenigen afrikanischen und asiatischen Ländern gewonnen. Edelmetalle wie Gold, Silber, Palladium und Coltan zählen dazu, aber auch die „Seltenen Erden" (genauer: Metalle der Seltenen Erden). Darin sind 17 chemische Elemente (u.a. Scandium, Yttrium, Europium und Neodym) zusammengefasst, die etwa bei der Produktion von Internet-Handys, Plasma- und LCD-Bildschirmen, Energiesparlampen, Batterien, Spezialgläsern, Generatoren und Radargeräten eine große Rolle spielen.
Chinesische Machtspiele
Derzeit werden 97 Prozent der Seltenen Erden in China abgebaut. Schon 2009 setzte das Reich der Mitte sein Marktmonopol in einem Grenzstreit mit Japan als Druckmittel ein. Der Export der Rohstoffe nach Japan wurde gestoppt, Einschränkungen wurden später auch für andere Länder verhängt.
Logische Konsequenz: Der Preis für Seltene Erden stieg rasant. Zu Jahresbeginn wurde erneut bekannt, dass China die Exportquoten im ersten Quartal 2011 reduzieren und zusätzlich die Exportsteuern auf diese Rohstoffe erhöhen will. Ein zu intensiver Abbau könne die Umwelt zu sehr zerstören, außerdem wolle das Land seine Vorkommen schonen, so die offizielle Begründung. Auch dem illegalen Abbau von Seltenen Erden im eigenen Land sagte die chinesische Regierung den Kampf an. Immerhin stammen rund 50 Prozent der international verkauften Seltenen Erden aus illegalen chinesischen Bergwerken.
Aufregung in der Elektronikindustrie
Angesichts dieser Entwicklung schlugen Anfang Jänner einige europäische Industrieorganisationen Alarm. So forderte in Deutschland das VDI Zentrum Ressourceneffizienz (ZRE) in Berlin zusätzliche Anstrengungen im Bereich der Kreislaufwirtschaft sowie der effizienten Nutzung von Ressourcen und Rohstoffen, um einer drohenden Rohstoffverknappung vorzubeugen. Der Bundesverband Telekommunikation und neue Medien (BITKOM) warnte angesichts der Exportbeschränkungen Chinas vor Verteuerungen und Lieferengpässen von Hightech-Geräten und forderte ebenfalls verstärkte Anstrengungen im Recycling. "Wir müssen die Rohstoffkreisläufe schließen", warnt BITKOM-Präsident August-Wilhelm Scheer. Zugleich regt er bei Materialien für Hightech-Produkte die Bildung von Rohstoffpartnerschaften mit alternativen Förderländern an und ermuntert die Forschung zur Entwicklung alternativer künstlicher Materialien mit vergleichbaren Eigenschaften wie die natürlichen Rohstoffvorkommen.
Schwer durchschaubare Marktlage
Reine Panikmache oder realistische Einschätzung? Das lässt sich derzeit nicht genau abschätzen.
Auf dem Markt der Seltenen Erden sind jedenfalls
erstaunliche Phänomene zu beobachten. Erstens gibt es widersprüchliche Angaben zu den tatsächlichen Ausfuhrmengen Chinas. Das Handelsministerium in Peking teilte Anfang Jänner mit, man habe den Export Seltener Erden im Zeitraum von Jänner bis November 2010 um 14,5 Prozent erhöht. Laut China Customs Statistics Information Centre (CCS) in Hongkong wiederum fielen die Ausfuhren 2010 gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Prozent auf 39.813 Tonnen.
Das wahre Ausmaß der Exportbeschränkungen lässt sich also schwer nachprüfen. Zudem werden nur 30 Prozent der Abbaustätten in China tatsächlich von Chinesen kontrolliert, so gefestigt ist das Monopol also auch wieder nicht.
Fest steht lediglich, dass sich der Preis für die wertvollen Rohstoffe 2010 mehr als verdoppelt hat. Fest steht auch, dass Seltene Erden für viele Zukunftstechnologien essentiell sind und China die Produktion von Schlüsseltechnologien stärker im eigenen Land konzentrieren will. Ein Umstand, der die USA besonders empfindlich trifft. Die amerikanische Regierung kündigte als Reaktion auf die restriktive chinesische Haltung bereits an, die Volksrepublik China bei einer Erhöhung der Ausfuhrzölle notfalls vor der WTO zu verklagen.
Auswege aus der Rohstoffverknappung
China fördert derzeit pro Jahr rund 130.000 Tonnen Seltene Erden, die Reserven in den dortigen Abbauregionen werden auf 36 Millionen Tonnen geschätzt - mehr als ein Drittel der gesamten Vorkommen auf der Erde. Natürlich suchen auch andere Länder nach Möglichkeiten, die begehrten Metalle abzubauen. In den USA soll heuer der Abbau in einem seit 2002 stillgelegten Bergwerk am kalifornischen Mountain Pass wieder aufgenommen werden. Australien, Kanada und andere asiatische Länder wie Südkorea suchen ebenfalls nach Alternativen. Nach Angaben von Geologen liegen vor allem auf Grönland und Kanada weitere potentielle Abbaugebiete, allerdings könnte zum Beispiel das Gebiet in Grönland frühestens 2015 erschlossen werden.
Positive Signale angesichts einer doch recht angespannten Marktlage. Ohne dieses „Prinzip Hoffnung" wäre der Preis für die raren High-Tech-Materialien 2010 vermutlich förmlich explodiert.
Teufelskreis statt Kreislaufwirtschaft
Das Beispiel „Seltene Erden" zeigt aber auch, dass die Erschließung von Primärrohstoffen längst nicht mehr ausreicht. Die Rohstoff-Rückgewinnung über Recyclingprozesse ist vor allem für rohstoffarme Industrieländer ein Muss.
Doch die Stoffkreisläufe im Bereich Elektronik sind extrem schwer zu schließen - man muss sich dazu nur die Praktiken im Mobilfunkbereich anschauen. Wie das hessische Materialtechnologie-Unternehmen Umicore errechnet hat, wurde Ende des Jahres 2010 auf unserem Planeten die Schallmauer von zehn Milliarden verkauften Handys durchbrochen. Jedes der Geräte kann man als eigenes kleines Rohstofflager betrachten, durchschnittlich 60 Materialien sind heute in einem Mobiltelefon verarbeitet. Auch wenn es sich pro Gerät nur um kleinste Mengen an Edelmetallen und Kupfer handelt, ergibt das in Summe beachtliche Mengen. In die 1,3 Milliarden Handys, die 2008 weltweit verkauft wurden, steckten die Hersteller rund 325 Tonnen Silber, 31 Tonnen Gold, 12 Tonnen Palladium und 12.000 Tonnen Kupfer.
Bei Umicore hat man errechnet, dass 2008 allein Handys und Computer drei Prozent der Silber- sowie vier Prozent der Goldjahresproduktion aufgebraucht haben. Dazu kommen noch 16 Prozent der globalen Palladium-Fördermenge und rund 20
Prozent (ca. 14.000 Tonnen) der Kobalt-Weltminenproduktion für die Fertigung von Handy- und Laptop-Akkus.
Dass nur ein Bruchteil dieser Mengen wieder als Sekundärrohstoff zurückgewonnen wird, liegt an den seltsamen Gesetzen des Althandy-Marktes. Nur drei Prozent der ausrangierten Mobiltelefone werden heute laut einer Studie von Nokia zum Recycling gegeben (siehe auch „Wußten Sie schon ..."). Der Begriff Recycling ist hier allerdings ein sehr dehnbarer, denn bis zu 90 Prozent der zurückgegebenen Geräte werden von den auf Handys spezialisierten Sammelbetrieben weiterverkauft - zumeist nach Asien, Afrika und Osteuropa. Was einerseits in Ordnung ist, denn viele Altgeräte sind noch völlig intakt oder einfach zu reparieren. Andererseits ist der Export von Gebrauchthandys eine tickende Zeitbombe, denn in jenen Ländern, in die sie exportiert werden, landen sie gewöhnlich irgendwann im Müll, weil in Entwicklungs- und Schwellenländern erst recht kein funktionierendes Elektroschrott-Recycling existiert. Solange aber Elektro-Altgeräte auf Deponien oder in der freien Natur landen, ist eine funktionierende Handy-Kreislaufwirtschaft nur ein Wunschtraum. Ganz im Gegenteil: Der Schaden für Mensch und Umwelt ist ernorm.
Blutige Displays
Sieht man sich die Rohstoffgewinnung für Elektronikprodukte genauer an, bergen übrigens nicht nur die Seltenen Erden Konfliktpotential. Die Edelmetalle, die in Handys und PCs zu finden sind, werden ebenfalls großteils in afrikanischen und asiatischen Minen gewonnen. Aus menschenrechtlicher Sicht sind diese Materialien von Anfang an „Problemstoffe", denn die Rohstoffe werden vielfach durch Ausbeutung der Bevölkerung gewonnen.
Eine unrühmliche Rolle spielt dabei die Demokratische Republik Kongo, aus der ein Drittel der weltweiten Coltan-Fördermengen stammt. Das in Handys, Laptops und Flachbildschirmen enthaltene Coltan wird unter oft unmenschlichen Bedingungen in den Bürgerkriegsgebieten des Landes abgebaut und dient den rivalisierenden Kriegsherren zur Finanzierung ihrer Waffen.
Die Zustände erinnern an die Geschäfte mit Blutdiamanten. Um die Verwendung von Konfliktmaterialien zu verhindern, arbeiten Wissenschaftler bereits daran, die geologischen „Fingerabdrücke" von verarbeiten Edelmetallen zu eruieren und die Herkunftslagerstätten zu lokalisieren, damit illegale Lieferungen aus möglichen Konfliktregionen unterbunden werden können. Und in den USA wurde bereits ein Gesetz erlassen, das von den Unternehmen aus eben diesen Gründen einmal pro Jahr einen Herkunftsnachweis seltener Bodenschätze verlangt.
Link:
Inhalt und Download der UNEP-Studie „Recycling - from E-Waste to Resources"
isp.unu.edu/news/2010/..._countries_for_surge_in_e-wastes.html
Veröffentlicht am 20.01.2011
