"Wer bei uns einsteigt, kauft einen ungeschliffenen Diamanten"
Der Ruf ist fragwürdig, die Einschaltquoten kümmerlich, und das Chaos in der KirchGruppe nährt böse Gerüchte. Alles kein Problem, sagt Christiane zu Salm, Chefin des Ruf-mich-an-und-zahle-Kanals NeunLive im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: Der Kleinstsender könne schon in diesem Monat schwarze Zahlen schreiben.
SPIEGEL ONLINE: Frau zu Salm, als Sie vor einem Jahr ins Reich Leo Kirchs kamen, um den NeunLive-Vorgänger tm3 umzukrempeln - haben Sie da ansatzweise geahnt, wie schlimm es um Finanzen und Zukunft der KirchGruppe stand?
Christiane zu Salm: Definitiv nicht. Dass es zu Insolvenzen kommen konnte, hat auch Leute überrascht, die länger in der Gruppe arbeiten. Ich empfinde die Situation heute aber ehrlich gesagt als eine tolle Möglichkeit zu lernen. In jeder Krise steckt eine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gar keine Angst, in den Sog der untergehenden Kirch-Unternehmensteile hineingezogen zu werden?
Zu Salm: Um solche Spekulationen ist es ruhiger geworden. Dem Sog, der auch durch eine Presse-Dynamik entsteht, können wir inzwischen substanzielle eigene Erfolge entgegenstellen. So machen wir Schritt für Schritt klarer, dass wir ein profitables Unternehmen werden. Übrigens sind wir keine KirchMedia-Tochter.
SPIEGEL ONLINE: Das nicht, dafür hält die KirchMedia-Tochter ProSiebenSat.1 an ihrer Mutterfirma Euvia Media gut 48 Prozent. Und auch über Ihre eigene, drohende Insolvenz wurde hartnäckig spekuliert.
Zu Salm: Es gab Diskussionen im Gesellschafterkreis von Hot Networks, die jedoch beigelegt sind. Für den Mai wie auch für die Monate davor wurde in geplanter Höhe eingezahlt.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Leo Kirchs Sohn Thomas, der jetzige Premiere-Chef Kofler und der US-Medienunternehmer Barry Diller, die indirekt an der Euvia Media beteiligt sind, stehen wieder gerade für die angefallenen Verluste?
Zu Salm: So ist es.
SPIEGEL ONLINE: Sie stehen trotzdem vor einem Umbruch. Kirch junior und Kofler wollen aussteigen und verhandeln sicherlich weiter über den Verkauf ihrer Anteile?
Zu Salm: Ich kann nur dazu beitragen, die Verhandlungen für jeden potenziellen Käufer erfreulich zu gestalten. Auf der jüngsten Aufsichtsratssitzung habe ich unsere Umsatzprognosen für beide Geschäftsfelder, Reisen und Call TV, deutlich nach oben korrigiert.
Zu unserer eigenen Überraschung werden wir wohl schon im Mai schwarze Zahlen schreiben können, nicht erst 2003, wie wir früher gedacht haben. Wenn wir jetzt keine Fehler machen, wird der Sender in der zweiten Jahreshälfte gar kein Cash Investment mehr brauchen. Wer jetzt bei uns einsteigt, kauft einen ungeschliffenen Diamanten
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie von schwarzen Zahlen sprechen, meinen Sie das operative Ergebnis, vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Wann machen Sie Nettogewinne?
Zu Salm: Das kann ich noch nicht sagen. Das operative Ergebnis ist für uns zunächst die wichtigste Größe. Und vergessen Sie nicht, in welcher Verfassung wir den Sender vor einem Jahr übernommen haben, nämlich mit immensen Verlusten und hohen Schulden, die vor allem von der Ausstrahlung der Champions League stammten.
SPIEGEL ONLINE: Es wurde spekuliert, dass ProSiebenSat.1 seine Anteile bei Ihnen aufstocken wolle. Auch RTL wurde schon Interesse an einer Beteiligung unterstellt.
Zu Salm: Wir sind offensichtlich eine attraktive Braut, die sich im Moment einige anschauen.
SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu klassischen Privatsendern sind Sie ja auch weniger von derzeit schwachen Werbeerlösen abhängig, sondern vor allem von kostenpflichtigen Anrufen. Das ist sicher rezessionsfester als Werbung, aber die Krise müssten Sie doch auch spüren?
Zu Salm: NeunLive ist in der Ecke "Spieltrieb" positioniert. Unser Claim heißt schließlich "Der Sender für Gewinner". Und wenn Sie sich anschauen, was die Leute für Lotto übrig haben - egal, wie es der Konjunktur geht - dann bin ich sehr zuversichtlich, dass sie auch nachhaltig Geld für NeunLive ausgeben.
SPIEGEL ONLINE: Sie rechnen damit, dass Sie im Mai erstmals 15 Millionen kostenpflichtige Anrufe haben. Woher nehmen Sie eigentlich die Gewissheit, dass es noch weiter aufwärts geht?
Zu Salm: Die 15 Millionen sind eine Sensation, denn wir brauchen für den Break-even nur elf bis zwölf Millionen. Im April hatten wir 10,3 Millionen, im März neun. Ob wir den Höhepunkt schon erreicht haben, kann keiner wissen. Ich glaube aber, dass es möglich ist, auch 20 oder 30 Millionen Anrufe zu bekommen. Wir lernen jeden Tag, was die Leute zum Anrufen bewegt und was nicht. SPIEGEL ONLINE: Aber wenn die Leute auf ihre Telefonrechnung schauen, könnte ihnen die Lust auf NeunLive vergehen.
Zu Salm: Am Anfang haben wir das auch befürchtet, vor allem nach den ersten sechs Wochen mit dem neuen Konzept. Stattdessen hat sich eine NeunLive-Community gebildet. Natürlich haben sich manche beschwert, aber wir haben mehr Leute, die immer wieder anrufen.
SPIEGEL ONLINE: Bleibt Ihr Image-Problem, das sie wegen der Quiz-Sendungen mit billigen Fragen haben, oder der nächtlichen Sex-Programme. Eine Umfrage hat NeunLive zum unbeliebtesten Kanal gekürt. Sogar Stefan Raab ist Ihr Programm zu primitiv.
Zu Salm: Kostengünstigere Promotion hätten wir nie bekommen können. Ich habe mich mal mit Helmut Thoma unterhalten, dem früheren RTL-Chef. Der hat in Deutschland auch etwas radikal Neues etabliert. Dass er damit Anstoß erregt hat - siehe "Tutti frutti" - war klar. Daran darf man sich nicht stören, im Gegenteil. Vielleicht sind manche unserer Shows so schräg, dass sie in paar Jahren retrospektiv als Kult gefeiert werden.
SPIEGEL ONLINE: Ein Sender, der Zuschauer mit aller Macht zum Anrufen motivieren muss, wird aber immer unter Abzocker-Verdacht stehen.
Zu Salm: Wir werden immer das Image des Nicht-Hochwertigen behalten, so wie "Bild" und McDonald's. All diese Marken, die angeblich keiner nutzt.
Das Interview führte Matthias Streitz
Der Ruf ist fragwürdig, die Einschaltquoten kümmerlich, und das Chaos in der KirchGruppe nährt böse Gerüchte. Alles kein Problem, sagt Christiane zu Salm, Chefin des Ruf-mich-an-und-zahle-Kanals NeunLive im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: Der Kleinstsender könne schon in diesem Monat schwarze Zahlen schreiben.
SPIEGEL ONLINE: Frau zu Salm, als Sie vor einem Jahr ins Reich Leo Kirchs kamen, um den NeunLive-Vorgänger tm3 umzukrempeln - haben Sie da ansatzweise geahnt, wie schlimm es um Finanzen und Zukunft der KirchGruppe stand?
Christiane zu Salm: Definitiv nicht. Dass es zu Insolvenzen kommen konnte, hat auch Leute überrascht, die länger in der Gruppe arbeiten. Ich empfinde die Situation heute aber ehrlich gesagt als eine tolle Möglichkeit zu lernen. In jeder Krise steckt eine Chance.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gar keine Angst, in den Sog der untergehenden Kirch-Unternehmensteile hineingezogen zu werden?
Zu Salm: Um solche Spekulationen ist es ruhiger geworden. Dem Sog, der auch durch eine Presse-Dynamik entsteht, können wir inzwischen substanzielle eigene Erfolge entgegenstellen. So machen wir Schritt für Schritt klarer, dass wir ein profitables Unternehmen werden. Übrigens sind wir keine KirchMedia-Tochter.
SPIEGEL ONLINE: Das nicht, dafür hält die KirchMedia-Tochter ProSiebenSat.1 an ihrer Mutterfirma Euvia Media gut 48 Prozent. Und auch über Ihre eigene, drohende Insolvenz wurde hartnäckig spekuliert.
Zu Salm: Es gab Diskussionen im Gesellschafterkreis von Hot Networks, die jedoch beigelegt sind. Für den Mai wie auch für die Monate davor wurde in geplanter Höhe eingezahlt.
SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Leo Kirchs Sohn Thomas, der jetzige Premiere-Chef Kofler und der US-Medienunternehmer Barry Diller, die indirekt an der Euvia Media beteiligt sind, stehen wieder gerade für die angefallenen Verluste?
Zu Salm: So ist es.
SPIEGEL ONLINE: Sie stehen trotzdem vor einem Umbruch. Kirch junior und Kofler wollen aussteigen und verhandeln sicherlich weiter über den Verkauf ihrer Anteile?
Zu Salm: Ich kann nur dazu beitragen, die Verhandlungen für jeden potenziellen Käufer erfreulich zu gestalten. Auf der jüngsten Aufsichtsratssitzung habe ich unsere Umsatzprognosen für beide Geschäftsfelder, Reisen und Call TV, deutlich nach oben korrigiert.
Zu unserer eigenen Überraschung werden wir wohl schon im Mai schwarze Zahlen schreiben können, nicht erst 2003, wie wir früher gedacht haben. Wenn wir jetzt keine Fehler machen, wird der Sender in der zweiten Jahreshälfte gar kein Cash Investment mehr brauchen. Wer jetzt bei uns einsteigt, kauft einen ungeschliffenen Diamanten
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie von schwarzen Zahlen sprechen, meinen Sie das operative Ergebnis, vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Wann machen Sie Nettogewinne?
Zu Salm: Das kann ich noch nicht sagen. Das operative Ergebnis ist für uns zunächst die wichtigste Größe. Und vergessen Sie nicht, in welcher Verfassung wir den Sender vor einem Jahr übernommen haben, nämlich mit immensen Verlusten und hohen Schulden, die vor allem von der Ausstrahlung der Champions League stammten.
SPIEGEL ONLINE: Es wurde spekuliert, dass ProSiebenSat.1 seine Anteile bei Ihnen aufstocken wolle. Auch RTL wurde schon Interesse an einer Beteiligung unterstellt.
Zu Salm: Wir sind offensichtlich eine attraktive Braut, die sich im Moment einige anschauen.
SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu klassischen Privatsendern sind Sie ja auch weniger von derzeit schwachen Werbeerlösen abhängig, sondern vor allem von kostenpflichtigen Anrufen. Das ist sicher rezessionsfester als Werbung, aber die Krise müssten Sie doch auch spüren?
Zu Salm: NeunLive ist in der Ecke "Spieltrieb" positioniert. Unser Claim heißt schließlich "Der Sender für Gewinner". Und wenn Sie sich anschauen, was die Leute für Lotto übrig haben - egal, wie es der Konjunktur geht - dann bin ich sehr zuversichtlich, dass sie auch nachhaltig Geld für NeunLive ausgeben.
SPIEGEL ONLINE: Sie rechnen damit, dass Sie im Mai erstmals 15 Millionen kostenpflichtige Anrufe haben. Woher nehmen Sie eigentlich die Gewissheit, dass es noch weiter aufwärts geht?
Zu Salm: Die 15 Millionen sind eine Sensation, denn wir brauchen für den Break-even nur elf bis zwölf Millionen. Im April hatten wir 10,3 Millionen, im März neun. Ob wir den Höhepunkt schon erreicht haben, kann keiner wissen. Ich glaube aber, dass es möglich ist, auch 20 oder 30 Millionen Anrufe zu bekommen. Wir lernen jeden Tag, was die Leute zum Anrufen bewegt und was nicht. SPIEGEL ONLINE: Aber wenn die Leute auf ihre Telefonrechnung schauen, könnte ihnen die Lust auf NeunLive vergehen.
Zu Salm: Am Anfang haben wir das auch befürchtet, vor allem nach den ersten sechs Wochen mit dem neuen Konzept. Stattdessen hat sich eine NeunLive-Community gebildet. Natürlich haben sich manche beschwert, aber wir haben mehr Leute, die immer wieder anrufen.
SPIEGEL ONLINE: Bleibt Ihr Image-Problem, das sie wegen der Quiz-Sendungen mit billigen Fragen haben, oder der nächtlichen Sex-Programme. Eine Umfrage hat NeunLive zum unbeliebtesten Kanal gekürt. Sogar Stefan Raab ist Ihr Programm zu primitiv.
Zu Salm: Kostengünstigere Promotion hätten wir nie bekommen können. Ich habe mich mal mit Helmut Thoma unterhalten, dem früheren RTL-Chef. Der hat in Deutschland auch etwas radikal Neues etabliert. Dass er damit Anstoß erregt hat - siehe "Tutti frutti" - war klar. Daran darf man sich nicht stören, im Gegenteil. Vielleicht sind manche unserer Shows so schräg, dass sie in paar Jahren retrospektiv als Kult gefeiert werden.
SPIEGEL ONLINE: Ein Sender, der Zuschauer mit aller Macht zum Anrufen motivieren muss, wird aber immer unter Abzocker-Verdacht stehen.
Zu Salm: Wir werden immer das Image des Nicht-Hochwertigen behalten, so wie "Bild" und McDonald's. All diese Marken, die angeblich keiner nutzt.
Das Interview führte Matthias Streitz