Überlegenen Kämpfern nutzt ein Sieg manchmal wenig. Sie siegen auf einem Schlachtfeld, das sie sich ausgesucht haben, und gegen einen Gegner, den sie für die Inkarnation des Bösen halten.
Und dennoch erweist sich ihr Sieg langfristig betrachtet als Niederlage, weil der Krieg Kräfte freisetzt, die den Siegern größere Probleme bereiten als der ursprüngliche Feind. Hier ist nicht von George W. Bush und Donald Rumsfeld die Rede. Noch wissen wir nicht, ob sie überhaupt einen Sieg erringen werden. Die Rede ist vielmehr von den Notenbankern. Sie haben in einer 20 Jahre währenden Schlacht den Erzfeind Inflation niedergerungen. Eigentlich müssten sie nun als stolze Sieger dastehen. Stattdessen aber herrscht Katzenjammer. Die Stabilität des Geldwertes ist erreicht. Die Stabilität der Finanzmärkte aber ist dahin.
Friedensdividende bleibt aus
"Warum hat die Geldwertstabilität nicht zu größerer Finanzstabilität geführt", fragt Andrew Crockett, bis Dienstag General Manager der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. "Warum hat der erfolgreiche Krieg gegen die Inflation uns nicht die hohe, erhoffte "Friedensdividende" eingebracht?" Stattdessen ist das Finanzsystem, wie Crockett sagt, anfälliger für Boom und Bust geworden mit - und das ist entscheidend - "erheblichen makroökonomischen Kosten".
Crockett ist nicht irgendwer. Er hat die BIZ seit 1999 geführt. Das Basler Institut ist die Zentralbank der Notenbanken. Sie dient neben dem im Namen aufgeführten Zahlungsausgleich zwischen den Notenbanken als Zentrum für den intellektuellen Austausch der Notenbanker und Finanzaufseher. Crockett selbst leitete auch das nach den Finanzkrisen von 1997/98 gegründete Forum für Finanzstabilität. Er weiß also, wovon er spricht.
Die oben zitierten Sätze des scheidenden BIZ-Chefs sollten nicht als von Resignation geprägte Abschiedsbemerkungen interpretiert werden. Sie zeigen vielmehr, dass der Fortschritt - bekanntlich eine Schnecke - auch an den Zentralbankern nicht spurlos vorübergeht. Der Fortschritt besteht zunächst darin, dass sich auch bei den Notenbankern die Erkenntnis durchsetzt, dass sie mit schuld am überschäumenden Boom der Finanzmärkte sind - und damit auch an deren Kollaps und den deprimierenden Folgen der globalen Rezession, zumindest aber Stagnation.
Diese Erkenntnis hat Andrew Crockett veranlasst, am vergangenen Wochenende eine Konferenz zu diesem Thema in Basel zu organisieren. Die Brisanz des Themas unterstreicht er damit, dass der erste Vormittag der Konferenz ganz den Parallelen der aktuellen Situation zur Weltwirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg gewidmet war. "Damals hatten wir zum letzten Mal diese Kombination aus liberalisierten Finanzmärkten und einer Geldpolitik, die, beabsichtigt oder nicht, Preisstabilität zur Folge haben schien", unterstreicht Crockett die historischen Ähnlichkeiten. Die anwesenden Notenbanker - unter anderen Charles Bean, Chefökonom der Bank von England, Otmar Issing, der diese Funktion bei der EZB wahrnimmt, und Roger Ferguson, Vice-Chairman der US-Notenbank Fed - waren zumindest in diesem ersten Analyseschritt einig, dass nämlich ihre erfolgreich gegen die Inflation ausgerichtete Geldpolitik nicht gleichzeitig die Stabilität der Finanzmärkte gewährleistet sondern möglicherweise sogar untergraben hat.
Einfach den Horizont ausweiten
Das ist ein Fortschritt, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Er bedeutet, dass die Notenbanker selber erkannt haben, dass ihre bisherige Strategie falsch ist. Sie ist - wie sie sich als konservativ Denkende ausdrücken - zumindest anpassungsbedürftig.
Der Blick auf die Vorstellungen davon, wie die Strategie angepasst werden könnte, entdeckt allerdings wenig Positives. Otmar Issing sagte in Basel, das Problem löse sich dadurch, dass die Notenbank den Zeithorizont nur lang genug wähle, innerhalb dessen Preisstabilität angestrebt werde. Auch Crockett denkt in diese Richtung: Ein längerer geldpolitischer Zeithorizont unter Inkaufnahme einer vorübergehend zu straffen Notenbankpolitik schwebt ihm als neuer Ansatz vor.
Die beiden Herren scheinen in diesem Punkt ein wenig naiv zu sein. Man stelle sich die Lage konkret vor. Da würde wohl Issing den Prognostikern in seiner volkswirtschaftlichen Abteilung den Auftrag geben, ein bisschen in die Zukunft zu sehen. Gewitzt wie die sind, würden sie inmitten einer ansonsten friedlichen Inflationslandschaft alsbald erkennen, dass den Bürgern Eurolands eine unangenehme Finanzmarktturbulenz droht, die irgendwann einmal später die Preisstabilität gefährden könnte. Solche Erkenntnis würde dann den Rat der europäischen Zentralbank veranlassen, eine auf nähere Sicht eigentlich nicht gebotene Zinserhöhung vorzunehmen.
Auf die Verbesserung der Prognosequalität zu setzen ist naiv. Es ist schon viel gewonnen, wenn die Gegenwart korrekt analysiert wird. Da ist Issing mittlerweile kein Agnostiker mehr. Er traut sich zu, anders als viele seiner Notenbankkollegen wie Fed-Chairman Alan Greenspan, eine Finanzmarktblase zu identifizieren, wenn sie einmal da ist. Als Beweis seiner Analysekraft führt Issing frühere Aussagen der EZB zum Außenwert des Euro an. Die Rede vom Steigerungspotenzial langweilte damals. Aber die Analyse war richtig.
Die EZB hat übrigens in den trübsten Zeiten des Euro am Devisenmarkt auch interveniert. Die Erinnerung daran sollte die Strategiedebatte um die Finanzmärkte beleben.
So long,
Calexa
www.investorweb.de
Und dennoch erweist sich ihr Sieg langfristig betrachtet als Niederlage, weil der Krieg Kräfte freisetzt, die den Siegern größere Probleme bereiten als der ursprüngliche Feind. Hier ist nicht von George W. Bush und Donald Rumsfeld die Rede. Noch wissen wir nicht, ob sie überhaupt einen Sieg erringen werden. Die Rede ist vielmehr von den Notenbankern. Sie haben in einer 20 Jahre währenden Schlacht den Erzfeind Inflation niedergerungen. Eigentlich müssten sie nun als stolze Sieger dastehen. Stattdessen aber herrscht Katzenjammer. Die Stabilität des Geldwertes ist erreicht. Die Stabilität der Finanzmärkte aber ist dahin.
Friedensdividende bleibt aus
"Warum hat die Geldwertstabilität nicht zu größerer Finanzstabilität geführt", fragt Andrew Crockett, bis Dienstag General Manager der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. "Warum hat der erfolgreiche Krieg gegen die Inflation uns nicht die hohe, erhoffte "Friedensdividende" eingebracht?" Stattdessen ist das Finanzsystem, wie Crockett sagt, anfälliger für Boom und Bust geworden mit - und das ist entscheidend - "erheblichen makroökonomischen Kosten".
Crockett ist nicht irgendwer. Er hat die BIZ seit 1999 geführt. Das Basler Institut ist die Zentralbank der Notenbanken. Sie dient neben dem im Namen aufgeführten Zahlungsausgleich zwischen den Notenbanken als Zentrum für den intellektuellen Austausch der Notenbanker und Finanzaufseher. Crockett selbst leitete auch das nach den Finanzkrisen von 1997/98 gegründete Forum für Finanzstabilität. Er weiß also, wovon er spricht.
Die oben zitierten Sätze des scheidenden BIZ-Chefs sollten nicht als von Resignation geprägte Abschiedsbemerkungen interpretiert werden. Sie zeigen vielmehr, dass der Fortschritt - bekanntlich eine Schnecke - auch an den Zentralbankern nicht spurlos vorübergeht. Der Fortschritt besteht zunächst darin, dass sich auch bei den Notenbankern die Erkenntnis durchsetzt, dass sie mit schuld am überschäumenden Boom der Finanzmärkte sind - und damit auch an deren Kollaps und den deprimierenden Folgen der globalen Rezession, zumindest aber Stagnation.
Diese Erkenntnis hat Andrew Crockett veranlasst, am vergangenen Wochenende eine Konferenz zu diesem Thema in Basel zu organisieren. Die Brisanz des Themas unterstreicht er damit, dass der erste Vormittag der Konferenz ganz den Parallelen der aktuellen Situation zur Weltwirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg gewidmet war. "Damals hatten wir zum letzten Mal diese Kombination aus liberalisierten Finanzmärkten und einer Geldpolitik, die, beabsichtigt oder nicht, Preisstabilität zur Folge haben schien", unterstreicht Crockett die historischen Ähnlichkeiten. Die anwesenden Notenbanker - unter anderen Charles Bean, Chefökonom der Bank von England, Otmar Issing, der diese Funktion bei der EZB wahrnimmt, und Roger Ferguson, Vice-Chairman der US-Notenbank Fed - waren zumindest in diesem ersten Analyseschritt einig, dass nämlich ihre erfolgreich gegen die Inflation ausgerichtete Geldpolitik nicht gleichzeitig die Stabilität der Finanzmärkte gewährleistet sondern möglicherweise sogar untergraben hat.
Einfach den Horizont ausweiten
Das ist ein Fortschritt, der nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Er bedeutet, dass die Notenbanker selber erkannt haben, dass ihre bisherige Strategie falsch ist. Sie ist - wie sie sich als konservativ Denkende ausdrücken - zumindest anpassungsbedürftig.
Der Blick auf die Vorstellungen davon, wie die Strategie angepasst werden könnte, entdeckt allerdings wenig Positives. Otmar Issing sagte in Basel, das Problem löse sich dadurch, dass die Notenbank den Zeithorizont nur lang genug wähle, innerhalb dessen Preisstabilität angestrebt werde. Auch Crockett denkt in diese Richtung: Ein längerer geldpolitischer Zeithorizont unter Inkaufnahme einer vorübergehend zu straffen Notenbankpolitik schwebt ihm als neuer Ansatz vor.
Die beiden Herren scheinen in diesem Punkt ein wenig naiv zu sein. Man stelle sich die Lage konkret vor. Da würde wohl Issing den Prognostikern in seiner volkswirtschaftlichen Abteilung den Auftrag geben, ein bisschen in die Zukunft zu sehen. Gewitzt wie die sind, würden sie inmitten einer ansonsten friedlichen Inflationslandschaft alsbald erkennen, dass den Bürgern Eurolands eine unangenehme Finanzmarktturbulenz droht, die irgendwann einmal später die Preisstabilität gefährden könnte. Solche Erkenntnis würde dann den Rat der europäischen Zentralbank veranlassen, eine auf nähere Sicht eigentlich nicht gebotene Zinserhöhung vorzunehmen.
Auf die Verbesserung der Prognosequalität zu setzen ist naiv. Es ist schon viel gewonnen, wenn die Gegenwart korrekt analysiert wird. Da ist Issing mittlerweile kein Agnostiker mehr. Er traut sich zu, anders als viele seiner Notenbankkollegen wie Fed-Chairman Alan Greenspan, eine Finanzmarktblase zu identifizieren, wenn sie einmal da ist. Als Beweis seiner Analysekraft führt Issing frühere Aussagen der EZB zum Außenwert des Euro an. Die Rede vom Steigerungspotenzial langweilte damals. Aber die Analyse war richtig.
Die EZB hat übrigens in den trübsten Zeiten des Euro am Devisenmarkt auch interveniert. Die Erinnerung daran sollte die Strategiedebatte um die Finanzmärkte beleben.
So long,
Calexa
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