Studie - Sechs Neue-Markt-Werte in "bedenklicher Situation"
Frankfurt (APA) - Sechs vom Hamburger Research-Haus SES als gefährdet eingestufte Unternehmen des Neuen Marktes sehen sich nach eigenen Angaben nicht in ihrer Existenz bedroht. Nach einer am Montag vorgelegten SES-Analyse ist die Situation der Firmen Gigabell, Cybernet Internet, Fortunecity.com, artnet.com, musicmusicmusic.com und LetsBuyIt.com als "sehr bedenklich" einzustufen. SES hat nach eigenen Angaben zum Stichtag 25. Juli 2000 alle 300 am Frankfurter Neuen Markt notierten Unternehmen untersucht. Dabei sei neben der Liquidität auch das Geschäftskonzept und die Strategie der Unternehmen unter die Lupe genommen worden.
Zum Telekommunikationsunternehmen Gigabell heißt es in der Studie, die Gesamtkonzeption sei uneinheitlich, nach der derzeitigen Ausrichtung dürfte sich das Unternehmen nicht eigenständig weiter führen lassen. Gigabell-Chef Daniel David sagte, ein Übernahme sei nicht auszuschließen, wenn das Angebot stimme. Es gebe derzeit Verhandlungen.
Der Internetdienstleister Cybernet verfügt der Studie zufolge durch die Anleihenbegebung des vergangenen Jahres noch über ausreichend liquide Mittel. Sollbruchstelle sei die spätestens 2002 notwendige erneute Kapitalbeschaffung. Aus heutiger Sicht sei sehr zweifelhaft, ob Cybernet eigenständig bleiben könne. Zwar könne in Zukunft mit steigenden Umsätzen gerechnet werden, jedoch werde der Margenverfall anhalten. Cybernet-Vorstandsmitglied Bernd Buchholz sagte dazu, das Unternehmen wolle zwei weitere Finanzierungen vornehmen. Dabei werde eine Kapitalerhöhung favorisiert. Den Break Even erwarte er Mitte 2001. Die Margenentwicklung werden entgegen der SES-Analyse eher besser werden. Der Anteil von Rechenzentrums- Dienstleistungen am Cybernet-Geschäft mit einer Marge von 80 Prozent wachse dramatisch. Über Online-Galeristen Artnet.com heißt es in der Studie, das Unternehmen werden die Gewinnschwelle nicht wie geplant 2002, sondern erst 2004 erreichen. Zudem würden die liquiden Mittel höchstens bis zum ersten Quartal 2001 reichen. Ein PR-Sprecher des Unternehmens sagte, die Liquidität werde bis 2001 ausreichen. Zudem sei noch bis Ende 2000 eine zweite Finanzierung vorgesehen. Artnet habe Kontakte zu Investoren auf den internationalen Kapitalmärkten aufgenommen. Ziel sei es, zwischen zwölf und 15 Mill. Euro (bis zu 206 Mill. S) aufzunehmen. Dies solle bis zum Erreichen der Gewinnzone 2002 ausreichen.
Als Schwäche des Internet-Unternehmens Fortunecity.com wird in der Studie angeführt, es generiere derzeit 98 Prozent der Erlöse mit dem margenschwachen Werbegeschäft. Ferner erwarten die Analysten nicht, dass es dem Management mittelfristig gelingen wird, positiven Cash-Flow aus operativer Tätigkeit zu erzielen. Auch die mit den Halbjahreszahlen veröffentlichten Restrukturierungspläne sollten daran nichts ändern. Helena Schrader, Investor Relations Manager von Fortunecity sagte dazu, die Werbeumsätze seien mit einer Marge von bis zu 70 Prozent sicher nicht margenschwach. Zudem seien die Kosten an die absehbaren Umsätze angepasst worden. Dies und die Restrukturierungsmaßnahmen verschafften so große Ersparnisse, dass der Break Even wie geplant im vierten Quartal erreicht werde. Das Unternehmen wolle kein fremdes Kapital aufnehmen.
Beim Internet-Musikhändler musicmusicmusic.com ist es der Studie zufolge fraglich, wodurch sich die Gesellschaft ohne baldigen Erfolg beim Produkt-Absatz und den Abschluss internationaler Kooperationen finanzieren werde. Die Erlöse aus dem Börsengang im Herbst 1999 würden wohl Ende 2001 aufgebraucht sein. Vorstandschef Wolfgang Spegg sagte Reuters, die Liquidität des Unternehmens reiche 15 Monate aus. Die Gewinnschwelle erwarte das Unternehmen bis 2001. Zusätzliches Kapital erwarte er durch einen strategischen Partner aus einem verwandten Geschäftsfeld. Derzeit befinde sich musicmusicmusic in konkreten Gesprächen mit vier potenziellen Partnern.
Dem Internethändler LetsBuyIt.com werden den SES-Analysten zufolge bei unveränderter Expansionsstrategie spätestens im ersten Halbjahr 2001 die Mittel ausgehen. Eine weitere Kapitalbeschaffung über die Börse hält SES für kaum möglich. Ferner biete sich mit LetsBuyIt.com die günstige Übernahme eines etablierten Markennamens an. LetsBuyIt-Sprecher Andreas Engel sagte Reuters, das Unternehmen sei kein Übernahmekandidat. Vielmehr wolle es seinen Unternehmenswert als Marktführer ausbauen. Auch reichten die Mittel aus dem Börsengang von mehr als 60 Mill. Euro (826 Mill. S) weit über den von SES genannten Zeitpunkt hinaus. Das Unternehmen habe zudem starke Signale von Fonds bekommen, dass eine weitere Kapitalbeschaffung möglich sei.
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