Variante 1: Neue Kredite. Für diesen Weg macht sich die EZB stark. Sie geht davon aus, dass Griechenland noch solvent ist. Im Moment mag das Geld zwar knapp sein, doch wenn die Griechen nur genug reformieren und privatisieren, können sie ihre Kredite mit Zinsen zurückbezahlen. Wenn es so käme, würden die Deutschen an der Griechenlandhilfe verdienen.
Problem: Niemand weiß sicher, ob Griechenland tatsächlich zurückzahlen kann. Die Laufzeit der Kredite ist bereits verlängert worden, die Zinsen wurden gesenkt. Je niedriger der Zins und je länger die Laufzeit eines Kredites ist, desto mehr nimmt er den Charakter einer Subvention an. Die Kreditgeber würden für das Risiko, das sie eingehen, nicht mehr angemessen entlohnt. Womöglich müsste Griechenland über Jahre hinweg mit Transferleistungen gestützt werden. Das wäre in Deutschland politisch nur schwer durchsetzbar.
Variante 2: Umschuldung oder Austritt aus der Währungsunion. Die meisten Ökonomen und Bankvolkswirte sprechen sich für einen Schuldenschnitt aus. Damit die Griechen wieder auf eigenen Füßen stehen können, müssten 50 bis 70 Prozent ihrer Schulden gestrichen werden, so das Argument. Der Vorteil: Auch die Kreditinstitute würden auf diese Weise einen Teil der Lasten tragen. Für die deutschen Institute wäre das schmerzhaft, aber nach allem, was zu hören ist, verkraftbar.
Problem: Eine Staatspleite – und ein Austritt umso mehr – könnte zu panikartigen Reaktionen an den Finanzmärkten führen, die auch andere Staaten mit in den Abgrund reißen. Dann würden auch die deutschen Banken in ernste Schwierigkeiten kommen. Selbst wenn die Märkte ruhig blieben, droht Gefahr. Die meisten griechischen Staatsanleihen werden von griechischen Banken gehalten. Wenn die Anleihen nichts mehr wert sind, würde das dortige Finanzsystem kollabieren. Es müsste mit frischem Geld gestützt werden. Die Regierung hat das Geld nicht – wieder müsste also die EU einspringen, oder Griechenland versänke im Chaos. Am Ende wird ein Schuldenschnitt zumindest kurzfristig womöglich teurer als ein neues Hilfsprogramm.
Variante 3: Brady-Bonds. Mit solchen nach dem früheren amerikanischen Finanzminister benannten Anleihen wurde in den achtziger Jahren die Schuldenkrise in Lateinamerika bekämpft. Die Banken tauschten damals die Papiere der hoch verschuldeten Staaten gegen Anleihen mit niedrigerem Wert, die aber von den USA garantiert wurden. Auf diese Weise reduzierte sich die Schuldenlast der betroffenen Länder. Vor allem im IWF ist dieser Vorschlag populär
Problem: Die lateinamerikanischen Staaten hatten sich vor allem bei Banken aus den USA verschuldet. Wenn durch die Umtauschaktion Löcher in die Bilanzen dieser Banken gerissen wurden, dann hatte das keine Folgen für die betroffenen Staaten. Das ist in Griechenland anders, weil ein großer Teil der griechischen Schulden von griechischen Banken gehalten wird – die den Tausch möglicherweise nicht verkraften würden. Hinzu kommt: Die Staaten in Lateinamerika hatten eine eigene Zentralbank, die die Währung abwerten und Geld drucken konnte, um den Staatsbetrieb zu finanzieren. Als Mitglied der Euro-Zone ist Griechenland dieser Weg verschlossen. Und: Politisch sind Garantien für griechische Anleihen heikel, weil sie als Vorstufe gemeinsamer Euro-Bonds interpretiert werden könnten, die vor allem Deutschland ablehnt. Im aktuellen Rettungsfonds sind Garantien deshalb grundsätzlich nicht vorgesehen.
Variante 4: Reprofilierung. Ein Kunstwort für die Verlängerung der Laufzeit von Staatsanleihen, die insbesondere in der deutschen Bundesregierung Anhänger hat. Allein im kommenden Jahr laufen in Griechenland Staatsanleihen im Wert von 35,2 Milliarden Euro aus. Wenn die Investoren einen späteren Rückzahlungstermin akzeptieren, hätte Athen erst einmal Zeit gewonnen und brauchte weniger Geld aus anderen Töpfen.
Problem: Die griechische Schuldenlast ändert sich durch dieses Verschiebemanöver kaum. Und die Rating-Agenturen werden eine Laufzeitverlängerung wahrscheinlich als Zahlungsausfall werten, da die Investoren ihr Geld nicht wie vereinbart bekommen. Es drohen also auch bei dieser Variante Marktturbulenzen – zumal die EZB angekündigt hat, die verlängerten Anleihen ohne zusätzliche Sicherheiten nicht als Pfand bei ihren Geldleihgeschäften zu akzeptieren. Das griechische Bankensystem wäre also von der Finanzierung abgeschnitten und würde zusammenbrechen.
Variante 5: Die »Wiener Initiative«. Im Jahr 2009 sagten ausländische Banken zu, ihre Aktivitäten in Osteuropa fortzusetzen, obwohl sich dort die Krise zuspitzte. Die Selbstverpflichtung hatte keine Auswirkungen auf das Bonitätsrating der betroffenen Länder. Die EU-Kommission empfiehlt ein ähnliches Vorgehen für Griechenland. Problem: Der finanzielle Spielraum, der gewonnen werden kann, ist sehr gering.
Aller Voraussicht wird man sich auf einen Kompromiss verständigen: Die Auflagen für die Griechen werden verschärft und durch zusätzliche Privatisierungsvorgaben ergänzt. Das Land erhält neue Hilfskredite, die unter anderem für die Stärkung der griechischen Banken verwendet werden. Die Laufzeiten der griechischen Anleihen werden gestreckt– und die Zentralbank verpflichtet sich, diese Anleihen weiter anzunehmen.
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