Schwarzer September


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vega2000:

Schwarzer September

 
13.09.01 10:36
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Immer wieder „Schwarzer September“

Die Attentäter von New York kombinierten altbekannte terroristische Methoden mit neuesten Techniken


Von Rudolph Chimelli

Drei Flugzeuge haben schon einmal in einem September die Ereignisse dramatisch beschleunigt. Damals, im Jahre 1970, hatten Terroristen in kurzer Folge drei Maschinen in die jordanische Wüste entführt – ein Liliput- Ereignis gemessen an den Attentaten in den USA. Doch damals blickte die ganze Welt auf diesen bis dahin unerreichten Höhepunkt der Luftpiraterie und war entsetzt über den Grad des Organisationsvermögens, den die Terroristen damit zeigten. Es war die marxistische Volksfront zur Befreiung Palästinas PFLP, die damit das prowestliche Regime des jordanischen Königs Hussein bloßstellen und den Volkskrieg gegen Israel entzünden wollte.

Aber es kam anders. Der König setzte seine Truppen gegen die Palästinenser in Marsch und vertrieb sie aus dem Land. In deren Gedächtnis ging diese Niederlage als „Schwarzer September“ ein. So nannte sich dann das Kommando, das den Anschlag auf die israelischen Sportler bei den Münchner Olympischen Spielen 1972 verübte. Einen PFLP-Führer haben die Israelis erst jüngst als mutmaßlichen Anstifter von Selbstmordattentaten getötet. An der Frontstellung nahöstlicher Extremisten gegen Israel, Amerika und den Westen hat sich in drei Jahrzehnten wenig geändert.

Weltweit gibt es im Terrorismus mehrere Richtungen: Nationale Befreiungsbewegungen, sozial-revolutionäre, religiöse Extremisten, politische Radikale und sektiererische Weltverbesserer. Sowohl in der Organisation von Gruppen als auch im persönlichen Leben von Terroristen wirken häufig mehrere dieser Motive zusammen. So sind die Islamisten eine national-religiöse Bewegung. Die gesamte Gemeinde der Gläubigen ist für sie eine Nation. Der Terror islamischer Extremisten richtet sich deshalb gegen fremde Mächte, die nach ihren Vorstellungen jene islamische Welt beherrschen und ihr westliche Lebensformen aufzwingen, also an erster Stelle die USA. Diese sind zudem der Protektor Israels, eines kolonialen Außenpostens des Westens. Feinde sind, als Verlängerungen dieses Systems, ebenso die eigenen Regierungen. Ein umfassender Katalog terroristischer Gruppen würde viele Seiten erfordern. Sozialrevolutionäre Bewegungen wie die deutsche Rote Armee Fraktion oder die französische Action Directe sind in Europa weit gehend verschwunden, seit sie ihre strategische Etappe im Osten des Kontinents verloren haben. Sie spielen aber in Lateinamerika weiter eine Rolle. Politische Radikale wie die extreme Rechte in den USA, die dort früher Attentate beging, sind durch Infiltration von Regierungsagenten weit gehend unter Kontrolle. Sektierern wie der japanischen Aum-Gruppe fehlt ein grenzüberschreitendes Unterstützungsnetz. Terroristische Bünde wie der „Islamische Dschihad“ Ägyptens, die Al Quaida bin Ladens oder die „Bewaffneten Gruppen“ Algeriens bestehen wirklich. Andere haben vorwiegend eine Communiqué- Existenz. Sie melden sich, wenn unbekannte Täter ein Attentat verübt haben, manchmal sogar nach Explosionen, die in Wahrheit Unfälle waren. Zwischen Islamisten von Kaschmir bis zum Balkan oder Tschetschenien besteht ein Netz von Sympathie und Hilfsbereitschaft, aber kein lineares Befehlssystem. Bin Laden wird mit seinen Getreuen und Kontaktleuten schon seit Jahren von amerikanischen Terrorismusüberwachern unter die Lupe genommen. Er allein hätte die Todesflüge gegen das World Trade Center und das Pentagon kaum mit diesem akkuraten Zeitablauf organisieren können, ohne vorher Indizien zu liefern. Die Fixierung auf bin Laden könnte sogar Prävention verhindert haben. Denn was der Apparat der Terrorismusbekämpfer schwer erfassen kann, ist das Zusammenspiel von Fall zu Fall, zu dem ganz heterogene Gruppen innerhalb des Netzes in der Lage sind. Logistische Unterstützung, Geld, bewusstes Wegschauen sind unter den Millionen, die Amerika zutiefst hassen, immer zu finden. Der Golfkrieg und die Intifada waren in der Region Multiplikatoren dieser Gefühle.

Selbstmordattentäter in größerer Zahl, wie sie für die vier Todesflüge von New York und Washington gebraucht wurden, lassen sich am ehesten unter religiösen Eiferern finden. Doch haben auch schon die Tamil Tigers in Sri Lanka und andere weltliche Bewegungen Täter hervorgebracht, die das eigene Leben missachteten, wenn sie nur dem verhassten Feind schaden konnten. So viel man bisher weiß, waren die Waffen, mit denen die Täter am Dienstag die vier Maschinen in ihre Gewalt brachten, primitiv wie immer. Sogar von Messern war in Gesprächsfetzen die Rede.

Ausbildung zum Horrorpiloten

Doch etwas ganz Neues kam hinzu: Eine Besatzung lässt sich normalerweise nicht dazu zwingen, ihr Flugzeug gegen einen Wolkenkratzer zu steuern. Das mussten die Terroristen nach jetzigem Kenntnisstand selber tun. Eine große Verkehrsmaschine präzise ins Kamikaze-Ziel zu bringen, ist indessen keine kleine Sache. Mit Computerspielen oder im Internet ist es nicht zu erlernen, schon gar nicht in afghanischen Ausbildungslagern, wo mit Handfeuerwaffen, Sprengstoff und Mörsern hantiert wird. Dazu ist nach Urteil von Experten langes Training im Flugsimulator unentbehrlich.

Wenn unter Abwehrfachleuten von Terrorismus der Zukunft die Rede war, dann dachten sie an Giftgas und Bakterien, an vergiftete Brunnen oder miniaturisierte Atomwaffen, an Cyber-Terrorismus, an die Drohung mit dem Weltuntergang. Die Kombination zweier altbekannter terroristischer Methoden, Flugzeugentführung und das Prinzip des Bombenautos, war viel einfacher.


Gruss
V2000
 
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