Schritt für Schritt zum neuen Job


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Brummer:

Schritt für Schritt zum neuen Job

 
08.02.02 18:16

Bei Frust im Job klug planen  
95 Prozent der Arbeitnehmer sind mit ihrer Stelle mehr oder weniger unglücklich. Doch in Zeiten der Konjunkturflaute machen Stellenabbau und Einstellungsstopp einen Jobwechsel schwieriger. Jetzt kommt es erst recht auf die richtige Taktik an: Worauf man beim Karrierewechsel achten sollte.

Diana Szabries hat gleich doppeltes Glück gehabt. Ihr Jobwechsel kam zur richtigen Zeit und im richtigen Bereich. Mehr als achtzehn Jahre hatte die heute 40-Jährige in einer Bank gearbeitet und wurde dabei zunehmend unzufriedener. Sie las Karrierebücher und wusste dennoch nicht weiter. Erst nach einem Seminar, in dem sie systematisch ihre Fähigkeiten und Wünsche analysierte, hatte sie ein klares Ziel: Sie wollte als selbstständige Trainerin andere bei ihrer Karriere unterstützen. Also kündigte sie – allerdings war das vor über einem Jahr, als die Konjunktur noch lief.

Die Wertpapierhändlerin konnte es sich leisten, ein Jahr Auszeit zu nehmen, um sich sorgfältig auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten. Sie knüpfte Kontakte, besuchte zahlreiche Seminare, konzipierte ein eigenes Seminarangebot – und landete damit einen Volltreffer. „Die Termine waren sofort ausgebucht.“ Inzwischen ist sie froh, diese Entscheidung rechtzeitig getroffen zu haben. Heute wäre das mit weitaus höheren Risiken verbunden – aber immer noch machbar.

Angesichts der kritischen Situation ihres Unternehmens denken nicht wenige Arbeitnehmer über einen spontanen Wechsel nach. „Da neigen viele zu Kurzschlussreaktionen und kündigen“, beobachtet Oliver Maassen, Leiter des Personalmarketings bei der HypoVereinsbank in München. Meistens ist das ein Fehler. Denn ein gelungener Jobwechsel, der die Betroffenen noch einen Schritt auf der Karriereleiter nach oben bringt, muss mindestens ein halbes Jahr vorbereitet werden. Bei Gudrun Vorsmann dauerte es sogar einige Jahre, bis sie sich in ihrem neuen Job etablierte. Weil sie auf dem zweiten Bildungsweg studiert hatte, legte sie erst mit 41 Jahren ihr zweites Staatsexamen als Lehrerin ab. Um während des Referendariats zusätzlich Geld zu verdienen, arbeitete sie freiberuflich bei einer Immobilienmaklerin. „Morgens habe ich unterrichtet, nachmittags meine Kinder betreut und abends Immobilien verkauft“, erinnert sich Vorsmann. Nach zweieinhalb Jahren Lehrerdasein hatte sie genug und beschloss nach reiflicher Überlegung, ein eigenes Immobilienbüro aufzumachen – mit Erfolg. „Als Lehrerin hätte ich es einfacher gehabt, aber das war einfach nicht mein Ding“, sagt die inzwischen 61-Jährige. In den Schoß sei ihr der Erfolg jedoch nicht gefallen: „Man braucht in jedem Fall eine bedingungslose Bereitschaft und Ausdauer.“

Wie man den Karrierewechsel am besten einfädelt, hat der amerikanische Bestsellerautor Richard Nelson Bolles jetzt auch in einem Leitfaden zusammengestellt. In seinem Buch „Durchstarten zum Traumjob“ hat er einen umfangreichen Fragenkatalog entwickelt, bei dem Schritt für Schritt mögliche Problemfelder analysiert werden. Die wesentlichen Fragen darin: Arbeite ich in der richtigen Branche? Gefällt mir die Tätigkeit, die ich ausübe? Bin ich mit dem Ort meines Arbeitsplatzes zufrieden? Verdiene ich genug? Stimmen die Arbeitsbedingungen? Kann ich meine Wertvorstellungen und Ziele wirklich verwirklichen? Komme ich gut mit meinen Kollegen und meinem Chef klar? Stimmt die Unternehmensgröße? Fühle ich mich in der Unternehmenskultur wohl? Jede einzelne Frage, die mit „Nein“ beantwortet wird, könnte ein möglicher Grund für einen Jobwechsel und eine Kündigung sein. „Viele machen dann jedoch den Fehler, dass sie die Ursachen nicht genau analysieren und gleich alles hinschmeißen“, weiß die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner.

Dass viele auf Kohlen sitzen und am liebsten den Job wechseln würden, weil sie unzufrieden sind, bestätigt auch eine europaweite Umfrage der Internet Stellenbörse Monster unter 8816 Arbeitnehmern. Danach liegt der Anteil derjenigen, die mit ihrem Arbeitsplatz rundum zufrieden sind, in Deutschland und den Nachbarländern zwischen zwischen gerade fünf und sieben Prozent. Bei anderen Antworten zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede zwischen den deutschen Beschäftigten und ihren ausländischen Kollegen. Hier zu Lande glauben immerhin 30 Prozent der Befragten, das sie sich beruflich „auf dem richtigen Weg befinden“. Europaweit gilt das aber nur für 17 Prozent. Auf die konkrete Frage „Kommen Sie in Ihrer Karriere wie geplant voran“ antwortete über die Hälfte aller europäischen Beschäftigten mit einem klaren „Nein“. Zu dieser pessimistischen Aussage wollten sich nur 38 Prozent der deutschen Arbeitnehmer bekennen. „Dass 95 Prozent der Arbeitnehmer in Europa mit ihrer Stelle mehr oder weniger unglücklich sind, ist erschreckend“, kommentiert Monster.de-Geschäftsführer Gunther Batzke die Umfrageresultate, „zumal Unzufriedenheit in der Regel mit mangelnder Motivation einhergeht, die sich wiederum negativ auf die Arbeitsergebnisse auswirkt“.

Dennoch: Nicht jeder, der mit seinem Job unzufrieden ist, muss gleich kündigen. „Überlegen Sie immer erst, was Sie in Ihrem Unternehmen verändern können“, rät beispielsweise Karriereberaterin Monika Becht aus Frankfurt. Gerade hier fehle manchen der Mut, neue Wege im eigenen Unternehmen zu gehen. Dabei ist der Wechsel zwischen verschiedenen Funktionen und Bereichen in den meisten Firmen längst möglich. Man müsse nur hartnäckig sein. „Erkunden Sie Ihre Möglichkeiten und machen Sie konkrete Vorschläge“, empfiehlt die Beraterin. Bleibt dieser Weg verschlossen und wächst der Frust weiter, kann immer noch über einen beruflichen Szenenwechsel nachgedacht werden.

Beispiel Ute Kister. Nach dem Studium war die Diplomkauffrau über ein Traineeprogramm beim Verlag eingestiegen und später als Assistentin der Geschäftsführung bei einer Zeitschrift tätig. Doch sie hatte zunehmend das Gefühl, nicht mehr weiterzukommen, ihr fehlte der Sinn in der Arbeit und sie wollte lieber etwas tun, das anderen Menschen hilft. Der einzige Weg: Kündigen. Seit einem Jahr ist sie jetzt Spenderbetreuerin bei der Hermann-Gmeiner-Fonds Deutschland, dem größten Förderverein zur Unterstützung der SOS Kinderdörfer. Auch dort akquiriert und betreut sie Firmenkunden. „Meine Tätigkeit ist zwar ähnlich, aber es bringt mir mehr Erfüllung“, resümiert die 35-Jährige heute. Um dahin zu gelangen, sollten Wechselwillige genau überlegen, was Sie in der Vergangenheit „wirklich gut und gern gemacht haben“, rät Karriereberaterin Leitner. „Sie müssen nicht spurtreu bleiben, wenn sie sich beruflich verwirklichen wollen.“ Dabei sollte man auch über Wechsel im Tätigkeitsfeld wie in der Funktion nachdenken.

Die ehemalige Bankerin Szabries hat diese empfohlene Kehrtwende gemacht. Sie entdeckte: Ihr Haupttalent ist, die Stärken ihrer Mitarbeiter zu fördern. Zudem leitete sie gerne Schulungen in der Bank. Ihr Tätigkeitsfeld war damals jedoch hauptsächlich der Aktienhandel. Mit ihrem Schritt in die Beratung hat sie daher sowohl ihre Funktion als auch ihr Tätigkeitsfeld gewechselt. Auch wer bereits sein Ziel im Visier hat, sollte jedoch nicht in blinden Aktionismus verfallen. Jeden Traumjob sollte man immer auch an der Realität überprüfen. „Viele haben von ihrem neuen Beruf wenig konkrete Vorstellungen und schwelgen in Illusionen“, beobachtet Beraterin Ingrid Heinz und rät jedem Karrierewechsler, zunächst einmal intensive Marktforschung zu betreiben. So banal es klingt – gemacht wird es nur selten, wissen die Experten.

Welche Überraschungen man dabei erlebt, weiss Sonja Weidner (Name geändert) nur zu gut. Schon ein paar Monate nachdem die Sozialpädagogin in die Personalberatung umgesattelt hatte, kamen erste Zweifel auf. Der Druck und die Kontrolle waren enorm. Jeden Monat gab es eine Rangliste, wie viele Suchaufträge jeder Berater an Land gezogen hatte. Als Quereinsteigerin war sie dabei stets im Nachteil. Der Schritt in eine erfolgreichere Zukunft wurde so zum Fallstrick. Dabei hätten Gespräche mit Branchenkennern, so der Rat der Experten, sie leicht davor bewahren können. Hat der anvisierte Traumjob dann auch den Realitätstest bestanden, geht es an die Umsetzung. Auch dafür gibt es Strategien. Die amerikanische Karriereexpertin Barbara Sher zum Beispiel empfiehlt Jobwechslern, sich die einzelnen Schritte zum angestrebten Ziel in einem so genannten Flowchart zu notieren, wie es auch für die Strukturierung von Planungsprozessen eingesetzt wird: „Planen Sie die Schritte immer rückwärts vom Ziel her und machen Sie jeden Schritt so klein, dass Sie ihn morgen erledigen können.“

So nähert sich zurzeit auch Birgit Hartmann ihrem Traumjob. Eigentlich weiß die 34-Jährige mit einem Magisterabschluss in Politikwissenschaften schon lange, dass sie Filmproducerin in Hollywood werden will. Doch den Mut, ihren Traum zu verwirklichen, hatte sie nie. „Ich habe immer nur versucht, mich dem Arbeitsmarkt anzupassen“, sagt Hartmann. Schon während des Studiums machte sie alle möglichen Praktika, arbeitete bei einer Werbefilmfirma und als Produktionsassistentin sowie als Sekretärin bei einer Filmproduktion. Schließlich landete sie nach dem Studium als Assistentin im technischen Bereich der Kirchgruppe – und war unzufrieden. „Ich kam irgendwie nicht weiter“, erinnert sie sich. Erst durch eine Karriereberatung bekam sie den Mut, ihren Traum in Angriff zu nehmen. Sie ließ sich beurlauben und ging für zwei Monate an die New York Film Academy nach Los Angeles. Als der Kurs im April zu Ende war, verlängerte sie ihre Beurlaubung und suchte sich einen Job vor Ort. Sie bekam ein Arbeitsvisum und schreibt jetzt als Journalistin über Filme. „Ich bin zwar noch nicht am Ziel, aber schon am richtigen Ort und im richtigen Umfeld“, sagt Hartmann. Ihr Fazit: Ein gelungener Jobwechsel ist Fleißarbeit und erfordert langen Atem.

Quelle: wiwo.de / Bärbel Schwertfeger
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