Archäologen finden tierische Nussknacker
Zum ersten Mal ist es Forschern gelungen, eine mehr als hundert Jahre alte Affenwerkstatt auszugraben. Die Nussknacker könnten neues Licht auf die Entwicklung der menschlichen Steinwerkzeuge werfen.
Eigentlich folgt die Arbeit von Archäologen ja klaren Zielen: Bei ihren Ausgrabungen suchen die Forscher primär nach Spuren menschlicher Kulturen, nach Spuren, die möglichst alt sein sollten. Doch ein Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin kann mitunter sehr erhellend sein.
Wie der Regenwald-Archäologe Julio Mercader in der aktuellen Ausgabe des US-Wissenschaftsmagazins "Science" schreibt, haben ausgerechnet relativ junge Schimpansen der Forschung einen neuen Schub verpasst. Geholfen hat dabei Christophe Boesch, ein renommierter Schweizer Primatenforscher, der das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig leitet.
Bereits vor mehr als 20 Jahren hat sich Christophe Boesch zusammen mit seiner Frau Hedwige auf die Spuren der Schimpansen des Taï-Nationalparks an der Elfenbeinküste gemacht. Dabei ist den Verhaltensforschern aufgefallen, dass Nüsse zwar im gesamten tropischen Teil Afrikas vorkommen, jedoch nur Schimpansen in einigen westafrikanischen Regionen Methoden zum Knacken des eiweißreichen Nahrungsmittels entwickelt haben. Gleichzeitig hat fast jede der Nüsse knackenden Populationen ein eigenes Vorgehen entwickelt.
Übereinstimmung gibt es dagegen bei den Vermittlung der anspruchsvollen Tätigkeit. Affenmütter nehmen ihren Nachwuchs an die Hand und lernen zusammen mit ihm, wie man effektiv die harte Schale der Nüsse knackt; der Unterricht kann dabei bis zu sieben Jahren dauern. Aus seinen Beobachtungen hat Boesch eine heftig diskutierte These abgeleitet: Die Primaten haben eine - wenn auch einfache - Kultur entwickelt. "Vieles am Schimpansenleben", so der Forscher, "wird kulturell vermittelt."
Da lag es nicht fern, einen Archäologen, einen kulturellen Spurensucher, mit ins Forschungsboot zu nehmen, zumal der afrikanische Regenwald bislang von archäologischen Expeditionen eher gemieden wurde. Die Einsamkeit, die komplizierte Bestandsaufnahme und der mühsame Transport der Ausrüstung schreckt viele Forscher ab. Doch genauso wie Julio Mercader, ein Spezialist für die Archäologie des Regenwaldes an der George Washington University in der US-Hauptstadt, entdecken immer mehr Wissenschaftler, dass Aufschlüsse über die menschlichen Vorfahren aus unerwarteten Quellen kommen können.
Zusammen haben Boesch und Mercader für ihre Forschungen eine Stelle im Regenwald der Elfenbeinküste ausgesucht, an der Affen seit vielen Jahren Nüsse knacken. Mit Hilfe schwerer Steine wurde dort die Schale der extrem harten Nuss Panda oleosa zertrümmert.
Die Nussknacker-Werkstätten blieben nicht ohne Spuren. Mercader entdeckte rund um eine als Amboss genutzte Baumwurzel ein Muster an Steinsplittern, das ihm von seinen Ausgrabungen an menschlichen Fundstätten bekannt vorkam. Mehr als vier Kilogramm Steinsplitter und fast 40 Kilogramm Nussschalen holte der Archäologe aus dem Boden. Alles in allem zählte Mercader 479 steinerne Spuren, die in einer Tiefe von bis zu 21 Zentimetern gefunden wurden.
Aus der Häufung schließt der Experte, wie er in "Science" schreibt, dass die Stelle bereits seit langer Zeit zum Knacken von Nüssen verwendet wird. Da die Fundstätte höchstwahrscheinlich älter als hundert Jahre ist, müssen die Schimpansen der Region seit mehreren Generationen ihrer anspruchsvollen Arbeit als Nussknacker nachgehen. Die Fähigkeit, in den Augen von Boesch eine kulturelle Errungenschaft, wird offensichtlich vererbt.
Mehr noch: Die archäologischen Methoden halfen, den Ursprung der Nuss knackenden Steine ausfindig zu machen. Demnach haben die Affen ihre Werkzeuge aus einem Umkreis von rund hundert Meter zusammengetragen. Trotz der schlechten Sicht am Boden des Regenwalds haben die Affen offensichtlich immer einen möglichst zeit- und kraftsparenden Weg zurück zu ihrer Werkstatt gefunden.
Am meisten beeindruckte die Forscher aber, dass die Größe der gefundenen Steine, die Form der Splitter und die Anordnung des Schutts menschlichen Spuren sehr nahe kommt. Im Osten Afrikas hinterließen die frühen Vorfahren der heutigen Menschen während der so genannten Oldovan-Zeit (vor 2,5 bis 2 Millionen Jahren) ähnliche Spuren.
Die Wissenschaftler schließen daraus, dass es sich bei einigen der einfachen Oldovan-Fundstätten um Orte handeln könnte, an denen Hominiden ihre Nüsse geknackt haben. Folglich müssten sich bereits die sehr frühen Menschen von Nüssen mit harten Schalen ernährt haben. Vielleicht sogar haben die Hominiden vor mehr als fünf Millionen Jahren mit Steinwerkzeugen hantiert. Steinerne Ansammlungen, wie sie bei den Schimpansen gefunden wurden, könnten Hinweise darauf geben.
Weitere Ausgrabungen sollen nun helfen, die Chronologie der Entwicklung von Steinwerkzeugen besser zu verstehen. Und auch der Einfluss der Schimpansen muss möglicherweise überdacht werden. "Unsere Arbeiten verdeutlichen", sagt Christophe Boesch, "wie viel mehr wir noch über den Schimpansen als unseren nächsten lebenden Verwandten lernen müssen, um die Einzigartigkeit der Menschheit zu verstehen."
Spiegel
Zum ersten Mal ist es Forschern gelungen, eine mehr als hundert Jahre alte Affenwerkstatt auszugraben. Die Nussknacker könnten neues Licht auf die Entwicklung der menschlichen Steinwerkzeuge werfen.
Eigentlich folgt die Arbeit von Archäologen ja klaren Zielen: Bei ihren Ausgrabungen suchen die Forscher primär nach Spuren menschlicher Kulturen, nach Spuren, die möglichst alt sein sollten. Doch ein Blick über den Tellerrand der eigenen Disziplin kann mitunter sehr erhellend sein.
Wie der Regenwald-Archäologe Julio Mercader in der aktuellen Ausgabe des US-Wissenschaftsmagazins "Science" schreibt, haben ausgerechnet relativ junge Schimpansen der Forschung einen neuen Schub verpasst. Geholfen hat dabei Christophe Boesch, ein renommierter Schweizer Primatenforscher, der das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig leitet.
Bereits vor mehr als 20 Jahren hat sich Christophe Boesch zusammen mit seiner Frau Hedwige auf die Spuren der Schimpansen des Taï-Nationalparks an der Elfenbeinküste gemacht. Dabei ist den Verhaltensforschern aufgefallen, dass Nüsse zwar im gesamten tropischen Teil Afrikas vorkommen, jedoch nur Schimpansen in einigen westafrikanischen Regionen Methoden zum Knacken des eiweißreichen Nahrungsmittels entwickelt haben. Gleichzeitig hat fast jede der Nüsse knackenden Populationen ein eigenes Vorgehen entwickelt.
Übereinstimmung gibt es dagegen bei den Vermittlung der anspruchsvollen Tätigkeit. Affenmütter nehmen ihren Nachwuchs an die Hand und lernen zusammen mit ihm, wie man effektiv die harte Schale der Nüsse knackt; der Unterricht kann dabei bis zu sieben Jahren dauern. Aus seinen Beobachtungen hat Boesch eine heftig diskutierte These abgeleitet: Die Primaten haben eine - wenn auch einfache - Kultur entwickelt. "Vieles am Schimpansenleben", so der Forscher, "wird kulturell vermittelt."
Da lag es nicht fern, einen Archäologen, einen kulturellen Spurensucher, mit ins Forschungsboot zu nehmen, zumal der afrikanische Regenwald bislang von archäologischen Expeditionen eher gemieden wurde. Die Einsamkeit, die komplizierte Bestandsaufnahme und der mühsame Transport der Ausrüstung schreckt viele Forscher ab. Doch genauso wie Julio Mercader, ein Spezialist für die Archäologie des Regenwaldes an der George Washington University in der US-Hauptstadt, entdecken immer mehr Wissenschaftler, dass Aufschlüsse über die menschlichen Vorfahren aus unerwarteten Quellen kommen können.
Zusammen haben Boesch und Mercader für ihre Forschungen eine Stelle im Regenwald der Elfenbeinküste ausgesucht, an der Affen seit vielen Jahren Nüsse knacken. Mit Hilfe schwerer Steine wurde dort die Schale der extrem harten Nuss Panda oleosa zertrümmert.
Die Nussknacker-Werkstätten blieben nicht ohne Spuren. Mercader entdeckte rund um eine als Amboss genutzte Baumwurzel ein Muster an Steinsplittern, das ihm von seinen Ausgrabungen an menschlichen Fundstätten bekannt vorkam. Mehr als vier Kilogramm Steinsplitter und fast 40 Kilogramm Nussschalen holte der Archäologe aus dem Boden. Alles in allem zählte Mercader 479 steinerne Spuren, die in einer Tiefe von bis zu 21 Zentimetern gefunden wurden.
Aus der Häufung schließt der Experte, wie er in "Science" schreibt, dass die Stelle bereits seit langer Zeit zum Knacken von Nüssen verwendet wird. Da die Fundstätte höchstwahrscheinlich älter als hundert Jahre ist, müssen die Schimpansen der Region seit mehreren Generationen ihrer anspruchsvollen Arbeit als Nussknacker nachgehen. Die Fähigkeit, in den Augen von Boesch eine kulturelle Errungenschaft, wird offensichtlich vererbt.
Mehr noch: Die archäologischen Methoden halfen, den Ursprung der Nuss knackenden Steine ausfindig zu machen. Demnach haben die Affen ihre Werkzeuge aus einem Umkreis von rund hundert Meter zusammengetragen. Trotz der schlechten Sicht am Boden des Regenwalds haben die Affen offensichtlich immer einen möglichst zeit- und kraftsparenden Weg zurück zu ihrer Werkstatt gefunden.
Am meisten beeindruckte die Forscher aber, dass die Größe der gefundenen Steine, die Form der Splitter und die Anordnung des Schutts menschlichen Spuren sehr nahe kommt. Im Osten Afrikas hinterließen die frühen Vorfahren der heutigen Menschen während der so genannten Oldovan-Zeit (vor 2,5 bis 2 Millionen Jahren) ähnliche Spuren.
Die Wissenschaftler schließen daraus, dass es sich bei einigen der einfachen Oldovan-Fundstätten um Orte handeln könnte, an denen Hominiden ihre Nüsse geknackt haben. Folglich müssten sich bereits die sehr frühen Menschen von Nüssen mit harten Schalen ernährt haben. Vielleicht sogar haben die Hominiden vor mehr als fünf Millionen Jahren mit Steinwerkzeugen hantiert. Steinerne Ansammlungen, wie sie bei den Schimpansen gefunden wurden, könnten Hinweise darauf geben.
Weitere Ausgrabungen sollen nun helfen, die Chronologie der Entwicklung von Steinwerkzeugen besser zu verstehen. Und auch der Einfluss der Schimpansen muss möglicherweise überdacht werden. "Unsere Arbeiten verdeutlichen", sagt Christophe Boesch, "wie viel mehr wir noch über den Schimpansen als unseren nächsten lebenden Verwandten lernen müssen, um die Einzigartigkeit der Menschheit zu verstehen."
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