Dienstag, 17. Mai 2005
Schelme und ein Pferdefuß
von Jochen Steffens
Nun ist es passiert: Das schwächere weltweite Wirtschaftswachstum im ersten Quartal hat dazu geführt, dass die Opec ihre weltweite Öl-Nachfrageprognosen für das Jahr 2005 um 80.000 bpd auf 83,94 Mio. bpd gesenkt hat Gut, damit musste gerechnet werden, die Opec hatte bei ihrer letzten Prognose noch mit den alten Zahlen gerechnet, die von einem stärkeren Weltwirtschaftswachstum ausgegangen waren. Dass diese Zahlen angesichts des vergleichsweise schwachen ersten Quartals weltweit nicht mehr so ganz stimmen konnten, hatten Anleger erwartet, aus diesem Grund ist der Ölpreis in den letzten Tagen vor Veröffentlichung dieser Zahlen deutlich gefallen.
Und genau das führte heute wiederum dazu, dass der Ölpreis wieder deutlich stärker wurde und damit den Dax belastet hat. Die Nachricht der Opec ist draußen, diejenigen, die darauf spekuliert haben, nehmen ihre Gewinne mit – verkaufe die guten Nachrichten / kaufe die schlechten. Das alte Spielchen.
Darüber hinaus wies die Opec jedoch daraufhin, dass sie auch für eine wieder steigende Nachfrage im Herbst gut gerüstet sei. Hatte da letztens nicht noch ein Opec-Ölminister etwas ganz anderes behauptet – Schelme, überall Schelme ...
Das erinnert mich an diese Goldmann-Sachs-Studie, die einen Ölpreis von über 100 Dollar je Barrel prognostizierte? Seltsamerweise wurde diese Studie so ziemlich genau am letzten Hoch des Ölpreises veröffentlicht. Es sind auch Schelme, die dabei auch nur den Anflug eines bösen Hintergedankens haben.
Aktuell wird, wie erwartet, der Spekulationsaufschlag aus dem Ölpreis genommen. Wir werden also bald sehen, wo der Ölpreis ohne diesen ganzen Spekulationswahn wirklich steht. Ich bin gespannt.
Ganz herrlich waren die Reaktionen auf den New York Empire State Index, der gestern veröffentlich wurde. Treue Leser werden wissen, was ich von diesem Index halte. Er hat die schelmische Neigung, zu den seltsamsten Zeitpunkten der Börsengeschichte immer in die ein oder andere Richtung stark zu übertreiben. Ist dabei hochvolatil und allein schon aus diesem Grund ohne größere Aussagekraft – meiner Meinung nach.
Nun, dieser New Yorker Empire State Index ist mit -11,11 Punkten ins Minus gerutscht. Eine Schnapszahl, will man meinen. Analysten fühlten sich versucht, diesen Index auf die gesamte US-Wirtschaft zu übertragen. Wagt man diesen Schritt, ergäbe sich ein schlechteres Bild der US-Wirtschaft, als die Daten der letzten Wochen vermuten ließen. Die US-Anleger hörten nur etwas von "schlechten US-Wirtschaftsdaten" und fast mechanisch ratterte ihr Gehirn: "Ah, schlecht für die Wirtschaft! Das bedeutet, die Zinsen werden weniger stark angehoben! – Kaufen!" Natürlich war auch der stark sinkende Ölpreis gestern ein Grund für die positiven Märkte in den USA, keine Frage.
Wirklich interessant sind andere Umstände: Der Nasdaq100 entwickelt sich in den letzten Handelswochen wesentlich (!) besser als der Dow und der S&P. Normalerweise würde ein aufmerksamer Beobachter daraus schließen, dass nun Geld aus dem Dow und den S&P in den Nasdaq100 umgeschichtet wird. Daraus könnte man wiederum den Schluss folgern, dass das informierte Kapital von einer Rallye ausgeht und für diesen Fall lieber im Nasdaq100 investiert sein will, da hier in der ersten Phase einer Rallye größere Renditen zu erzielen sind.
Das ist alles auch genau so richtig. Allerdings gibt es einen Pferdefuss bei der Sache: Der Nasdaq war Anfang des Jahres wesentlich schlechter als der Dow und S&P. Die Schere zwischen diesen Indizes ist sehr, sehr weit auseinander gegangen. Nun gibt es einen sich immer weiter verbreitenden Tradingansatz: Es wird darauf getradet, dass sich solche Scheren schließen.
Dazu setzt man auf einen fallenden Dow und gleichzeitig auf einen steigenden Nasdaq100. Zwei Positionen die, sofern sich beide Indizes gleich verhalten, neutral bleiben (was die eine an Summe verliert, gewinnt die andere Position). Lediglich wenn sich der Nasdaq100 besser entwickelt als der Dow, gewinnt die Longposition auf den Nasdaq mehr, als die Shortposition auf den Dow verliert (sollte sich der Dow besser entwickeln, würde die Gesamtposition Verluste erleiden).
Das hat einen Vorteil, man braucht nicht zu wissen, wohin der Markt geht. Er kann fallen oder steigen, die Position bleibt neutral, selbst bei stark fallenden Märkten macht man keinen Verlust, solange Nasdaq und Dow gleichstark fallen.
Um einen Gewinn zu erwirtschaften, muss dann der Nasdaq100 lediglich weniger stark fallen als der Dow.
Dieser Tradingansatz wird im Moment deswegen so gerne verwendet, da die Märkte einfach keinen Ertrag abwerfen. Dieses unheilige Zickzack zermürbt jeden, nicht umsonst geraten auch schon Hedgefonds in Schieflage.
Nun, wenn der Dow geshortet wird, dann verliert er an Wert, wenn Long-Position im Nasdaq100 aufgebaut werden, entwickelt er sich besser. Somit könnte auch dieser Tradingansatz Einfluss auf die aktuelle Entwicklung haben. Aus diesem Grund würde ich den stärkeren Nasdaq100 zwar als ein weiteres bullishes Indiz werten, möchte dabei jedoch nicht versäumen, auf diesen Pferdefuß hinweisen.
