Nein, wenn einer am Boden liegt, tritt man nicht noch nach.
Wer meine Kommentare zu Rheinmetall an dieser Stelle gelesen hat, weiß, dass mein erster kritischer Beitrag just in den Tagen erschien, als die Aktie ihren Höchststand hatte. Die Auftragsbücher seien auf Jahre prallgefüllt, hieß es damals; damit lasse sich die Konzernumstrukturierung leicht meistern, verkündete der Vorstand, und einige Analysten und selbsternannte Börsenexperten klatschten heftig Beifall.
Pustekuchen - schon damals hatten einige wirklich Profis genauer hingeschaut und dem Unternehmen als Rating schlicht und ergreifend den Ramschstatus attestiert. Und es kam wie es kommen musste, die vollmundigen Versprechen auf die Zukunft haben sich inzwischen als Luftnummern erwiesen.
Wenn nun die böse, böse Politik als Sündenbock herhalten muss, dann fragt man sich wirklich: Geht´s noch? Und wenn einige der oben genannten Analysten sich darauf einlassen, dann zeigt es nur, wie wenig Ahnung sie wirklich von der Materie haben (wollen). Ein Analyst der DZ-Bank beispielsweise hat innerhalb eines halben Jahres sein Kursziel nahezu halbiert, im Nachhinein natürlich – wie von Experten zu erwarten. Und besonders traurig, wenn in diesen Tagen in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel zu Rheinmetall erscheint, der den Eindruck macht, als sei er vom Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens selbst und nicht von einem kritischen Journalisten verfasst worden.
Die Unruhe im Konzern ist im Laufe des Jahres spürbar gewachsen. Die Firmenmitglieder, die ihre Aktien halten und zusehen müssen, wie sich der Kurs in Luft auflöst, sind genervt und verlieren ihre Motivation. Die Kritik am Vorstandsvorsitzenden und seinen Visionen wird nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand geäußert; und die Streitigkeiten in der Chefetage sind keineswegs nur durch Aufräumarbeiten im Zuge des Korruptionsskandals zu erklären, wie die SZ vermutet. Hier wird vielmehr die gesamte Strategie hinterfragt.
Noch verdeckt die Automotive-Sparte, die die neue Konzernführung zu Beginn ihrer Amtszeit eigentlich ausgliedern wollte, das ganze Ausmaß der Konzernschwäche. Der Rüstungsbereich schreibt rote Zahlen und ist im Tal der Tränen noch lange nicht angekommen. Hier rächt sich schon innerhalb kurzer Zeit, dass man bei der Auswahl der Zukäufe in den letzten Jahren nicht auf Qualität und Auftragslage geachtet hat. Von diesen neu hinzugekommenen Firmen schreiben nahezu alle Verluste. Hinzu kommt, dass die Rüstungssparte in mehrere hundert Standorte zerstreut ist, die allesamt nicht ausgelastet sind. Anstatt Expansion um jeden Preis wäre eine Konzentration auf die Kernkompetenzen sinnvoll gewesen, statt Standorte in aller Herren Länder ohne sensible Betrachtung der politischen Konstellation lieber eine schlagkräftige Beschränkung.
Für ein erfolgreiches Unternehmen „ist Berechenbarkeit am Kapitalmarkt ein wichtiges Gut. Durch mehrere aufeinanderfolgende Gewinnwarnungen ist dieses Vertrauen erschüttert“, so der Vorstandsvorsitzender eines anderen Unternehmens vor seinem Rücktritt.
Der Aktienkurs, der seit Wochen nur mühsam die 30-EUR-Marke verteidigen kann, droht weiter Richtung 22 oder 23 abzustürzen. Denen, die noch investiert sind, wünsche ich, dass es dazu nicht kommt. Dafür müsste aber ein schneller Strategiewechsel einsetzen. Statt den Traum vom einen großen Rüstungskonzern zu träumen oder weiteren Übernahmen z.B. im U-Boot-Sektor zu erwägen, die die Ergebnisse nur verwässern und den Konzern überfordern, aber keinesfalls retten, wäre eine drastische Kehrtwende angesagt.