Auch bei niedrigsten Renditen greifen Japaner zu Staatsanleihen
Flut von Neuemissionen
- Achterbahnfahrt bei den Renditen
- Rekordtief von 0,43 Prozent bei den Zehnjährigen erreicht
von Bernd Weiler
Tokio - Der Markt für Yen-Anleihen steckt in Turbulenzen. Der seit Anfang April geltende Staatshaushalt muss mit neuen Anleihen über insgesamt 36,45 Bio. Yen (264 Mrd. Euro) finanziert werden - ein Rekord. Hinzu kommt, dass die Zentralbank im Kampf gegen die Deflation dem Geldkreislauf kräftig Liquidität zuführt.
Doch "Rekordverschuldung und hoher Bargeldumlauf sind im Anleihegeschäft derzeit nur sekundäre Marktfaktoren", meint Kasuhiko Ishida. Von den Staatsfinanzen und der Emission neuer Anleihen sieht der Chefvolkswirt des Japan Economic Research Center mittelfristig keine Gefahren ausgehen. "Angesichts des immensen Sparvolumens gibt es auch bei niedrigsten Renditen genügend Käufer für Yen-Bonds", sagte Ishida: "Japaner, die das Risiko scheuen, kaufen Staatsanleihen oder legen ihr Geld auf ein Postscheck-Konto." Tatsächlich hat Japan noch keine Risikoaufschläge zu zahlen.
In der vergangenen Woche stürzte die Rendite für zehnjährige Staatstitel auf ein Rekordtief von ,43 Prozent. "Der Markt war klar überkauft", meint Ishida, der über die Ursachen dieses Phänomens noch rätselt: "Vielleicht war es eine Art Fluchtbewegung der Anleger, die jetzt, da die Aktienmärkte weltweit wieder steigen, der Nikkei über 9100 Punkte liegt, wieder nachlässt."
Am Donnerstag hatten sich die Rendite der Zehnjährigen bis auf ,685 Prozent erholt, zum Wochenschluss pendelte sie sich bei ,58 Prozent ein.
Wer kauft eigentlich zehnjährige Anleihen, die jährlich nur ein halbes Prozent Rendite bringen? "Institutionelle japanische Investoren, Lebensversicherungen und Pensionsfonds, die ultimative Quelle dieser Anlagen sind aber meistens die privaten Haushalte, für die diese Investoren das Geld verwalten", sagt Ishida: "Die Nachfrage ist nach wie vor stark". Der Volkswirt verweist dabei abermals auf das private Sparvermögen der Japaner, rund 1,3 Trillionen Yen, umgerechnet 9,4 Billionen Euro.
Die treuesten Kunden der Yen-Anleihen sind die Einheimischen, die bislang gut 90 Prozent der Staatsverschuldung tragen. Sie zeichnen die Anleihen, denn auf gewöhnliche Sparkonten gibt es derzeit weniger als ,03 Prozent Zins. Außerdem werden die privaten Anleger vom Tokioter Finanzministerium gerade stärker umworben, mit einer "Staatsanleihe für den Einzelhandel", die direkt an die Privatkundschaft verkauft wird. Die Renditekurve für Yen-Anleihen wird immer flacher. Für nur geringfügige Steigerungen seien die Anleger mehr und mehr bereit, längere Laufzeiten zu kaufen, sagte Hideki Goto von Goldman Sachs in Tokio. Selbst die dreißigjährige Staatsanleihe ist in den vergangenen Tagen unter das Niveau von ein Prozent Rendite gefallen. Wer mehr will, in Anleihen und im Yen bleiben will, muss sich auf Industrieschuldverschreibungen einlassen. An diesem Markt steigt das Emissionsvolumen: Papiere für insgesamt fast 20 Mrd. Euro sind allein im Mai und Juni von japanischen Unternehmen begeben worden. Eine neue dreijährige Anleihe von Mitsubishi Materials Corp. bringt immerhin gut 1,2 Prozent.
Artikel erschienen am 21. Jun 2003
Flut von Neuemissionen
- Achterbahnfahrt bei den Renditen
- Rekordtief von 0,43 Prozent bei den Zehnjährigen erreicht
von Bernd Weiler
Tokio - Der Markt für Yen-Anleihen steckt in Turbulenzen. Der seit Anfang April geltende Staatshaushalt muss mit neuen Anleihen über insgesamt 36,45 Bio. Yen (264 Mrd. Euro) finanziert werden - ein Rekord. Hinzu kommt, dass die Zentralbank im Kampf gegen die Deflation dem Geldkreislauf kräftig Liquidität zuführt.
Doch "Rekordverschuldung und hoher Bargeldumlauf sind im Anleihegeschäft derzeit nur sekundäre Marktfaktoren", meint Kasuhiko Ishida. Von den Staatsfinanzen und der Emission neuer Anleihen sieht der Chefvolkswirt des Japan Economic Research Center mittelfristig keine Gefahren ausgehen. "Angesichts des immensen Sparvolumens gibt es auch bei niedrigsten Renditen genügend Käufer für Yen-Bonds", sagte Ishida: "Japaner, die das Risiko scheuen, kaufen Staatsanleihen oder legen ihr Geld auf ein Postscheck-Konto." Tatsächlich hat Japan noch keine Risikoaufschläge zu zahlen.
In der vergangenen Woche stürzte die Rendite für zehnjährige Staatstitel auf ein Rekordtief von ,43 Prozent. "Der Markt war klar überkauft", meint Ishida, der über die Ursachen dieses Phänomens noch rätselt: "Vielleicht war es eine Art Fluchtbewegung der Anleger, die jetzt, da die Aktienmärkte weltweit wieder steigen, der Nikkei über 9100 Punkte liegt, wieder nachlässt."
Am Donnerstag hatten sich die Rendite der Zehnjährigen bis auf ,685 Prozent erholt, zum Wochenschluss pendelte sie sich bei ,58 Prozent ein.
Wer kauft eigentlich zehnjährige Anleihen, die jährlich nur ein halbes Prozent Rendite bringen? "Institutionelle japanische Investoren, Lebensversicherungen und Pensionsfonds, die ultimative Quelle dieser Anlagen sind aber meistens die privaten Haushalte, für die diese Investoren das Geld verwalten", sagt Ishida: "Die Nachfrage ist nach wie vor stark". Der Volkswirt verweist dabei abermals auf das private Sparvermögen der Japaner, rund 1,3 Trillionen Yen, umgerechnet 9,4 Billionen Euro.
Die treuesten Kunden der Yen-Anleihen sind die Einheimischen, die bislang gut 90 Prozent der Staatsverschuldung tragen. Sie zeichnen die Anleihen, denn auf gewöhnliche Sparkonten gibt es derzeit weniger als ,03 Prozent Zins. Außerdem werden die privaten Anleger vom Tokioter Finanzministerium gerade stärker umworben, mit einer "Staatsanleihe für den Einzelhandel", die direkt an die Privatkundschaft verkauft wird. Die Renditekurve für Yen-Anleihen wird immer flacher. Für nur geringfügige Steigerungen seien die Anleger mehr und mehr bereit, längere Laufzeiten zu kaufen, sagte Hideki Goto von Goldman Sachs in Tokio. Selbst die dreißigjährige Staatsanleihe ist in den vergangenen Tagen unter das Niveau von ein Prozent Rendite gefallen. Wer mehr will, in Anleihen und im Yen bleiben will, muss sich auf Industrieschuldverschreibungen einlassen. An diesem Markt steigt das Emissionsvolumen: Papiere für insgesamt fast 20 Mrd. Euro sind allein im Mai und Juni von japanischen Unternehmen begeben worden. Eine neue dreijährige Anleihe von Mitsubishi Materials Corp. bringt immerhin gut 1,2 Prozent.
Artikel erschienen am 21. Jun 2003
