
In Europa wird's noch kälterVon Ben Steverman
16. Januar 2009 Europas Klima wird für Anleger zunehmend ungemütlich - und lässt vermuten, dass die Weltwirtschaft auch im Neuen Jahr vor Turbulenzen nicht gefeit sein wird.
Am 14. Januar stürzten die europäischen Aktien ab, nachdem von europäischen Banken und Industriebetrieben wieder einmal nur Hiobsbotschaften zu vernehmen waren. Der französische Aktienindex CAC 40 und der deutsche Dax fielen um jeweils 4,6 Prozent, und der Wert des Londoner Kursindex FTSE 100 sank um 5 Prozent.
Kreditwürdigkeit verschiedener europäischer Staaten wird hinterfragt
Doch nicht nur die Kapitalmärkte waren im Stress. Die Ratingagentur Standard & Poor's sah sich veranlasst, die Kreditbewertung von Griechenlands Staatsschulden von A auf A- zu senken. „Die fortlaufende Weltwirtschafts- und Finanzkrise hat unserer Ansicht nach die zugrunde liegende Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit von Griechenlands Wirtschaft noch verschärft“, hieß es in einer Erklärung von S&P. Und dabei hatte die Agentur schon zu Anfang der Woche nicht ausgeschlossen, das Schuldenrating Spaniens und Portugals unter Umständen ebenfalls nach unten zu korrigieren.
Noch zu Beginn der Finanzkrise hegten viele Anleger die Hoffnung, dass Europa im Vergleich zum Rest der Welt besser abschneiden würde. Schließlich hatte Europa weniger Staatschulden als die Vereinigten Staaten, wo die Subprime-Krise ihren Ausgang nahm. Im Vergleich mit den Schwellenländern bot Europa geringere Risiken und eine höhere Finanzstabilität - so glaubte man damals zumindest.
Und dann kam wieder einmal alles ganz anders. Auch Europas Wirtschaft begann auszubluten, und die Kapital- und Kreditmärkte erlitten immer mehr Verluste.
In vielen Teilen Europas herrschen inzwischen „amerikanische Probleme“: das heißt, zu viele Schulden, meint Christopher Potts, Chef der Abteilung Wirtschaft und Strategie bei C.A. Cheuvreux. Viele Staaten wie Großbritannien, Irland und Spanien mussten erleben, wie ihre Immobilienträume platzten. Italien und Griechenland häuften gigantische Staatsschulden an.
Deutschland spürt die Folgen des kollabierenden Welthandels
Deutschland, Europas größte Wirtschaft, konnte zwar eine sehr hohe Verschuldung bislang vermeiden, wurde aber aufgrund seiner hohen Exportabhängigkeit vom globalen Konjunkturrückgang hart getroffen. „Deutschland erlebt derzeit einen schrecklich kalten Winter, weil der Welthandel kollabiert“, sagt Potts.
Für amerikanische Anleger, die nach schönen Anlegeplätzen für ihr Geld suchen, bleibt Europa also noch immer, wenn nicht Terra incognita, so doch geheimnisvolles Terrain.
Gar keine Frage: Die europäischen Wertpapiere sind kostengünstig und bieten die weltweit großzügigsten Dividenden, meint Alexander Young, Equity-Stratege bei Standard & Poor's Equity Research. Der Aktienindex S&P Europe 350 hat einen Dividendenertrag von 5,5 Prozent - mehr als doppelt so viel wie Amerikas S&P 500. Wenn die Aktien ins Schlingern geraten, „wird man fürs Warten bezahlt“, sagt Young. Die europäischen Aktien sind überdies auch auf Bewertungsbasis sehr kostengünstig. Sie werden schließlich im Durchschnitt zum neunfachen geschätzten Jahresgewinn von 2009 gehandelt -, in den Vereinigten Staaten dagegen zum zwölffachen, so Young.
„Und da liegt das Problem: Die Aktien [in Europa] sind nicht ohne Grund so billig“, fügt Young hinzu.
Kommt die Wirtschaft der Vereinigten Staaten rasch wieder auf die Beine ...
Dass Europas Aktien nun zum Vorzugspreis zu haben sind, liegt wohl zum Teil auch an der Wirtschaft der Region, die, jetzt schon schwach, noch immer schwächer wird.
Natürlich, auch der Wirtschaft der Vereinigten Staaten geht es nicht besonders gut - auch sie ist momentan in schlimmen finanziellen Nöten -, doch glauben viele Profi-Anleger und Analysten, dass sie sich noch vor Europa wieder erholen wird. Schließlich ist sie wesentlich eher in die Talsohle gerutscht und könnte deshalb wohl auch eher wieder über den Berg kommen.
Laut Wasif Latif, Portfoliomanager bei Vereinigten Staaten A, belaufen sich die riesigen Verluste bei amerikanische Banken auf das Doppelte der Abschreibungen bei Europäischen Banken. Doch „von den Europäern kommt bestimmt noch mehr“, sagt er. So fielen etwa die Aktien der Deutschen Bank am 14. Januar um 9 Prozent, nachdem das große deutsche Finanzinstitut einen Verlust von 6,3 Milliarden Dollar im vierten Quartal hinnehmen musste.
Aus Angst vor einer Ausweitung der Inflation konnte sich die Europäische Zentralbank erst dann zu einer Senkung ihres Leitzinses durchringen, als die Federal Reserve den Zinssatz ihrerseits schon längst gesenkt hatte, um die Wirtschaft anzukurbeln. „Diese Untätigkeit war praktisch eine Garantie für eine lange und tiefe Rezession [in Europa]“, konstatiert Uri Landesman, Leiter der Abteilung für internationale Wachstumswerte bei ING Investment Management. Die Europäische Zentralbank senkte am 4. Dezember ihren Referenzzinssatz um 50 Basispunkte und wird am 15. Januar wohl weitere Kürzungen vornehmen.
Natascha Gewaltig, Leiterin der Abteilung Europäische Wirtschaft bei Action Economics, sieht Europas Wirtschaft in einer rasanten Talfahrt begriffen. „Derzeit müssen die Wachstumsprognosen fast jede Woche nach unten korrigiert werden“, sagt sie. Trotz vergleichsweise niedriger Zinssätze verleihen die Banken kein Geld mehr - und bescheren Firmen und Konsumenten damit gleichermaßen „extreme Kreditengpässe“.
... und erholt sich schon in der zweiten Jahreshälfte?
Wie viele andere Anleger prognostiziert Jim Moffett, Manager des UMB Scout International Funds, der Wirtschaft der Vereinigten Staaten für das zweite Halbjahr von 2009 eine Erholung - die in Europa nicht vor Jahresende zu erwarten ist, glaubt er. „Die Kette von Problemen reißt so schnell nicht ab“, so Moffett.
Hoffnung auf eine Erholung der Wirtschaft der Vereinigten Staaten verspricht das beherzte Eingreifen der Regierung - in Form von liquiditätssteigernden Maßnahmen der Fed einerseits und ernstzunehmenden staatlichen Finanzspritzen andererseits. Dagegen hält Gabriel Stein von Lombard Street Research die bereits verteilten Finanzpakete der europäischen Regierungen für ungenügend. Gerade Länder mit einer geringen Verschuldung sollten sehr viel mehr investieren, um die europäische Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen, so Stein. Und sollte Europas Wirtschaft ihre Talfahrt ungebrochen fortsetzen, werden sie diesen Schritt wohl ohnehin gehen müssen.
So groß Europas Schwierigkeiten auch sein mögen - dem Rest der Welt geht's nicht viel besser. „Die ganze Welt ist jetzt im Stress“, sagt Chad Deakins, Manager des Ridgeworth International Equity Funds. Und weil sie ihm großzügige Dividenden und starke Bilanzen bieten, kauft Deakins trotz aller Probleme weiterhin Aktien europäischer Firmen - und nach Möglichkeit nicht die der Schwellenländer.
Gewinnen auch die Schwellenländer ihre Dynamik zurück?
Ganz anders denkt Wasif Latif von USAA. Er meidet die Aktien Europas, das derzeit kein Wachstum verzeichnet, zugunsten der Schwellenländer, die immer noch wachsen, wenn auch nur relativ langsam. Den Schwellenländern prognostiziert er einen Aufschwung, der einsetzt, sobald „man das Gefühl hat, dass das Schlimmste vorbei ist“ -, und sobald sich die Weltwirtschaft und die Finanzsysteme stabilisieren.
Für amerikanische Anleger spielt der Dollar eine wichtige Rolle. Je stärker der Dollar, desto geringer die Renditen von Anlegern in Übersee, und je schwächer der Dollar, desto höher die internationalen Renditen. Seit Mitte 2008 hat der Dollar zunehmend an Stärke gewonnen, da die Anleger ihr Geld zunehmend in den sicheren Staatsschulden 'parkten'. Noch ist nicht klar, ob dieser Trend anhalten wird - wenn sich zum Beispiel die Wirtschaft der Vereinigten Staaten bis zur Jahresmitte erholen wird -, oder ob er sich umkehrt, wenn das Geld aus den Schatzkammern zurückfließt und die Weltwirtschaft sich erholt.
Für Anleger in Europa und dem Rest der Welt kommt es vor allem darauf an, ob es den Regierungen mit ihren regulierenden Maßnahmen gelingt, die Wirtschaft und die Finanzsysteme zu stabilisieren. „Alles steht und fällt derzeit mit dem Vertrauen“, meint Natascha Gewaltig. Doch leider wird es wohl noch einen Weile dauern, bis die Finanzspritzen wirken, sagt sie.
Da die Genesungsdauer aber derzeit so schwer einzuschätzen ist, werden Anleger wohl auch in den kommenden Monaten keine allzu große Lust auf Tête-à-têtes mit europäischen Investments haben.
Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.
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