PrimaCom
Machtwechsel nach turbulenter HV
Auf der Hauptversammlung der PrimaCom AG am 08. Juni
2004 sollten die Aktionäre nach den Vorstellungen der Verwaltung
umfangreiche Beschlüsse fassen, die de facto zu ihrer
Enteignung geführt hätten. Es sollte das operative Geschäft
inklusive der Schulden auf eine von J. P. Morgan und der Apollo
Management beherrschte Gesellschaft übergehen. Für die
Aktionäre sollten nach Durchführung der Transaktion im Bestfall
0,25 Euro je Aktie übrigbleiben, die nach der Liquidation
in ungefähr zwei Jahren ausgezahlt werden sollten.
Die Vorstände Jens Kircher und Stefan Schwenkedel waren
nach Ansicht der SdK „gekauft“ und sollten durch einen üppigen
„Restrukturierungsbonus“, eine millionenschwere Beteiligung
am neuen, entschuldeten Unternehmen, und nicht
zuletzt durch die Fortführung ihrer Verträge in hohem Maße
profitieren. Mit der Drohung der unmittelbaren Insolvenz sollten
Aktionäre erpresst werden, den Verträgen zuzustimmen,
da sie sonst alles verlieren würden. Die Hauptversammlung,
deren Beschlüsse erst um 00.20 Uhr verkündet wurden, verlief
jedoch nicht nach diesem Plan.
Fragwürdiges Gutachten
Um das Insolvenzszenario zu unterstreichen, zauberte der Vorstand
ein „Überschuldungs-Gutachten“ aus dem Hut, von dessen
Erstellung auch der Aufsichtsrat bis zum Tag der Hauptversammlung
nichts wusste. Erstellt wurde das nur 11 Seiten
umfassende Papier, das bei der HV auslag, von einer nach
Aussagen des Vorstands „in Bewertungsfragen renommierten
amerikanischen Gesellschaft“ mit dem Namen Kane Reece.
Tatsächlich sind das Renommée und die Expertise der
Firma eher fraglich. Von wem genau das Gutachten erstellt
wurde, blieb unbekannt, da es handschriftlich, quasi als Unterschrift,
lediglich mit dem Unternehmensnamen gekennzeichnet
war. Die American Appraisal Associates, eine sehr
große unabhängige Beratungsgesellschaft, wirft Kane Reece
derzeit öffentlich „Unzuverlässigkeit“ vor. Welche Erfahrung
die Gesellschaft bei der Bewertung von Kabelfirmen in Deutschland
hat, ist fraglich. Schon auf den ersten Blick weist das Gutachten
Fehler und fragwürdige Bewertungsmethoden auf, so
dass der auf der Hauptversammlung gewonnene Eindruck, es
handle sich hierbei wohl um ein bestelltes Gefälligkeitsgutachten,
in den Reden der Aktionäre laut geäußert wurde.
Nach einer stundenlangen hitzigen Diskussion konnten,
dank der Mobilisierung zahlreicher freier Aktionäre durch die
SdK, bei den Abstimmungen entscheidende Weichenstellungen
für eine nun mögliche Zukunft der Gesellschaft geschaffen
werden. Die Abstimmung ergab als wichtigste Punkte:
■ Die Verkaufspläne und die Liquidierung der Gesellschaft
wurden abgelehnt.
■ Die Mehrheit der Hauptversammlung entzog dem Vorstand
in einem eigens hierfür gestellten Antrag das Vertrauen.
■ Statt zweier von der Verwaltung vorgeschlagener Aufsichtsräte
wurden Markus Straub für die SdK und Wolfgang
Preuss, der mit noch fast 15% beteiligte Unternehmensgründer,
gewählt.
■ Einem von der SdK gestellten Sonderprüfungsantrag wurde
mit Mehrheit der HV stattgegeben.
Vorstandswechsel bringt schnell Klarheit
Der neue Aufsichtsrat hat wenige Tage nach der HV in seiner
ersten Sitzung als Umsetzung des Vertrauensentzugs durch die
Versammlung den Vorstand mit sofortiger Wirkung abberufen.
Als neue Vorstände wurden Hans Werner Klose und Toni Merin
bestellt. Nach nur einer Woche konnten die neuen Vorstände
mitteilen, dass das Insolvenzszenario tatsächlich lediglich konstruiert
war und „keine akute Insolvenzgefahr vorliegt.“
Fazit: Der dreiste Übernahmecoup zu 0,25 Euro konnte durch
die SdK verhindert werden. Der Aktienkurs stieg um mehr als
das Vierfache. Da die Unternehmenssituation problematisch
und angespannt bleibt, sollten risikoscheue Anleger die derzeit
erzielbaren Kurse zum Ausstieg nutzen. Gelingt die Restrukturierung
nachhaltig, kann sich der Aktienkurs künftig noch
vervielfachen.