Portfolio-Manager investieren wieder gezielt in Standardaktien
Seit den Terroranschlägen in der USA ist nichts mehr wie früher - auch für Anleger. Wie ein Damoklesschwert hängen die neuen Terrordrohungen islamistischer Extremisten über den westlichen Nationen. Sollte nach den militärischen Angriffen der USA auf Afghanistan eine Spirale der Gewalt entstehen, würde die Gefahr einer weltweiten Rezession weiter wachsen. Viele Privatanleger und Vermögensverwalter haben deshalb inzwischen in ihren Depots den Aktienanteil zu Gunsten sicherer Anleihen reduziert.
Andauernde Auseinandersetzung wird zur Belastung
Der Terror hat auf brutale Weise die Verwundbarkeit der auf Mobilität und Globalisierung fixierten westlichen Welt gezeigt. Allein schon die Flugausfälle nach den Anschlägen verursachten wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe, weil Meetings oder Konferenzen nicht zu Stande kamen und Lieferausfälle ganze Produktionsstraßen stilllegten. “Der Trend zur Globalisierung wird einen Rückschlag erleiden”, konstatiert Martin W. Hüfner, Chefvolkswirt der HypoVereinsbank, in seiner aktuellen Studie. Er prognostiziert negative Auswirkungen auf den internationalen Handel, den globalen Kapitalverkehr und die Mobilität im Arbeitsleben.
Auch Gerd Haßel ist davon überzeugt, dass die Ereignisse in den USA einen Aufschwung der US-Wirtschaft und damit auch Kurserholungen an den internationalen Aktienbörsen in weite Ferne rücken ließen. “Lang andauernde gewalttätige Auseinandersetzungen würden das weltwirtschaftliche Wachstum massiv belasten”, gibt der volkswirtschaftliche Analyst der BHF-Bank zu bedenken. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gleichfalls die Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum bereits deutlich gesenkt. Von den eingetrübten Aussichten sind vor allem die Branchen betroffen, deren Wohlergehen von einer florierenden Weltwirtschaft abhängt - wie etwa Halbleiterhersteller oder Luxusgüter-Produzenten.
Verschiebung auf sichere Anlagen
Einige Vermögensverwalter haben jedoch schon vor Monaten damit begonnen, den Schwerpunkt im Depot von Aktien auf Anleihen zu verschieben. “Seit 18 Monaten haben wir es mit einer schleichenden Baisse an den internationalen Aktienbörsen zu tun”, sagt Iris Albrecht, Vorstandsmitglied des Münchener Vermögensverwalters PEH Fondskapital AG. Deshalb seien zum Zeitpunkt der Attentate die Depots bereits eher sicherheitsorientiert ausgerichtet gewesen, erläutert die Vermögensverwalterin. In dieses Bild passt auch das Ergebnis einer Umfrage der Fonds-Ratingagentur Morningstar unter den sechs größten deutschen Fondsgesellschaften. Je nach Gesellschaft flossen bis zu drei Viertel der Kundeninvestitionen seit Jahresbeginn in Geldmarkt- und Rentenfonds.
Wenn es um die Frage geht, ob nach der jüngsten Kurserholung der Einstieg in Aktien aussichtsreich ist, üben sich die Experten in Zurückhaltung. “Wir investieren zwar wieder in Aktien, aber wir sind sehr vorsichtig und konzentrieren uns auf defensive Standardwerte”, meint Iris Albrecht. Bei Versorgungsunternehmen sowie Telekommunikationswerten mit solider Finanzausstattung hält sie ein Investment durchaus für sinnvoll. Einen großen Bogen macht sie hingegen um Airline- und Versicherungsaktien. Hier sei die Lage derzeit noch zu unsicher, da bei Fluggesellschaften eine Erholung noch nicht absehbar und bei Versicherungen das ganze Ausmaß der Schäden noch nicht durchkalkuliert sei.
Anleger sind kritischer geworden
Jörn Becker, Teamleiter für die Aktien- und Rentenstrategie der Commerzbank, hat im Kundenkreis die unterschiedlichsten Reaktionen auf die Geschehnisse in den vergangenen Wochen beobachtet. “Die Bandbreite reichte vom Panikverkauf bis zum aggressiven Aktieninvestment nach der Devise ‚Kaufen, wenn Kanonen donnern‘”, schildert Becker. Die meisten Aktienanleger seien in der jüngsten Vergangenheit jedoch deutlich kritischer bei der Auswahl ihrer Titel geworden, meint Becker, der trotz der aktuellen Verunsicherung die Aktie auch weiterhin für langfristig attraktiv hält. “Wenn Konjunktur und Weltpolitik keine bösen Überraschungen bringen, rechne ich im nächsten halben Jahr mit einem deutlichen Anstieg der Kurse.”
Wie schnell sich die Börse erholen kann und Aktieninvestments wieder mittelfristige Gewinne bringen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie stabil die Allianz gegen den Terror ist und wie schnell Erfolge im Kampf gegen verbrecherische Netzwerke verzeichnet werden können. Wenn wichtige US-Verbündete wie Pakistan oder Saudi-Arabien aus Angst vor extremen Islamisten im eigenen Land einen Rückzieher machen, könnte die Front gegen den Terror rasch bröckeln. Diese Gefahr wächst, je länger der Kampf gegen Verbrecher ohne nennenswerte Erfolge bleibt. Damit sind Anleger derzeit gut beraten, trotz der zurzeit niedrigen Zinsen eher in sichere Zinspapiere zu investieren und Aktien vorsichtig und sorgfältig auszuwählen.