PC-Absatz geht erstmals zurück
Von Joachim Zepelin, San Francisco
Die Aussichten auf eine schnelle Besserung für den Computermarkt haben sich in der vergangenen Woche weiter verdunkelt.
Die größten Unternehmen der Branche brachten das Stimmungsbarometer mit ihren Gewinn- und Umsatzprognosen auf einen Tiefstand. Außerdem sank der Absatz von Rechnern im vergangenen Quartal zum ersten Mal in der Geschichte der Computerindustrie im Jahresvergleich, berechneten amerikanische Marktforschungsunternehmen.
Auch für die nächsten Quartale sieht es nicht rosig aus. Ein ernstes Signal lieferte der Softwarekonzern Microsoft. Das Unternehmen fürchtet, im laufenden Quartal die Erwartungen der Analysten nicht erfüllen zu können, vor allem auf Grund der Nachfrageschwäche nach Desktop-Rechnern. Im vergangenen Quartal arbeitete das Unternehmen aber noch profitabel: Microsoft legte vergangene Woche wieder die zuverlässig sprudelnden Gewinne aus dem operativen Geschäft vor, die dank der Marktmacht des Unternehmens von jeder Krise unberührt zu bleiben scheinen. Wenn die PC-Hersteller weniger Rechner losschlagen, dann verkauft der Softwareriese teurere Versionen seiner Programme. Von 6,6 Mrd. $ Quartalsumsatz blieben unter dem Strich - ausschließlich 2,62 Mrd. $ Abschreibungsverlusten auf Investitionen - 2,75 Mrd. $ Gewinn .
Neue Computer auf Halde
Nach den Untersuchungen der Marktforscher von IDC kauften sich weder Verbraucher noch Geschäftskunden im derzeitigen Preiskampf der Hersteller neue Computer. IDC zufolge sanken die Computerverkäufe von April bis Juni um 7,2 Prozent gegenüber dem ersten Quartal des Jahres. Mit 30 Millionen Rechnern wurden weltweit zwei Prozent weniger Computer abgesetzt als im Jahr davor. Gartner prognostizierte mit einem Rückgang von 1,9 Prozent ein ähnliches Ergebnis.
Als Hauptverantwortlichen für das Minus machen die IDC-Forscher diesmal den japanischen Markt aus, der nach 30 Prozent Wachstum im vergangenen Jahr nun stagniert. Die USA blieben unterdessen der schwächste Markt mit einem Minus von 8,1 Prozent im Jahresvergleich. "Unternehmen geben nur vorsichtig Geld aus", und Verbraucher seien ebenfalls nicht kauffreudig genug, sagt Roger Kay. Doch der IDC-Direktor sieht einen Hoffnungsschimmer. Zum Jahresende könnte es dank Weihnachtsgeschäft und der Veröffentlichung des neuen Betriebssystems von Microsoft, Windows XP, langsam wieder aufwärts gehen.
Dell legt zu
Computerhersteller Dell, der in diesem Frühjahr Compaq die Spitzenstellung unter den PC-Herstellern durch seine aggressive Preispolitik abgenommen hatte, konnte im abgelaufenen Quartal seinen Marktanteil laut der Unternehmensberatung Gartner weiter um 20 Prozent ausdehnen. Alle Wettbewerber mussten Verluste hinnehmen - nicht nur beim Marktanteil, auch bei Umsatz und Gewinn. In Zeiten sinkender Preise für Zulieferteile funktioniere das Internet gestützte Produktionsmodell von Dell am besten, erklären die Analysten der Gartner Group.
Unternehmenschef Michael Dell rühmte sich in der vergangenen Woche, dass sein Unternehmen den Preiskampf gewinnen werde und trotzdem wie geplant Gewinne erwirtschaftet. Die Gartner-Experten sind aber skeptisch. Die Computerindustrie müsse die üblichen Leistungssteigerungen bei sinkenden Preisen aufgeben.
Andere Konzepte finden
"Die alte Strategie kostet Geld", schreiben die Analysten in ihrer Marktanalyse und schlagen andere Konzepte vor. Die Branche sollte besser billige Zweit- oder Drittcomputer anbieten, die sich leicht in Heimnetzwerke integrieren lassen, um neue Kunden zu gewinnen.
Am härtesten traf es in der vergangenen Woche Gateway, dessen Umsatz im Jahresvergleich um ein knappes Drittel auf nur noch 1,5 Mrd. $ schrumpfte. Analysten waren bis zuletzt von Einnahmen in Höhe von 1,9 Mrd. $ ausgegangen. Das Unternehmen hatte damit geworben, es werde jeden Preis unterbieten. Diese Strategie kostete Gateway in den vergangenen drei Monaten 21 Mio. $ oder 6 Cent Verlust pro Aktie. Anleger straften die Computerbauer dafür am Freitag mit Abschlägen auf den Aktienpreis von 25 Prozent auf 10,99 $, den tiefsten Wert des Unternehmenskurses seit November 1996.
Auch der Hersteller von leistungsfähigen Computern für Unternehmen, Sun Microsystems, gerät ins Trudeln. Das Silicon-Valley-Unternehmen, das mit Servern während des Internet-Booms zu den erfolgreichsten der Branche gehörte, berichtete am Donnerstag nach Börsenschluss vom ersten Verlust seit zwölf Jahren. Ohne Sonderabschreibungen blieb ein Ertrag von 4 Cent pro Aktie, der Umsatz fiel im Jahresvergleich um 1 Mrd. $ auf 4 Mrd. $.