In Osteuropa läuft der Motor heiss
Fondsmanager Günter Faschang glaubt an hohes Wirtschaftswachstum bis zur Euro-Einführung im Jahr 2010
Die Wirtschaft der osteuropäischen Länder wuchs im vergangenen Jahr doppelt so stark wie jene der alten EU-Mitgliedstaaten. Das verlieh den Osteuropa-Fonds von Günter Faschang von der Bank Vontobel Flügel. Der weltbeste Fondsmanager sieht im Konsum den Hauptmotor.
«Bund»: Herr Faschang, hat die Auszeichnung «bester Fondsmanager weltweit» Ihr Leben verändert?
Günter Faschang: Für mich persönlich hat sich nichts verändert. Ein interessanter Nebeneffekt war jedoch die Einladung des österreichischen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel. Er hatte aus der Zeitung erfahren, dass ich diese Auszeichnung bekommen habe.
Sie haben den Preis im Alter von 33 Jahren erhalten. Wie heisst Ihr Erfolgsrezept?
Ich habe mich in der Praxis sehr stark an den weltbesten Fondsmanagern orientiert und geschaut, wie die es machen. Entsprechend
«Oft besteht das Problem darin, dass Manager aus dem Bauch heraus entscheiden. Das gilt es zu vermeiden.»
habe ich viel gelernt. Das ist wie im Sport. Wenn ein junger Skifahrer ins österreichische Nationalteam aufgenommen wird, schaut er auch zunächst, wie Hermann Maier oder Stefan Eberharter trainieren.
Vergleichen Sie Ihre Arbeit mit Leistungssport?
Ja, schon. Ich war zwar nie ein Leistungssportler, dazu hat es nicht gereicht. Aber ich war im Wettbewerbssport aktiv, vor allem mit Joggen und im Tennis. Mir macht es Spass, in der Rangliste nach vorne zu kommen und mich der Konkurrenz zu stellen.
Was macht sonst noch einen Menschen zu einem guten Fondsmanager?
Entscheidend für die Arbeit ist der Aufbau eines systematischen Ansatzes, an den man sich diszipliniert hält. Oft besteht das Problem darin, dass Manager aus dem Bauch heraus entscheiden. Das gilt es zu vermeiden. Natürlich profitiere ich vom Umstand, dass die Märkte in Osteuropa noch nicht lange existieren. Ich decke fast alle Unternehmen seit ihrem Börsengang ab. Wäre ich Manager eines US-Aktienfonds, wäre ich auch nach zehn Jahren noch Junior, denn da gibt es Leute, die schon 40 oder 50 Jahre im Markt aktiv sind.
Sie haben den Preis als bester Fondsmanager erhalten. Ist aber die Kursentwicklung eines Fonds nicht das Ergebnis eines Teams?
Natürlich. Das habe ich auch nie in den Hintergrund gestellt. In meinem Team waren über die letzten fünf Jahre immer zwei Seniors und ein Junior dabei. Die Entscheide treffe letztlich aber immer ich.
Oft wird kritisiert, dass bei aktiv gemanagten Fonds die Gebühren hoch sind. Was spricht für diese Fonds im Gegensatz zu passiv gemanagten Fonds?
Aktiv gemanagte Fonds sind tatsächlich teurer als Indexfonds. Man darf aber nicht vergessen, dass die passiven Fonds ebenfalls etwas kosten. Wegen ihrer Kosten schlagen Indexfonds im Durchschnitt den Börsenindex nicht. Entscheidend ist, dass die aktiv gemanagten Fonds eine grosse Spannbreite aufweisen. Es gibt sehr gute und es gibt sehr schlechte Fonds. Das gibt dem Anleger wiederum die Chance, mit einem höheren Risiko eine bessere Performance zu entwickeln.
Wie sieht ein Arbeitstag eines Fondsmanagers aus?
Der Tag beginnt mit der Durchsicht von über 100 E-Mails. Der Schwerpunkt des Tages liegt dann in der Analyse von Unternehmen. Wir haben ausserdem viele Besuche von Analysten und besonders auch von Unternehmen. Die osteuropäischen Unternehmen veranstalten regelmässig Roadshows, und da ist Wien, nach London, der zweite Zielort, zumal in Wien nach London die meisten Osteuropafonds verwaltet werden.
Die Unternehmen kommen mehrheitlich zu Ihnen und nicht umgekehrt?
Nein, grösstenteils besuchen wir die Unternehmen an ihrem Hauptsitz.
Im Schnitt wuchsen die acht osteuropäischen EU-Neumitglieder vergangenes Jahr um fünf Prozent. Das ist doppelt so viel wie die alten EU-Mitgliedstaaten. Wie lange läuft der Wachstumsmotor noch?
In den neuen EU-Ländern wird das Wachstum noch bis zur Euro-Einführung im Jahr 2010 hoch bleiben. Es hat sich an Beispielen wie Griechenland, Spanien, Portugal und Italien gezeigt, dass die Wirtschaft in der Phase vor der Euro-Einführung am stärksten wuchs. Manche kleineren Länder wie Estland, Litauen und Slowenien werden die Euro-Einführung im Gegensatz zu Tschechien, Polen und Ungarn vermutlich schon früher schaffen.
Welche Länder versprechen den höchsten Wachstumsschub?
In den nächsten Jahren wird der grosse Boom noch in Zentraleuropa über die Bühne gehen. Aber
«Der Konsum ist ein zentraler Motor für das Wirtschaftswachstum. Und er bleibt in dieser Region hoch.»
dann werden sich die hohen Wachstumsraten in Richtung Rumänien und Bulgarien verschieben. Denn das sind die nächsten grossen Investitionsziele, gefolgt von der Ukraine. Jetzt ist die Korruption in der Ukraine noch sehr gross, doch der politische Wechsel zum Besseren hat stattgefunden. Nach einschneidenden Reformen eröffnet sich ein weiteres Investitionsland mit 58 Millionen Einwohnern und Löhnen, die niedriger sind als in China.
Ein Blick auf die hohe Arbeitslosenquote in den neuen EU-Ländern lässt aber Zweifel an der Nachhaltigkeit des Wachstums aufkommen.
Die Arbeitslosigkeit sinkt dramatisch, aber der grosse Pool an günstigen Arbeitskräften ist nicht erschöpft. Die Ungarn haben allerdings bereits Probleme, ausländische Investoren nach Westungarn zu locken, weil dort Vollbeschäftigung herrscht.
Wie entscheidend sind die niedrigen Löhne für das hohe Wirtschaftswachstum in Osteuropa?
Die günstigen Arbeitskräfte sind eine treibende Kraft für diese Märkte. In Rumänien oder der Ukraine liegen die Löhne zwischen 100 und 150 Euro im Monat. In Deutschland zahlt die Industrie brutto um die 2000 Euro.
Was sind die weiteren treibenden Kräfte in Osteuropa?
Neben den niedrigen Löhnen sind auch die niedrigen Steuern massgebend. Ländern wie Deutschland, Frankreich oder Österreich wird es nichts nützen, den Spitzensteuersatz von 50 auf 47 Prozent zu senken, wenn in der Slowakei ein Einheitssteuersatz
«Durchschnittlich kommen in Osteuropa 150 Fahrzeuge auf 1000 Einwohner, in Westeuropa sind es 500, in den USA schon fast 1000.»
von 19 Prozent gilt, der in Rumänien 16 und in Russland und in der Ukraine je 13 Prozent beträgt.
Wird die konsumfreudige Haltung in Osteuropa anhalten?
Der Konsum ist ein zentraler Motor für das Wirtschaftswachstum. Und er bleibt in dieser Region hoch. Die Penetrationsraten für Konsumgüter sind noch sehr tief. Nehmen wir das Beispiel Automobilbranche. Durchschnittlich kommen in Osteuropa 150 Fahrzeuge auf 1000 Einwohner, in Westeuropa sind es 500, in den USA schon fast 1000. Die Leute wünschen sich neue Autos und das können sie sich jetzt leisten. Die Einkommen steigen, die Menschen können Kredite aufnehmen.
Herrscht in Osteuropa auch eine EU-Skepsis, wie sie in Westeuropa existiert?
Ein Misstrauen ist sowohl im Westen als auch im Osten vorhanden. Die Menschen haben allgemein das Gefühl, dass die EU-Politiker zu wenig auf die Bedürfnisse der Bevölkerung eingehen, und fürchten, dass Europa zu stark zentralisiert wird. Dennoch befürwortet die Bevölkerung in Osteuropa die EU als Institution. Denn das Beispiel Zentraleuropa zeigt, dass der EU-Beitritt schon sehr viel Stabilität und wirtschaftlichen Erfolg gebracht hat.
In Tschechien und Polen stehen die Abstimmungen über die EU-Verfassung noch an. Welche Bedeutung kommt ihnen zu?
Die EU-Verfassung ist in der gegenwärtigen Form wohl gestorben. Auch die Engländer werden sie mit grosser Wahrscheinlichkeit ablehnen. Für die Wirtschaft und die Börsen ist hingegen die wirtschaftliche Vereinigung Europas wichtig, und diese ist schon heute gegeben. Die EU-Verfassung mobilisiert vor allem jene Gegner, die befürchten, dass Europa nach dem Vorbild von Deutschland oder Frankreich zentralisiert wird. Ein solches Szenario könnte beispielsweise darin bestehen, dass die Gemeinschaft Osteuropa dazu zwingt, die Steuern zu erhöhen und höhere Sozialstandards einzuführen. Ein anderes Szenario könnte indes ebenso gut in einem liberaleren Wirtschaftssystem resultieren, etwa nach dem Vorbild von England oder Skandinavien.
Schwaches Wachstum im Euro-Raum
Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zum zweiten Mal ihre Wachstumsprognose gesenkt. Das Bruttoinlandprodukt in der Euro-Zone werde 2005 voraussichtlich nur um 1,4 statt 1,6 Prozent wachsen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet am Donnerstag in Frankfurt. Für 2006 wird nur noch mit 2,0 statt 2,1 Prozent Wachstum gerechnet.
Trichet betonte, die jüngsten Indikatoren zur Wirtschaftsaktivität zeigten insgesamt nach unten. Nach einem Wachstum von 0,5 Prozent im ersten Quartal habe sich die Entwicklung verlangsamt. Industrie und Konsum zeigten Zeichen von Schwäche. Trichet ging aber davon aus, dass die Konjunktur in den kommenden Monaten wieder anziehen werde.
Unveränderte Zinsen
Bei der Inflationsrate geht die Notenbank in diesem Jahr nun von 2 Prozent aus (bisher 1,9 Prozent), 2006 erwartet sie dann 1,5 Prozent (bisher 1,6 Prozent).
Ungeachtet wachsender Kritik liess die EZB die Zinsen in der Euro-Zone auf ihrem historischen Tiefstand. Der wichtigste Leitzins zur Versorgung der Kreditwirtschaft bleibe bei 2,0 Prozent, teilte der EZB-Zentralbankrat mit.
Politiker in Deutschland und Italien, Wirtschaftsverbände, Banken und Forschungsinstitute haben wiederholt Zinssenkungen gefordert, um mit billigen Krediten die Wirtschaft kräftiger anzukurbeln. (sda)
Weltbester Fondsmanager
Der 33-jährige Günter Faschang arbeitet seit Juli 2001 für die Bank Vontobel in Wien. Er ist Manager osteuropäischer Aktienfonds und leitet das Team Eastern European Equity (Osteuropäische Aktienmärkte). Ende 2004 kürte ihn die amerikanische Ratingagentur «The Ranking Service» zum weltbesten Fondsmanager.
Für die Bewertung war die Kursentwicklung aller von einem Manager geführten Fonds in den vergangenen fünf Jahren ausschlaggebend. Teilnahmeberechtigt waren alle Fondsmanager, die mindestens einen Fonds betreuten, der in den USA zum Vertrieb zugelassen ist. Faschang verwaltet zurzeit in vier Investmentfonds und einem externen Mandat Vermögenswerte von 400 Mio Euro. Der gebürtige Österreicher absolvierte an den Universitäten Innsbruck und Gainesville, USA, sein Wirtschaftsstudium. Es folgten Einsätze als Börsenmakler an der Frankfurter Wertpapierbörse und drei Jahre als Chefstratege und Ölsektoranalyst für osteuropäische Aktien bei der Erste Bank in Wien. Der begeisterte Sportler spielt Tennis und joggt regelmässig. Zweimal absolvierte er den Wien-Marathon. (nt)
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