Neuer Markt wird zum Tummelplatz für Verbrecher


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Neuer Markt wird zum Tummelplatz für Verbrecher

 
18.04.02 14:16
Von Oliver Wihofszki

Die unablässige Reihe von Skandalen am Neuen Markt bringt Wirtschaftsprüfer, Bankanalysten, die Deutsche Börse und sogar den Gesetzgeber in Erklärungsnot. Es stellt sich die Frage, was getan wird, um solche Skandale in Zukunft zu verhindern.

Klaus Pollmann sah das Gewitter schon am Freitag aufziehen. "Als Ceyoniq Insolvenzantrag stellte, war mir klar: Da kommt noch was." Am Montag bestätigten sich die Vermutungen des Oberstaatsanwalts aus Bielefeld. Aus dem Fax schob sich eine Anzeige gegen die beiden Ceyoniq-Vorstände. Der Vorwurf: Betrug.

Bereits am Nachmittag kamen die beschuldigten Manager bei Pollmann vorbei und stellten sich freiwillig. Seither sitzen Jürgen Brintrup und Thomas Wenzke hinter schwedischen Gardinen. Sie sollen Bilanzen manipuliert haben, um bei Banken Kredite zu erschleichen. Wenzke hat bereits gestanden. Den beiden droht eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Der Traum vom Software-Millionär endet wohl hinter Gittern.

Die Betrügereien bei Ceyoniq sind leider kein Einzelfall am skandalträchtigen Neuen Markt. Auch die Unternehmen Comroad und Phenomedia stehen unter dem dringenden Verdacht, bei ihrer Buchführung allzu kreativ vorgegangen zu sein. Der frühere Comroad-Chef Bodo Schnabel sitzt deshalb bereits seit Ende März im Knast. Er soll fast den kompletten Umsatz für 2001 in Höhe von 93,6 Mio. Euro mit Luftbuchungen über eine nicht existierende Firma in Hongkong vorgetäuscht haben.

Beim Spielehersteller Phenomedia, der einst die deutschen Büros mit dem legendären Baller-Spiel "Moorhuhn" eroberte, wurden Vorstandschef Markus Scheer und Finanzchef Björn Denhard vom Aufsichtsrat fristlos entlassen. Grund: frisierte Bilanzen. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und die Pleite des Unternehmens sind ausgesprochen wahrscheinlich.

Kontroll-Mechanismen versagen

Die Skandale am Neuen Markt bringen Wirtschaftsprüfer, Bankanalysten, die Deutsche Börse und sogar den Gesetzgeber in Bedrängnis. Warum wurden die Bilanzschwindeleien nicht entdeckt? Warum wird noch immer nichts getan, um solche Skandale in Zukunft zu verhindern?

Die Versäumnisse der Kontrollbehörden bezahlen Aktionäre und seriöse Firmen am Neuen Markt mit barer Münze: Der Ruf ist ruiniert, Investoren scheuen das Segment, die Kurse sinken, Geld geht verloren. "Es ist schade, aber der Neue Markt ist zu einem Tummelplatz für Verbrecher und Betrüger geworden", meint ein resignierter Händler.

Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) befürchtet schlimme Folgen, wenn nicht bald etwas passiert: "Die Betrügereien sind nicht nur eine Katastrophe für den Neuen Markt. Sie gefährden die gesamte Kapitalmarktkultur in Deutschland." Der Aktionärsschützer hat wenig Hoffnung, dass ein Ende der Skandale abzusehen ist: "Wir rechnen mit weiteren Betrugsfällen. Die Bilanzsaison hat ja gerade erst angefangen."

Anleger verunsichert

Das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt von Bilanzen hat stark gelitten - und damit das Vertrauen in die Wirtschaftsprüfer, die Geschäftsberichte von börsennotierten Unternehmen auf ihre Richtigkeit hin untersuchen. "Offensichtlich sind die Wirtschaftsprüfer dazu nicht in der Lage", sagt SdK-Vorstand Schneider. Besonders in der Schusslinie steht KPMG. Das renommierte Unternehmen prüfte sowohl bei Phenomedia als auch Comroad jahrelang die Bilanzen. Ohne dass irgendetwas auffiel.

Erst als die KPMG-Prüfer die Zahlen für 2001 untersuchten, wurden sie stutzig und verweigerten das Testat. Es besteht der Verdacht, dass die in den Vorjahren von KPMG abgenickten Abschlüsse ebenfalls fehlerhaft sind. Sonderuntersuchungen sollen jetzt Klarheit bringen.

Auch Bankanalysten haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Analysten von Dresdner Kleinwort Wasserstein oder AC Research empfahlen beispielsweise die Aktie von Phenomedia noch Ende März zum Kauf. Seither ist der Aktienkurs von Werten um die acht Euro auf unter einen Euro eingebrochen. Die Analysten hatten sich vom vorläufigen Jahresabschluss der Moorhuhn-Erfinder täuschen lassen. Offenbar wurde der dort angegebene Jahresumsatz von 25,7 Mio. Euro mit angeblichen Forderungen von 22,5 Mio. Euro künstlich aufgeblasen.

"Deutsche Börse viel zu passiv"

Die ehrwürdige Deutsche Börse muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie nicht reagiert. Mark Pohlmann, Sprecher des am Neuen Markt notierten Unternehmens Sinner Schrader, fühlt sich im Stich gelassen. "Die Börse ist viel zu passiv. Wir haben nicht das Gefühl, dass dort etwas gegen die Betrügereien getan wird."

Experten, wie der Analyst Marcus Blask von GBC Research, fordern jetzt schärfere Bilanzregeln und ein hartes Eingreifen des Gesetzgebers: "Wirtschaftsprüfer sollten genauso wie auch Vorstände oder Aufsichtsräte strafrechtlich verfolgt werden können. Zudem müssen die Rechtsgrundlagen für Schadensersatzforderungen schnellstens verbessert werden." Dann, so Blasks Hoffnung, läge die Hemmschwelle für Betrügereien höher, und die verunsicherten Aktionäre hätten bessere Chancen, bei betrügerischen Firmenpleiten wenigstens einen Teil ihres Geldes einzuklagen.



© 2002 Financial Times Deutschland  
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vega2000:

Mafiamethoden am Neuen Markt

 
18.04.02 15:56

Immer mehr Skandale am Neuen Markt
Plötzlicher Eifer bei alten Ungereimtheiten


In dieser Bilanzsaison begutachten Wirtschaftsprüfer die Zahlen genauer als üblich – prompt kommen viele Verfehlungen ans Licht

München – Fehlerhafte Bilanzen, Scheingeschäfte und Verhaftungen – die Reihe skandalöser Vorgänge am Neuen Markt scheint kein Ende zu nehmen. Als Hauptgrund für diese Häufung nennen Beobachter, dass in der laufenden Bilanzsaison die Wirtschaftsprüfer genauer hinsehen als zuvor üblich.

In dieser Woche erklärte Phenomedia, der Hersteller des bekannten Computerspiels „Moorhuhnjagd“, dass die bereits vorgelegten Bilanzzahlen für das Jahr 2001 möglicherweise fehlerhaft sind. Der Vorstandsvorsitzende und der Finanzvorstand wurden entlassen. Beim Softwarehaus Ceyoniq, das früher „CE Computer Equipment“ hieß, landeten die beiden dortigen Vorstandsmitglieder sogar in Haft. Sie sollen mit Luftgeschäften Bankkredite in zweistelliger Millionenhöhe erschlichen haben (SZ vom 17. April). Schon Ende März festgenommen wurde der ehemalige Vorstandschef der Telematik-Firma Comroad. Er steht unter dem Verdacht des Kursbetruges und soll mittels gefälschter Umsatzzahlen die Notierung nach oben getrieben haben. In den vergangenen Wochen gab es noch weitere Skandale am Neuen Markt: Das Softwarehaus Gauss Interprise entdeckte nach eigenen Angaben, dass ein leitender Vertriebsmitarbeiter einen Großauftrag gefälscht hat. Und die Film-Firma Advanced Medien vermutet, dass es bei ihr in den Jahren 1999 und 2000 „Scheingeschäfte“ gegeben hat.

Man sollte „nicht alle Fälle über einen Kamm scheren“, meint Rainer Mauer von der Emissionsberatung ipo-management. So scheine bei Comroad ein erhebliches Maß an krimineller Energie vorzuliegen. Es gebe keine Hinweise darauf, dass es sich beispielsweise bei Phenomedia – die Firma wurde beim Börsengang von ipo-management beraten – ebenso verhalte. Generell sieht Mauer einen Hauptgrund dafür, warum es derzeit so viele Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gibt: „In den vergangenen Wochen sollten die Wirtschaftsprüfer die Bilanzen für 2001 testieren. Und die sind sensibler geworden; manche stellen grundsätzlich alles in Frage.“ Anlass für diese erhöhte Aufmerksamkeit sei die Affäre um den US-Energiehändler Enron. Die Prüfungsgesellschaft Arthur Andersen hatte dessen dubiose Finanzpraktiken unterstützt. Klaus R. Kirchhoff, Chef der hauptsächlich am Neuen Markt tätigen Investor-Relations-Firma Kirchhoff Consult, ist ähnlicher Ansicht: „Alle Wirtschaftsprüfer sind verdammt nervös.“ Früher hätten sie hingegen „manchmal alle Fünfe grade sein gelassen“. Insbesondere beim Börsengang seien die Kontrolleure oft unter „enormen Zeitdruck“ gestanden, weil es die Unternehmen und Banken in der Boomphase sehr eilig hatten. „Da wurden manche Fragen nicht gestellt, die man hätte stellen sollen.“ Andererseits habe der Neue Markt „kriminelle Energien gefördert und Glücksritter angezogen, weil so viel Geld in so kurzer Zeit zu verdienen war“. Allerdings seien solch kriminelle Energien nicht das Hauptproblem vieler Firmen, sondern ein schlechtes Geschäftsmodell oder ungeeignetes Führungspersonal. „Viele Vorstände sind schlicht überfordert.“ Unter anderem bereite die Bilanzierung erhebliche Probleme.

In dasselbe Horn stößt die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Ihr Vorstandsmitglied Markus Straub sagte der Nachrichtenagentur Reuters, vermutlich seien rund die Hälfte jener Bilanzen mit Fehlern behaftet, die nach den Bilanzierungsregeln US-GAAP erstellt seien. Dies geschehe vielfach nicht vorsätzlich, sondern resultiere auch aus der Unerfahrenheit von Unternehmen und Wirtschaftsprüfern im Umgang mit dem komplexen US-Regelwerk. Um Bilanzierungsfehler abzustellen, solle auch in der Bundesrepublik eine unabhängige, mit der US-Börsenaufsicht SEC vergleichbare Kontrollinstanz eingerichtet werden.

Wechsel als Warnsignal

Wie können sich Anleger dagegen schützen, Papiere von Skandalfirmen zu halten? In Fällen krimineller Energie sei das kaum zu schaffen, meint Mauer von ipo-Management. „Da blicken ja oft nicht einmal die Insider durch.“ Warnsignale gebe es aber bei Schwierigkeiten, die auf Inkompetenz der Manager oder schlechten Geschäftsverlauf zurückzuführen seien. So habe eine Studie seines Hauses ergeben: Der Austausch von einem oder mehreren Vorstandsmitgliedern ist ein Frühindikator dafür, dass prognostizierte Zahlen nicht eingehalten werden. Insbesondere ein „überraschender Wechsel ohne plausible Begründung“ könne ein Indiz sein. Als mögliches Beispiel bezeichnete Mauer die Meldung der Internet-Firma Update.com von diesem Mittwoch, wonach deren Finanzchef Marcus Mühlberger seinen Posten mit sofortiger Wirkung niedergelegt habe. Gründe für diesen Schritt Mühlbergers teilte das Unternehmen nicht mit. Als weiteres Signal für Probleme nannte Mauer, „wenn Zahlen nur zeitverzögert vorgelegt werden“.

Wer sich hierüber einen Überblick verschaffen will, tut sich allerdings schwer. Alle Neuen-Markt-Firmen, deren Geschäftsjahr mit dem Kalenderjahr identisch ist, mussten ihre Bilanzen bis Ende März bei der Deutschen Börse einreichen. Doch diese sagt nicht, wer alles überzogen hat. Nach SZ-Recherchen handelt es sich um mindestens 19 der gut 300 Mitglieder des Wachstumssegments. Mit dabei sind Advanced Medien, Comroad und Ceyoniq. Die ebenfalls skandalumwitterte Phenomedia erkannte den Korrekturbedarf angeblich erst nachträglich, und Gauss Interprise schaffte es nach eigenen Angaben noch rechtzeitig, die Korrekturen einzuarbeiten.

Quelle:Süddeutsche Zeitung
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ecki:

Ogger über die jüngsten Skandale am Neuen Markt

 
18.04.02 16:00
(Quelle, W:0)

Günter Ogger, Wirtschaftsjournalist und Bestseller-Autor, hat in seinem Buch „Der Börsenschwindel“ massiv vor den Machenschaften am Neuen Markt gewarnt. wallstreet:online hatte Gelegenheit, am Rande einer Veranstaltung der „Investor-Treuhand“, mit Ogger über die jüngsten Skandale am Neuen Markt zu sprechen.

wallstreet:online: Herr Ogger, die Warnungen in ihrem Buch „Der Börsenschwindel“ haben sich bestätigt. Wie sehen sie die weitere Zukunft der Börsen?

Ogger: Man muss unterscheiden zwischen dem amtlichen Handel und dem Neuen Markt. Für den Neuen Markt sehe ich wenig Zukunft. Das Image ist so katastrophal, dass sich die großen Investoren und mittlerweile auch immer mehr Kleinanleger davonmachen, weil sie niemandem mehr trauen am Neuen Markt. Es kommt ja auch fast täglich zu einem neuen Skandal. Zuletzt Comroad, jetzt Ceyoniq. Die Chefs dieser Unternehmen sind wohl auch so unter Druck geraten, nachdem die Kurse weggebrochen sind und die Mittel aus den Börsengängen verbraucht sind, dass sie jetzt, nachdem auch die Geschäfte einbrechen, immer mehr zu unlauteren Mitteln greifen. Das heißt bei Bilanzen tricksen, Gewinne vortäuschen, die gar keine sind. Das stößt natürlich den Anlegern sauer auf und sie verlieren vollkommen das Vertrauen. Ich denke, wenn der Neue Markt nicht eine grundlegende Änderung – und ich meine eine radikale Reform – erfährt, ist dieses Segment tot.

wallstreet:online: Wer wäre ihrer Meinung nach für diese radikale Reform verantwortlich? Der Markt ist privatwirtschaftlich durch die Deutsche Börse AG um ihren Vorstand Werner G. Seifert organisiert, staatlich wird man also wenig machen können.

Ogger: In erster Linie gefordert ist der Vorstand der Deutschen Börse AG. Die Herren dachten ja, sie kommen mit einer kosmetischen Operation weiter, indem man dem Neuen Markt einen neuen Namen verpasst und sonst alles beim Alten lässt. Das ist natürlich Quark, so geht es nicht. Statt dessen beschäftigen sie sich mit Übernahmen von Clearstream und anderen großen Operationen und lassen dieses Börsensegment allein und vor die Hunde gehen. Ich halte das für eine unverantwortliche Haltung gegenüber den seriösen Unternehmen, die es auch am Neuen Markt gibt. Was meinen Sie, wie unwohl sich manche Unternehmer fühlen, deren Kurse über Gebühr runtergeknüppelt sind?

wallstreet:online: Was muss ihrer Meinung nach passieren am Neuen Markt, dass die Investoren neues Vertrauen fassen können?

Ogger: Es müsste eine radikale Auslese stattfinden. Das könnte eigentlich nur der Vorstand der Deutschen Börse AG selber machen. Dann sollten sie eine unabhängige Kommission mit vertrauenerweckenden Leuten einsetzen, die dafür sorgt, dass am Neuen Markt eben alles mit rechten Dingen zugeht - die Bilanzen checkt, die Geschäftsmodelle überprüft und die natürlich auch die Insidergeschichten aufdeckt. Nur durch solche Maßnahmen ist es möglich, dass die Anleger überhaupt wieder Geld an den Neuen Markt bringen.

wallstreet:online: Wie viele Blasen platzen noch am Neuen Markt, nach Phenomedia, Comroad und all den anderen Skandalen?

Ogger: Es wird da noch einige Fälle geben. Es gibt einige Firmen, bei deren Geschäftsmodellen mir angst und bange wird, und ich frage mich schon lange, wie diese überhaupt noch existieren können. Ich denke, das Ende dieser Pleitewelle haben wir noch lange nicht gesehen.

wallstreet:online: Ihre persönliche Meinung: Hat der Neue Markt noch eine Chance?

Ogger: In der heutigen Form nicht.
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