Nach den beiden Verlustjahren 2000 und 2001 war die Hoffnung der Anleger groß, dass es im laufenden Jahr am Neuen Markt wieder zu satten Gewinnen kommen würde. Doch derzeit sieht es überhaupt nicht danach aus. Der Nemax-All-Share hat seit Jahresbeginn rund zehn Prozent verloren, der Nemax 50 notiert sogar mehr als 15 Prozent im Minus. Gerade in den letzten Tagen sind die Aktienkurse massiv eingebrochen, der Abwärtstrend setzt sich auch am Donnerstag fort.
Belastet werden die Wachstumswerte zum einen durch die allgemein verschlechterte Stimmung für die Finanzmärkte. Die Krise im Nahen Osten hat den Ölpreis nach oben getrieben. Experten befürchten, dass die sich anbahnende Konjunkturerholung dadurch im Keim erstickt wird. Zudem haben mehrere Gewinnwarnungen von US-Technologiefirmen, darunter mit PeopleSoft auch ein größeres Unternehmen, dem Neuen Markt zugesetzt.
Doch die im Vergleich zu anderen Segmenten überdurchschnittlichen Verluste am Neuen Markt lassen sich damit nicht alleine erklären. Vielmehr ist derzeit ein massiver Vertrauensverlust bei den deutschen Wachstumswerten auszumachen.
Horrormeldungen reißen nicht ab
Grund für das beschädigte Image sind die nicht abreißenden Schockmeldungen aus den Firmenzentralen. So hat BroadVision [ Kurs/Chart ] zu Wochenbeginn seine Umsatzplanzahlen ein weiteres Mal nach unten geschraubt - eine Besserung der Geschäftslage ist nicht in Sicht.
Bei ComRoad [ Kurs/Chart ] spitzt sich die Lage immer mehr zu. Der frühere Firmenchef Bodo Schnabel sitzt wegen angeblichen Kursbetrugs in Untersuchungshaft. Da der Telematikanbieter den Geschäftsbericht für 2001 nicht rechtzeitig vorlegen kann, droht dem einstigen Highflyer zudem der Rauswurf aus dem Wachstumssegment.
Gleiches gilt für IN-Motion [ Kurs/Chart ]. Das Medienunternehmen, das Analysten lange Zeit noch als positive Ausnahme in der schwer gebeutelten Branche angesehen hatten, kämpft mit Bilanzierungsproblemen und musste zuletzt seine noch im Januar ausgegeben vorläufigen Ergebnisse nach unten revidieren. Nach derzeitigem Stand wird die Frankfurter Firma für 2001 rote Zahlen schreiben.
Fonds verlieren die Lust am Neuen Markt
Angesichts der negativen Nachrichtenlage gibt es selbst bei vielen als solide geltenden Neuer Markt-Werten einen Risikoabschlag. Schon kleinste Bedenken oder Marktgerüchte über mögliche Probleme führen dann zu Kurseinbrüchen. Dabei verkaufen nicht nur Private, auch Fonds lösen ihre Bestände am Neuen Markt auf und verstärken damit den Abwärtstrend.
In den letzten Tagen litt darunter vor allem die Aktie von Thiel Logistik [ Kurs/Chart ]. Bei riesigen Umsätzen hat der einstige Börsenliebling in nur fünf Handelstagen 25 Prozent seiner Marktkapitalisierung verloren. Presseberichte, wonach der Konzern über Verträge mit einem Volumen von mehreren Milliarden Euro verhandelt, finden keine Beachtung. Stattdessen herrscht Angst, dass sich der Konzern, ähnlich wie der Konkurrent D. Logistics [ Kurs/Chart ], mit den zuletzt getätigten Akquisitionen übernommen haben könnte. Wie Stock-World auf Nachfrage bei Thiel erfährt, entbehren diese Befürchtungen aber jeder Grundlage. Das Geschäft laufe wie geplant.
Noch schlimmer hat es in den vergangen Tagen die Aktie von Phenomedia [ Kurs/Chart ] erwischt. Zwar hat das Unternehmen wegen einer konservativeren Bilanzierung seine Ergebnisziele für 2001 verfehlt, die Umsatzplanung wurde aber übertroffen. Auch der Ausblick auf das laufende Jahr ist vielversprechend. Dennoch hat der Titel in den letzten zwei Wochen rund 50 Prozent an Wert verloren. Angeblich löste auch hier ein Fonds seine Bestände in dem Wert auf. Dafür sprechen auch die vergleichsweise hohen Umsätze in dem Papier.
Nicht alles verloren
Es gibt nur wenige Neuer Markt-Werte, die sich in der aktuellen Börsenlage noch gut halten. Vor allem Süss Microtec [ Kurs/Chart ], die zuletzt mit ausgezeichneten Zahlen für 2001 glänzten, sowie Singulus [ Kurs/Chart ], die ebenfalls mit ihren Ergebnissen für das abgelaufene Jahr überzeugten, können sich dem Abwärtstrend bislang widersetzen.
Offenbar gibt es also noch Anhänger des Neuen Markts, die zumindest für einige Wachstumswerte weiter an eine rosige Zukunft glauben. Anlässlich der bald anstehenden Zahlen für das erste Quartal 2001 können auch andere Unternehmen zeigen, dass sie das Vertrauen der Anleger verdient haben.
Bei vielen Unternehmen waren die Ergebniskennziffern im vergangenen Jahr durch Sonderabschreibungen und Restrukturierungsaufwendungen belastet. Da diese Belastungen im laufenden Jahr wegfallen und zudem die Kosten an das konjunkturbedingt niedrigere Umsatzniveau angepasst wurden, sind durchaus einige positive Überraschungen möglich. Dann wird auch das Vertrauen der Anleger in die entsprechenden Werte zurückkehren. Die Ergebnisse des ersten Quartals könnten damit den Startschuss für eine Kursrallye bei den deutschen Wachstumswerten liefern.
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