Winona Ryder, millionenschwere Schauspielerin, steht wegen Diebstahls vor Gericht. Da steht sie nicht allein. Stehlen gilt als typisches Frauen-Delikt.
Dagmar Rosenfeld
Kriminalität ist Männersache. Die wirklich großen Dinger haben immer gestandene Kerle gedreht: Al Capone, Ronald Biggs, Dagobert, Jürgen Schneider - und was wäre Bonnie ohne ihren Clyde gewesen. Die Wissenschaft sieht das genauso. Laut Statistik verschwindet die kriminelle Energie des schwachen Geschlechts nahezu in der Bedeutungslosigkeit. Während Straftaten, die Männer begehen, als allgemeines gesellschaftliches Problem betrachtet werden, gilt weibliche Delinquenz als Ausnahmeerscheinung, als ein Phänomen mit besonderen Ursachen. Wenn Frauen - kriminalistisch betrachtet - überhaupt mal über die Stränge schlagen, dann lassen sie etwas mitgehen: Lippenstift, Serviettenringe, Porzellandöschen. Oder auch ein paar Kleidungsstücke im Wert von mehreren Tausend Dollar, wie es die Schauspielerin Winona Ryder getan haben soll.
Die zierliche Winona mit dem mädchenhaften Lächeln und dem millionenschweren Bankkonto nimmt es mit dem Bezahlen offenbar nicht so genau. Bei einem Einkaufsbummel im Nobelkaufhaus Saks Fifth Avenue soll sie von Designerstücken die Preisschilder samt Sicherheitsetiketten entfernt haben, um sie dann unbemerkt aus dem Geschäft zu schmuggeln. Dumm nur, dass sie die Überwachungskamera nicht bemerkt hat. Die hielt voll drauf - und zack, war die Szene "Winona Räubertochter" im Kasten.
Glaubt man den Berichten des US-Magazins "Newsweek", hat die 30-jährige Ryder, die für ihre Rolle in dem Film "Zeit der Unschuld" sogar schon für den Oscar nominiert war, nicht zum ersten Mal ihre Finger lang gemacht. In den polizeilichen Akten stünde bereits der ein oder andere Vermerk wegen Diebstahls. Nun rätselt ganz Hollywood und der Rest der Welt, was eine hübsche junge Frau, die reich, berühmt und erfolgreich ist, eine Frau also, die alles hat, zur Diebin werden lässt. Langeweile, die Lust auf Nervenkitzel oder gar psychische Probleme? Sie will beachtet werden und das um jeden Preis, vermuten die einen. Ihre Psyche spielt verrückt, sagen die anderen. Und erinnern sich daran, dass Winona Ryder vor zehn Jahren wegen Angstattacken stationär behandelt wurde.
Was auch immer der Grund für die diebischen Anwandlungen gewesen sein mag, klar ist: Ladendiebstahl gilt als typisch weibliches Delikt. Bei keinem anderen Strafvergehen ist die Frauenquote so hoch. 175 788 Ladendiebinnen und 274 719 Ladendiebe verzeichnet die Statistik des Bundeskriminalamtes für das vergangene Jahr. Warum aber ist das schwache Geschlecht gerade beim Klauen so stark?
Jeder weiß wohl aus den Erzählungen der Großmütter, wie es damals war, im Krieg und der schlimmen Zeit danach. Ganz auf sich allein gestellt, mussten die Frauen die Familie schützen und ernähren. Oft ging das nur auf illegalem Wege. Und so klauten sie, um zu überleben.
Stehlen ist ein Signal
Nur: Heute herrscht allgemeiner Wohlstand. So müssen es wohl andere Nöte sein, die Frauen zu Ladendiebinnen werden lassen. Die feministische Forschung macht gesellschaftliche Gegebenheiten verantwortlich, sieht Frauen als Opfer einer doppelten Unterdrückung, durch die patriarchalische und die kapitalistische Gesellschaftsordnung. "Das Stehlen hat oft eine Signalfunktion", sagt die Berliner Diplom-Psychologin Konstanze Fakih.
Denn viele Frauen seien Tag für Tag einer immensen Belastung ausgesetzt: Von ihnen werde ganz selbstverständlich erwartet, dass sie Beruf, Beziehung, Haushalt und Kinder bewältigen. Auf Anerkennung für diese Leistung würden die meisten allerdings vergeblich warten. "Ihre Selbstbestätigung holen sie sich durch den Griff zum Unerlaubten", sagt Fakih. Die Juristin Dagmar Oberlies, die an der Fachhochschule Frankfurt am Main lehrt, ist sogar davon überzeugt, dass männliche und weibliche Kriminalität überhaupt nicht vergleichbar sind: "Frauenkriminalität ist, wenn überhaupt, als eigenes soziales Phänomen zu analysieren", schreibt sie.
Auch die Soziologin Pamela Kerschke-Risch hat sich auf Spurensuche begeben. In ihrem Buch "Gelegenheit macht Diebe - doch Frauen klauen auch" untersucht sie männliche und weibliche Kriminalität jenseits der offiziellen Statistik. Denn die vom BKA veröffentlichten Zahlen beinhalten nur die Straftaten, die auch zur Anzeige gebracht worden sind. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher. "Deshalb sind auch die zahlenmäßig erheblichen Unterschiede zwischen Frauen- und Männerkriminalität zu hinterfragen", sagt Kerschke-Risch.
In einer repräsentativen Studie befragte sie volljährige Bundesbürger aller Gesellschaftsschichten nach ihren Erfahrungen mit so genannten Kavaliersdelikten: Ladendiebstahl, Schwarzfahren, Steuerbetrug und Alkohol am Steuer. Ergebnis Nummer eins: Die Kluft zwischen Mann und Frau ist hier nicht so groß, wie die offizielle Statistik nahe legt. Ergebnis Nummer zwei: Die Geschlechtszugehörigkeit allein macht noch keinen Dieb. "Egal, ob Mann oder Frau, entscheidend ist, inwieweit jemand überhaupt die Gelegenheit hat, eine kriminelle Handlung zu begehen", sagt Kerschke-Risch.
Dieses Gelegenheitsprinzip könnte auch eine Erklärung für den hohen Frauenanteil bei Warenhausdiebstählen sein. Denn ob Supermarkt, Kaufhaus oder Boutique - Shoppen ist immer noch Frauensache. Streß, schlechte Laune und Liebeskummer bekämpfen sie gern mit einer ausgedehnten Einkaufstour. Kaufhausluft ist Balsam für ihre Seele, bunte Warenregale lassen ihre Herzen höher schlagen.
Eine Leidenschaft, die aber auch Leiden schafft, wenn die Einkaufslust zur diebischen Sucht wird. Das zwanghafte Stehlen, in der Fachsprache Kleptomanie genannt, ist ähnlich wie Magersucht eine typisch weibliche Suchterkrankung. "75 Prozent der Betroffenen sind Frauen", schätzt Steffen Fliegel von der Gesellschaft für Klinische Psychologie und Beratung in Münster. Seine Erklärung für die hohe Frauenquote: Hinter jeder Sucht steckt eine Sehnsucht. Und die versucht der Mensch in einem ihm vertrauten Bereich zu stillen. "Alkoholismus und Spielsucht sind eher unter Männern verbreitet, wohingegen Frauen zu Magersucht, Bulimie und Kleptomanie neigen", sagt er.
Das Klauen selbst ist nur ein vordergründiges Verhalten. Dahinter verbirgt sich eine psychische Störung, deren Ursache Konflikte im Beruf oder der Partnerschaft, sexuelle Schwierigkeiten, Einsamkeit, sowie Depressionen sein können. "Der Diebstahl verschafft Entlastung, ein kurzes Gefühl der Befriedigung", sagt Fiegel. Daher bekommen die wenigsten den Zwang, zu klauen, aus eigener Kraft in den Griff. Oft hilft nur eine Verhaltenstherapie, in der die Probleme aufgearbeitet und Selbstkontrollmechanismen erlernt werden. Dennoch bleibt ein hohes Rückfallrisiko: In Konfliktsituationen wird allzu oft die Sehnsucht nach dem schnellen Gefühl der Befriedigung wieder lebendig.
Ein Hochgefühl wie ein Sieg
"Wenn das mit dem Stehlen klappt, ist das ein Wahnsinns-Hochgefühl", "Ich fühle mich dann stark", "Das ist wie ein Sieg" - Sätze, die Götz Liefert schon unzählige Male gehört hat. Der Sozialarbeiter betreut im Berlin-Spandauer Selbsthilfezentrum die Kleptomanie-Gruppe. Er kennt den Zwang zum Klauen aus den Erzählungen der Frauen. Er weiß um das Schwindelgefühl, die Hitze und den klebrigen Schweiß, die den ganzen Körper in Beschlag nehmen. So heftig, dass es unerträglich wird, und nur der Griff ins Warenregal noch Linderung verschaffen kann.
"Das ist wie in Trance, du greifst einfach zu", sagen die Diebinnen. Und so lassen sie Glühbirnen, Seife oder Schrauben mitgehen. Völlig wahllos. Oft wissen sie danach gar nicht mehr, was passiert ist. Nur der kalte Schweiß auf ihrer Haut und die Glühbirne in der rechten Jackentasche bleiben als stumme Zeugen der Anklage.
"Das schlechte Gewissen, weil du etwas Verbotenes getan hast, das wirst du nicht los", hat eine adrette Mittvierzigerin aus der Zehlendorfer Society Götz Liefert einmal gesagt. Sie ist eine der Ladendiebinnen wider Willen, die in Spandau eine Zeit lang Hilfe gesucht haben. Ihr Mann ist Politiker. In ihrer Ehe dreht sich alles nur um ihn, um seine Karriere. Von ihr erwartete er, dass sie hübsch ist und lächelt. Manchmal kann sie das ewige Hübschsein und Lächeln einfach nicht mehr ertragen, und dann geht sie auf "Beutezug". Anschließend schmeißt sie die geklauten Sachen weg. Nur das quälende Gewissen, das kann sie nicht entsorgen. "Das ist ein ständiger Kampf, der da tobt", erklärt Liefert. Ein Kampf zwischen Sucht und Moral, der an die Substanz geht. Und selbst Strafanzeigen, hohe Geldstrafen oder Gefängnisaufenthalte zeigen meist keine Wirkung.
Eine Haftstrafe droht jetzt auch Winona Ryder. Im schlimmsten Fall könnte Richter Elden Fox sie zu drei Jahren und acht Monaten verurteilen. Der Prozess beginnnt Mitte August. Dann wird sich zeigen, ob für Winona Ryder die "Zeit der Unschuld" endgültig vorbei ist.