nel kostet aktuell rund 19 Cent.
Eine österreichische Pfandflasche beziehungsweise Dose bringt 25 Cent.
Damit ist die von ihren Fans liebevoll betitelte „wasserstoffleiche aus Norwegen“ inzwischen tatsächlich weniger wert als Leergut.
Und plötzlich bekommt der Begriff „Flaschen sammeln“ eine völlig neue Bedeutung für die persönliche Vermögensbildung.
Der entscheidende Unterschied:
Bei der Pfandflasche weiß ich wenigstens, dass ich meine 25 Cent wiederbekomme.
Bei nel handelt es sich eher um eine Überraschungstüte mit ISIN.
Natürlich werden die Gläubigen sofort einwenden, dass man einen Aktienkurs nicht mit dem Pfand einer Getränkedose vergleichen könne.
Das stimmt.
Die Dose hat schließlich ein funktionierendes Geschäftsmodell.
Man kauft sie, leert sie aus, bringt sie zurück und erhält Geld.
Ein positiver Cashflow, den langjährige nel-Aktionäre möglicherweise einmal googeln sollten.
Bei nel funktioniert das Prinzip etwas anders:
Man kauft.
Der Kurs fällt.
Man kauft nach.
Der Kurs fällt weiter.
Man erklärt im Forum, dass man „langfristig denkt“.
Der Kurs fällt noch weiter.
Man entdeckt plötzlich die Energiewende, geopolitische Zusammenhänge und das Jahr 2040 als Investmenthorizont.
Und irgendwann besitzt man 80.000 Aktien eines Unternehmens, das man ursprünglich nur „mal mit einer kleinen Position ausprobieren“ wollte.
Das wirklich Beeindruckende ist aber die intellektuelle Unzerstörbarkeit der Investmentthese.
Fällt nel um 10 Prozent, ist das Manipulation.
Fällt nel um 30 Prozent, sind es die Shortseller.
Fällt nel um 60 Prozent, versteht der Markt wasserstoff nicht.
Fällt nel um 90 Prozent, steht der Durchbruch unmittelbar bevor.
Steigt nel an einem Dienstagvormittag um 4,7 Prozent, beginnt hingegen sofort die Siegesparade:
„Jetzt wollen wieder alle rein!“
„Da wissen einige mehr!“
„Shorties müssen sich eindecken!“
„Der Zug fährt ab!“
Meist fährt dieser Zug allerdings ungefähr bis zum nächsten Bahnhof und anschließend rückwärts wieder ins Depot.
Besonders schön ist das ewige Argument:
„Ich verkaufe nicht. Wenn die positiven Nachrichten kommen, muss man schon investiert sein.“
Natürlich.
Nach derselben Logik sollte man auch ganzjährig mit Badehose vor dem Haus stehen, weil irgendwann wieder Sommer wird.
Die Frage ist lediglich, ob es nicht sinnvollere Möglichkeiten gibt, die Zeit bis dahin zu verbringen.
Auch das berühmte „nel gibt es seit über 100 Jahren“ darf nie fehlen.
Ein faszinierendes Argument.
Alter ist schließlich das wichtigste Qualitätsmerkmal eines Investments.
Lehman Brothers wurde 158 Jahre alt.
Die Titanic war dagegen geradezu ein Start-up.
Und dann wäre da noch der Satz „nel ist Marktführer“.
Was beeindruckend klingt, solange niemand die unangenehme Frage stellt, wie profitabel der betreffende Markt eigentlich ist.
Man kann schließlich auch der größte Händler für Faxgeräte in Oslo sein.
Der Titel ist einem sicher.
Die Rendite möglicherweise weniger.
Vielleicht sollte deshalb jeder Broker bei einer nel-Kauforder inzwischen eine zusätzliche Sicherheitsstufe einbauen:
Sie möchten nel kaufen. Kurs: 0,19 €. Fortfahren?
[JA]
Hinweis: Eine leere Pfanddose besitzt derzeit einen höheren Rückgabewert. Trotzdem fortfahren?
[JA]
Haben Sie die letzten Geschäftsberichte gelesen?
[NEIN]
Haben Sie zumindest die Kennzahlen angesehen?
[NEIN]
Beruht Ihre Kaufentscheidung hauptsächlich auf einem Beitrag mit den Worten „wasserstoff ist die Zukunft“?
[JA]
Ist eine erwachsene Vertrauensperson erreichbar, die wir kurz hinzuziehen können?
Denn irgendwo muss Anlegerschutz schließlich anfangen.
So bleibt allerdings eine bemerkenswerte Tatsache:
Wer heute 100 nel-Aktien besitzt, hat ungefähr 19 Euro.
Wer stattdessen 100 österreichische Pfanddosen besitzt, hat 25 Euro.