MOBILFUNK: Notruf der Pioniere


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MOBILFUNK: Notruf der Pioniere

 
16.05.02 06:02
Die neue Mobilfunktechnik UMTS fordert ihre Opfer: Erst haben die Telefongesellschaften Milliarden investiert. Jetzt stürzen ihre Aktienkurse ab. Mobilcom soll verkauft werden. Die gesamte Branche erwartet einen Umbruch

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Elf Jahre lang schaltete und waltete er ganz allein in seinem Unternehmen. Dann wollte Gerhard Schmid, der Gründer von Mobilcom, zu viel: wieder einmal der Erste sein; diesmal bei UMTS, der neuen Mobilfunktechik. Dazu brauchte er einen großzügigen Geldgeber. Auf Einfluss und Macht aber wollte er nicht verzichten. Fast wäre dem raffinierten Geschäftsmann dieses Kunststück gelungen. Schon im Herbst sollte Mobilcom mit den neuen Angeboten am Markt sein. Doch sein Großaktionär France Télécom spielte nicht mit, blockierte seine kühnen, teuren Ideen.

Nun wird wohl wahr, was Schmid immer schon ahnte: "Entweder man ist dabei, oder man fliegt raus aus dem Spiel." So wie es aussieht, ist er draußen. Wahrscheinlich übernehmen jetzt jene Banken die Macht am Firmensitz in Büdelsdorf, denen Mobilcom das meiste Geld schuldet. France Télécom nämlich kann den Brocken nicht verkraften. Dem französischen Fernmelder würde eine komplette Übernahme die Bilanz verhageln.

Die Geschichte rund um das Enfant terrible der Branche ist einzigartig - aber womöglich nicht die letzte ihrer Art. In anderer Variante könnte sie sich auch bei weiteren Unternehmen abspielen, die sich auf UMTS einließen. Ebenso wie Mobilcom drückt alle Rivalen (siehe Tabelle) die große Sorge, ob sich ihr gigantischer Aufwand für die neue Technik jemals auszahlen wird. Jeder Kurssturz, und davon gibt es in der Telekommunikation derzeit viele, wird am Ende mit den hohen Risiken der neuen Technik erklärt. Mit UMTS stürzten sich die Telefongesellschaften in der Tat ins größte finanzielle Abenteuer der Mobilfunkgeschichte.

Noch nie wurde so viel Geld in so kurzer Zeit investiert, um einen neuen Markt zu erschließen. Und noch nie gab es so viele offene Fragen kurz vor dem Start: Ausgereifte Geräte lassen auf sich warten. Der Netzausbau verzögert sich - nicht zuletzt, weil immer mehr Bürgerinitiativen opponieren. Sie fürchten die wachsende Strahlenbelastung. Und welche neuen Angebote attraktiv genug sind, um Kunden massenhaft ins neue Netz zu locken, darüber herrscht in der Branche noch Funkstille (siehe Seite 24).

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Eine Zeit lang sah alles ganz anders aus. Die neue Technik kombiniert gleich zwei Erfolgsschlager der vergangenen Jahre: Mobilfunk und Internet. Der vielversprechende Mix zweier Technologien beflügelte die Fantasie - selbst bei Regierungen, die über die wichtigste Ressource verfügten: Frequenzen. Die wurden hierzulande versteigert. Der deutsche Finanzminister Hans Eichel kassierte rund 50 Milliarden Euro - für ein bisschen Luft. Die ergatterten Lizenzen aber sind lediglich die Eintrittskarte für den erhofften Zukunftsmarkt. Der Aufbau der Datenautobahnen in den Wolken frisst weitere Milliarden. Aus dieser Nummer kommt keiner mehr schadlos heraus: Die Lizenzbedingungen sind streng, schreiben sogar vor, bis zum Jahre 2005 die Hälfte der Bevölkerung mit UMTS versorgen zu können.

Zunächst waren alle vom Erfolg wie berauscht. Im Jahre 2000 schnellte die Zahl der Handy-Besitzer in Deutschland um satte 105 Prozent auf 48 Millionen. Doch schon dieser Boom war teuer erkauft. Die Netzbetreiber subventionierten die Handys im ganz großen Stil, zahlten Händlern enorme Kopfgelder für jeden neuen Kunden. Die nutzten die Prämien wie gewünscht, um die Handys zu verramschen. Gleich massenweise wurden die High-Tech-Geräte, die eigentlich um die 500 Mark hätten kosten müssen, für den Spottpreis von 1 bis 50 Mark verschleudert. Das förderte den Absatz der Produzenten und sicherte den Netzbetreibern Marktanteile. Im vergangenen Jahr hatten sie immerhin rund 56 Millionen Kunden. Inzwischen aber korrigierten die Mobilfunker ihre irrwitzige Subventionspolitik. Die Folge beschrieb Dietrich Beese von Viag Interkom zu Beginn dieses Jahres: "Es brennt in der Branche. 2002 wird der Wachstumspfad verlassen. Jetzt geht es nur noch um Umverteilung."

Das bekommen vor allem die Handy-Hersteller und Netzausrüster zu spüren. Erstmals sank, übrigens weltweit, im vergangenen Jahr der Absatz der Geräte. In Deutschland geradezu dramatisch. So betrug der Markt für mobile Endgeräte im Jahr 2000 noch 5,5 Milliarden Euro; 2001 schrumpfte er um 2 Milliarden. Und dann schockte der weltgrößte Handy-Hersteller Nokia Mitte April die Aktienmärkte mit seiner Prognose: Der Aufschwung komme erst 2003, sagte Unternehmenschef Jorma Ollila, der Übergang zur nächsten Mobilfunkgeneration vollziehe sich langsamer als erwartet: "Wir stehen vor einer Evolution, nicht vor einer schlagartigen Revolution." Schließlich schickte Konkurrent Ericsson die Kurse weiter in den Kel- ler. Seine Geschäfte laufen schlecht, weil die Betreiber nicht nur bei den Handys, sondern auch beim Ausbau der Netze auf die Bremse drücken.

Selbst bei den Mobilfunkern hinterließ die Marktschlacht ihre Spuren. So schufen die künstlich verbilligten Geräte, vor allem in Kombination mit den beliebten vorauszahlbaren Karten, eine neue Spezies an Kunden: so genannte Karteileichen. Weil sie nur wenig oder gar keinen Umsatz brachten, sind sie mittlerweile begraben worden - von den realistischen Anbietern jedenfalls. Ziemlich kleinlaut bekannten jüngst die beiden Großen der Branche, T-Mobile und Vodafone D2, im März weniger Kunden gehabt zu haben als noch zu Beginn des Jahres. Bei T-Mobile waren es rund 40 000 weniger, bei D2 war der Rückgang sogar zehnmal so hoch.

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Der Markt ist gesättigt. Genau deshalb sind nun alle gezwungen, auf UMTS zu setzen. Die neue Technik soll die Menschen wieder hungrig machen. Füttern wollen sie viele, vor allem die sechs Mobilfunkanbieter.

Das seien zu viele, sind sich - seltsamerweise - inzwischen fast alle einig. Ron Sommer, der Chef der Telekom, sagt es. Und inzwischen auch Michel Bon, sein Rivale von France Télécom. Ebenso Ad Scheepbouwer, der Vorstandsvorsitzende von KPN. Er prophezeit, dass in Deutschland am Ende nur drei Spieler übrig bleiben, darunter natürlich seine deutsche Tochterfirma E-Plus. Dieselbe Zahl nennt auch der Präsident der spanischen Telefónica, Cesar Alierta. Sein Konzern ist an Quam beteiligt, dem jüngsten und kleinsten Spross der Branche. Es gebe viele, die ihn aus Deutschland wegwünschten, vermutet Alierta, "aber den Gefallen tun wir ihnen nicht". Telefónica würde auf jeden Fall an einem der drei Netze beteiligt sein. Der britische Mobilfunker mmO2, der im vergangenen Jahr von British Telecom abgespalten wurde und dem hierzulande Viag Interkom gehört, gilt selbst als zu klein für das große Spiel und somit als Übernahmekandidat. Und der deutsche Ableger, der inzwischen als O2 firmiert, soll - nach immer wiederkehrenden Gerüchten - sowieso auf dem Verkaufszettel stehen.

Wer also mit wem, scheint nur noch die Frage. T-Mobile und Vodafone werden als die größten Schlachtschiffe wohl allein weitersegeln. Welche Annäherungsmanöver aber zwischen den vier kleineren Rivalen laufen, das müsste eigentlich Matthias Kurth wissen, der Chef der Regulierungsbehörde. Er wacht über die strengen Regeln, die es in UMTS-Kooperationen jeder Art einzuhalten gilt. Bei Fusionen oder Übernahmen zweier Mitspieler muss eine Lizenz an ihn zurückgehen. Davon rückt Kurth bislang nicht ab - zum Ärger von Michel Bon, dem Chef von France Télécom. Es habe keinen Sinn, sagte Bon Ende März, "bei Mobilcom ein komplettes Netz aufzubauen, solange es keine Handys dafür gibt". Inzwischen sähe es Bon sogar am liebsten, wenn Mobilcom eine Allianz mit einem oder zwei der anderen kleinen UMTS-Betreiber bildete, um den beiden Großen am Markt ernsthaft Paroli zu bieten. "Aber die Regulierung in Deutschland behindert eine Marktbereinigung", so Bon an die Adresse von Kurth.

Der kann sich über derlei Ansinnen nur wundern: "Die UMTS-Lizenzversteigerung war doch kein Haustürgeschäft. Niemand wurde über den Tisch gezogen." Das klingt wie "Basta!" - und ist auch so gemeint. "Geld zurück gibt es nicht", bestätigte der Sprecher von Kurth jüngst noch einmal klipp und klar. Und bei der Behörde hätte sich auch noch kein Betroffener gemeldet.

Was nicht ist, kann noch werden. Und dann? Im Fall der Fälle wird es erst einmal eine Anhörung geben, in der alle Lizenznehmer zu Wort kommen sollen. Die beiden Großen haben ihre Meinung allerdings längst kundgetan: Sie akzeptieren nichts, was anderen einen Vorteil verschaffen könnte. Und das heißt: Sollte ein neuer Interessent eine frei werdende Lizenz unterhalb des Auktionspreises von 8,5 Milliarden Euro erhalten, wird es Klagen geben. Landet also eine Lizenz wie eine heiße Kartoffel wieder auf dem Tisch von Matthias Kurth, muss der sehen, wie er sie verdaut, ohne einen lähmenden Rechtsstreit zu riskieren. Denn den würden die kleinen Unternehmen erst recht nicht überleben.

Noch vor einem Jahr machte Alfred Tacke, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, allen Mut: "Das Potenzial für UMTS ist riesig", sagte er auf einem Kongress der Branche. "Wir sollten uns deshalb auf die Chancen konzentrieren." Zum Schluss seiner Rede gab er Netzbetreibern, Geräteherstellern und Diensteanbietern die klugen Worte des französischen Romanciers Victor Hugo mit auf den Weg: "Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Nur wann das in diesem Fall sein wird, das hätten die UMTS-Manager vom Staatssekretär auch noch gern gewusst.

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