UMTS. Wer da zuerst im Markt sei, sagt Schmid, der habe die Nase vorn. Und wie er das sagt, wirkt jeder Zweifel auf einmal kleinlich. Dann senkt Schmid die Stimme. "Selbst wenn Sie mit UMTS nur telefonieren und SMS senden - es ist ein Netz. Ein reales Netz!" Er sagt es, als wolle er gleich auf der Terrasse herumtanzen. Das ist sein Ziel, noch immer. Die UMTS-Lizenz macht aus dem Zwischenhändler Mobilcom den Netzbetreiber Mobilcom. Den "Quantensprung", nennt er es. "Dann mache ich statt 25 plötzlich 100 Prozent Marge! Dann muss ich kein Geld mehr an D-1 überweisen. Und dann habe ich meine Investitionen ganz schnell wieder eingespielt!"
www.berlinonline.de/archive/wissen/....2002;bis=;mark=mobilcom
Datum:
17.09.2002
Ressort:
Blickpunkt
Autor:
Frank Nordhausen
Schmids Welt
In einem kleinen Dorf bei Schleswig lebt der Gründer von Mobilcom. Auch einige seiner Mitarbeiter wohnen hier. Sie sagen, sie glauben an die Zukunft
LÜRSCHAU, im September. Der kleine Mann in der engen Stretchhose und dem schwarzen T-Shirt lächelt. Er sitzt neben seiner Frau in einer Hollywoodschaukel auf der Veranda des reetgedeckten Hauses im Dorf Lürschau bei Schleswig. Er streckt die Beine aus und zieht an einer Cohiba. "Warten Sie ab, es wird schon alles werden", sagt der Mann. Es ist Gerhard Schmid, Gründer der Firma Mobilcom. "Sehe ich aus, als ob ich Probleme habe?" Gerhard Schmid erwartet nicht wirklich eine Antwort. Er zieht an der Cohiba.
Ein paar Straßen weiter in Lürschau lebt Thomas Schrader. Der 37 Jahre alte Mann mit dem Schnurrbart und dem kurzen blonden Haar wirkt übernächtigt. Er denkt an Gerhard Schmid und an das, was Schmid wohl jetzt denkt und macht. "Wir haben das alles nicht für möglich gehalten", sagt Schrader. Er sitzt mit seinem Freund Holger Hansen im Garten des neuen Klinkerhauses. Die Sonne scheint, es ist still, ein paar Kinder lärmen in der Ferne. Es ist ein guter Zeitpunkt, um ein wenig sentimental zu sein.
"Mobilcom", sagt Schrader. "Mobilcom war eine riesige Chance für alle, die etwas werden wollten. Vom Tellerwäscher zum Millionär - das war wirklich möglich!" Schrader und Hansen waren Mobilcom-Männer der ersten Stunde. Sie haben die Zeit miterlebt, als die kleine Firma aus Schleswig ein Gigant am neuen Markt wurde. "Es war genial", sagt Hansen, 38 Jahre alt, ein Mann mit Dreitagebart, zurückgekämmtem Haar und silbernen Ohrringen. "Wir haben rangeklotzt wie die Blöden. " Es gab so viel zu tun: Kunden akquirieren, ein Händlernetz errichten, die Logistik installieren.
Hansen, damals ein Verwaltungsfachangestellter, und Schrader, damals ein Rechtsanwaltsgehilfe, fingen 1993 bei Mobilcom an, als der Betrieb 150 Mitarbeiter hatte. Zwei Jahre später waren sie Abteilungsleiter. "Alles war learning by doing", erinnert sich Schrader. Der Markt war neu. Das Medium war neu. Handys waren neu. Man konnte im Handumdrehen Karriere machen. Und es hat auch noch Spaß gemacht. "Man nannte uns nur die Turnschuhfirma. Wir waren eine große Familie", sagt Hansen. Die Kollegen waren jung. Jeder kannte jeden. Sie frühstückten zusammen, ihre Partys waren legendär. Damals haben sie manchmal achtzig Stunden in der Woche gearbeitet. Sie hatten das Gefühl, bei einer Revolution mitzumachen. Die Zukunft zu erleben. "Es war brennend interessant", sagt Schrader. "Und der Motor war der Schmid. " Als die zwei Fr Der Mann, mit dem alles anfing. Der Selfmademan aus dem fränkischen Selb, der ehemalige Eishockeyspieler. "Schmid hat uns motiviert, der hat uns mitgezogen", sagt Hansen. "Er war immer da, hat mit angepackt, hat selbst Faxe verteilt und hat die Leute gefragt, wie s denn so läuft. " Schmid ist klein, rundlich, mit schütterem blonden Haar, und er hat im Gesicht zu viel Sonne abgekriegt. Er habe gerade mit Berlin telefoniert, sagt der 49 Jahre alte Mann an diesem Nachmittag in Lürschau, alles gehe seinen Gang. "Ich habe einen direkten Draht zur Politik. Ich tue nicht immer nur auf der Terrasse sitzen. " Es klingt, als halte er die Fäden in der Hand. Es ist eine seltsame Stimmung an diesem Spätsommertag auf der Terrasse von Gerhard Schmid, die Sonne glitzert auf dem Ahrenholzer See am Ende des Grundstücks, sie scheint auf weiße Putten und Säulchen im Garten des Unternehmers. Ein stiller Tag. "Mich interessiert natürlich, was aus dem Unternehmen wird, ich bin ja wesentlich beteiligt", sagt Gerhard Schmid. "Aber wenn ein französisches Staatsunternehmen einen Vertrag bricht, dann ist es ein politisches Thema und eine politische Lösung die einzige Möglichkeit. " Gerhard Schmid hatte früh erkannt, welch gigantisches Potenzial der Mobilfunk besaß. Da ihm das Geld fehlte, ein eigenes Funknetz aufzubauen, kaufte Mobilcom "Funkzeit" von Netzbetreibern wie D-1 oder E-Plus und vermittelte diese weiter an seine Kunden. Schmids Erfolgsrezept war die Masse. Er war billiger und seine Reklame witziger als die der anderen. So akquirierte er rund fünf Millionen Kunden.
Dann ging die Firma 1997 an die Börse, und binnen kurzem explodierte der Kurs. Der Wert der Aktie stieg bis auf 210 Euro. "Es ging immer aufwärts. Wir haben nur gestaunt", sagt Thomas Schrader. Er und sein Freund Hansen gehörten zum Kreis jener Mitarbeiter, die Schmid mit Aktienoptionen belohnte. "Damals waren wir für kurze Zeit Millionäre", erinnert sich Hansen. "Wenn auch nur virtuell. " In jener Zeit begannen sie ihren Arbeitstag mit einem Blick auf den Aktienkurs. Als die zwei Freunde ihre Optionen später in Geld umsetzen konnten, waren die Millionen zwar geschmolzen, aber das Geld reichte immer noch als Grundstock für ein Eigenheim. Vor drei Jahren sind sie mit ihren Frauen und Kindern ins Grüne gezogen. "Dank Mobilcom und Herrn Schmid. " Und das Vertrauen trug auch noch, als Schmid im August 2000, nach der Allianz mit der France Telecom, in den Poker um die UMTS-Lizenzen einstieg. Die Verkündung des Ergebnisses wurde live in die Kantine der Mobilcom-Zentrale in Büdelsdorf übertragen. "Es gab Beifallsstürme, da wurde gejubelt, als hätten wir die Weltmeisterschaft gewonnen", erinnert sich Hansen.
Hatten sie denn keine Bedenken? Wurde ihnen nicht schwindlig bei der Summe von 8,4 Milliarden Euro für die Lizenz? "Nein, eigentlich nicht", sagt Schrader. "Wir waren stolz drauf. Es war die Boom-Zeit, da lag das Geld auf der Straße. Das waren ja Zahlen, die kann man sowieso nicht mehr fassen. " Die Mitarbeiter kamen auch nicht ins Nachdenken, als andere Stars der New Economy einbrachen. Comdirect. Talk-Line. Letsbuyit. com Auf der Terrasse des Chefs lobt die Ehefrau die Ruhe des Anwesens. Schmid blinzelt durch seine randlose Brille und sagt: "Mit Insolvenz wird s jedenfalls nicht weitergehen. Das würde die Substanz des Unternehmens zerstören. " Dann spricht er über sein Unternehmen. Über die Schulden und die Verpflichtungen der Franzosen. Über die Zukunft. Mobilcom, sagt er, solle zum Beispiel die Telekommunikation der Bundeswehr modernisieren. Für sehr viel Geld. "Glauben Sie, die werden mit einem insolventen Unternehmen arbeiten?"
Schmid redet sich warm. Spricht von Intrigen und Finten. Jongliert mit Zahlen und Daten. Er lässt ahnen, welche Kämpfe im Hintergrund der Krise toben. Wie die Konkurrenten ihre Messer schärfen und die Verbündeten unter Druck stehen. Wie einer versucht, den anderen auszutricksen. "Dass es harte Bandagen sind, wenn es um Milliarden geht und ums Überleben, das ist doch klar",sagt Schmid.
Ist ihm nicht selber schwindlig beim Spiel mit den Milliarden? "Wissen Sie", sagt Schmid, "als ich das erste Mal einen Scheck über hunderttausend Mark ausgestellt habe, wurde s mir komisch. Danach war s dann irgendwie normal. " Er zuckt mit den Schultern. "Wir haben damals ausgerechnet, dass wir bei acht Milliarden immer noch Geld verdienen. " Acht Milliarden. Er könnte auch "acht Millionen" sagen oder "achttausend". Es sind nur Zahlen. Spielmaterial. Aber Schmid klingt nicht, als wäre er ein Spieler. "Spieler sind angespannt", sagt Schmid. "Ich bin ruhig. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. " Noch gehören Schmid und seiner Frau die Hälfte der 65 Millionen Mobilcom-Aktien. Milliarden waren sie einmal wert, jetzt ist der Kurs ins Bodenlose gesackt. Tut ihm das nicht in Seele weh? "Sie wissen nicht, ob der Kurs nicht im nächsten Jahr wieder Milliarden wert ist", sagt Schmid ganz freundlich. Er wirkt absolut selbstbewusst. Er sagt, die ersten Angebote für Mobilcom habe er schon nach drei Jahren bekommen, "vierzig Millionen Mark für drei Jahre Arbeit! Damals habe ich nicht verkauft, und später auch nicht. Für mich ist nur der Wert des Unternehmens der Maßstab, nicht der Wert des Geldes".
Und plötzlich ist alles so, wie es immer gewesen sein muss, wenn Schmid gekämpft hat. Diese Gabe, Leute in den Bann zu ziehen. Ideen zu verkaufen. Kerzen anzuzünden. "Wir haben die UMTS-Lizenz", sagt Schmid. "Und die dürfen wir nicht verlieren. " Gerhard Schmid springt auf, holt sein Handy, tippt darauf herum und klickt eine Zeile an, die "Birthday" heißt. "In Farbe", ruft er. Drei Gnome erscheinen auf dem Display, die um eine Kerze hüpfen, und dazu klimpert es "Happy Birthday to you". Na, sagt Schmid erwartungsvoll. Na? Und dann: "Licht geht an, Geburtstag und hey. Das ist die Zukunft. Farbe ist besser als Schwarzweiß, und bewegt ist besser als unbewegt. " Vielleicht ist es so. Vielleicht wollen die Leute das.
UMTS. Wer da zuerst im Markt sei, sagt Schmid, der habe die Nase vorn. Und wie er das sagt, wirkt jeder Zweifel auf einmal kleinlich. Dann senkt Schmid die Stimme. "Selbst wenn Sie mit UMTS nur telefonieren und SMS senden - es ist ein Netz. Ein reales Netz!" Er sagt es, als wolle er gleich auf der Terrasse herumtanzen. Das ist sein Ziel, noch immer. Die UMTS-Lizenz macht aus dem Zwischenhändler Mobilcom den Netzbetreiber Mobilcom. Den "Quantensprung", nennt er es. "Dann mache ich statt 25 plötzlich 100 Prozent Marge! Dann muss ich kein Geld mehr an D-1 überweisen. Und dann habe ich meine Investitionen ganz schnell wieder eingespielt!"
Schrader und Hansen, Schmids Mitarbeiter sagen, sie glauben an die Zukunft von Mobilcom - vielleicht, weil sie die Zukunft schon einmal erlebt haben. Irgendwie wirken die Freunde in diesen Tagen in Lürschau, als hofften sie, Schmid würde ganz plötzlich alles wieder gut machen. So wie früher.
Gerhard Schmid blickt auf den See, hinter dem die Sonne langsam am Horizont versinkt. "Jetzt", sagt er, "jetzt klärt sich die Situation. Jetzt kommt wieder was in Gang. " Er führt seinen Gast durch die Halle mit ihren weißen Sofas, den herzförmigen Kissen. An einer Wand hängt ein großes Porträt. Es zeigt Schmid.
Als der Bundeswirtschaftsminister in Berlin am Sonntag vor die Presse tritt, steht Gerhard Schmid an seiner Seite. Die Liquidität des Unternehmens und die Arbeitsplätze seien gesichert, sagt Werner Müller. Schmid sagt nichts in diesem Moment. Er lächelt.
Zitat: "Jetzt klärt sich die Situation. Jetzt kommt wieder was in Gang. " Gerhard Schmid.
Foto: DDP/MARCUS BRANDT Gerhard Schmid bei der letzten Hauptversammlung des Unternehmens. Damals musste er als Vorstandsvorsitzender gehen, weil France Telecom es wollte. Noch immer aber sind er und seine Frau Großaktionäre von Mobilcom