MIGRATION: Geschlossene Gesellschaft


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MIGRATION: Geschlossene Gesellschaft

 
21.03.02 06:45
In Deutschland fehlen Köche und Informatiker, Putzkräfte und Ingenieure. Trotzdem gilt Zuwanderung weithin als Gnadenakt - ein teurer Irrtum

Sie kamen zu Fuß und in vollgestopften Zügen, mit ein paar Kilo Gepäck und ohne Geld. Sie wurden empfangen, wie Fremde oft empfangen werden: unwillig und mit verschlossenen Armen. Sie ließen sich nicht schrecken, suchten Arbeit, gründeten Unternehmen und schufen Jobs. Heute sind sie Bewohner eines florierenden Landes. Nur der Ministerpräsident dieses Landes verhält sich seltsam. Er sagt, Zuwanderung sei schädlich.
Das Land ist Bayern. Die Fremden sind die Sudetendeutschen und Schlesier, die nach dem Krieg zu Millionen in den Freistaat strömten und dort ähnlich unwirsch begrüßt wurden wie heute manch Einwanderer aus Osteuropa. Zum Aufschwung im einstigen Bauernstaat haben sie maßgeblich beigetragen. In diesen Tagen aber, da der Bundesrat über das Zuwanderungsgesetz der rot-grünen Regierung entscheidet, wiederholt der bayerische Ministerpräsident und Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber ein ums andere Mal das für ihn wichtigste Wort in der Debatte: "Begrenzung".

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Dahinter steht ein ebenso alter wie gegenwärtiger Mythos: dass Zuwanderung Ausdruck eines Gnadenaktes ist - politisch manchmal nicht zu vermeiden, aber ökonomisch bis auf wenige Ausnahmen teuer und unnötig.

Akuter Ärztemangel in Sachsen

Eine seltsame Sicht der globalisierten Wirtschaft. "Wir erleben einerseits die Entwicklung grenzfreier Räume für Handel und Kapital, andererseits aber das Bestreben, die Einreise von Immigranten zu verhindern", sagt die amerikanische Globalisierungsforscherin Saskia Sassen. Richtig ist, dass Zuwanderung Geld kostet - für Schulen, Sprachkurse, Sozialleistungen. Aber gleichzeitig zahlen Zuwanderer Steuern und schaffen Arbeit. Das Urteil der meisten ökonomischen Studien: Der Saldo ist positiv.

Migration ist seit jeher Teil der wirtschaftlichen Entwicklung - auch in Deutschland. Von 1849 bis 1939 verließen 59 Millionen Europäer ihre Heimat, unter ihnen sechs Millionen Deutsche. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber wurde die inzwischen hoch industrialisierte Republik zum Einwanderungsland und Europa zum Immigrationskontinent. Ein Drittel der deutschen Bevölkerung sind heute Nachkriegsmigranten und ihre Kinder. 22 Millionen Vertriebene, Flüchtlinge, Aussiedler, Asylanten und Gastarbeiter kamen zwischen 1945 und 1992 in die alte Bundesrepublik, halfen beim Wiederaufbau und sorgten für Aufschwung.

Früher brauchten die Deutschen Zuwanderer, weil die Wirtschaft boomte und nach Arbeitskräften rief. Heute benötigt Deutschland Ausländer, weil die Bevölkerung schrumpft. Es fehlen: über 60 000 Köche, Kellner, Küchenhilfen. Rund 50 000 Putzfrauen und Gebäudereiniger. Tausende Pflegekräfte und Handwerkslehrlinge. Aber auch Akademiker - in Sachsen beispielsweise herrscht akuter Ärztemangel. Im ganzen Land werden 40 000 Ingenieure und Informatiker gesucht, so der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Trotz Green Card benötigen High-Tech-Firmen Techniker, Programmierer und Web-Designer. Die Vermutung, man könne diesen Mangel mit arbeitslosen deutschen IT-Fachleuten beheben, hat sich als Irrglaube erwiesen.

Von wegen Völkerwanderung

Während zuwanderungsfeindliche Politiker die Legende vom autarken Land erzählen, hat die Basis längst entschieden. Deutsche Familien, Bauunternehmen und Restaurants engagieren tschechische Putzfrauen, polnische Maurer und ghanaische Köche. Die sind mal als Touristen, mal ohne Visum im Land. Inzwischen, so der Göttinger Migrationsforscher Klaus Bade, liege die geschätzte Zahl der Illegalen in Deutschland bei bis zu 1,2 Millionen. Viele füllen die Nischen im Arbeitsmarkt, in denen es den Deutschen zu unbequem ist.

Selbst wenn es gelänge, mehr Deutsche zu Packern, Pflegern und Putzfrauen zu machen - es bleibt der Mangel an hoch qualifizierten Fachkräften. "Setzt sich der gegenwärtige Trend fort, wird in Deutschland der Anteil der Qualifizierten an der Erwerbsbevölkerung weiter abnehmen", prognostiziert Klaus Zimmermann, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin. Beispiel Ingenieure: "Der Mangel wird auch in den nächsten vier bis fünf Jahren nicht verschwinden", sagt VDI-Präsident Hubertus Christ. "Wir kennen ja die Zahl der Studienanfänger." Ausländische Fachkräfte kommen allerdings nur, wenn sie sich willkommen fühlen. Während aber niemand auf die Idee käme, die Einfuhr japanischer Autos zu verbieten, gilt im Umgang mit Einwanderern meistens die Devise: Grenzen zu.

Womöglich auch deshalb, weil nur ein Drittel aller Deutschen weiß, dass der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung weniger als zehn Prozent beträgt. Jeder Zehnte glaubt, dass hierzulande mehr als 30 Prozent Ausländer leben. Die Politik ist nicht schuldlos an dieser Fehleinschätzung. In den Neunzigern beherrschte das Schlagwort von der "neuen Völkerwanderung" die Debatte, Helmut Kohl sprach 1992 von der Gefahr des "Staatsnotstands".

Die befürchtete Fluchtwelle aus dem Osten ist ausgeblieben. Mindestens vier, möglicherweise aber auch 25 Millionen Menschen würden sich nach dem Fall der Mauer auf den Weg nach Westen machen, hatten Experten vermutet - tatsächlich kamen zwischen 1992 und 1999 wenig mehr als 600 000 Migranten aus der früheren Sowjetunion, aus Polen oder Rumänien in die Bundesrepublik. Ohne die Aussiedler verzeichnete Deutschland Ende der Neunziger entgegen der öffentlichen Wahrnehmung einen negativen Wanderungssaldo: Mehr Ausländer verließen das vermeintlich gelobte Land als neue hinzukamen. "Was Deutsche und Europäer als Problem ansehen, hat mit der tatsächlichen Faktenlage nichts zu tun", urteilt Manolo Aballo, Migrationsexperte bei der Internationalen Arbeits-Organisation (ILO) in Genf.

Weltweit zählt die ILO 150 Millionen Migranten, die als Flüchtlinge oder auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat verlassen haben. Das sind gerade einmal 2,5 Prozent der Weltbevölkerung. "Für die restlichen 97,5 Prozent gilt entgegen dem verbreiteten Vorurteil: Sie bleiben lieber Inländer, als Ausländer anderswo zu werden", sagt Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA). Hinzu kommt: Die Wanderungsströme fließen weitgehend an Europa vorbei. Nur fünf Prozent aller Migranten haben sich den alten Kontinent als Ziel erkoren. Dagegen wandern 50 Prozent im Süden der Welt: in Afrika, in Asien, aus Asien in den Nahen Osten.

Entwicklungs- und Schwellenländer, nicht Industrienationen nehmen die meisten Einwanderer auf. Südafrika, selbst kein Wirtschaftswunderland, zählt heute bis zu acht Millionen illegale Immigranten. 21 Prozent der Erwerbsbevölkerung Singapurs sind Ausländer. Malaysia beschäftigt mindestens 1,5 Millionen Gastarbeiter in der Landwirtschaft, auf Tankstellen, in Altersheimen und auf Golfplätzen. Nach der Asienkrise 1997 erwog die Regierung in Kuala Lumpur, die Migranten abzuschieben - nur um zu merken, dass es ohne sie nicht geht.

Ob Indonesier in Malaysia oder Filipinos in Singapur - angezogen werden sie von der Chance auf Arbeit. Zu allen Zeiten war die Hoffnung auf ein besseres Auskommen eine Ursache dafür, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Andererseits: "Viele Länder mit großer Armut haben kaum Auswanderung zu verzeichnen", so die Erkenntnis der Globalisierungsforscherin Sassen. Erst wenn die größte Not überwunden ist, haben Menschen die Chance, sich auf den Weg zu machen. Der Ökonom Michael Vogler vom Institut zur Zukunft der Arbeit in Bonn, der die Migrationsströme für 86 Länder und 15 Jahre untersucht hat: "Mit zunehmendem Entwicklungsstand nimmt die Auswanderung zu. Erst nachdem größerer Wohlstand erreicht ist, gehen die Zahlen wieder zurück."

So war es in Europa, so ist es heute in der Dritten Welt. Erst wandern Menschen vom Land in die Städte, dann weiter ins Ausland. Kommunikation, Transportwege, wirtschaftliche und politische Kontakte lassen die notwendigen Netze zwischen Ein- und Auswanderernationen entstehen. Manchmal sind es auch militärische Konflikte: Die Einwanderung von Vietnamesen und Kambodschanern nach Amerika begann in großem Stil erst nach dem Vietnamkrieg.

Manchmal wird Auswanderung auch offiziell gefördert. In Korea sorgte der Staat mit Informationskampagnen und Förderprogrammen bis Ende der achtziger Jahre für einen stetigen Fluss von Auswanderern, in den Phillipinen, die bereits mehr als vier Millionen ihrer Bürger ins Ausland geschickt haben, tut er es noch heute.

Für viele Entwicklungsländer sind ihre Auswanderer längst "zu einer Bank geworden, die man im Bedarfsfall anzapfen kann", wie es der frühere indische Premierminister Rajiv Ghandi formulierte: Ihre Geldüberweisungen an die alte Heimat sind zur zweitwichtigsten Devisenquelle des armen Südens geworden und liegen mit 105 Milliarden Dollar im Jahr fast doppelt so hoch wie die gesamte Entwicklungshilfe. El Salvador verdient an seinen Emigranten mehr Geld als mit dem Export.

Das lindert auch die negativen Folgen der Elitenwanderung aus dem Süden und Osten in den hoch entwickelten Norden. Bulgarien verlor allein im Jahr 1995 etwa 7000 Forscher und Fachleute an die westlichen Industrienationen, aus Ghana verabschiedeten sich Anfang der Neunziger jährlich 20 000 Spitzenkräfte. Etwa 1,5 Millionen Spezialisten aus Entwicklungsländern arbeiteten in den Staaten Westeuropas, in den USA, Japan und Australien tätig, schätzen Migrationsexperten. Und die Elitenwanderung, so die ILO, wachse in rasantem Tempo. Im Silicon Valley gehören Migranten zu den eifrigsten Firmengründern, in London sind Ausländer - auch aus der Dritten Welt - Teil der ortsansässigen Finanzelite. Nicht aber in Deutschland: Hier fehlen die Fachkräfte aus Übersee.

Dann kommen die Mutigen

Dabei verkörpern die Eliten aus dem Süden am deutlichsten, was Einwanderer aus allen Schichten seit jeher zu den Motoren wirtschaftlicher Entwicklung macht: "Wenn man sie lässt", sagt Migrationsforscher Klaus Bade, "kommen nicht die Schwachen und Desorientierten, sondern die Mutigen, Innovativen und Unternehmungslustigen." Eliten machen im Ausland Karriere, weniger Gebildete schuften dafür, dass es ihren Kindern besser geht. Für die einen existiert ein fast globaler Arbeitsmarkt, die anderen gehen dahin, wo Arbeit ist. Beide helfen sich und ihren Gastgebern.

Beide müssen dank billiger Flüge und Telefontarife, dank Internet und Satellitenfernsehen den Kontakt zur Heimat nicht verlieren. Dass Einwanderung vorübergehend das Entstehen von Migrantenghettos fördern kann, sagt Klaus Bade, "ist kein neues Phänomen". Neu ist, dass sich manche Einwanderer in mehreren Gesellschaften gleichzeitig bewegen. Damit füllt sich ein neuer Begriff mit Wirklichkeit. So wie es transnationale Unternehmen gebe, sagen Ökonomen, so würden transnationale Bevölkerungsgruppen zu einem Charakteristikum der globalen Wirtschaft. Die bisherigen deutschen Gesetze sind darauf ausgerichtet, ihnen den Zutritt zu verwehren.

Aber niemand kann ihnen verordnen zu bleiben. Nach Schätzung des Bundesforschungsministeriums verlässt inzwischen jeder fünfte deutsche Jungakademiker seine Heimat - meist in Richtung Amerika und oft mit der Absicht, nicht mehr zurückzukehren. Fast noch schlimmer, sagt Ökonom Straubhaar, sei ein zweiter Trend: Auch viele Ausländer mit großem wirtschaftlichen Potenzial seien die Gängelungen leid und wanderten aus Deutschland ab. "Und die kommen bestimmt nicht mehr zurück."

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