Erfolg geht vor Veränderung
Dienstag 13. Dezember 2005, 14:00 Uhr
An der London Metal Exchange funktioniert der Handel noch genau so wie zur Gründung im Jahre 1877. Man trifft sich persönlich, handelt und die überwiegende Mehrheit der Kontrakte wechselt nach wie vor durch bloßen Zuruf den Besitzer.
LONDON. Wer das unscheinbare Gebäude im Zentrum Londons in der Leadenhall Street betritt, begibt sich in eine andere Welt. Das Haus beherbergt einen großen Saal, in dem ein kreisrundes, rotes Sofa steht. Jeden Tag um die Mittagszeit versammeln sich hier Dutzende von Männern, einige sitzen, viele stehen. Ab (ABHG.OB - Nachrichten) und zu schreien sie wild durchein-ander, regelmäßig ebbt das Getöse nach wenigen Minuten ab. Am späteren Nachmittag trennen sich die Männer wieder, danach wird es im Saal ruhig.
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Leadenhall Street ist Heimat der London Metal Exchange (LME), der Terminbörse für Buntmetalle. Es scheint, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Noch heute geht es in der LME zu wie kurz nach der Gründung im Jahr 1877. Man trifft sich persönlich und handelt. Andere Börsen mögen von den Vorzügen des Computers sprechen. Auch an der LME ist der elektronische Handel möglich. Die überwiegende Mehrheit der Kontrakte wechselt jedoch nach wie vor durch bloßen Zuruf den Besitzer. Das überrascht sogar LME-Chef Simon Heale: "Vor vier Jahren dachte ich, dass der Parketthandel in spätestens drei Jahren verschwindet." Doch scheint der Metallhandel anderen Gesetzmäßigkeiten zu folgen als das Geschäft mit Aktien oder Anleihen.
Auch die Handelszeiten für die insgesamt neun Metall- und zwei Plastikvarianten an der LME sind extrem kurz. Jeder Wert kommt viermal täglich je fünf Minuten zum Zug. Die LME will die Liquidität durch dieses Verfahren so stark wie möglich bündeln. "Für illiquide Werte funktioniert der Handel so am besten", erklärt Narayan Naik, Professor an der London Business School.
Veränderungsdruck scheint es an der LME nicht zu geben. Dank eines Rohstoffbooms ohnegleichen prosperiert die Börse zurzeit wie nie zuvor. Seit 1993 hat sich der Jahresumsatz gut verdreifacht. Im Vorjahr wechselten 72 Millionen Kontrakte den Besitzer, der Wert der Käufe und Verkäufe belief sich auf 3 500 Milliarden Dollar.
Von solchen Dimensionen war die LME an ihren Ursprüngen im 16. Jahrhundert weit entfernt. Zu Zeiten von Königin Elisabeth I. begannen sich die Metallhändler regelmäßig an der "Royal Exchange" zu treffen. Dort handelten sie, um den Heimatmarkt mit Baumaterial zu versorgen. Über die Jahre entwickelte sich Großbritannien zu einem Netto-Exporteur des Rohstoffs. Die Folge war, dass immer mehr Händler aus Europa zur Royal Exchange stießen. Im 19. Jahrhundert wurde die Gruppe der Händler, Schiffs-Charterer und Finanziers an der Royal Exchange so groß, dass die Geschäftsabschlüsse zu unübersichtlich wurden. Einzelne Gruppen zogen sich in die Kaffeehäuser zurück. Hier entstand die Tradition des Ringhandels: Ein Verkäufer malte einen Kreis auf den Boden und rief "Change". Schon versammelten sich Interessenten um den Kreis, um ihre Gebote abzugeben.
Als sich das Königreich im Zuge der industriellen Revolution zum Netto-Importeur von Metall entwickelte, entstand der Terminhandel, der Vorläufer der heutigen LME. Das Metall gelangte auf Schiffen nach Großbritannien, doch diese erreichten erst Wochen nach der Order die Insel. Nur über den Terminhandel konnten die Käufer die Preise der Güter sicherstellen. Die hier übliche Dreimonatsfrist ergab sich aus der Lieferzeit, die Zinn aus Malaysia oder Kupfer aus Chile benötigte. 1877 entstand die London Metal Exchange Company dann als formale Einheit.
Im Laufe der Jahre musste die Terminbörse einige Stürme überstehen; zwei Ereignisse prägten sie besonders: Das eine davon war die Zinnkrise 1985, als sich in kürzester Zeit der Preis für das Metall halbierte. Der rapide Verfall führte dazu, dass Minen schließen mussten. An der LME brach der Handel völlig zusammen, weil die Produzentenorganisation, der internationale Zinn-Rat, seine finanziellen Verpflichtungen nicht einhalten konnte.
An der zweiten Krise traf die Börse ebenfalls keine Schuld. Der Chefhändler der japanischen Sumitomo (München: 860364 - Nachrichten) -Bank, Yasuo Hamanaka – Spitzname: "Mr. Kupfer" – handelte über Jahre unautorisiert und unzureichend abgesichert. Lange Zeit gingen die Geschäfte gut – bis Hamanaka Mitte der 90er-Jahre erfolglos auf steigende Kupferpreise wettete. Zeitweise kontrollierte er bis zu fünf Prozent des weltweiten Kupferangebots. Das Ende war für alle Seiten verheerend: Die LME erlitt einen erheblichen Reputationsschaden, Sumitomo blieb auf einem Verlust von 2,6 Mrd. Dollar sitzen, und Hamanaka musste für sieben Jahre ins Gefängnis.
"Alle Vorsicht der Welt kann Missbrauch nicht vermeiden", sagt LME-Chef Heale noch heute. Bis vor kurzem blieb das Institut von neuen Schäden auch verschont. Kürzlich kamen jedoch Gerüchte auf, die chinesische Regierung habe durch eine ungeschickte Positionierung im Kupferhandel mehrere hundert Millionen Euro Verlust erlitten. Darüber breitet man in der Börse lieber den Mantel des Schweigens.
Wie stark sich die LME künftig ändern muss, hängt von dem Druck ab, den die Mitglieder ausüben. Sie haben die Macht, denn nur wer an der LME handelt, kann Aktionär der Börse werden. Bisher sind das gut 70 Finanzinstitute, von denen elf "in den Ring" dürfen. Heale sagt, die Börse sei für mögliche Änderungen gut gerüstet. Persönlich hofft er, dass das System des "Open Outcry" noch lange überlebt. Eine Prognose, wie lange das ist, wagt er jedoch nicht
Dienstag 13. Dezember 2005, 14:00 Uhr
An der London Metal Exchange funktioniert der Handel noch genau so wie zur Gründung im Jahre 1877. Man trifft sich persönlich, handelt und die überwiegende Mehrheit der Kontrakte wechselt nach wie vor durch bloßen Zuruf den Besitzer.
LONDON. Wer das unscheinbare Gebäude im Zentrum Londons in der Leadenhall Street betritt, begibt sich in eine andere Welt. Das Haus beherbergt einen großen Saal, in dem ein kreisrundes, rotes Sofa steht. Jeden Tag um die Mittagszeit versammeln sich hier Dutzende von Männern, einige sitzen, viele stehen. Ab (ABHG.OB - Nachrichten) und zu schreien sie wild durchein-ander, regelmäßig ebbt das Getöse nach wenigen Minuten ab. Am späteren Nachmittag trennen sich die Männer wieder, danach wird es im Saal ruhig.
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Leadenhall Street ist Heimat der London Metal Exchange (LME), der Terminbörse für Buntmetalle. Es scheint, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Noch heute geht es in der LME zu wie kurz nach der Gründung im Jahr 1877. Man trifft sich persönlich und handelt. Andere Börsen mögen von den Vorzügen des Computers sprechen. Auch an der LME ist der elektronische Handel möglich. Die überwiegende Mehrheit der Kontrakte wechselt jedoch nach wie vor durch bloßen Zuruf den Besitzer. Das überrascht sogar LME-Chef Simon Heale: "Vor vier Jahren dachte ich, dass der Parketthandel in spätestens drei Jahren verschwindet." Doch scheint der Metallhandel anderen Gesetzmäßigkeiten zu folgen als das Geschäft mit Aktien oder Anleihen.
Auch die Handelszeiten für die insgesamt neun Metall- und zwei Plastikvarianten an der LME sind extrem kurz. Jeder Wert kommt viermal täglich je fünf Minuten zum Zug. Die LME will die Liquidität durch dieses Verfahren so stark wie möglich bündeln. "Für illiquide Werte funktioniert der Handel so am besten", erklärt Narayan Naik, Professor an der London Business School.
Veränderungsdruck scheint es an der LME nicht zu geben. Dank eines Rohstoffbooms ohnegleichen prosperiert die Börse zurzeit wie nie zuvor. Seit 1993 hat sich der Jahresumsatz gut verdreifacht. Im Vorjahr wechselten 72 Millionen Kontrakte den Besitzer, der Wert der Käufe und Verkäufe belief sich auf 3 500 Milliarden Dollar.
Von solchen Dimensionen war die LME an ihren Ursprüngen im 16. Jahrhundert weit entfernt. Zu Zeiten von Königin Elisabeth I. begannen sich die Metallhändler regelmäßig an der "Royal Exchange" zu treffen. Dort handelten sie, um den Heimatmarkt mit Baumaterial zu versorgen. Über die Jahre entwickelte sich Großbritannien zu einem Netto-Exporteur des Rohstoffs. Die Folge war, dass immer mehr Händler aus Europa zur Royal Exchange stießen. Im 19. Jahrhundert wurde die Gruppe der Händler, Schiffs-Charterer und Finanziers an der Royal Exchange so groß, dass die Geschäftsabschlüsse zu unübersichtlich wurden. Einzelne Gruppen zogen sich in die Kaffeehäuser zurück. Hier entstand die Tradition des Ringhandels: Ein Verkäufer malte einen Kreis auf den Boden und rief "Change". Schon versammelten sich Interessenten um den Kreis, um ihre Gebote abzugeben.
Als sich das Königreich im Zuge der industriellen Revolution zum Netto-Importeur von Metall entwickelte, entstand der Terminhandel, der Vorläufer der heutigen LME. Das Metall gelangte auf Schiffen nach Großbritannien, doch diese erreichten erst Wochen nach der Order die Insel. Nur über den Terminhandel konnten die Käufer die Preise der Güter sicherstellen. Die hier übliche Dreimonatsfrist ergab sich aus der Lieferzeit, die Zinn aus Malaysia oder Kupfer aus Chile benötigte. 1877 entstand die London Metal Exchange Company dann als formale Einheit.
Im Laufe der Jahre musste die Terminbörse einige Stürme überstehen; zwei Ereignisse prägten sie besonders: Das eine davon war die Zinnkrise 1985, als sich in kürzester Zeit der Preis für das Metall halbierte. Der rapide Verfall führte dazu, dass Minen schließen mussten. An der LME brach der Handel völlig zusammen, weil die Produzentenorganisation, der internationale Zinn-Rat, seine finanziellen Verpflichtungen nicht einhalten konnte.
An der zweiten Krise traf die Börse ebenfalls keine Schuld. Der Chefhändler der japanischen Sumitomo (München: 860364 - Nachrichten) -Bank, Yasuo Hamanaka – Spitzname: "Mr. Kupfer" – handelte über Jahre unautorisiert und unzureichend abgesichert. Lange Zeit gingen die Geschäfte gut – bis Hamanaka Mitte der 90er-Jahre erfolglos auf steigende Kupferpreise wettete. Zeitweise kontrollierte er bis zu fünf Prozent des weltweiten Kupferangebots. Das Ende war für alle Seiten verheerend: Die LME erlitt einen erheblichen Reputationsschaden, Sumitomo blieb auf einem Verlust von 2,6 Mrd. Dollar sitzen, und Hamanaka musste für sieben Jahre ins Gefängnis.
"Alle Vorsicht der Welt kann Missbrauch nicht vermeiden", sagt LME-Chef Heale noch heute. Bis vor kurzem blieb das Institut von neuen Schäden auch verschont. Kürzlich kamen jedoch Gerüchte auf, die chinesische Regierung habe durch eine ungeschickte Positionierung im Kupferhandel mehrere hundert Millionen Euro Verlust erlitten. Darüber breitet man in der Börse lieber den Mantel des Schweigens.
Wie stark sich die LME künftig ändern muss, hängt von dem Druck ab, den die Mitglieder ausüben. Sie haben die Macht, denn nur wer an der LME handelt, kann Aktionär der Börse werden. Bisher sind das gut 70 Finanzinstitute, von denen elf "in den Ring" dürfen. Heale sagt, die Börse sei für mögliche Änderungen gut gerüstet. Persönlich hofft er, dass das System des "Open Outcry" noch lange überlebt. Eine Prognose, wie lange das ist, wagt er jedoch nicht