Markus Koch:"Ich bin skeptischer geworden"


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Markus Koch:"Ich bin skeptischer geworden"

 
28.04.03 12:32
Markus Koch ist der bekannteste deutsche Börsenberichterstatter von der Wall Street und lebt seit 1992 in den USA. Im Jahr 1994 gründete der Wahl-New Yorker seine Firma Wall Street Correspondents und informiert seitdem Anleger börsentäglich vom wichtigsten Finanzplatz der Welt. Durch seine guten Kontakte zu Händlern und Analysten erfährt er über die neuesten Trends und Entwicklungen an NYSE und Nasdaq aus erster Hand. In Deutschland ist Markus Koch Anlegern vor allem durch seine abendlichen Fernsehauftritte bei n-tv und seine Kolumnen in der Wirtschaftswoche bekannt.

Stock-World sprach exklusiv mit Markus Koch über seine Einschätzung zur laufenden Quartalssaison, zum Dollar und zur US-Konjunktur. Darüber hinaus gab uns der Börsenexperte einen Ausblick auf die kommenden Börsenmonate in den USA und Europa.

Stock-World: Gratulation! Mit Ihrer Einschätzung zu Jahresbeginn, dass die Börsen noch vor Kriegsbeginn die Oktober-Tiefststände testen werden, lagen Sie goldrichtig. Was erwarten Sie für die nächsten Monate?

Markus Koch: Kurzfristig haben die Börsen sicherlich noch Aufwärtspotenzial. Dafür sorgen die bisherigen und noch kommenden überdurchschnittlich guten Unternehmensergebnisse für das erste Quartal. Man merkt, dass der Markt derzeit einfach nach oben will. Wichtig ist das Überwinden des Widerstands bei 8.500 Punkten. Ab 9.000 Punkten wird im Dow die Luft aber nicht nur aus charttechnischer Sicht sehr dünn. Hinzu kommt, dass der relativ hohe Ölpreis und der schwache Dollar weiterhin eine Belastung für die Märkte sind.

Spätestens ab dem 12. Mai rechne ich wieder mit einer Wende an den Börsen, da wir uns momentan in der letzten Impulswelle (V) einer wellentheoretischen Aufwärtsformation befinden. Eine sehr wichtige Frage für die künftige Entwicklung ist, wie wir das zweite Quartal überstehen.

Wie steht es um die Konjunktur?

Stock-World: Der Irak-Krieg hat die USA bislang mindestens 80 Milliarden Dollar gekostet. Jüngste Wirtschaftsdaten wie das Verbrauchervertrauen oder der Einkaufsmanagerindex belegen, dass die amerikanische Wirtschaft bereits ohne diese Sonderkosten auf der Kippe steht. Wie geht es mit der Konjunktur in den USA weiter?

Markus Koch: Insgesamt sind die Wirtschaftsdaten durch den Irak-Krieg verwischt worden. Die „Operation Freedom“ hat die Weltwirtschaft im zweiten Quartal zwar Wachstum gekostet, allerdings sehe ich besonders für die US-Konjunktur nicht so schwarz wie viele Experten. Nehmen Sie z.B. das Verbrauchervertrauen. Hier handelt es sich um einen kurzfristigen psychologischen Indikator, der letztlich nur die Stimmung der Konsumenten, die auf Erfahrungen in der Vergangenheit beruhen, widerspiegelt. Ich rechne daher auch im dritten Quartal mit einem Plus beim BIP von 3,5 bis 4,0 Prozent.

Stock-World: Hat Alan Greenspan noch Spielraum für Zinssenkungen zur Ankurbelung der Wirtschaft?

Markus Koch: Greenspan muss die Zinsen nicht mehr senken. Es ein Irrtum zu glauben, dass die Notenbank nur an der Zinsschraube drehen kann, um die US-Konjunktur zu beeinflussen. Beispielsweise kann Greenspan auch im Rahmen der Offenmarktpolitik Anleihen zurückkaufen und dadurch die Renditen am Rentenmarkt drücken und zugleich Liquidität in die Wirtschaft pumpen. Meine Theorie ist, dass wir in den USA künftig eine steigende Inflation bei anhaltend niedrigem Zinsniveau sehen werden.

Galoppierendes Defizit  

Stock-World: Wie sieht die Zukunft beim Dollar aus?

Markus Koch: Für den Dollar bin ich äußerst pessimistisch gestimmt. Obwohl der Markt sich in den letzten Wochen deutlich erholt hat, ist die Entwicklung des Dollars schwach. Drei Punkte sind bedenklich: Wenngleich es die amerikanische Regierung nicht öffentlich zugeben würde, ist sie derzeit mit einem schwächeren Dollar zur Unterstützung der heimischen Konjunktur ganz zufrieden.

Die USA kranken an einem galoppierenden Haushaltsdefizit, das im Gegensatz zu den 80er oder 90er Jahren, als von ausländischen Investoren immer ausreichend langfristiges Geld ins Land floss, sich heutzutage anders finanziert. Mittlerweile besteht der überwiegende Teil des Mittelzuflusses nur noch aus so genanntem „Hot Money“, das genauso schnell wie es angelegt auch wieder abgezogen werden kann. Letztlich sind auch der Notenbank die Hände gebunden. Um den Dollar zu stützen müßte sie die Zinsen erhöhen, was wiederum Gift für die Wirtschaft wäre.

Stock-World: Mit dem Ausbruch der aggressiven Lungenkrankheit SARS ist besonders den asiatischen Börsen eine weitere Hypothek auferlegt worden. Ist SARS auch in den USA ein Thema? Wenn ja, wie sind die Auswirkungen?

Markus Koch: In Asien ist SARS sicherlich ein großes Thema – auch für die Wirtschaft. In den USA sind bisher nur wenige Auswirkungen im alltäglichen Leben oder an der Börse zu spüren, die sich auf die Branchen Fastfood und Tourismus konzentrieren.

"Ich bin skeptischer geworden"  

Stock-World: Anfang des Jahres waren Sie für die ersten sechs Monate in 2003 pessimistisch gestimmt, haben aber insgesamt eine positive Entwicklung an den Aktienmärkten in diesem Jahr vorhergesagt. Halten Sie diese Einschätzung aufrecht?

Markus Koch: Eine genaue Einschätzung zum jetzigen Zeitpunkt ist schwierig. Knackpunkt ist wie schon erwähnt das zweite Quartal. Die Volatilität an den Aktienmärkten ist auf dem niedrigsten Stand seit einigen Monaten angelangt, was eigentlich für fallende Kurse spricht. Zudem haben die Bewertungen amerikanischer Aktien wieder kräftig angezogen. Dass heißt, dass Chance-/Risikoverhältnis ist inzwischen deutlich schlechter. Man kann sagen, ich bin skeptischer geworden in den letzten Wochen. Daher würde ich zum jetzigen Zeitpunkt die Chancen, dass wir Ende 2003 nach drei Jahren beim Dow wieder eine positive Performance erleben, mit 50 zu 50 bezeichnen.

Stock-World: Wie schätzen Sie die Börsenentwicklung in Europa, hierbei speziell in Deutschland, ein? Ist nach den im Gegensatz zum Dow doch relativ starken Verlusten in Zukunft mit einer Outperformance im DAX zu rechnen?

Markus Koch: Bewertungstechnisch hat Europa, ganz besonders Deutschland, deutliches Aufholpotenzial gegenüber dem amerikanischen Markt. Obwohl die Wirtschaft in Euroland von „Transusen“ wie Deutschland oder Frankreich dominiert wird, sind hier viele Aktien derzeit ausgesprochen attraktiv bewertet, wenn man beispielsweise auf die Cash Flows, Buchwerte oder Dividendenrenditen der Unternehmen schaut.

Ganz deutlich wird die Unterbewertung des DAX wenn man sich vor Augen führt, dass die Marktkapitalisierung aller DAX-Titel aktuell in etwa der von Microsoft und Intel entspricht. Daher blasen auch die führenden Investmentbanken in den USA wie Morgan Stanley seit Wochen zum Einstieg in Europa. Den Startschuss für eine Rallye in Europa könnte eine Übernahme geben. Denn wo Unternehmen günstig zu bekommen sind, lassen US-Firmen sich meistens nicht lange bitten.

Die richtigen Branchen  

Stock-World: In welche Branchen sollten die Anleger mit Sicht auf die kommenden zwölf Monate jetzt investieren?

Markus Koch: Ich favorisiere momentan den Rohstoffsektor, genauer gesagt Öl- und Goldwerte. In Europa gefällt mir die Aktie von BP [ WKN: 850517 ] aufgrund ihrer im Vergleich zur US-Konkurrenz günstigen Bewertung gut.

Anleger, die in Gold investieren wollen, können das beispielsweise mit dem Gold Quanto-Zertifikat (WKN 664551) von der ABN Amro. Vorteil hierbei ist, dass das Zertifikat in Euro notiert, es also gegenüber der Gold-Handelswährung Dollar abgehedgt ist. Wichtig beim Gold ist das Timing. Daher brauchen sich Anleger auch mit Käufen nicht zu beeilen, da ein Anstieg des Dow auf 9.000 Punkte, im Extremfall bis auf 9.400 Punkte, und des S&P auf 1.000 Punkte in den kommenden Wochen durchaus möglich ist. Ab Mitte Mai sollten sich Anleger wie schon gesagt warm anziehen. Auch wenn es viele Leute nicht gerne hören, ich rechne in der zweiten Jahreshälfte nochmals mit einem Test der Oktober-Tieftststände.

Stock-World: Herr Koch, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.

© 25.04.2003 www.stock-world.de [1]

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