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sbroker:

machen wir einfach einen lernthread daraus..

 
24.06.04 12:20
sorgt für ein gewisses grundverständnis.. wen dieses thema mehr interessiert (empfehlenswert) sollte sich nach literatur umgucken.. es gibt da ein paar werke zum thema behavioral finance. auch vom autor des folgenden textes:

Behavioral Finance in der Praxis
von Joachim Goldberg, cognitrend, 15.07.2001

Naturgesetz Gewinne werden zu früh realisiert und Verluste zu lange laufen gelassen

Betrachtet man heute die Vielfalt der Analysemethoden, so fällt einem auf, dass viele von ihnen quantitativ-mathematische Ansätze aufweisen, um sich nicht dem Vorwurf aussetzen zu müssen, sie seien unwissenschaftlich. Dem, was die Marktteilnehmer tatsächlich bewegt, wird indes viel zu wenig Rechnung getragen: Emotionen.

Vielen Wissenschaftlern scheint die menschliche Psyche noch viel zu wenig erforscht, und deshalb befassen sie sich erst gar nicht mit ihr. Dies gilt vor allem für die meisten Fundamentalanalysten und Volkswirte. Und obgleich die Technischen Analysten ihre Prämissen auf der Psyche der Marktteilnehmer aufbauen, beschäftigen auch sie sich oft nur oberflächlich oder unbewußt mit ihr. Eine rein numerische Betrachtung von Kursen und Indikatoren reicht jedoch bei weitem nicht aus, um die Märkte und das Verhalten ihrer Teilnehmer zu begreifen. Chartbilder, Unterstützungen oder Widerstände stellen heutzutage eine genauso wichtige Information wie Fundamentaldaten dar, mit dem Vorteil, dass erstere als Information schneller verarbeitet werden können. Einige Analysten gehen sogar so weit, dass sie volkswirtschaftliche Analysen mit Chartpunkten und Indikatoren vermischen. Doch muss dieses Verfahren zwangsläufig zu einer Fehlbewertung führen, da es auf einem Zirkelschluss beruht. Denn in den Marktpreisen sind bereits alle bekannten fundamentalen Informationen und Meinungen der Händler enthalten.

Sicherlich gehen Experten und Laien davon aus, dass die Teilnehmer an den Finanzmärkten rational vorgehen. Doch die Wirklichkeit zeigt ein anderes Bild: Menschliche Verhaltensweisen unterliegen Anomalien und Abweichungen vom rationalen Handeln. Die Psychologie der Märkte setzt schon viel früher an, bei jedem einzelnen Engagement ist sie im Spiel. Händler entsprechen somit oft nicht dem Bild des Homo Oeconomicus, der absolut rational, nur gewinnorientiert und informationseffizient handelt. Trotzdem verlassen sich die Anhänger der modernen Kapitalmarkttheorie immer noch auf seine Perfektion.

Aufgabe der Technischen Analyse
ist es nunmehr schon seit Jahrzehnten, anhand der Preisentwicklung zu untersuchen, wie sich Marktteilnehmer – im Gegensatz zur Theorie – tatsächlich verhalten. Sie stellt eigentlich das Instrumentarium für eine psychologische Analyse und Prognose der Märkte zur Verfügung, ist aber vielerorts umstritten, da nach Meinung ihrer Kritiker die theoretische Basis dieser Prognosemethode zu „weich“ sei.

Aus der Einsicht, dass sich Menschen nur begrenzt rational verhalten, hat sich in den USA während der vergangenen Jahre eine verhaltenswissenschaftliche Finanzmarkttheorie, die sogenannte ‘Behavioral Finance’, als neuer Forschungszweig etabliert. Die Behavioral Finance befasst sich zum einen mit der Aufnahme, Auswahl und Verarbeitung von Information und konsequenterweise ebenso mit den darauf basierenden Entscheidungen. Ausserdem untersucht sie die Verhaltensanomalien im täglichen Leben der Menschen. Das Entscheidende dabei: Mit Hilfe der Behavioral Finance lässt sich empirisch nachweisen, dass diese Abweichungen vom rationalen Handeln nicht auf Einzelfälle beschränkt bleiben, sondern systematisch auftreten. Genau diese Systematik ermöglicht eine Prognose über das zukünftige Verhalten der Akteure.

Die Beweggründe, sich beispielsweise im Aktienmarkt zu engagieren, sind nicht nur auf das Geldverdienen begrenzt. Interessanterweise möchten nämlich viele Menschen nicht in erster Linie eine hohe Rendite verbunden mit hohen Risiken erzielen, sondern wünschen sich eher stabile Erträge mit möglichst geringen Einbrüchen. Sicherheit geht zumindest in Kontinentaleuropa vor Gewinn. Denn schätzungsweise nur 20 Prozent der Teilnehmer an den Aktienmärkten dürften sich mit dem beschäftigen, was man im Volksmund als Spekulation bezeichnet. Für viele ist letztere allerdings etwas Unmoralisches und der Begriff ‘Spekulant’ wird eher als Schimpfwort gebraucht, obgleich das Ausschau halten nach einer günstigen Gelegenheit (= speculari, lat.) eigentlich nichts anrüchiges sein sollte. Ein Ausdruck von Neid also, gewürzt mit einer kräftigen Portion Bewunderung.

Allein schon gut auszusehen wäre nicht schlecht.
Man denke an die ungläubigen Blicke der Nachbarn auf die gerade gekaufte Nobelkarosse, finanziert aus Börsengewinnen, die vielen Fragen, wie man es denn zu derartigem Wohlstand gebracht habe und endlich im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. All dies stellt für viele einen höheren Wert als Geld allein dar. Doch dies darf einen homo oeconomicus nicht scheren, denn sein Herz muss kalt bleiben, gleich dem des Kohlenmunk Peters aus dem Hauff‘schen Märchen, der seine Emotionen einst gegen ein steinernes Herz verbunden mit ewigem Reichtum an den Holländer Michel verkauft hatte.

Bevor sich Akteure in den Finanzmärkten engagieren, besorgen sie sich normalerweise Informationen, sei es auch nur den guten Rat eines Freundes. Es gilt jedoch als gesichert, dass Menschen Informationen nur in beschränktem Umfang aufnehmen können. Diese Begrenzung führt dazu, dass Informationen ausgewählt und entsprechend ihrer Bedeutung gewichtet werden müssen. Oft liegen diesem Auswahlprozeß jedoch nicht nur rationale Bewertungskriterien zu Grunde, so dass sich bei Entscheidungen und den darauf basierenden Verhaltensweisen Fehler einschleichen können. Wer hat sich nicht schon bei der Beurteilung von neuen Nachrichten wegen des hohen Zeitdrucks auf ungenaue Faustregeln (Heuristiken) verlassen? Menschen bewerten die gleiche Information in verschiedenartigen Situationen jeweils völlig anders und gelangen daher zu unterschiedlichen, manchmal gar gegensätzlichen Schlußfolgerungen. Dies soll folgendes Beispiel verdeutlichen:

Angenommen, Sie hätten die Wahl,
10.000 Mark bei einem Spiel sicher zu gewinnen oder bekämen statt dessen eine 20 prozentige Gewinnchance, 5.000 Mark zu erhalten. Würden Sie sich auf eine derartige Wette einlassen oder lieber die sicheren 10.000 Mark nehmen? Nun stellen Sie sich vor, Sie würden jemand anderem 10.000 Mark schulden. Statt sein Geld einzufordern, schlägt Ihnen Ihr Gläubiger ein Spiel vor, bei dem Sie im Falle des Gewinnes Ihrer Schulden ledig wären. Sollten Sie dagegen verlieren, so würde sich Ihre Schuld auf 50.000 Mark erhöhen. Die Wahrscheinlichkeit, bei diesem Spiel zu verlieren, beträgt 20 Prozent. Würden Sie zahlen oder spielen?

In beiden Fällen ist die Wahrscheinlichkeit exakt die gleiche, denn es besteht jeweils eine Chance bzw. das Risiko von 1:5 - 50.000 Mark zu gewinnen oder zu verlieren. Sofern man nur oft genug spielt, wird sich am Ende also wieder die Ausgangssituation einstellen, d. h. man bekommt bzw. schuldet 10.000 Mark. Trotzdem entscheidet sich die Mehrheit der Menschen nur im zweiten Fall für eine Wette (Dies belegen vergleichbare Experimente, welche die amerikanischen Psychologen Kahneman und Tversky bereits vor Jahren [vgl. „Choices, Values and Frames“ in: American Psychologist, April 1984, S. 341 – 350] durchgeführt haben). Offensichtlich wird das Erreichte nicht gerne aufs Spiel gesetzt, während sich die menschliche Natur auf der Verlustseite großzügiger zeigt: Wenn ein Verlust vermeidbar scheint, wird man selbst unter Inkaufnahme weiterer Risiken eher geneigt sein, sich von dieser ‘Last’ zu befreien.

Die Teilnehmer an den Finanzmärkten befinden sich alltäglich in einer vergleichbaren Lage. Auch sie tendieren meist dazu, Gewinne zu früh zu realisieren und Verluste zu lange laufen zu lassen. In der Gewinnzone verhalten sich Marktteilnehmer offensichtlich risiko-avers. Eine typisch menschliche Reaktion, denn wer möchte einmal erzielte Gewinne wieder hergeben. Im Verlustbereich wird hingegen häufig risikofreudig entschieden, sei es durch zu langes Abwarten oder durch „Hin-zu-mischen“ neuer Positionen zu günstigeren Kursen (Verbilligen). Demnach kommt dem Einstandspreis als Bezugspunkt eine besondere Rolle zu, denn von ihm hängt es ab, ob sich das Engagement im Gewinn oder Verlustbereich befindet, ob der Akteur bewundert oder belächelt wird. Dieser Bezugspunkt entscheidet aber auch darüber, wie Akteure Informationen wahrnehmen. Neue wirtschaftliche und politische Ereignisse werden vor allem unter diesem Gesichtspunkt verarbeitet. Gegenüber einem Lotteriespieler, der, wie oben gezeigt, genau weiß, wie hoch die Gewinn und Verlustwahrscheinlichkeiten sind, scheint der Akteur an den Finanzmärkten indes im Nachteil. Denn er kann, genau genommen, nicht exakt bestimmen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer bestimmten Kursentwicklung ist. Oder doch?

Wie oft hört man: „Die Aktie X ist gestiegen, weil ein Chartpunkt gebrochen wurde. Warum? Weiß ich nicht!“ Dass es sich bei diesem Chartpunkt um die Einstandspreise vormals agierender Marktteilnehmer gehandelt hat, wird leider oft übersehen. Obgleich die Behavioral Finance den Beweis erbracht hat, dass für die meisten Akteure gerade der Kurs, zu dem sie gehandelt haben als Referenzkurs dient. Abhängig von diesem Bezugspunkt werden Gewinne und Verluste nun mal unterschiedlich stark wahr genommen.

Hier kann die Technische Analyse ansetzen,
denn sie beobachtet die Einstandspreise der Akteure und ermittelt darauf basierend die Unterstützungen und Widerstände des Marktes. Sie stellt zudem ein Werkzeug dar, dass Marktteilnehmer dazu befähigen soll, Wahrnehmungsfehler zu vermeiden. Denn sie untersucht nur den Preis als Resultat von Angebot und Nachfrage. Sie analysiert, was Marktteilnehmer tatsächlich tun, und vergeudet keine Zeit, die ökonomischen Gründe zu erforschen. Die Geschichte lehrt, dass das menschliche Verhalten den immer gleichen Gesetzen gehorcht. Dank der Behavioral Finance scheint es jetzt erstmals möglich, diese psychologischen Mechanismen nicht nur zu beschreiben, sondern diese, bereits bevor sie an den Märkten greifen, zu erkennen und gewinnbringend zu nutzen.

 

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Antworten
sbroker:

@PM

 
24.06.04 12:23
ich habe keine ahnung warum andauernd ein neuer thread erscheint wenn ich normale postings verfasse. PM, habe dir gestern noch eine mail geschickt mit dem quelltest.. konntest du damit was anfangen oder war das quatsch?

 

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Antworten
anjaf:

schöner Artikel sbroker!

 
24.06.04 12:35
aber ist da nicht ein kleiner Fehler?

Angenommen, Sie hätten die Wahl,
10.000 Mark bei einem Spiel sicher zu gewinnen oder bekämen statt dessen eine 20 prozentige Gewinnchance, 5.000 Mark zu erhalten. Würden Sie sich auf eine derartige Wette einlassen oder lieber die sicheren 10.000 Mark nehmen? Nun stellen Sie sich vor, Sie würden jemand anderem 10.000 Mark schulden. Statt sein Geld einzufordern, schlägt Ihnen Ihr Gläubiger ein Spiel vor, bei dem Sie im Falle des Gewinnes Ihrer Schulden ledig wären. Sollten Sie dagegen verlieren, so würde sich Ihre Schuld auf 50.000 Mark erhöhen. Die Wahrscheinlichkeit, bei diesem Spiel zu verlieren, beträgt 20 Prozent. Würden Sie zahlen oder spielen?

Kann das Fazit das in beiden Fälle die Wahrscheinlichkeit die gleiche ist nicht ganz nachvollziehen.*grübbel*
Auf der einen Seite beträgt die Gewinnchance 20% und ich hätte nur die hälfte vom sicheren Gewinn.
Auf der anderen Seite steht eine Gewinnchance von 80% aber die Schulden würden sich verfünffachen. Meiner Meinung nach ist das Chancen/Risiko verhätnis im Beispiel 2 doch deutlich besser, oder?
Antworten
janosh:

@anjaf

 
24.06.04 13:09
wahrscheinlich muss es lauten ...Gewinnchance, 50.000 Mark zu erhalten...(statt 5.000 Mark) - oder es waren 5.000 West-Mark :-)

Aber auf jeden Fall ein interessanter Beitrag!!!

Gruß janosh
Antworten
Kritiker:

Zum Spiel

 
24.06.04 13:41
10ooo,- sicher zu gewinnen, ist kein Spiel! - seit man weiß, daß Vizeweltmeister nicht einmal gegen eine Reserve gewinnen.
2. Was soll eine 20%ige Gewinnchance? Es laufen 5 Pferde = einer gewinnt! Doch sind alle 5 gleich gut?? Beim Schuldenspiel fehlt die Aussage, wie hoch ist die Siegchance?
Und nun zum Chart-Artikel: Dort wird der Fehler aller Fehler beiläufig genannt:
Der Chart zeigt nicht, was IST, sondern immer, was WAR!! - bleibe - Kritiker.  
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