Das Champagner-Haus Taittinger aus Reims verdient das meiste Geld inzwischen mit Hotels
von Gesche Wüpper
Reims - "Was trinken Sie? Rosé oder normalen Champagner?" Interessiert geht der Hausherr von Gast zu Gast, schüttelt jedem die Hand, registriert mit einem Lächeln die Wahl des Apéritifs an diesem Sommerabend. Geschäft ist Geschäft: "Das ist für mich ein kleiner Test. Ich bin nämlich überzeugt, dass Rosé-Champagner in Zukunft viel stärker nachgefragt wird."
Der hochgewachsene Mann mit dem feingeschnittenen Gesicht und dem dunklen, zurückgekämmten Haar weiß, wovon er spricht. Claude Taittinger ist Chef der gleichnamigen Champagner-Firma aus Reims, eines der wenigen großen Champagnerhäuser in Familienbesitz. Und das bereits in dritter Generation. Allein mit dem prickelnden Luxus-Getränk machte das börsennotierte Unternehmen im vergangenen Jahr 78,9 Mio. Euro Umsatz, verkaufte 400 000 Flaschen allein in Deutschland.
Dabei ist der Geschäftsbereich Champagner und Wein einer der kleineren. Er trug 2002 nur 12,3 Prozent zum Gesamtumsatz bei - auch wenn der Gruppe neben 270 Hektar Anbaufläche in der Champagne auch die Weingüter Bouvet-Ladubay (Saumur), Domaine Carneros (Nappa Valley, USA) sowie ein Handelshaus in Bordeaux gehören.
Das meiste Geld verdient die Familie inzwischen mit der Hotellerie. Immerhin ist die Société du Louvre, an der die Taittingers 57 Prozent der Stimmrechte besitzen und die von Nichte Anne-Claire geleitet wird, die zweitgrößte Hotel-Gruppe Europas. Allerdings kam dieses Engagement im ersten Halbjahr 2003 teuer zu stehen. Denn der Umsatz der Filiale sank um 5,4 Prozent auf 319,9 Mio. Euro. Das schlägt sich in den gerade veröffentlichten Umsatzzahlen der Holding nieder: Sie sanken um 4,7 Prozent auf 355,2 Mio. Euro.
Vor allem der Luxus-Bereich litt. Irak-Krise, SARS und die schwache Konjunktur ließen die Gäste in den Nobelherbergen fern bleiben. Allein die preiswerten Hotels der Envergure-Gruppe brachten Geld. Genau wie Champagner und Wein, die einen Zuwachs von zwei Prozent auf 38,3 Mio. Euro verbuchten.
Claude Taittinger bereut trotzdem nicht, in das Hotelgeschäft eingestiegen zu sein. Das sei auch für die Champagner-Aktivitäten vorteilhaft, weil viele Kunden aus Hotellerie und Gastronomie kämen und dann wissen würden, dass Taittinger ihr Geschäft versteht. Außerdem: "Wir wussten bereits in den 50er Jahren, dass es schwer möglich sein würde, sich im Bereich Champagner weiter zu entwickeln - wegen der begrenzten Anbaufläche in der Champagne. Da war es logisch, in die Société du Louvre zu investieren", erklärt der 75-Jährige.
Als Familienoberhaupt leitet Taittinger das operative Geschäft des Champagnerhauses und steht dem Kontrollrat der gesamten Gruppe vor. Dabei hatte er eigentlich nie damit gerechnet, als eines von acht Kindern die Verantwortung für das Familienunternehmen zu übernehmen. "Ich habe davon geträumt, Journalist oder Professor zu werden." Nach dem Politikstudium berichtete er denn auch als Kriegsreporter aus Indochina. Die Geschäfte leitete Bruder François, die übrigen Geschwister hatten sich aus dem Unternehmen zurückgezogen. Dann starb François 1960 bei einem Autounfall. Und Claude musste die Nachfolge antreten.
Inzwischen ist auch die nächste Generation aktiv. Neffe Pierre-Emanuel ist Vize-Generaldirektor des Champagnerhauses, das Tochter Virginie in Deutschland, Österreich und der Schweiz repräsentiert; Tochter Brigitte leitet bei der Société du Louvre den Geschäftsbereich Annick Goutal. Und die Enkel? "Ich sage meinen Kindern, dass sie sich nicht auf ihre Herkunft verlassen können, dass sie selber ihren Weg machen müssen", erklärt die 42-jährige Virginie Taittinger.
In den 90ern hatte sich der amerikanische Investmentbanker Guy Wyser-Pratte in das Unternehmen eingekauft. 2002 übernahm der belgische Industrielle Albert Frère seinen Anteil und besitzt nun 24,7 Prozent der Holding. "Wir sind froh darüber, denn Frère ist ein Geschäftsmann, mit dem man diskutieren kann. Vorher, das waren Spekulatoren", sagt Virginie.
Jetzt schaut das Familienunternehmen in die Zukunft: Baccarat verlegt im November sein Museum in das vornehme 16. Arrondissement von Paris, die Concorde-Gruppe eröffnet Ende des Jahres ihr neues Luxus-Hotel Palais de la Méditerranée in Nizza. Und Claude Taittinger plant für 2004 etwas Besonderes: "Les Folies de la Marquetterie", benannt nach dem Familienschlösschen in den Weinbergen von Pierry in der Champagne: "Das wird ein richtiger Vin de terroir, nur mit Trauben von La Marquetterie, in kleinen Mengen." Für den deutschen Markt sind nur 2000 Flaschen vorgesehen.
Aber zunächst freut sich Taittinger auf die Ferien. Seit Jahren fährt er mit seiner Frau Cathérine in das gleiche Hotel auf Korsika und lädt dorthin alle Enkelkinder ein. Arroganz oder blasierte Vornehmheit scheint den Taittingers fremd. Wenn sie auf der Terrasse ihres Hauses in Reims Gäste empfangen, reicht Tochter Virginie Canapées, Ehefrau Cathérine musiziert. Und Claude Taittinger plaudert mit den Gästen. Weinkritiker Robert Parker habe ihn einmal gefragt, was er als Champagner-Produzent eigentlich mache. "Ich habe ihm geantwortet, ich müsse mit Geschäftsbekanntschaften, meiner Frau und Freunden essen gehen. Aber das schlimmste sei, dass ich dafür auch noch bezahlt werde."
Welt.de
von Gesche Wüpper
Reims - "Was trinken Sie? Rosé oder normalen Champagner?" Interessiert geht der Hausherr von Gast zu Gast, schüttelt jedem die Hand, registriert mit einem Lächeln die Wahl des Apéritifs an diesem Sommerabend. Geschäft ist Geschäft: "Das ist für mich ein kleiner Test. Ich bin nämlich überzeugt, dass Rosé-Champagner in Zukunft viel stärker nachgefragt wird."
Der hochgewachsene Mann mit dem feingeschnittenen Gesicht und dem dunklen, zurückgekämmten Haar weiß, wovon er spricht. Claude Taittinger ist Chef der gleichnamigen Champagner-Firma aus Reims, eines der wenigen großen Champagnerhäuser in Familienbesitz. Und das bereits in dritter Generation. Allein mit dem prickelnden Luxus-Getränk machte das börsennotierte Unternehmen im vergangenen Jahr 78,9 Mio. Euro Umsatz, verkaufte 400 000 Flaschen allein in Deutschland.
Dabei ist der Geschäftsbereich Champagner und Wein einer der kleineren. Er trug 2002 nur 12,3 Prozent zum Gesamtumsatz bei - auch wenn der Gruppe neben 270 Hektar Anbaufläche in der Champagne auch die Weingüter Bouvet-Ladubay (Saumur), Domaine Carneros (Nappa Valley, USA) sowie ein Handelshaus in Bordeaux gehören.
Das meiste Geld verdient die Familie inzwischen mit der Hotellerie. Immerhin ist die Société du Louvre, an der die Taittingers 57 Prozent der Stimmrechte besitzen und die von Nichte Anne-Claire geleitet wird, die zweitgrößte Hotel-Gruppe Europas. Allerdings kam dieses Engagement im ersten Halbjahr 2003 teuer zu stehen. Denn der Umsatz der Filiale sank um 5,4 Prozent auf 319,9 Mio. Euro. Das schlägt sich in den gerade veröffentlichten Umsatzzahlen der Holding nieder: Sie sanken um 4,7 Prozent auf 355,2 Mio. Euro.
Vor allem der Luxus-Bereich litt. Irak-Krise, SARS und die schwache Konjunktur ließen die Gäste in den Nobelherbergen fern bleiben. Allein die preiswerten Hotels der Envergure-Gruppe brachten Geld. Genau wie Champagner und Wein, die einen Zuwachs von zwei Prozent auf 38,3 Mio. Euro verbuchten.
Claude Taittinger bereut trotzdem nicht, in das Hotelgeschäft eingestiegen zu sein. Das sei auch für die Champagner-Aktivitäten vorteilhaft, weil viele Kunden aus Hotellerie und Gastronomie kämen und dann wissen würden, dass Taittinger ihr Geschäft versteht. Außerdem: "Wir wussten bereits in den 50er Jahren, dass es schwer möglich sein würde, sich im Bereich Champagner weiter zu entwickeln - wegen der begrenzten Anbaufläche in der Champagne. Da war es logisch, in die Société du Louvre zu investieren", erklärt der 75-Jährige.
Als Familienoberhaupt leitet Taittinger das operative Geschäft des Champagnerhauses und steht dem Kontrollrat der gesamten Gruppe vor. Dabei hatte er eigentlich nie damit gerechnet, als eines von acht Kindern die Verantwortung für das Familienunternehmen zu übernehmen. "Ich habe davon geträumt, Journalist oder Professor zu werden." Nach dem Politikstudium berichtete er denn auch als Kriegsreporter aus Indochina. Die Geschäfte leitete Bruder François, die übrigen Geschwister hatten sich aus dem Unternehmen zurückgezogen. Dann starb François 1960 bei einem Autounfall. Und Claude musste die Nachfolge antreten.
Inzwischen ist auch die nächste Generation aktiv. Neffe Pierre-Emanuel ist Vize-Generaldirektor des Champagnerhauses, das Tochter Virginie in Deutschland, Österreich und der Schweiz repräsentiert; Tochter Brigitte leitet bei der Société du Louvre den Geschäftsbereich Annick Goutal. Und die Enkel? "Ich sage meinen Kindern, dass sie sich nicht auf ihre Herkunft verlassen können, dass sie selber ihren Weg machen müssen", erklärt die 42-jährige Virginie Taittinger.
In den 90ern hatte sich der amerikanische Investmentbanker Guy Wyser-Pratte in das Unternehmen eingekauft. 2002 übernahm der belgische Industrielle Albert Frère seinen Anteil und besitzt nun 24,7 Prozent der Holding. "Wir sind froh darüber, denn Frère ist ein Geschäftsmann, mit dem man diskutieren kann. Vorher, das waren Spekulatoren", sagt Virginie.
Jetzt schaut das Familienunternehmen in die Zukunft: Baccarat verlegt im November sein Museum in das vornehme 16. Arrondissement von Paris, die Concorde-Gruppe eröffnet Ende des Jahres ihr neues Luxus-Hotel Palais de la Méditerranée in Nizza. Und Claude Taittinger plant für 2004 etwas Besonderes: "Les Folies de la Marquetterie", benannt nach dem Familienschlösschen in den Weinbergen von Pierry in der Champagne: "Das wird ein richtiger Vin de terroir, nur mit Trauben von La Marquetterie, in kleinen Mengen." Für den deutschen Markt sind nur 2000 Flaschen vorgesehen.
Aber zunächst freut sich Taittinger auf die Ferien. Seit Jahren fährt er mit seiner Frau Cathérine in das gleiche Hotel auf Korsika und lädt dorthin alle Enkelkinder ein. Arroganz oder blasierte Vornehmheit scheint den Taittingers fremd. Wenn sie auf der Terrasse ihres Hauses in Reims Gäste empfangen, reicht Tochter Virginie Canapées, Ehefrau Cathérine musiziert. Und Claude Taittinger plaudert mit den Gästen. Weinkritiker Robert Parker habe ihn einmal gefragt, was er als Champagner-Produzent eigentlich mache. "Ich habe ihm geantwortet, ich müsse mit Geschäftsbekanntschaften, meiner Frau und Freunden essen gehen. Aber das schlimmste sei, dass ich dafür auch noch bezahlt werde."
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