Lockt der Osten immer noch?


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Lockt der Osten immer noch?

 
04.12.05 13:59
Die vergangenen Jahre waren golden für Investoren, sie auf Osteuropa setzten. Neue politische und wirtschaftliche Risiken werfen die Frage auf, ob das auch weiterhin gilt Seite 26
von Peter Gewalt

Der jährlich wiederkehrende Wettkampf der Superreichen aus den USA, Rußland und Asien um die zahlenmäßige Vorherrschaft in Monaco ist entschieden. 2005 ging ganz klar an die Gäste aus Rußland. "Wir arbeiten seit 22 Jahren in Monaco, aber soviele Russen wie in diesem Jahr haben wir hier noch nie gesehen", erklärt Chantal Sobra, Direktorin des Louis-Vuitton-Shops im Stadtstaat. "In diesem Jahr haben sie für den Hauptumsatz gesorgt." Doch nicht nur Sobra darf sich in der Luxus-Metropole die Hände reiben. Die Invasion aus dem Osten Europas sorgt in Monacos dominierenden Geschäftssparten für hohe Umsätze: 110000 Euro für eine Frühstückseinladung im Edelrestaurant, 300000 Euro Miese beim Zocken im Casino oder 80000 Euro Monatsmiete für eine Villa mit eigene! m Strand – für Rußlands Reiche ist das alles derzeit kein Problem.

Ihre geballte Einkaufsmacht sorgt auch anderswo auf der Welt für glitzernde Augen und volle Kassen bei Geschäftsleuten. Für die in der Londoner Bond Street ansässigen Luxusläden sind russisch sprechende Verkäufer daher längst ein Muß. Geschätzte 300000 Russen, davon zahlreiche Millionäre, leben in Londongrad. So wird Englands Hauptstadt inzwischen auch betitelt.

Auch in der heimischen Metropole Moskau rollt der Rubel dank der zunehmenden Zahl von Oligarchen, wie die Neureichen vom Volk genannt werden. Eine eigene Stadt für Millionäre ist vor den Toren der Hauptstadt in Planung – für etwa 30000 wohlhabende Moskauer und mit Quadratmeterpreisen von umgerechnet 5000 Dollar. Den Reichen aus Putins Reich geht es so blendend wie nie zuvor. Waren es früher vor allem dubiose Gewinne aus der Liberalisierung ehemaliger Staatsunternehmen, spülen heute Wirtschafts- und Aktienhausse immer mehr Reiche in Rußland na! ch oben. So haben sich viele Vermögende in den vergangenen Jahren an d er Moskauer Börse eine goldene Nase verdient.

Keine besonders schwierige Leistung. Seit 2003 schoß der russische Auswahlindex um knapp 64 Prozent in die Höhe, allein im vergangenen drei Monaten gab es ein Plus von über 16 Prozent. Kein Wunder bei Wachstumsraten der Wirtschaft von bis zu sechs Prozent im Jahr, etwa das dreifache Wachstumstempo von Westeuropa. Sinkende Arbeitslosigkeit und steigende Einkommen sorgen zudem dafür, daß auch die kaufkräftige Mittelschicht wächst. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Jahreseinkommen auf durchschnittlich 6600 Dollar verdreifacht. "Der steigende Konsum bleibt auch in Zukunft Kurstreiber für viele Aktien", erklärt Günter Faschang, Fondsmanager des Vontobel Eastern Europe.

Also alles eitel Sonnenschein zwischen Moskau und Nowosibirsk? Nicht ganz. Mit Sorge betrachten viele Experten den wachsenden Einfluß des Staats auf die Privatwirtschaft. So hat Rußlands Präsident Wladimir Putin einen großen Teil der Ölindustrie wieder unter sei! ne Kontrolle gebracht. Eine Branche, die Ende der 90er Jahre vom damaligen Präsidenten Jelzin an die erste Generation der Oligarchen im Gegenzug für politische Hilfsmaßnahmen verscherbelt wurde – unter Wert.

Der Startschuß der Renationalisierung dieser Schlüsselindustrie fiel Mitte 2003. Michail Chodorkowsky, der Chef des Ölgiganten Yukos, wurde verhaftet und wanderte in den Knast, sein Konzern wurde Ende 2004 zerschlagen. Die wichtigste Yukos-Ölfördertochter Yurkutneftegaz schluckte der Staatskonzern Rosneft. Negativer Effekt: Unter staatlicher Führung sank prompt die Produktivität erheblich. Und auch wenn Rußland vergangene Woche ankündigte, Rosneft-Aktien für 15 Milliarden Dollar im nächsten Jahr an die Börse zu bringen– das Sagen wird auch in Zukunft weiter der Kreml haben. Vor einem halben Jahr folgte der nächste Paukenschlag. Der staatlich kontrollierte Öl- und Gaskonzern Gazprom schnappt sich für knapp 13 Milliarden Dollar die Ölgesellschaft Sibneft des Oligarche! n Roman Abramovich. "Strategisch verständlich und richtig" findet Fond smanager Stefan Böttcher vom Magna Eastern European diesen Schritt. "Putin korrigiert damit Fehler aus der Vergangenheit und sorgt so für ein stabiles Umfeld."

Der Machthunger des Kreml scheint aber noch nicht gestillt. Dem weltweit größten Nickelproduzenten Norilsk Nickel droht Gerüchten zufolge die Übernahme durch den staatlichen Diamantenmonopolisten Alrosa. Und Putins Helfershelfer haben ihre Fühler nach dem größten russischen Autohersteller Avtovaz (Lada) ausgestreckt. Anfangs wurden die staatlichen Eingriffe von ausländischen Investoren noch mit Abzug von Kapital bestraft. Dennoch erklomm die russische Börse immer neue Kurshochs. Zu dynamisch wächst die Volkswirtschaft, zu stark ist der Nachholbedarf des Landes, als daß sich Anleger dem entziehen könnten. "Einzig ein Rückschlag bei den Rohstoffpreisen könnte der Rally ein Ende setzen", glaubt daher Fonds-Profi Böttcher, der in Rußland fürs kommende Jahr bessere Kurs-Chancen sieht als in Westeuropa.

Die rasant g! estiegenen Rohstoffpreise führen nicht nur zu Milliardeneinnahmen der Ölgiganten wie Lukoil. Milliarden Dollar fließen auch in Rußlands Staatssäckel. Mitte der 90er Jahre beinahe bankrott, ist das Riesenreich heute fast schuldenfrei. So blickt die Fondsgesellschaft Baring Asset Management großzügig über die politischen Probleme des Landes hinweg und sieht es dank sprudelnder Öleinnahmen noch längere Zeit auf der Siegerstraße. Auch andere Länder in Osteuropa ziehen derzeit die Gelder magisch an. Vier Milliarden Dollar sind in diesem Jahr aus dem Ausland an osteuropäische Finanzplätze außerhalb Rußlands geflossen, Aktien im Wert von 26 Milliarden sind nun in fremder Hand – ein neuer Rekord. Dank der Kapitalinfusion gehören die Börsen in Istanbul, Prag oder Warschau zu den großen Gewinnern der vergangenen Jahre. Allein in diesem Jahr legten Fonds mit Ausrichtung Osteuropa um bis zu 60 Prozent zu.

Doch nicht nur bei den Kursen zeigt sich die Dynamik der Ostbörsen. Die Raiff! eisen Centrobank (RCB) aus Österreich erwartet für 2006 über 50 Börsen gänge in Osteuropa. "Motor für die gesamte Region ist der Nachholbedarf im Vergleich zu den EU-Ländern sowie die durch die Mitgliedschaft verbundenen Beitrittshilfen", erklärt Erich Obersteiner, Leiter Equity Markets Ost- und Zentraleuropa bei der RCB. Wie lange der Aufwärtstrend an europäischen Schwellenländerbörsen dauern kann, beweisen Länder wie Spanien, Irland und Griechenland. Auch hier gab es vor und nach dem Beitritt zur EU immer wieder Rückschläge, doch langfristig zeigen die Finanzplätze eine deutlich bessere Entwicklung als die etablierten Märkte. Aus diesem Grund raten Fachleute dazu, Rückschläge als Einstiegs-Chancen zu nutzen.

Selbst polnische Populisten können am Aufwärtstrend der Börsen wenig ändern. Die Zwillingbrüder Jaroslaw und Lech Kaczynski von der national-konservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit" haben die politische Landschaft Polens schwer in Aufruhr versetzt. Jaroslaw konnte die Parlamentswahl Ende September gewinnen und gilt als Drahtzieh! er hinter der neuen Regierung von Premier Kazimierz Marcinkiewitz. Bruder Lech wird zudem im Dezember als neuer Präsident vereidigt. Beide ähneln sich bis auf ein Muttermal nicht nur wie ein Ei dem anderen. Im Wahlkampf punkteten sie mit Themen, die Stimmung machten und Stimmen brachten. Gegen die Europäische Union, gegen Deutschland, gegen Rußland sowie gegen die Privatisierung staatlicher Firmen wurde polemisiert. "Wir können nicht den ganzen Bankensektor in ausländische Hände geben", meinte Polens künftiger Präsident. Nach dem überraschenden Wahlsieg der Nationalkonservativen Partei verlor der polnische Auswahlindex knapp zehn Prozent, erholte sich aber schnell. "Die rhetorischen Ausfälle haben ausländische Investoren sicherlich erst verschreckt", bestätigt Böttcher. Doch nur kurz. So hielten sich die Kursverluste an der polnischen Börse in Grenzen. "Ich hätte zwar auch lieber eine Regierung, die die Steuern senkt", ergänzt Kollege Faschang. "Aber das Ganze ist angesicht! s der stabilen wirtschaftlichen Lage des Landes kein Beinbruch." Allen falls einzelne börsennotierte Staatsunternehmen wie die PKO Bank Polski leiden unter dem Regierungswechsel. Personelle Richtungsentscheidungen aus Warschau lassen auf sich warten. Neben politischen sind auch gesellschaftliche Probleme im Osten Europas virulent. Bestechung und organisiertes Verbrechen belasteten zwar das Investitionsklima in Rumänien und Bulgarien, meint Thomas Farthofer, Manager des Bawag P.S.K. Osteuropa (s. Interview). "Demgegenüber stehen aber eine solide Haushaltspolitik und Wachstumsraten von sechs Prozent." Angesichts dieser Investment-Chancen werden Risiken gern in Kauf genommen. Auch ein Zerwürfnis zwischen Regierung und Notenbank wird von den Investoren in Anbetracht der Gewinnaussichten geflissentlich ignoriert. Seit Wochen tobt in der ungarischen Hauptstadt Budapest ein Streit, der immer groteskere Züge annimmt. 15 Mal hat der ungarische Zentralbankpräsident Zsigmond Jarai den Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany scharf angegriffen.

Unter anderem bezeichnete er die Wirtschaftspolitik der Regierung als "chaotisch". Gyurcsanys Antwort ließ nicht lange auf sich warten: "Es ist am besten, wenn ich die Worte des Zentralbankpräsidenten ignoriere." Stein des Anstoßes: Der Ministerpräsident hatte Steuern gesenkt und die Renten erhöht. Zehn Tage später folgte der nächste verbale Angriff des Zentralbankchefs: "Ungarn ist das korrupteste Land in der Europäischen Union, wo Aktienbetrüger und Steuerhinterzieher Erfolg haben", wütete er. Die Anleger hörten die Worte und reagierten auf ihre Weise. Seit Jarais bislang letztem Ausbruch hat der ungarische Auswahlindex um weitere fünf Prozent zugelegt.
 
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