Daran glaubt doch niemand, wenn man an Italien denkt
Alle Welt beklagt den amerikanischen Einfluß, doch die globale Leitkultur kommt aus Italien
VENEDIG, Ende September
Die Vereinigten Staaten sind nicht nur die letzte verbleibende politische Supermacht, sie dominieren mit ihrer Lebensweise und Kultur die Welt, sie stellen die Leitmatrix unserer Zivilisation. Dies dürfte so ziemlich die einzige Anschauung über den "american way of life" sein, in dem so unterschiedliche Naturen wie islamische Fundamentalisten, rabiate Globalisierungsgegner und nicht zuletzt die Amerikaner selbst übereinstimmen. Unhinterfragt und inspiriert vom weltumspannenden Netz amerikanischer Fast-food-Ketten, hat sich die Rede vom unifizierenden Monstrum "McWorld" durchgesetzt. Mit Internet, Hollywood, dem hochbezahlten Mediensport und der hirnvernebelnden Glamourwelt amerikanischer Popmusik ist ein Kosmos umrissen, der sich bis in die letzten Souks, Favelas, sibirischen Siedlungen und sowieso bis Paris und Amsterdam ausgebreitet habe.
Bei näherer Betrachtung indes spaltet sich dieses homogene Bild in merkwürdige Facetten. Das fängt damit an, daß zum globalen Leitsport keineswegs Baseball oder American Football, sondern der europäische Profifußball aufstieg. Auch konnten amerikanische Intellektuelle, Schriftsteller, Musiker zu keiner Zeit die Dominanz der europäischen Hochkultur durchbrechen. Immer noch rekrutiert die Bildungswüste Amerika ihr begabtestes Personal aus Universitäten und Forschungseinrichtungen in aller Welt, zumal aus dem vermeintlich zurückgebliebenen Europa. Mögen auch amerikanische Bestsellerprofessoren mit zweifelhaften oder aufgewärmten Thesen wie dem Ende der Geschichte, dem Kampf der Kulturen oder dem willigen Nazihelfer kurzzeitig Staub oder Schlamm aufwirbeln, so sind die soliden, epochemachenden, stilbildenden Köpfe alles andere als verzärtelte "Graeculi", kommen Künstler, Denker und Autoren von Luhmann bis Derrida, von Berio bis Richter weiterhin zu hohen Prozentzahlen aus der vermeintlich kolonisierten Restwelt.
Nahezu vollkommen verblaßt sind die amerikanischen Sterne bei allem, was jenseits von Militär-, Computer- und Jugendkultur das schöne Leben ausmacht: bei der ästhetischen Gestaltung des Alltags. Von allen guten Geistern verlassen wäre die Werbeagentur, die allen Ernstes versuchte, in Japan, Rußland oder Spanien gehaltvolle Nahrungsmittel oder Luxuskleidung mit Bezug auf Amerika zu verkaufen. Seit der Jeans, die ja eigentlich aus Genua kommt, taugt ein Verweis auf die Massenware jenseits des Atlantiks höchstens als Ekelindiz, als Abschreckung für alles, was der Rest der Welt nicht futtern und tragen möchte.
Es gibt eine andere Kultur, die im Windschatten der Ideologien mühelos die offene Stelle als globale Leitwährung beim Lebensstil eingenommen hat: die italienische. Längst haben Ethnologen staunend konstatiert, daß die Präsenz der Eßkultur Italiens von Feuerland bis Japan, von Alaska bis Ägypten mit keiner anderen Akkulturation in der Menschheitsgeschichte gleichzusetzen ist. Ohne politischen Rückenwind oder die Hilfe der CIA haben Pastaköche in Windeseile den Planeten erobert. Bei den Kindern der Welt ist Pizza beliebter als jeder Hamburger, und es gibt kein Kriegsgebiet, keine Wüstenei, wo nicht mit italienischen Restaurants und Eisdielen als ersten Vorposten die Zivilisation wieder Einzug hielte.
Während in der weltweiten Migration des vorigen Jahrhunderts alle anderen Europäer - Briten, Polen, Deutsche, Ostjuden - spätestens nach der zweiten Generation ihre angestammten Tischsitten zugunsten rüderer Gebräuche ablegten, verstärkten die Italiener ihre Identität durch das Nachkochen von Abruzzenrezepten oder neapolitanischen Leckereien untereinander nur noch. Doch die globale Pasta bedeutete nur den Anfang einer nie erlebten Dominanz eines kleines Landes. Das italienische Wirtschaftswunder der achtziger und neunziger Jahre versorgte die Welt mit Nachschub aus der Heimat. Längst ist die Mailänder Mode, sind Edelschuhe aus den Marken, sind Anzüge von Brioni zur Uniform der globalen Eliten geworden - von Kofi Annan bis Schröder, von den eitlen Potentaten der Dritten Welt zu schweigen. Und gleich darunter fängt der Massenmarkt für Benetton und Dutzende anderer Italomarken an.
Während die Weltwirtschaft in die Krise rutscht, verzeichnen einzig die Ladenketten von Armani oder Prada in Japan, China und vor allem in Amerika immer noch wachsende Verkaufsraten. Aber auch weniger augenfällige Produkte kommen aus dem Mutterland der Schönheit: So stammt ein gut Teil des amerikanischen Küchendesigns aus dem Veneto, dessen schlaue Unternehmer die Möbel in China zuschneiden lassen und längst den asiatischen Markt im Visier haben. Und Ray Ban, die Symbolbrille amerikanischer Bomberpiloten, gehört längst dem italienischen Weltmarktführer.
Wir sind, ohne das groß zu merken, wieder in einer Zeit transalpiner Kulturdominanz angekommen - wie vor fünfhundert Jahren, da kein deutscher Raubritter ohne italienische Benimmlehrer, Hofmaler oder Kompositeure süßer Madrigale auskommen mochte. Doch stellt unsere Zeit die Wucht ihrer (chauvinistisch von einem Franzosen dreist so getauften) Vorgängerin weit in den Schatten; wir leben im Neo-Rinascimento. Denn wer heute nicht wenigstens Commissario Brunettis Lieblingslokale herbeten, wer nicht ohne Zentimetermaß Pappardelle von Fettucine unterscheidet, wer auf einem deutschen Marktplatz nicht akzentfrei seine Latte macchiato bestellt, der kann sogar als Frankfurter WallStreet-Broker einpacken.
Um die Dominanz der Italianità festzustellen, reicht ein Abend vor dem deutschen Werbefernsehen. Die Deutschen waren - neben dem ebenfalls kapitulierenden Japan - unter den Völkern der Welt die folgsamsten Neo-Amerikaner. Heute kann man bei uns mit amerikanischem Slang oder Cowboys allenfalls so etwas politisch Unkorrektes und Billiges loswerden wie Zigaretten. Urdeutsche Essigproduzenten wie Hengstenberg jedoch haben - um der Konkurrenz aus dem Süden zu wehren - längst eigenen Aceto Balsamico auf den Markt geworfen. Keine Süßware, kaum ein Möbelstück, das nicht mit dem kulturellen Gepäck von Giotto, Raffaelo oder Leonardo seine Kunden bezirzt. Wenn sogar Allgäuer Joghurt sich mit eingestreuten Mandelkeksen, den legendären Amaretti, besser verkauft und Italiens Fußballnationaltrainer Trapattoni in gebrochenem Sympathendeutsch dafür wirbt, hat selbst die alpine Molkereiindustrie die Waffen vor der neuen Leitkultur gestreckt, obwohl die Römer Milch allenfalls als Babynahrung durchgehen ließen.
Deutsche Autobauer haben begriffen, daß ihre Produkte aus häßlichen Fabriken außer mit italienischen oder lateinischen Phantasienamen wie Audi, Scirocco, Polo, Mondeo am ehesten vor dem optischen Hintergrund italienischer Altstädte abzusetzen sind, durch die deutsche Fahrer in der Regel kaum ohne Blechschäden gelangen. Würden die unaussprechlichen Volkswagenwerke - übrigens maßgeblich von der frühesten Kolonie von Italienern mit aufgebaut - heute im niedersächsischen Sumpf gegründet, sie hießen mit Sicherheit "Macchina del Popolo".
Anders als beim "american way of life" hat sich die Italianità ohne machtpolitische Rückendeckung durchsetzen können. Nicht Soldaten und Militärbasen beförderten einen Lebensstil, sondern der Stolz und der Fleiß vieler Millionen Auswanderer verankerte die Pasta in den Töpfen der Welt. Inzwischen dehnt sich die dynamischste Wohlstandszone unseres Kontinents von Bozen bis Rom und stellt damit sogar Stoibers Süddeutschland locker in den Schatten. Trotz dieses globalen Triumphes ist das Phänomen des Anti-Italianismus noch nirgendwo beobachtet worden.
Wer sich also vor der amerikanischen Supermacht und ihrer dominanten Kultur fürchtet, sollte den Prosecco, Chianti oder besser noch einen wundervoll samtigen Amarone entkorken und sich guten Gewissens als überlegener Europäer fühlen. Denn das ist das Bequeme am italienischen Wunder: Die anderen Europäer sind längst dabei, opportunistisch bei diesem Siegeszug mitzumachen. Italien lädt sie ein, sich zu seinen Weihen aufzuschwingen - nichts anderes ist die Bedeutung des Wortes "Tiramisu". Das zu Tonnen über Alpenpässe gekarrte Modemineralwasser San Pellegrino macht derzeit vor, wie wir Uncle Sam - schwach wie Flasche leer - fröhlich und stilvoll die Stirn bieten können. Die neueste, gewiß in Deutschland erdachte Werbekampagne zeigt ein Grüppchen südlicher Jungmenschen in einer Edelosteria bei offenbar enthemmendem Mineralwasser-Besäufnis. Dazu den Spruch: "Welche Sprache Sie auch sprechen - leben Sie italienisch." Das ist ein Slogan, mit dem ein geeigneter Kandidat glatt die Bundestagswahl hätte gewinnen können.
DIRK SCHÜMER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2002, Nr. 226 / Seite 29
Alle Welt beklagt den amerikanischen Einfluß, doch die globale Leitkultur kommt aus Italien
VENEDIG, Ende September
Die Vereinigten Staaten sind nicht nur die letzte verbleibende politische Supermacht, sie dominieren mit ihrer Lebensweise und Kultur die Welt, sie stellen die Leitmatrix unserer Zivilisation. Dies dürfte so ziemlich die einzige Anschauung über den "american way of life" sein, in dem so unterschiedliche Naturen wie islamische Fundamentalisten, rabiate Globalisierungsgegner und nicht zuletzt die Amerikaner selbst übereinstimmen. Unhinterfragt und inspiriert vom weltumspannenden Netz amerikanischer Fast-food-Ketten, hat sich die Rede vom unifizierenden Monstrum "McWorld" durchgesetzt. Mit Internet, Hollywood, dem hochbezahlten Mediensport und der hirnvernebelnden Glamourwelt amerikanischer Popmusik ist ein Kosmos umrissen, der sich bis in die letzten Souks, Favelas, sibirischen Siedlungen und sowieso bis Paris und Amsterdam ausgebreitet habe.
Bei näherer Betrachtung indes spaltet sich dieses homogene Bild in merkwürdige Facetten. Das fängt damit an, daß zum globalen Leitsport keineswegs Baseball oder American Football, sondern der europäische Profifußball aufstieg. Auch konnten amerikanische Intellektuelle, Schriftsteller, Musiker zu keiner Zeit die Dominanz der europäischen Hochkultur durchbrechen. Immer noch rekrutiert die Bildungswüste Amerika ihr begabtestes Personal aus Universitäten und Forschungseinrichtungen in aller Welt, zumal aus dem vermeintlich zurückgebliebenen Europa. Mögen auch amerikanische Bestsellerprofessoren mit zweifelhaften oder aufgewärmten Thesen wie dem Ende der Geschichte, dem Kampf der Kulturen oder dem willigen Nazihelfer kurzzeitig Staub oder Schlamm aufwirbeln, so sind die soliden, epochemachenden, stilbildenden Köpfe alles andere als verzärtelte "Graeculi", kommen Künstler, Denker und Autoren von Luhmann bis Derrida, von Berio bis Richter weiterhin zu hohen Prozentzahlen aus der vermeintlich kolonisierten Restwelt.
Nahezu vollkommen verblaßt sind die amerikanischen Sterne bei allem, was jenseits von Militär-, Computer- und Jugendkultur das schöne Leben ausmacht: bei der ästhetischen Gestaltung des Alltags. Von allen guten Geistern verlassen wäre die Werbeagentur, die allen Ernstes versuchte, in Japan, Rußland oder Spanien gehaltvolle Nahrungsmittel oder Luxuskleidung mit Bezug auf Amerika zu verkaufen. Seit der Jeans, die ja eigentlich aus Genua kommt, taugt ein Verweis auf die Massenware jenseits des Atlantiks höchstens als Ekelindiz, als Abschreckung für alles, was der Rest der Welt nicht futtern und tragen möchte.
Es gibt eine andere Kultur, die im Windschatten der Ideologien mühelos die offene Stelle als globale Leitwährung beim Lebensstil eingenommen hat: die italienische. Längst haben Ethnologen staunend konstatiert, daß die Präsenz der Eßkultur Italiens von Feuerland bis Japan, von Alaska bis Ägypten mit keiner anderen Akkulturation in der Menschheitsgeschichte gleichzusetzen ist. Ohne politischen Rückenwind oder die Hilfe der CIA haben Pastaköche in Windeseile den Planeten erobert. Bei den Kindern der Welt ist Pizza beliebter als jeder Hamburger, und es gibt kein Kriegsgebiet, keine Wüstenei, wo nicht mit italienischen Restaurants und Eisdielen als ersten Vorposten die Zivilisation wieder Einzug hielte.
Während in der weltweiten Migration des vorigen Jahrhunderts alle anderen Europäer - Briten, Polen, Deutsche, Ostjuden - spätestens nach der zweiten Generation ihre angestammten Tischsitten zugunsten rüderer Gebräuche ablegten, verstärkten die Italiener ihre Identität durch das Nachkochen von Abruzzenrezepten oder neapolitanischen Leckereien untereinander nur noch. Doch die globale Pasta bedeutete nur den Anfang einer nie erlebten Dominanz eines kleines Landes. Das italienische Wirtschaftswunder der achtziger und neunziger Jahre versorgte die Welt mit Nachschub aus der Heimat. Längst ist die Mailänder Mode, sind Edelschuhe aus den Marken, sind Anzüge von Brioni zur Uniform der globalen Eliten geworden - von Kofi Annan bis Schröder, von den eitlen Potentaten der Dritten Welt zu schweigen. Und gleich darunter fängt der Massenmarkt für Benetton und Dutzende anderer Italomarken an.
Während die Weltwirtschaft in die Krise rutscht, verzeichnen einzig die Ladenketten von Armani oder Prada in Japan, China und vor allem in Amerika immer noch wachsende Verkaufsraten. Aber auch weniger augenfällige Produkte kommen aus dem Mutterland der Schönheit: So stammt ein gut Teil des amerikanischen Küchendesigns aus dem Veneto, dessen schlaue Unternehmer die Möbel in China zuschneiden lassen und längst den asiatischen Markt im Visier haben. Und Ray Ban, die Symbolbrille amerikanischer Bomberpiloten, gehört längst dem italienischen Weltmarktführer.
Wir sind, ohne das groß zu merken, wieder in einer Zeit transalpiner Kulturdominanz angekommen - wie vor fünfhundert Jahren, da kein deutscher Raubritter ohne italienische Benimmlehrer, Hofmaler oder Kompositeure süßer Madrigale auskommen mochte. Doch stellt unsere Zeit die Wucht ihrer (chauvinistisch von einem Franzosen dreist so getauften) Vorgängerin weit in den Schatten; wir leben im Neo-Rinascimento. Denn wer heute nicht wenigstens Commissario Brunettis Lieblingslokale herbeten, wer nicht ohne Zentimetermaß Pappardelle von Fettucine unterscheidet, wer auf einem deutschen Marktplatz nicht akzentfrei seine Latte macchiato bestellt, der kann sogar als Frankfurter WallStreet-Broker einpacken.
Um die Dominanz der Italianità festzustellen, reicht ein Abend vor dem deutschen Werbefernsehen. Die Deutschen waren - neben dem ebenfalls kapitulierenden Japan - unter den Völkern der Welt die folgsamsten Neo-Amerikaner. Heute kann man bei uns mit amerikanischem Slang oder Cowboys allenfalls so etwas politisch Unkorrektes und Billiges loswerden wie Zigaretten. Urdeutsche Essigproduzenten wie Hengstenberg jedoch haben - um der Konkurrenz aus dem Süden zu wehren - längst eigenen Aceto Balsamico auf den Markt geworfen. Keine Süßware, kaum ein Möbelstück, das nicht mit dem kulturellen Gepäck von Giotto, Raffaelo oder Leonardo seine Kunden bezirzt. Wenn sogar Allgäuer Joghurt sich mit eingestreuten Mandelkeksen, den legendären Amaretti, besser verkauft und Italiens Fußballnationaltrainer Trapattoni in gebrochenem Sympathendeutsch dafür wirbt, hat selbst die alpine Molkereiindustrie die Waffen vor der neuen Leitkultur gestreckt, obwohl die Römer Milch allenfalls als Babynahrung durchgehen ließen.
Deutsche Autobauer haben begriffen, daß ihre Produkte aus häßlichen Fabriken außer mit italienischen oder lateinischen Phantasienamen wie Audi, Scirocco, Polo, Mondeo am ehesten vor dem optischen Hintergrund italienischer Altstädte abzusetzen sind, durch die deutsche Fahrer in der Regel kaum ohne Blechschäden gelangen. Würden die unaussprechlichen Volkswagenwerke - übrigens maßgeblich von der frühesten Kolonie von Italienern mit aufgebaut - heute im niedersächsischen Sumpf gegründet, sie hießen mit Sicherheit "Macchina del Popolo".
Anders als beim "american way of life" hat sich die Italianità ohne machtpolitische Rückendeckung durchsetzen können. Nicht Soldaten und Militärbasen beförderten einen Lebensstil, sondern der Stolz und der Fleiß vieler Millionen Auswanderer verankerte die Pasta in den Töpfen der Welt. Inzwischen dehnt sich die dynamischste Wohlstandszone unseres Kontinents von Bozen bis Rom und stellt damit sogar Stoibers Süddeutschland locker in den Schatten. Trotz dieses globalen Triumphes ist das Phänomen des Anti-Italianismus noch nirgendwo beobachtet worden.
Wer sich also vor der amerikanischen Supermacht und ihrer dominanten Kultur fürchtet, sollte den Prosecco, Chianti oder besser noch einen wundervoll samtigen Amarone entkorken und sich guten Gewissens als überlegener Europäer fühlen. Denn das ist das Bequeme am italienischen Wunder: Die anderen Europäer sind längst dabei, opportunistisch bei diesem Siegeszug mitzumachen. Italien lädt sie ein, sich zu seinen Weihen aufzuschwingen - nichts anderes ist die Bedeutung des Wortes "Tiramisu". Das zu Tonnen über Alpenpässe gekarrte Modemineralwasser San Pellegrino macht derzeit vor, wie wir Uncle Sam - schwach wie Flasche leer - fröhlich und stilvoll die Stirn bieten können. Die neueste, gewiß in Deutschland erdachte Werbekampagne zeigt ein Grüppchen südlicher Jungmenschen in einer Edelosteria bei offenbar enthemmendem Mineralwasser-Besäufnis. Dazu den Spruch: "Welche Sprache Sie auch sprechen - leben Sie italienisch." Das ist ein Slogan, mit dem ein geeigneter Kandidat glatt die Bundestagswahl hätte gewinnen können.
DIRK SCHÜMER
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2002, Nr. 226 / Seite 29