Nach der ersten Pleite eines Lebensversicherers in Deutschland: Wie sicher ist das Geld der Kunden?
Von Marc Brost und Robert von Heusinger
Wer im Internet nach „Protektor“ sucht, erfährt viel über Weiterbildung und Werkschutz, über Fassadenputz und die Baubranche – aber nichts über das Unternehmen, das derzeit die Finanzwelt bewegt: die Auffanggesellschaft für bankrotte Lebensversicherer. Protektor ist eine virtuelle Firma. Sie hat kein Logo, kein Briefpapier, keine Telefonnummer. Zwar gibt es einen Vorstand, aber der besteht gerade mal aus zwei Personen. Denn Protektor sollte nie zum Einsatz kommen.
Eigentlich.
Seit Mittwoch vergangener Woche ist alles anders. Zum ersten Mal scheiterte in Deutschland die bislang übliche stille Rettung eines angeschlagenen Lebensversicherers durch Fusion, Übernahme oder Liquiditätsspritze – die Mannheimer Leben ging offiziell Pleite. Ein Fall für Protektor. Doch wen retten, wie retten und mit welchem Geld? Bis klar ist, wie es weitergeht, werden wohl Monate vergehen, heißt es bei der Aufsicht.
Seit Tagen verhandeln die Emissäre der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAfin) und des Branchenverbands GdV. Fest stehen bisher nur drei Dinge. Erstens: Die Lebensversicherungsverträge der Mannheimer werden weitergeführt und zumindest mit dem Garantiezins verzinst. Das hat der Verband zugesagt. Zweitens: Die Mannheimer Leben selbst hört auf zu existieren, die Aktiva und Passiva werden von Protektor übernommen. Drittens: Die im Verband organisierten deutschen Versicherungskonzerne sind verpflichtet, Protektor bis zu 5,2 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. So steht es in der Verbandsatzung.
Doch damit beginnt das Rätselraten.
Knapp 500 Millionen Euro wird die Sanierung der kleinen Mannheimer Leben kosten, lauten die Schätzungen. Aber was ist, wenn weitere Unternehmen Pleite gehen? Wenn Protektor mehr Geld benötigt, womöglich die gesamten zugesagten 5,2 Milliarden Euro? So viel haben Allianz, Axa & Co. nicht flüssig.
Sämtliche 120 deutschen Lebensversicherer bringen es zusammen auf gerade mal 6,5 Milliarden Euro Eigenkapital – Geld, das sie dringend brauchen, um solvent zu bleiben. Zwar haben die Konzerne das Hundertfache dieser Summe in ihren Bilanzen. Doch dieses Vermögen gehört gesetzlich ihren Kunden und darf „in keinem Fall für Fremdzwecke eingesetzt werden“, sagt Helmut Kollhosser, Versicherungsrechtler und Professor an der Universität Münster.
„Die Banken plündern ja auch nicht die Sparkonten ihrer Kunden, um Mittel in den Sicherungsfonds einzuzahlen“, sagt Hans-Peter Schwintowski, ebenfalls Professor für Versicherungsrecht – allerdings an der Humboldt-Universität in Berlin. Doch genau das haben Aufsicht und Verband vor. Sie wollen die gesetzlichen Vorschriften mit einem Trick umgehen, den Schwintowski für „unzulässig“ hält: Protektor ist als Aktiengesellschaft konzipiert. Eine Einzahlung kann als ganz normale Beteiligung verbucht werden. Damit könnten die Versicherer das eingezahlte Geld ihrer Kunden aus den Töpfen „Deckungsstock“ und „Rückstellung für Beitragsrückerstattung“ in die Auffanggesellschaft investieren. Doch selbst dafür müsste die Beteiligung an Protektor zumindest die Aussicht auf Gewinn versprechen. Schwer vorstellbar bei einer Rettungsgesellschaft. Marco Metzler, Versicherungsexperte bei Fitch Ratings, verweist auf die gesetzlichen Voraussetzungen für deckungsstockfähige Anlagen: Sie müssen „rentabel, sicher und liquide“ sein. Das kann man von Protektor nicht gerade sagen.
Erst wenn diese Fragen beantwortet sind – sei es durch Gesetzesänderung oder eine andere Konstruktion der Auffanggesellschaft –, ist gesichert, dass Protektor im Notfall tatsächlich bis zu 5,2 Milliarden Euro zur Rettung angeschlagener Lebensversicherer ausgeben kann.
Das größte Problem der Assekuranz freilich lässt sich in Zahlen gar nicht messen: der Imageschaden. Jahrelang hat die Branche mit dem Aspekt der Sicherheit geworben; die Pleite eines Anbieters wollte man um jeden Preis vermeiden. „Lieber helfen wir uns gegenseitig, als den guten Ruf zu riskieren“, hieß es. Jetzt, mit dem Fall der Mannheimer Leben, ist klar: Auch eine Lebensversicherung ist nicht ohne Risiko. Nun geht es für die Versicherer darum, weitere Pleiten um jeden Preis zu vermeiden. „Noch so ein Ding kann sich die Branche nicht leisten“, sagt ein Versicherungsmanager.
Doch „die Branche“ ist sich beileibe nicht mehr so einig wie früher. Genau daran scheiterte auch der Rettungsplan des Versicherungsverbands GdV für die angeschlagene Mannheimer Leben. Es waren vor allem die Töchter ausländischer Konzerne, die sich sträubten. „Was hätte es gebracht, die Mannheimer am Leben zu erhalten, wenn sie in zwei oder drei Jahren vielleicht schon wieder ein Sanierungsfall ist?“, kritisiert ein Manager den Rettungsplan des GdV.
Hinzu kommt: Das Geld sitzt bei allen Unternehmen nicht mehr so locker. Die deutsche Axa etwa, eine Gesellschaft des französischen Versicherungskonzerns, hat zwei Milliarden Euro stille Lasten angehäuft. Beim „Stresstest“ der Aufsicht, eine Art Finanz-TÜV für Versicherer, fiel die Tochter des weltweit größten Lebensversicherers durch.
Trotzdem warnen Verbraucherschützer alle Versicherten davor, jetzt panisch ihre Police zu kündigen – nur weil der erste Anbieter Pleite ging. Ob es klug ist, einen Vertrag zu kündigen, hängt ganz individuell von dessen Laufzeit und den bislang geleisteten Einzahlungen ab. Und Kapitallebensversicherungen sind nach Geldmarktfonds und Bundesanleihen weiterhin die sichersten Anlageprodukte, denn sie garantieren nicht nur den Kapitalerhalt, sondern auch eine Mindestverzinsung. Zudem wacht die Aufsicht darüber, dass die Gesellschaften ihre Versprechen erfüllen. Können sie es nicht, werden sie geschlossen.
Künftig geht es für die Kunden daher vor allem um die Finanzkraft des Anbieters. Und da helfen einige Fragen an den Vertreter: Wie hoch sind die stillen Reserven? Wie lange kann das Unternehmen selbst bei einer dramatischen Entwicklung an den Finanzmärkten wenigstens die Mindestverzinsung von 3,25 Prozent garantieren? Wie kommt die Verzinsung zustande, mit der geworben wird?
„Langfristig können die finanzstarken Versicherer von der Krise profitieren“, ist sich der Chef eines großen Anbieters sicher. Schon jetzt ist bei den Neuabschlüssen eine bemerkenswerte Spreizung zu beobachten: Einige Versicherer verzeichnen einen regelrechten Boom, bei anderen ist die Zahl der Abschlüsse dramatisch eingebrochen. So viel Diskrepanz war nie. So kann die Lebensversicherung auch künftig ein sinnvolles Investment fürs Alter sein – aber eben nur eines von vielen.
Zeit.de