Lateinamerika steht am Scheideweg


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Lateinamerika steht am Scheideweg

 
11.03.02 05:54

Jahresbericht der Interamerikanischen Entwicklungsbank


Lateinamerika und die Karibik stehen laut der Interamerikanischen Entwicklungsbank nach einem Jahrzehnt makroökonomischer Disziplin und politischer Reformen an einem Scheideweg: Die Unzufriedenheit vieler Bürger mit den Ergebnissen des Reformprozesses könnte die Region zurückwerfen. Die Lösung der Probleme in Argentinien und die Erholung der US-Wirtschaft sorgen vielleicht für neuen Schwung.

Den Ländern Lateinamerikas und der Karibik steht eine der schwierigsten Phasen seit vielen Jahrzehnten bevor. Das ist die Quintessenz des Jahresberichtes der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), den diese anlässlich der Jahrestagung im brasilianischen Fortaleza veröffentlicht hat (vgl. Textkasten). Vielen Staaten der Region fehle schlicht die Grösse, um der Verschlechterung des internationalen Umfeldes weiterhin entgegenzutreten. Nur eine harte Arbeit der jeweiligen Regierungen zusammen mit einer Erholung der Weltwirtschaft könne verhindern, dass die im letzten Jahrzehnt erzielten Fortschritte im Bereich der Strukturreformen und der makroökonomischen Stabilität wieder zunichte gemacht würden.

Schwieriges internationales Umfeld

Seit 1997 ist die Region gemäss Jahresbericht vornehmlich von drei externen Schocks heimgesucht worden. Im Zuge der Asienkrise seien die Preise vieler Exportprodukte gefallen. So lägen, erstens, die Rohwarenpreise (ohne Erdöl) heute etwa 26% unter denjenigen von 1997. Und während viele Länder noch bis Ende 2000 von steigenden Erdölpreisen profitieren konnten, entwickelten sich auch dort die Erlöse stark rückläufig. Neben dem Zerfall der Rohwarenpreise verweist die IDB, zweitens, auf den fast weltweiten Konjunktureinbruch. So sei das Wachstum des Bruttoinlandproduktes (BIP) der sieben grossen Industrienationen von 3,8% (2000) auf 1% (2001) eingebrochen; im Jahr 2002 werden 2% erwartet.

Drittens sei eine Schockwelle von der Russlandkrise aus über Lateinamerika und die Karibik hereingebrochen. Seither hätten zum einen die Finanzierungskosten stark angezogen; betrug der Zins-Spread - gemessen als Risikozuschlag für Anleihen südamerikanischer Staaten im Vergleich mit US-Anleihen - Anfang 1997 noch 260 Basispunkte, so lag er Ende 2001 bei 800 Basispunkten. Zum andern sei deutlich weniger Kapital in die Region geflossen. Laut der IDB erhielten die sieben grössten Länder, die rund 90% des BIP Lateinamerikas auf sich vereinigen, in der Zeit von Mitte 1997 bis Mitte 1999 rund 100 Mrd. $; in den zwölf Monaten bis Mitte 2001 verringerten sich die Kapitalzuflüsse auf nur noch 58 Mrd. $. Da die Portfolio-Investitionen im selben Zeitraum massiv auf rund 1 Mrd. $ zusammengeschrumpft seien, stellten ausländische Direktinvestitionen nun die wichtigste Kapitalquelle dar. Positiv sei allerdings anzumerken, dass Investoren nun stärker unter den einzelnen Ländern differenzierten - im Gegensatz zu der noch während der Asien- und der Russlandkrise zu beobachtenden Tendenz zur Vereinheitlichung.

Verschlechterung der Wirtschaftsdaten

Diese drei Entwicklungen im internationalen Umfeld - fallende Rohwarenpreise, Konjunkturverlangsamung und unruhige Finanzmärkte - haben im Urteil der IDB der konjunkturellen Erholungsphase, in welche die Region Mitte 1999 eingetreten war, im ersten Quartal 2000 ein Ende bereitet. Inzwischen machen die Verlangsamung des US-Wachstums und die Argentinienkrise ganz Lateinamerika zu schaffen. Das BIP der Region ist letztes Jahr nur um 1% gewachsen; private Investitionen sind quasi zum Erliegen gekommen.

Ein gutes Zeugnis stellt die Bank der Haushaltspolitik aus. Zwar sei in den schwierigen Jahren in den sechs grössten Ländern der Region das durchschnittliche Fiskaldefizit von 0,7% des BIP (letztes Quartal 1997) auf 3,7% (letztes Quartal 1999) gestiegen; auch sei die öffentliche Verschuldung von 27% auf 35% des BIP geklettert. Trotzdem hätten es diese sechs Länder geschafft, im Jahr 2001 das Fiskaldefizit auf durchschnittlich 2,7% zu reduzieren und die öffentliche Verschuldung fast konstant zu halten. Auch die Zahlungsbilanzdefizite hätten sich in dem Zeitraum reduziert. Die Anpassung des Wechselkurses und die Anhebung des Zinsniveaus hätten wesentlich zur Stabilisierung beigetragen. Die Arbeitsmarktlage (vgl. Kasten) habe sich trotz der generellen Stabilisierung nicht verbessert.

Rückkehr zum Interventionismus?

Für 2002 rechnet die IDB mit einer Zunahme des BIP in Lateinamerika und in der Karibik von weniger als 2%. Damit dürfte die Region ein weiteres Jahr deutlich unter ihrem Potenzial wachsen. Sorgen macht sich das Institut vor allem darüber, dass Lateinamerika die Kraft zur Fortführung der makroökonomischen Disziplin ausgehen könnte - nachdem man diese in einem kräftezehrenden Prozess jahrelang trotz schwierigen Umständen bewahrt habe. Auch sieht die IDB die Gefahr, dass die Unzufriedenheit eines Teils der Bevölkerung mit den Ergebnissen der Reformen im letzten Jahrzehnt Populisten Auftrieb geben und einen Prozess zur Rückkehr zu Interventionismus und althergebrachten Praktiken einleiten könnte.

Die IDB und das Jahr 2001

C. H. Die IDB hat 2001 Kredite in Höhe von 7,9 (5,3) Mrd. $ an Länder Lateinamerikas und der Karibik vergeben. Das ist die dritthöchste Summe, die die Bank je bewilligt hat. Die bisher grössten Volumen waren 1998 (10,1 Mrd. $) und 1999 (9,5 Mrd. $) gesprochen worden, nicht zuletzt um die Auswirkungen der Asien- und der Russlandkrise abzufedern. Die Erhöhung des Kreditvolumens sei im vergangenen Jahr wegen der gesunkenen Rohwarenpreise und des weltweiten Konjunktureinbruchs notwendig geworden; 40% der Kredite flossen in soziale Projekte, 30% in den Bereich Modernisierung des Staates und in Reformen. Die IDB ist der grösste multilaterale Kreditgeber der Region. Finanziert werden vorwiegend staatliche Projekte zur Verbesserung der Lebensumstände. Das Institut ist 1959 auch auf Betreiben der Region selbst gegründet worden; 46 Länder, darunter 16 europäische Staaten (u. a. die Schweiz), die USA, Kanada, Israel und Japan sowie 26 karibische bzw. lateinamerikanische Staaten, gehören der IDB an.

Arbeitslosigkeit als grosse Sorge

C. H. Wenn manch ein Argentinier, Brasilianer, Kolumbianer oder ein anderer Lateinamerikaner eine persönliche Bilanz der letzten Jahre zieht, dürfte diese negativ ausfallen. Denn obwohl Lateinamerika ein Jahrzehnt mit anstrengenden Reformen hinter sich hat und sich die politischen und makroökonomischen Rahmenbedingungen generell verbessert haben, sorgen sich viele vor allem um eines: ihren Arbeitsplatz. Laut einer in dem IDB-Jahresbericht zitierten Umfrage sind für 40% der Befragten die Unsicherheit des Arbeitsplatzes und niedrige Löhne das Hauptproblem; 25% halten Arbeitslosigkeit für das grösste Problem in ihrem Land - erst danach kommen Korruption, Bildung, Armut und Gewalt. Laut der IDB lag 2001 die gewichtete Arbeitslosenquote in Lateinamerika bei 8,4% und damit knapp 3 Prozentpunkte über dem Wert von 1990. Am stärksten betroffen ist Argentinien. Auch in Uruguay und in Kolumbien hat sich die Arbeitsmarktlage in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert. Diese Entwicklung ist laut IDB der Hauptgrund dafür, dass kaum Fortschritte bei der Reduktion von Armut und Ungleichheit gemacht werden konnten.

Gruß
Happy End
nzz-online.de
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