Zur Zeit des Börsenbooms wurde der neue Beruf des Investmentfondskaufmanns entwickelt. Nun treten die ersten Auszubildenden an. Heute aber dominiert Aktienfrust statt Aktienlust. Darum: Braucht der Finanzplatz Deutschland Investmentfondskaufleute?
von Beatrix Wirth
Wo wird man reich und berühmt? Vor vier Jahren wäre die Antwort gewesen: Am Neuen Markt. 1999 hatte die Börse ihre beste Zeit noch vor sich. Und wo wird man nach dem Aktiencrash reich und berühmt? Im Fernsehen, bei einer Talent-Show. Trotzdem: "Die Einladung zum Casting von "Deutschland sucht den Superstar II' habe ich abgesagt", sagt Markus Wulf. "Popstar zu werden wäre zwar toll. Doch die Finanzbranche ist noch viel spannender."
Sieben Jahre Klavierunterricht, zehn Jahre Gitarren-Stunden, Sänger im Chor, eigene Band - die Grundsteine für eine Musiker-Karriere waren gelegt. Doch dann packte Wulf das Aktienfieber. "Es fing in der Schule an, da habe ich bei Börsenspielen mitgemacht und bin gleich auf die ersten Plätze gekommen", erzählt der heute 23-Jährige. Mit 18 eröffnete er sein erstes eigenes Depot, bestückte es mit Aktienfonds, Rentenfonds und Schwellenländer-Anleihen. Gemeinsam mit seiner Aktien-begeisterten Mutter durchlitt er die Börsenkrise. "Die wollte sogar wieder mit dem Rauchen anfangen, als es mit den Kursen abwärts ging." Wöchentlich liegt "Börse Online" im Briefkasten, die tägliche NTV-Dosis ist für den Halbkoreaner aus Henstedt-Ulzburg bei Hamburg "ein Muss". Derzeitige Lieblingslektüre: "Irrationaler Überschwang". Darin erklärt Robert J. Shiller, Ökonomieprofessor an der Universität von Yale, wie und warum die Börsenblase platzte.
Und nun wird Markus Wulf Investmentfondskaufmann. Vor wenigen Tagen ist er in die Bankenmetropole Frankfurt gezogen, als einer von insgesamt 35 Auszubildenden, die dieser Tage ihre Karriere in der Investmentbranche beginnen - die ersten, die den neuen Beruf "Investmentfondskaufmann/-frau" erlernen.
Die neue Nähe zum Parkett weckt die Fantasie. Als er von seinem Berufswunsch erzählte, sagten die Freunde des 20-jährigen Deka-Azubis Michael Kobel: "Klingt edel." "Diesen neuen Beruf zu ergreifen ist eine einzigartige Chance", sagt Florian Höne, der zu Union Investment geht, "das ist, als ob man den Kfz-Mechaniker neu erfinden würde - oder zum Mond fliegen."
Über das große und positive Echo auf das neue Berufsbild staunt die Branche. Der erste Ausbildungsjahrgang 2003/2006 war nach Angaben des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) binnen kurzer Zeit vollständig besetzt. Allein bei der Deka gingen für 20 Plätze 280 Bewerbungen ein. "Dabei ist bei den meisten Jugendlichen die Finanzdienstleistungsbranche zurzeit eigentlich gar nicht so angesagt", sagt Klaus Stegemeier, Leiter Aus- und Weiterbildung bei der Deka. "In den letzten Jahren gab es ja auch nicht so viele gute Nachrichten aus der Börsenwelt."
Die Initiative zu dem neuen Beruf scheint aus längst vergangener Zeit zu stammen. Im Boomjahr 1999 kam bei der Deka die Idee auf, Kaufleute speziell für die Fondsbranche auszubilden. "Alle waren vom Börsenboom mitgerissen, es gab Bedarf an Fondsexperten ohne Ende", erzählt Stegemeier. Doch es fehlten Fachkräfte, die sich auskannten mit Fondsrechnungswesen, den komplizierten Meldebedingungen, kniffligen Steuerfragen. "Die Einarbeitungszeit betrug bis zu 15 Monate, ein riesiger Aufwand." Der Branchenverband BVI griff die Idee der Deka auf und holte Behörden und Gewerkschaften hinzu. Anfang 2003 war die Ausbildungsordnung verabschiedet - Rekordzeit. Beim etablierten Beruf Bankkaufmann dauerte allein die Novellierung der Ausbildung gut zehn Jahre.
Dennoch sieht es so aus, als käme die Investmentbranche zu spät. Die Begeisterung der Deutschen für Aktien ist verebbt, das Sparbuch erlebt in Form von Tagesgeldkonten eine Renaissance. "Natürlich hat die geplatzte Internetblase viel verbrannte Erde hinterlassen", gesteht Stegemeier. "Doch die Tendenz zum Fondssparen ist ungebrochen." Und das zeigen auch Branchendaten: Der BVI meldete zum Halbjahr 2003 in Publikums- und Spezialfonds ein Gesamtvermögen von mehr 921 Mrd. Euro. Damit ist der Wert aus dem Spitzenjahr 2000 von 932 Mrd. Euro fast wieder erreicht. Vor allem die private Altersvorsorge soll künftig für Wachstum sorgen und die Zahl der derzeit 15 Millionen Fondssparer hier zu Lande vervielfachen.
"Ich fand die letzten dreieinhalb Jahre nicht abschreckend. Auch aus fallenden Aktienkursen kann man schließlich Gewinn ziehen", sagt Deka-Azubi Michael Kobel. Als er in der Grundschule war, bekam er von seinem Vater die erste Aktie. Der Vater von Franziska Bauch legte seiner Tochter Argentinien-Anleihen ins Depot -die Auszahlung durch den bankrotten Staat ist noch nicht gesichert. "Das ist doch ein guter Ansporn: So werde ich das Geld jedenfalls künftig nicht anlegen", sagt die 21-Jährige, die beim DIT anfängt.
Anziehungspunkt der Ausbildung ist vor allem die Praxisnähe. Fast-"Superstar" Markus Wulf (Vorbilder: André Kostolany und Warren Buffett) war vom BWL-Studium nach vier Semestern gelangweilt. "90 Prozent davon brauche ich doch gar nicht im Beruf." Genauere Vorstellungen vom Notwendigen bekam er durch seinen Nebenjob als Vermögensberater. Doch der war ihm "zu verkaufslastig" - genauso wie eine Banklehre. Jetzt strebt er über die Ausbildung zum Investmentfondskaufmann eine Karriere als Portfoliomanager an. "Im Fondsmanagement ist die Action, da bin ich ganz vorn dran", sagt der Karate- und Kung-Fu-Kämpfer.
Ob der neue Beruf einem solchen Enthusiasmus gerecht werden kann, muss sich noch zeigen. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt im Kaufmännischen und soll besonders fürs Rechnungs- und Meldewesen qualifizieren. "Da kann es schon mal Enttäuschungen geben", befürchtet Klaus Stegemeier, "das vom Fernsehen kultivierte Bild von der Börse mit hektischen Händlern und Fondsmanagern, die vor der Kamera in Szene gesetzt werden, könnte falsche Vorstellungen vermittelt haben." Zwar könnten die Auszubildenden mit ihrem Know-how und bei entsprechendem Talent durchaus als Portfoliomanager arbeiten. Nur hätten heute "die meisten Fondsmanager Wirtschaftswissenschaften oder Finanzökonomie studiert".
Doch wird in der Branche schon an Möglichkeiten zur weiteren Qualifikation gearbeitet: Den Kaufleuten könnte man eine Ausbildung zum "Investmentfachwirt" oder zum "Diplom-Fondsmanager" anbieten. Zudem wollen schon im nächsten Jahr neben Deka, DIT, Union und Universal weitere Fondsgesellschaften ausbilden, und das wohl auch nicht mehr nur in Frankfurt.
Der Umzug in das deutsche Finanzzentrum ist für Markus Wulf der einzige Wermutstropfen beim Start in seine Investmentkarriere. Eine neue Band werde er schon finden, die Skyline mit den Wolkenkratzern sei auch ganz schön. "Doch für einen Hamburger ist Frankfurt trotzdem eine Riesenumstellung." "Das hier ist die kleinste Metropole der Welt", schwärmt dagegen der eingesessene Bornheimer Florian Höne. "Wir sind multikulturell und eine wirtschaftliche Größe." Vielleicht kann er seinen künftigen Mitschüler an der Frankfurter Bethmann-Berufsschule überzeugen. So wie der am Ende auch seinen Freunden seine Berufswahl verständlich machen konnte. Wulf: "Die hätten Popstar schon besser gefunden."