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Kopflos glücklich

 
15.02.02 15:18
Die Zeit, 15.02.2002

F I N A N Z P L A T Z   F R A N K F U R T

Kopflos glücklich


Führende Bankmanager verlassen Frankfurt am Main. Trotzdem wächst das Finanzgeschäft in der Stadt

Von Marc Brost, Robert von Heusinger, John F. Jungclaussen und Marcus Rohwetter


Es sieht schlecht aus für den Finanzplatz Frankfurt, jedenfalls auf den ersten Blick. 425 Banken zählte die Stadt noch Mitte der neunziger Jahre in ihrem Gebiet, heute sind es nur noch 332. Spekulationen machen sich breit über den möglichen Weggang der Deutschen Bank nach London. Sie heizen die Angst noch weiter an, der größte deutsche Finanzplatz sei bald bedeutungslos. Wie groß die Sorge darüber ist, zeigte der hessische Wirtschaftsminister Dieter Posch (FDP), der besondere Steuervorteile für Investmentbanker forderte, um sie in der Stadt zu halten. Das wird nicht nötig sein. Frankfurt ist für die internationale Finanzindustrie so attraktiv wie selten zuvor - auch wenn die Stadt mit London oder New York nicht konkurrieren kann. Die Zahlen suggerieren ein falsches Bild, denn zum großen Teil sind Fusionen und Übernahmen unter den Banken für den Frankfurter Schwund verantwortlich. Meist waren es ausländische Häuser, die auf diese Weise ihre Repräsentanzen abgebaut haben. Gleichzeitig zieht die Stadt immer mehr Menschen aus dem Geldgewerbe an. Fast 60 000 Menschen arbeiteten im Jahr 2000 in Kreditabteilungen, im Aktien- oder Devisenhandel. Der Anteil der Banker unter allen Beschäftigten ist in Frankfurt dreimal höher als im Bundesdurchschnitt. Allein die Deutsche Bank hat seit 1995 nahezu 5000 neue Stellen in Frankfurt geschaffen.

"Frankfurt ist ein regionales Zentrum, das bedeutendste in Kontinentaleuropa", sagt Karl Dannenbaum, Deutschland-Chef der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers. Die Stadt gilt als Tor zum finanziell unterentwickelten Deutschland. Kleinanleger haben erst sehr spät Aktien als Geldanlage und Altersvorsorge entdeckt. Der Umbau der Deutschland AG ist im vollen Gange: Großunternehmen stoßen gegenseitige Beteiligungen ab, der Mittelstand sucht neue Finanzierungsformen - zum Beispiel über die Börse. Immer mehr ausländische Finanzdienstleister kommen nach Frankfurt, weil sie das große Geschäft wittern.

Bezeichnend dafür ist die Personalpolitik der amerikanischen Investmentbanken. Im verlustreichen Jahr 2001 strichen sie fast überall auf der Welt Stellen - am Main nicht. Im Gegenteil: Lehman Brothers hat im vergangenen Jahr das Frankfurter Team um knapp die Hälfte erweitert. Auch Morgan Stanley und Goldman Sachs haben kräftig aufgestockt. Die Stadt hat inzwischen das, was in der Branche als "kritische Masse" gilt. Eine gut funktionierende Börse, viele Kunden und Geschäftspartner, die ihre Büros in der Mainmetropole haben.

Beispiel Fondsbranche: Rund 900 Milliarden Euro verwalten die deutschen Investmentgesellschaften, doppelt so viel wie vor fünf Jahren. Drei von vier Fondsmanagern, Analysten und Sachbearbeitern arbeiten im Rhein-Main-Gebiet. Daran hat auch die Übernahme der Dresdner Bank samt ihrer Fondsgesellschaft durch die Münchener Allianz nichts geändert. Im Gegenteil: Es ziehen dreimal so viele Fondsmanager aus München zu ihren neuen Kollegen nach Frankfurt als umgekehrt.

Im Schlepptau der Investmentbanken siedeln sich immer mehr private Vermögensverwalter, Ratingagenturen und internationale Anwaltskanzleien in Frankfurt an. Auch sie prägen einen Finanzplatz. Seit zwei Jahren beispielsweise ist die amerikanische Sozietät Weil, Gotshal & Manges vor Ort. Nach London und Brüssel ist Frankfurt ihr dritter Standort in Europa. Die Kanzlei folgt ihren Kunden - hauptsächlich US-Unternehmen, die sich für Übernahmen deutscher Firmen interessieren. Da Beteiligungen seit Jahresbeginn steuerfrei verkauft werden können, hoffen die Amerikaner auf einen preiswerten Einstieg in den deutschen Markt. "Aus London allein kann man die Transaktionen nicht durchführen", sagt Seniorpartner Josef Tobien. Deals lassen sich besser einfädeln, wenn man seinen Geschäftspartnern gegenübersitzt und sich abends auch mal auf einen Drink treffen kann.

Die Konkurrenz im Frankfurter Anwaltsmarkt ist "die schärfste in ganz Deutschland", sagt Michael Lappe, Partner bei Linklaters, Oppenhoff & Rädler in Frankfurt. Seit 1999 hat die internationale Großkanzlei ihr Bankenteam am Main in jedem Jahr verdoppelt. 45 Anwälte kümmern sich inzwischen um die juristische Beratung - etwa von Fondsgesellschaften oder Unternehmen, die Anleihen ausgeben wollen. Ausgewiesene Spezialisten sind gefragt. Wer als Jurist im Wirtschaftsrecht Karriere machen will, muss nach Frankfurt. In diesem Jahr werden nach Schätzungen der örtlichen Standeskammer weit mehr als 7000 Rechtsanwälte zugelassen sein, fast so viele wie in der Bundeshauptstadt Berlin. Die Wachstumsraten sind höher als in jeder anderen deutschen Stadt.

Londons Nachteil: Ewiger Stress

Die Londoner City, das ist die Quadratmeile zwischen der Fleet Street und Bishops Gate. Das wichtigste Finanzzentrum der Welt. Fast ein Drittel des globalen Devisenhandels wird dort abgewickelt, dreimal so viel Geld verwaltet wie in Frankfurt. Anwalt Lappe kennt beide Städte, hat fünf Jahre lang an der Themse gearbeitet. In Frankfurt kann man alles zu Fuß erreichen oder mit dem Fahrrad. Und in London? "Morgens in die City zu pendeln", sagt er, "ist wie ins Bergwerk einzufahren." Rund 340000 Menschen zählt die Geldbranche. In ihren dunklen Anzügen und Kostümen quellen sie allmorgendlich aus den U-Bahn-Schächten Liverpool Street, Bank und St. Pauls und erwirtschaften 2,6 Prozent des britischen Bruttosozialprodukts.

Menschen sind der unverzichtbare Rohstoff der Finanzbranche. Davon gibt es reichlich in der britischen Hauptstadt. "Es ist leichter, in London zehn Finnen mit Vietnamesischkenntnissen zu finden als in Finnland", sagt Hans-Peter Ickemeyer von der Fördereinrichtung London First. In der City werden dreihundert verschiedene Sprachen gesprochen.

Vor allem die als Big Bang bekannt gewordene Deregulierung des Marktes hat Londons Attraktivität begründet. Bis 1986 wurde die City vom gentlemanly capitalism dominiert, der auf persönlichen Kontakten beruhte. Banker und Kunden kannten sich aus ihren Studienzeiten in Eton, Oxford oder Cambridge. Ihre soziale Vernetzung war so eng, dass ein selbst definierter Ehrenkodex das Geschäftsgebaren prägte. Ihn nicht zu befolgen bedeutete häufig das wirtschaftliche und soziale Aus.

Die Regierung Thatcher brach mit dieser Tradition. Die City öffnete sich dem internationalen Wettbewerb. Big Bang erlaubte es ausländischen Banken, direkt mit englischen Institutionen zu konkurrieren. In diesem Wettbewerb wurden sämtliche britischen Investmentbanken von japanischen, europäischen oder amerikanischen Häusern übernommen. Die City erlebte einen nie dagewesenen Aufschwung - an der Themse wurden immer mehr Finanzprodukte für den britischen Markt entwickelt und abgesetzt.

Die Angst, der Finanzplatz Frankfurt trockne aus, ist lediglich die Angst vor Prestigeverlust - die Sorge, dass zukünftig immer seltener große strategische Entscheidungen in Frankfurt getroffen werden. Das ist verständlich angesichts der Veränderungen bei den drei Großbanken, dem ehemals stolzen Symbol der Frankfurter Hochfinanz. Die Dresdner gehört der Allianz und wird von München aus regiert. Auf dem Weg zum internationalen Geldkonzern hat die Deutsche Bank die Verantwortung für das Investmentgeschäft schon vor sechs Jahren nach London und New York verlegt. Die Commerzbank letztlich gilt als zu klein, um auf Dauer allein überleben zu können. Dem Renommee als Finanzplatz schadet das nicht - ihn kennzeichnen Umfang und Art des täglichen Geschäfts, nicht die Anzahl der Hauptquartiere. Die meisten großen Investmentbanken haben ihre Zentrale schließlich auch nicht in London. Und Washington ist nicht der Nabel der Geldwelt - obwohl die mächtige US-Notenbank Federal Reserve dort ihren Sitz hat.

Ohnehin gibt es keinen echten Konkurrenzkampf zwischen den beiden Städten Frankfurt und London. Eher kooperieren sie. Das bestätigt ein Forscherteam von Wirtschaftsgeografen um Professor Peter Taylor von der britischen Loughborough University. Schon längst spielt die Lage des Hauptquartiers keine große Rolle mehr für internationale Unternehmen. Viel wichtiger ist es, Niederlassungen in verschiedenen Ländern und Städten zu einem globalen Netzwerk zu verknüpfen. Je besser das Netz funktioniert, desto einfacher können sich die Büros gegenseitig Aufträge zuschanzen.

Daran hapert es in Frankfurt noch etwas. Die Forscher haben untersucht, wie sehr die Büros von Banken in einzelnen Städten miteinander vernetzt sind. Nach einer komplizierten Rechnung stand fest: Unternehmen in London sind am besten vernetzt. Dann kommt New York. Frankfurt steht - als beste deutsche Stadt - auf Platz sieben.

Im globalen Finanznetz werden Kompetenzen hin- und hergeschoben. Davon profitiert mal die eine, mal die andere Stadt. Die Investmentbanken JP Morgan und Salomon Smith Barney hatten ihre Handelsabteilungen für Europa nach Einführung der Gemeinschaftswährung komplett nach London verlegt, sind aber zum Teil wieder nach Frankfurt zurückgekehrt. Goldman Sachs beobachtet die Volkswirtschaften der Euro-Mitgliedsländer vom Frankfurter Messeturm aus, Morgan Stanley hingegen aus der Londoner City. Die Deutsche Bank wiederum hat ihre Aktienanalysten auf beide Städte verteilt.

Frankfurt ist unter den Finanzplätzen der Welt nur einer von vielen. Wie er sich entwickelt, hängt von den Menschen und ihren Ideen ab. Dass auch ein kleiner Standort Achtungserfolge erlangen kann, zeigt das Beispiel Stuttgart. Dort hat Börsenmakler Peter Bruker Ende der achtziger Jahre die wachsende Bedeutung von Optionsscheinen erkannt. Zusammen mit der Citibank hat er die kleine Regionalbörse zum deutschlandweit größten Handelsplatz für Optionsscheine gemacht. Weit vor Frankfurt übrigens, von wo aus die Citibank den schwäbischen Börsenplatz geprägt hat. Und das zeigt auch, dass die Zentralen der Banken nicht - wie gern behauptet wird - immer vor Ort sein müssen, um einen Finanzplatz stark zu machen.


[DIE ZEIT]
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