Kompostierbare Kunststoffe vom Acker


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Kompostierbare Kunststoffe vom Acker

 
07.10.06 08:51
HANDELSBLATT, Samstag, 7. Oktober 2006, 07:00 Uhr
Kompostierbare Kunststoffe

Plastik der Zukunft kommt vom Acker

Von Helge Denker

Biopolymere aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Raps sind eins der wichtigsten Zukunftsthemen der Kunststoffindustrie.


HAMBURG. Wer in einer der 728 Filialen der Supermarktkette „Ihr Platz“ zu einem Getränk der Marke „Vitamore“ greift, hält eine der ersten kompostierbaren Flaschen der Welt in der Hand. Äußerlich unterscheiden sich die durchsichtigen Halbliter-Flaschen durch nichts von herkömmlichen Plastikgefäßen, sie ist auch ebenso stabil und haltbar. Doch statt aus PET (Polyethylenterephthalat) auf Mineralöl-Basis wurden sie aus Polylactid (PLA) hergestellt - einem Kunststoff aus Maisstärke.

In Großbritannien und den USA haben Biopolymere, die aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais oder Raps hergestellt werden, schon erste Marktanteile erobert – besonders für Lebensmittelverpackungen. Dabei kommen auch genveränderte Pflanzen zum Einsatz, die die nützlichen Polymere schneller freigeben als herkömmliche Pflanzen und so Kosten bei der Gewinnung sparen können. Im Gegensatz zu Deutschland ist grüne Genforschung in den USA Gang und gäbe.

So erzeugt die amerikanische Firma Metabolix bereits komplette Polymere für Biokunststoffe in genveränderten, lebenden Zellen, zum Beispiel in denen von Getreidepflanzen. Auch das holzige Gräsergewächs Switchgrass, das in Nordamerika heimisch ist, wurde als natürliche Quelle für Biopolyester entdeckt. Und auch als Rohstoff für die Erzeugung des Bio-Sprits Ethanol ist Switchgrass geeignet.

Deutsche Forscher der Hochschulen in Göttingen, Münster und der Berliner Humboldt-Universität haben das Erbgut von Bakterien entschlüsselt, die Bioplastik herstellen können. „Ralstonia eutropha“ nutzt Wasserstoff und Sauerstoff zur Energieerzeugung und speichert sie unter bestimmten Bedingungen als Polyester, der sich für biologisch abbaubare Verpackungen eignet. Neben der natürlichen Erzeugung neuer Bioplastikprodukte ist jetzt auch die Herstellung von biologischen Brennstoffzellen denkbar. „Wir können jetzt in den Organismus reinschauen und überlegen, welche Produkte sich in Zukunft lohnen könnten und welche nicht“, sagt Anne Pohlmann vom Institut für Mikrobiologie an der Berliner Humboldt-Universität.

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Lesen Sie weiter auf Seite 2: In den USA könnte die Einführung von Bioplastik den Einsatz herkömmlicher Plastikverpackungen um bis zu 94 Prozent verringern.

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Die Produktion muss für Plastikflaschen aus Maiszucker nur wenig umgestellt werden . Ein weiterer Vorteil von Bioplastik: Kunden werfen leere Flaschen auf den Biomüll. Nur auf dem eigenen Komposthaufen klappt der Abbau der Flaschen nicht, denn die Temperaturen dort reichen dafür nicht aus - 60 bis 70 Grad sind nötig. Landen die Flaschen dagegen im Hausmüll und später in der Müllverbrennung, setzen sie nur so viel CO2 frei, wie die Mais–Pflanzen vorher aufgenommen haben.

Auch der Deckel besteht aus Mais-Kunststoff, erklärt der US-amerikanische Hersteller Nature Works PLA. Er liefert mehr als 140 000 Vitamore-Flaschen exklusiv für „Ihr Platz“ in Deutschland. In den ersten drei Wochen gingen schon über 70 000 Flaschen über den Tresen, für 79 Cent das Stück - es gibt bisher keinen Pfand. Gutachter prüfen jetzt, ob Bioplastik grundsätzlich von der Pfandpflicht befreit werden kann. Denn laut Gesetzt gilt die nicht für „ökologisch vorteilhafte Getränkeverpackungen“ wie Getränkekartons.

„Es war an der Zeit, unsere Wellness- und Bio-Produkte auch in entsprechenden umweltfreundlichen Flaschen anzubieten“, begründet Bernd Merzenich, Projektleiter von „Ihr Platz“ für Bio-Produkte. NatureWorks PLA, der Hersteller der kompostierbaren Flaschen, schätzt dass Bioplastik-Verpackungen einen großen Teil der herkömmlichen Plastikverpackungen ersetzen könnten - und damit den Einsatz von teurem Mineralöl für die Herstellung überflüssig machen würden.

Vor allem in den USA, wo Haushalte große Mengen Kunststoffmüll produzieren, könnte sich das dramatisch auswirken: „Die Einführung von Bioplastik, kombiniert mit einer wachsenden Infrastruktur für deren Kompostierung, könnte bis zu 94 Prozent der Plastikprodukte von Endkonsumenten vermindern, die bis jetzt in der lokalen Abfallentsorgung landen“, heißt es in einem Bericht der amerikanischen Umweltschutzbehörde EPA.


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