Kolumne: Die Baisse wird lang und grausam


Thema
abonnieren
Beiträge: 7
Zugriffe: 755 / Heute: 1
proxicomi:

Kolumne: Die Baisse wird lang und grausam

 
21.03.01 22:04
Aus der FTD vom 21.3.2001  
Kolumne: Die Baisse wird lang und grausam
Von Lucas Zeise, Frankfurt

Noch hat der Aktienmarkt die Grippe der Weltwirtschaft nicht erkannt – allenfalls einen Schnupfen.

Dieser Bär ist bösartiger, als es sich alle vorgestellt haben. Das Symbol für fallende Kurse am Aktienmarkt ist lang genug als lächerlicher Teddy gezeichnet worden, der niemanden mehr schrecken kann. Nun rächt sich das Tier. Statt sich einmal aufzubauen und die Bullenherde in einer großen Crash-Geste zu verjagen, quält es sie langsam in die Niederlage, bis sie winselt.

Nach den bereits massiven Kursverlusten an der Nasdaq, am Neuen Markt sowie bei den Telekommunikations- und Technologie-Aktien wirkt es übermäßig pessimistisch zu behaupten, der Rückgang des Aktienkurse sei noch nicht beendet. Eben darauf aber sollte man sich einstellen und es auch an guten Börsentagen nicht vergessen.


Nicht umsonst sprechen die Börsenhändler von der bisher ausgebliebenen "Kapitulation". Was meinen sie damit? Kapitulationen sind Anfälle von Panik, die eine grundlegend veränderte Haltung der Anleger auslösen - wie im Oktober 1987 und zuletzt im Frühherbst 1998. Ein solcher Panikanfall ist so, als tue sich ein riesiges schwarzes Loch auf. Die Gewissheiten darüber, wie die Börse funktioniert, sind plötzlich fort. Der Totalverlust winkt als reale Möglichkeit. Zwangsverkäufe jagen den Markt nach unten. Da geht es nicht mehr um Bewertungen und Zukunftsaussichten der Unternehmen, die einigermaßen nüchtern kalkuliert werden. Da gilt es nur noch die Flucht zu ergreifen.


In der jetzt einjährigen Börsen-Baisse hat der Markt zwar einige Fieberanfälle erlebt, die einer Kapitulation nahe kamen. Aber die eigentliche Kapitulation ist ausgeblieben. Kurz, es ist noch zu viel Optimismus im Markt.


Meine Vermutung ist, dass genau das noch eine Weile so bleibt. Der Rückzug der Kurse und der Anleger findet langsam statt. Und weil die spekulativste Blase bereits geplatzt ist, wird das Tempo der Kontraktion eher noch geringer werden. Wahrscheinlich wird es auch Erholungsphasen geben, die ähnlich wie im letzten Sommer in Enttäuschung enden.



Zaghafte Korrekturen


Die Baisse bleibt grausam. Sie wird nach den Aktien der Old Economy greifen, also nach jenen Titeln, die an den spekulativen Exzessen zwischen Oktober 1999 und März 2000 nicht teilgenommen haben.


Das Zerplatzen der Technologie- und Telekomblase schien diese Titel bis vor kurzem nicht zu tangieren. Erst vor zwei Wochen begann auch dieses breite Segment des amerikanischen und europäischen Marktes ins Rutschen zu kommen. Was kann man daraus schließen? Die Akteure haben bislang zu besonnen reagiert. Der Aktienmarkt als Ganzes hat zwar an Wert verloren. Aber wenn die Gewinnwarnung eines Unternehmens die Aktien der entsprechenden Branche unter Druck setzt, heißt das noch lange nicht, dass die Anlegerschaft sich von allem, was Aktie heißt, mit Grausen abwendet. Barton Biggs, Chefstratege bei Morgan Stanley Dean Witter, zieht daraus den Schluss, das die Aktien der Old Economy in ihren Preisen noch nicht reflektieren, "wie krank die Weltwirtschaft ist und wie schlecht die Gewinne sich entwickeln werden".


So ist es wohl. Noch hat der Aktienmarkt die Grippe der Weltökonomie nicht diagnostiziert - allenfalls einen Schnupfen. Vor allem hält sich der Glaube, dass der Patient nach einem Tag im Bett wieder so springlebendig sein wird wie zuvor. Der Markt setzt seine Hoffnung auf Alan Greenspans Zinssenkungen, einschließlich der vom Dienstag. In den USA winkt außerdem das Steuersenkungsprogramm des neuen Präsidenten. Die Abschwächung der US-Wirtschaft soll Episode bleiben. Die Überinvestitionen der vergangenen Jahre sollen rasch abgebaut werden. Das Vertrauen der Konsumenten soll rasch zurückkehren. Das alles ist möglich. Und dennoch wird der Aktienmarkt noch lernen müssen, dass eine schnelle Erholung der US-Wirtschaft keine Rückkehr zur besten aller möglichen Welten bedeutet: Denn die späten 90er Jahre sind endgültig vorbei.


Nimmt man mit einem Schuss Optimismus an, dass die US-Wirtschaft durch ein kurzes V-förmiges Tal der Desillusion läuft, so winkt auf der anderen Seite des Tals nur die zweitbeste aller möglichen Welten. In dieser zweitbesten Welt wird es ein befriedigendes, aber kein überschäumendes Wachstum geben; die Gewinne der börsennotierten Unternehmen werden nicht mehr mit zweistelligen Zuwachsraten jährlich prunken können.



Wachstumsraten sinken


Doch davon geht der Markt trotz der brutalen Kursreduzierung immer noch aus, stellen die Informationsanbieter First Call und IBES fest: Analysten schätzen das Wachstum der Gewinne für jene 500 US-Unternehmen, die im Standard & Poor’s-Aktienindex versammelten sind, auf längere Sicht immer noch auf zwölf Prozent jährlich. Nur wenn die Unternehmen diese hohen langfristigen Erwartungen wirklich erfüllen könnten, ist der S&P-Index beim Stand von 1170 Punkten fair bewertet.


Das aber ist die Crux: Über die wichtigen Einzelunternehmen werden Gewinnschätzungen eingesammelt, die von durchaus ehrenwerten und kenntnisreichen Analysten stammen. Auf diese Weise erhält man Wachstumsraten der Gewinne über mehrere Branchen hinweg, die in ihrer Gesamtheit auf Dauer - gelinde gesagt - unwahrscheinlich sind.


Vielleicht wird das reale Wachstum der USA auf einen Pfad von drei Prozent jährlich zurückkehren; selbst dann ist unwahrscheinlich, dass die Unternehmensgewinne immer weiter mit einer höheren Rate wachsen als das Nominalwachstum des Sozialprodukts. Die Margen werden schließlich enger. Der Ausleseprozess hat erst begonnen. Gewinne werden zu Verlusten. All das will erst verdaut sein. Ein fester Aktienmarkt kehrt erst dann wieder, wenn das Tal der Tränen durchschritten ist.



© 2001 Financial Times Deutschland


gruß
proxi
Antworten
Happy End:

proxicomi: Die Baisse wird lang und grausam

 
21.03.01 22:15
up, zum Wiederfinden

Gruß
Happy End

Wenn es am dunkelsten ist, leuchten die Sterne.
Antworten
Parocorp:

so sei es & so wird es sein. o.T.

 
21.03.01 22:17
Antworten
Parocorp:

...der dow wird als nächstes bluten & das heftigst o.T.

 
21.03.01 22:21
Antworten
proxicomi:

Schützt Euer Produktionsmittel: DAS $GELD$!! o.T.

 
21.03.01 22:25
Antworten
jopius:

welches Geld ? ..... :(( o.T.

 
21.03.01 22:34
Antworten
cap blaubär:

Opa Berneckers Wort zum Dostag

 
22.03.01 08:40
Portf.Hans Bernecker: Positive Enttäuschung
Mails/Nachrichten vom 21.03.2001, Bernecker & Cie.

--------------------------------------------------
Guten Morgen, meine Damen und Herren,
die Zinsentscheidung der amerikanischen FED war eine Enttäuschung für die Märkte, aber sehr positiv in der Sache. Denn die FED ist nicht dazu da, Aktienkurse zu stützen, sondern muß die weitere wirtschaftliche Entwicklung bei stabilen Verhältnissen im Auge haben. Der kritische Punkt ist der: Es kommt nicht auf die Zinssenkung an, sondern auf die Zinsstruktur-Kurve. Eine Konjunktur und ein Aktienmarkt können erst dann eine nachhaltig positive Tendenz erhalten, wenn die inverse Zinsstruktur beseitigt ist. Gestern wurde ein Pari-Stand bestätigt, nämlich rund 5 % am kurzen Ende und rd. 5 % für lange Bonds. Die kurzen Zinsen müssen also auf 3 - 3 1/2 % zurückgehen, wenn die Renditen am Bondmarkt bei 5 % verbleiben, um eine "Konjunkturstimulanz" darzustellen. So weit ist es noch nicht.

Die Markttechnik hat sich gleichwohl verbessert, obwohl der Dow bis auf den letzten möglichen Punkt sein Potential ausgeschöpft hatte. Knapper ging es bis zur Stunde nicht. Er ist damit auch deutlich überverkauft und für eine positive Rally "startfähig". Trotz - 240 Punkten liegt die A/D-Relation wieder positiv und new high/new low sogar mit 123:45 deutlich verbessert. Das Gegenteil zeigt der Nasdaq. Damit bleibt es bei meinen kürzlich genannten denkbaren Kursen für die Technik-Aktien, die allesamt noch ein Risiko von 20 % als Faustregel vor sich haben. Verbessert hat sich dagegen die Markttechnik der solideren Aktien. Ergo besteht auch heute kein akuter
Handlungsbedarf, wenn auch der Ton etwas freundlicher wird.

Tokio kommt heute morgen mit + 912 Punkten (8.45 Uhr) und reagiert im o.g. Sinne. Sehr aufregend ist das nicht, aber ein Ansatz dafür, wie die Umsätze zeigen, daß der größte Teil der befürchteten Notverkäufe abgewickelt sein dürfte.

Deutschland wird an der Greenspan-Entscheidung einiges zu knabbern haben. Zurückhaltung ist jetzt wichtiger als große Aktivität. Im Vorgriff auf die AB, die die mittlere Markttechnik aller relevanten Werte auf den Prüfstand stellt, zeigt sich: Die Schwäche des letzten Freitags hätte nicht stattfinden dürfen. Das ganze erlaubt jetzt eine technische Rally, aber keine Wende. Ich bleibe also auf der sehr vorsichtigen Seite, auch wenn heute die eine oder andere Aktie positiv reagiert.

Zu einigen Werten: Der Streit zwischen MG Tech und Großaktionär Happel ist unschön, keine Existenzfrage, aber belastet den Kurs, jedoch nicht meine Meinung. Kurse zwischen 12 und 14 E. sind allesamt Kaufkurse. Der stets streitbare Happel kommt mir vor wie Don Quichotte. Damit könnte aber der MG-Kurs noch einige Probleme bekommen. SGL Carbon sollte das Management auswechseln. Gutes operatives Ergebnis, aber permanente Probleme mit den außerordentlichen Altlasten. Der Absturz auf 45 E. ist ein klarer Kauf, verlangt aber Nerven. Der Einstieg in die Bremsscheiben-Produktion ist richtig, wird sich aber nicht kurzfristig auszahlen. Ich halte an meiner
positiven Einschätzung dennoch fest, obwohl der Kurs bei 50 E. den Widerstand unterboten hat. Die Gewinnwarnung von Philips entspricht meiner Vorsicht vor 3 Wochen in der AB. Ohnehin hatte die Linie 38 E. nicht gehalten und damit sind 25 E. wohl wahrscheinlich. Das wird die nächste Einkaufsmöglichkeit. Deutsche Telekom stabilisiert sich weiter. Charttechnisch und fundamental besteht jetzt eine echte Rally-Chance, worauf ich ausdrücklich hinweise. Praktisch ist diese Aktie der Rettungsanker für den DAX. Die Zahlen der Deutschen Börse, die gestern vorgelegt wurden, sind sehr positiv, aber im Emissionspreis längst enthalten gewesen.
Meine Zurückhaltung anläßlich der Emission hat sich als richtig erwiesen. Für Deutsche Post warten Sie auf Kurse um 17/18 E. Dort liegt die erste Kaufmöglichkeit, auf die ich noch eingehen werde. K+S präsentierte eindrucksvolle Zahlen, und damit ist diese "graue Maus" des Chemie-Marktes (Düngemittel) ein nicht nur defensives, sondern sogar attraktives Investment. Das rechtfertigt Käufe bis 19 E. Die Zahlen dazu lesen Sie in der nächsten AB. Was steht heute an?

Keine große Adresse, aber eine Menge kleiner. Nokia hat HV und eine Pressekonferenz auf der Cebit. Gleiches macht Ericsson und beide werden einiges an Neuigkeiten verkünden. Für die Aktien des Neuen Marktes gibt es eine Reihe Termine, aber neue Erkenntnisse erwarte ich nicht. Interessant wird heute nachmittag, was die Verbraucherpreise in den USA für einen Trend bieten, und man darf unterstellen, daß die FED diese Zahlen gestern schon kannte.

Warten Sie für die weitere Einschätzung die nächste AB ab, weil die kommenden 2 Tage zeigen werden, wie nach der ersten Reaktion alle Märkte zusammen auf die FED-Entscheidung reagieren können.

Herzlichst Ihr

Hans A. Bernecker
 
Antworten
Auf neue Beiträge prüfen
Es gibt keine neuen Beiträge.


Börsen-Forum - Gesamtforum - Antwort einfügen - zum ersten Beitrag springen
--button_text--