KIRCH: Was sind die Reste wert?


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KIRCH: Was sind die Reste wert?

 
26.07.02 06:14
Die Hinterlassenschaft des Ex-Medienmoguls Leo Kirch kommt unter den Hammer: Was sind die Reste wert? Ein Berger-Gutachten enthüllt Erstaunliches.

Die Hoffnung ist eine gnädige Institution: Weil sie bekanntlich erst dann stirbt, wenn alles andere schon tot ist, konnte Leo Kirch (75) sie beispielsweise monatelang anwenden, um sich ein Wunder vorzustellen, dessen ganzer Sinn seine Rettung wäre: dass womöglich eine gute Fee käme mit Zauberstab und mehreren Milliarden, in Dollar oder Euro.

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Sendeschluss: Der Konzern wird versteigert - noch im August soll der Zuschlag erteilt werden
 
Erleichtert wurden ihm seine Fantasien dadurch, dass KirchMedia (Umsatz 2001: 3,4 Milliarden Euro, Beschäftigte: 2960, Verbindlichkeiten: 4,9 Milliarden Euro), die Firma, in der und für die sein Herz schlägt, theoretisch und trotz Pleite immer noch ihm gehörte. Und nun - puff! - ist auch sie tot, die Hoffnung.

Statt einer Fee kam ein Banker: Florian Lahnstein (37), Topmanager bei UBS Warburg in London. Lahnstein wird KirchMedia versteigern. Bald ist Leo Kirch nur noch Rentner und muss seine Hoffnungen auf weniger anspruchsvolle Ziele richten.

Knapp 100 interkontinentale Schlipsträger schaufeln sich zurzeit in der Ismaninger Firmenzentrale durch Dünen von Ordnern und Papieren; sie sprechen Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch, Holländisch und heucheln aus taktischen Gründen schweres Desinteresse.

Sechs Bietergruppen sind zugegen: Die Verlage Bauer und Axel Springer; die Commerzbank und Columbia Tristar (Sony); der US-Medienkonzern Viacom; der französische TV-Sender TF1; der US-Milliardär und Filmproduzent Haim Saban; sowie die Altgesellschafter Lehman Brothers, News Corp. und Mediaset. Die niederländische Produktionsfirma Endemol und die amerikanische Senderkette NBC werden sich wohl bestehenden Konsortien anschließen.

Auktionator Lahnstein meldet: "Wir sind sehr zufrieden mit der Quantität und Qualität der Nachfrage."

Bis zum 31. Juli müssen bindende Angebote eingehen. Am 1. August benennt die Gläubigerversammlung zwei oder drei Finalisten, die ihre Gebote nachbessern dürfen. Noch im August soll der Sieger feststehen.

Grundlage des Firmen-Checks ist eine streng vertrauliche, 247-seitige Expertise der Unternehmensberatung Roland Berger: "Kirch Media. Wirtschaftliche Situation. Planungseinheiten. Key Financials."

Das Konvolut zeichnet ein frohes Bild von den Aussichten der siechen Medienfirma und ihrer drei Kostbarkeiten: der Mehrheitsbeteiligung (52 Prozent) an der ProSiebenSat1 Media AG , des Filmstocks und der Programmrechte. Die Zuversicht setzt freilich eine brutale Straffung der Geschäfte auf "circa 30 wesentliche, operative Gesellschaften" voraus.

Was die Berger-Strategen für "kritisch" halten

Als überlebensfähig gilt nach Maßgabe der Berger-Strategen nur eine Mini-Version der KirchMedia: "Kirch Media 2.0" soll die Sparten TV und Programmhandel sowie wenige Produktions- und Technikfirmen umfassen. 588 Beschäftigte verlieren bei der Umsetzung des Schrumpfmodells ihre Jobs; weitere 657 Stellen müssen bis Ende 2002 abgebaut werden, damit der Businessplan aufgeht.

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Nach der Schrumpfkur: Die neue Kirch Media und ihre wichtigsten Assets - Fernsehen und Programme
 
Die Gläubiger setzen auf einen Auktionserlös von rund 3,7 Milliarden Euro. Ein relativ bescheidenes Eintrittsgeld für einen der größten TV-Märkte der Welt.

Schließlich, heißt es, werde der Marktführer im Rechtehandel und im hiesigen TV-Werbemarkt schuldenfrei übergeben: "Das ist eine historische Chance."

Wirklich? Die ersten Gebote, so ist aus Bieterkreisen zu hören, lagen bei rund 2,5 Milliarden Euro: Die Beteiligung an der Senderfamilie ProSiebenSat1 hat derzeit nur einen Kurswert von 500 Millionen Euro.

Die Sportrechte, sagt ein Berger-Mann, seien "eine gute Milliarde wert". Doch die Gewinnaussichten sind, abgesehen von 2006 (Ebit-Prognose: 534 Millionen Euro), dem Jahr der Fußball-WM, dürftig: Sie schwanken zwischen minus 3 und 27 Millionen Euro - vorausgesetzt, der Bezahlsender Premiere, auf den "circa 50 Prozent der Verwertungserlöse" entfallen, überlebt.

Schleierhaft bleibt der Wert von Kirchs legendärer Filmbibliothek: 1,7 Milliarden Euro werden als fiktiver Buchwert für die "Library" festgestellt - gefüllt ist sie größtenteils mit verderblicher Flimmerware: Nur jeder 80. der 9800 Kirch-Filme gilt als Topware, jeder 5. als unverkäuflich.

"800 Millionen Euro" sei der Filmstock wert, sagt ein Berger-Mann. Renditemindernd kommt hinzu, dass Kirch 92 Prozent seiner Programme an die eigene Senderfamilie liefert.

Die Gewinn- und Verlustrechnung der KirchMedia 2.0 weist für 2003 zwar ein Ebit von 323 Millionen Euro aus. Nach der Ergebnisabführung an die weiteren Gesellschafter der ProSiebenSat1 Media bliebe, laut Plan, aber nur ein Konzern-Jahresüberschuss von 5,9 Millionen Euro übrig.

Als "kritische Aspekte" listet das Berger-Papier obendrein die "Erlösschätzung der Library" auf, den "Programmbedarf der Senderfamilie" sowie die nötigen Programminvestitionen: 1,94 Milliarden Euro bis 2006. Kirchs Rechtefirma Beta Film sei schließlich wegen der Output-Deals mit Paramount, Universal und MGM "erheblichen Bürgschaftsrisiken ausgesetzt (bis circa 310 Millionen Euro)".

Einmal beiseite gelassen, dass die Marke Kirch zerstört ist, dass ProSieben und Sat1 weit hinter RTL rangieren: Der Medienmarkt steckt in einer tiefen Krise. Wer auch immer Kirch ersteigert: Das Hoffen geht weiter. Das Hoffen hört nie auf.
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INSOLVENZ IM KINO: Sieben Samurai für Kirch

 
02.08.02 05:52
Im Schachern um KirchMedia hat mit der ersten Gläubigerversammlung im Münchener Arri-Kino der Showdown begonnen, die Zahl der Möchtegern-Käufer ist erstmals offiziell bekannt. Die öffentlichen Statements der Geschäftsführung aber werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten.

München - Als die KirchMedia-Geschäftsführer Wolfgang van Betteray und Joachim Ziems ins Schwabinger Programmkino kamen, sprachen sie keinen Kommentar in die Kameras, beantworteten keine Frage wartender Journalisten. Insolvenzverwalter Michael Jaffé gab sich ähnlich reserviert. Alles Nötige werde bei einer Pressekonferenz gesagt.

Wenn am Donnerstag überhaupt konkrete Fragen beantwortet wurden, dann die der Gläubiger. 211 Vertreter hatten sie zur ersten Versammlung der KirchMedia-Schuldner entsandt, insgesamt vertraten sie 507 Schuldner. Den größten Einfluss genießen die Banken und Hollywood-Studios. Aber auch kleine Lieferanten oder Mitarbeiter, deren Spesen unbezahlt blieben, hatten Zutritt.

Rückzieher nicht ausgeschlossen

Auf der Pressekonferenz im Anschluss ratterten Ziems, Betteray und Jaffé zwar eine Reihe präziser Zahlen herunter. Ziems etwa verriet, dass sieben Konsortien ein Angebot für KirchMedia eingereicht haben. Namen oder Zusammensetzung der Bietergruppen nannte er indes nicht. So müssen Beobachter weiter spekulieren, wer neben dem wohl chancenreichsten Konsortium um die Verlage Axel Springer, Bauer und SPIEGEL, neben der Gruppe um die Commerzbank und Columbia Tristar und neben dem französischen Sender TF1 noch dabei ist. Ist Silvio Berlusconi mit im Spiel? Mischt Rupert Murdoch mit? Antworten folgen, Termin unbekannt.

Manch ein Bieter mag ohnehin nur deshalb ein Gebot abgegeben haben, damit er bei der nun folgenden "Due Diligence" einen neugierigen Blick in Kirchs Bücher werfen kann. Das Columbia-Commerzbank-Duo behält sich vor, einen Rückzieher zu machen, sobald es Kirchs umstrittenen Filmstock auf seine Versendbarkeit geprüft hat. Ob überhaupt alle sieben Angebote angenommen werden, entschiedet sich erst in den kommenden Tagen.

Kirchs Fehler, Kirchs Visionen

Immerhin zeichnet sich ab, dass die KirchMedia als Gesamtunternehmen verschachert und nicht filetiert wird. Ziems wertete das gleich als Rechtfertigung für Leo Kirchs Vision vom integrierten Medienkonzern. Es sei richtig, Produktion, Rechtehandel, Vertrieb und eigene Sender in einem Verbund zu bündeln. Falsch sei es nur gewesen, Verlustbringer wie Premiere an den Tropf der gesunden KirchMedia zu hängen. So falsch, dass zunächst 117 KirchMedia-Mitarbeitern gekündigt werden müsse.

Ebenfalls nur ansatzweise bekannt ist, wie viel der Meistbietende für Kirchs Filmrollen, Sportrechte und TV-Beteiligungen ausgeben muss. Ziems verriet, die höchste Offerte belaufe sich derzeit auf 2,6 Milliarden Euro. Von wem sie stammt, durfte er freilich nicht sagen. Der Geschäftsführer hofft, dass es bei der Versteigerung zu einem Wettbieten kommt. Der Preis lasse sich dann wohl "optimieren".

Das Zentralkomitee tagt

Verglichen mit der möglichen Kaufsumme wirken die potenziellen Verbindlichkeiten der KirchMedia gigantisch: Nach Jaffés Worten haben die 512 Schuldner Forderungen in Höhe von 8,5 Milliarden Euro geltend gemacht. Auch angesichts des letzten, nun bestätigten Jahresumsatzes der KirchMedia von 1,35 Milliarden Euro eine stattliche Zahl. In der Summe sind aber auch 3,4 Milliarden Euro strittige Schadensersatzforderungen und 850 Millionen mögliche Verpflichtungen aus Put-Optionen inbegriffen, die KirchMedia für ungültig erklärt hat.

Wer leer ausgeht und wer wenigstens einen Teil seiner Forderungen einstreicht - darüber muss jetzt der Gläubigerausschuss entscheiden. Er wurde im Arri-Kino konstituiert, über Stimmrechte und Machtverteilung sei "sehr konstruktiv" verhandelt worden, befand Ziems. Fortan liegt die eigentliche Macht bei diesem Zentralkomitee, nicht mehr bei der unübersichtlichen Versammlung. Zu seiner wichtigsten Sitzung trifft sich der Ausschuss Ende August oder Anfang September. Erst dann gibt es den eigentlichen K-Day: Den Tag, an dem sich entschiedet, wer die KirchMedia mit all ihren Chancen und Risiken zu welchem Preis übernehmen darf.  
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