Katastrophe wird zum profitablen Geschäft


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Katastrophe wird zum profitablen Geschäft

 
09.03.02 13:24
Von Carsten Volkery

Es dauerte nur wenige Tage. Um den 20. September herum, schätzt ein Händler am Broadway, habe er die ersten Baseballkappen mit dem Schriftzug "Ground Zero" verkauft. Jay Chung, ein Souvenir-Designer, war noch schneller. Am 12. September entwarf er Anstecker und Postkarten, am 13. gab er 30.000 Artikel bei seinem Hersteller in Südkorea in Auftrag, wenige Tage später warf er sie auf den New Yorker Markt. Die Nachfrage der Souvenirläden sei unstillbar gewesen, das Telefon habe gar nicht mehr aufgehört zu klingeln, erzählte Chung wenig später der "New York Times".

Katastrophenverwerter reagierten blitzschnell
Die New Yorker Merchandising-Industrie hat blitzschnell auf die Zerstörung des World Trade Center reagiert. Die Fabriken in Asien, die einen großen Teil des Souvenir-Kitsches produzieren, bekamen neue Muster und produzierten fortan die Twin Towers, seit jeher ein beliebtes Motiv, in Kombination mit der amerikanischen Flagge und dem Spruch "God Bless America". Lokale T-Shirt-Hersteller programmierten ihre Computer um, die neuen Motive reichen vom einfachen "United we stand" bis hin zu "WTC Survivor".

Medaillon aus WTC-Stahl

Auch Alfonzo Hall ließ einen Teil seiner Maschinen umstellen. Sein Unternehmen International Agile Manufacturing, eine Gießerei in Statesboro/Georgia, produziert normalerweise Rohre, Kugellager und Scharniere. Im November kam ein neues Stück hinzu: das "WTC-Erinnerungsmedaillon". Auf den ersten Blick fügt sich das Sammlerstück nahtlos in die Souvenir-Landschaft ein. Es ist ein bräunliches Oval, neun mal zehn Zentimeter, auf der Vorderseite steht "God bless America" und "11. September 2001". Die Einzigartigkeit offenbart sich erst, wenn man es umdreht: "Gegossen aus dem Stahl des World Trade Center", steht da auf der Rückseite.

"Geschmackvolles" Recycling
Für 29,95 Dollar kann man das unheimliche Stück Metall übers Internet erwerben, eingepackt in einen "patriotischen Stoffbeutel". 6000 Stück habe er bisher verkauft, sagt Hall. Er ist der einzige Unternehmer, der WTC-Reste im Angebot hat. Doch auf keinen Fall will er mit den Profiteuren in einen Topf geworfen werden. Er habe die 500 Tonnen WTC-Stahl vor allem erworben, "um den Stahl in Amerika zu halten". Wenige Wochen nach dem Anschlag habe er in der Zeitung gelesen, dass der Großteil der rund 200.000 Tonnen zum Recycling nach Asien verschifft werde. Da habe er sich gedacht, es müsse doch einen "geschmackvolleren" Nutzen für die Metallreste geben. "Wir wollten verhindern, dass der Stahl als Suppenbüchse oder Stoßstange endet", sagt Hall.

Ein Stück World Trade Center für knapp 30 Dollar
Vehement wehrt er sich gegen die "falschen Darstellungen in den Medien", die ihm durchweg Profitgier unterstellen. "Es war keine Geschäftsentscheidung, sondern ein patriotischer Akt", betont er. Hall scheint von der öffentlichen Aufregung überrascht worden zu sein. Einige Angehörige der Opfer haben die Medaillons öffentlich als "ekelhaft" verurteilt. Dagegen zitiert Hall auf der Website Angehörige, die ihm für seinen "Mut" danken. Zehn Prozent der Einnahmen gehen an die Opfer-Fonds, Angehörige erhalten die Medaillons kostenlos. Doch ganz glaubwürdig wirkt der Edelmut des Gießerei-Chefs nicht - schließlich verkauft er den Großteil der Medaillons. Hall hofft, am Ende drei Millionen Medaillons aus der Stahlmenge herstellen zu können. Wie viel er daran verdient, will er nicht sagen.

Merchandiser versprechen Sammlerwert
Das ist eine weit verbreitete Reaktion: Sobald es um die Einnahmen aus dem Katastrophen-Merchandising geht, verfallen die Beteiligten ins Schweigen. "Kein Kommentar", heißt es auch bei City Merchandise, einem der größten Souvenir-Großhändler in New York. Niemand soll wissen, wie viel man mit der Marke 9/11 verdienen kann. Das Unternehmen vertreibt unter anderem die "Disaster Cards", eine Postkarten-Serie mit Bildern von den brennenden Türmen und rauchenden Trümmern. Das 44-Karten-Set kostet 24,95 Dollar. Auf der Webseite werden sie als Stücke mit "garantiertem Sammlerwert" angepriesen.

Echte Trümmer gibt es nicht
Wo Geld zu machen ist, dürfen auch die Kleinkapitalisten auf eBay nicht fehlen. Die Auktionsseite hatte im Januar ein Moratorium für den Handel mit WTC-Souvenirs aufgehoben. Im Angebot sind unter anderem eine Original-Speisekarte aus dem World-Trade-Center-Restaurant von 1980 und ein Video vom Tag der Katastrophe, "sehr professionell geschnitten". Echte Trümmer vom "Ground Zero" gibt es allerdings nicht. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Relikte immer noch als Beweisstücke gelten und der Handel daher illegal ist, spekuliert eBay-Sprecher Kevin Pursglove.

Patrioten fordern Steuervorteil
Auch die New Yorker Eheleute Spiros Kopelakis und Shirley Dreifus konnten sich dem Goldrausch offenbar nicht entziehen. Sie outeten sich jetzt als Besitzer der Flagge, die drei Feuerwehrleute im September am "Ground Zero" aufgezogen hatten. Das Foto dieser Szene war um die Welt gegangen. Das Ehepaar behauptet, die Flagge stamme von ihrem Schiff "Star of America", das in der Nähe vertäut war. Die beiden forderten jetzt eine Quittung von der Stadt - damit sie ihre "Spende" von der Steuer absetzen können. Wert: 50 Dollar.


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