KANZLER-INTERVENTION: Schattenboxen gegen Murdoch


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KANZLER-INTERVENTION: Schattenboxen gegen Murdoch

 
08.02.02 13:18
Eine Vierer-Runde der Mächtigen um Bundeskanzler Schröder will offenbar den Kirch-Konzern zerteilen, um Rupert Murdoch die Chance auf einen Vormarsch in Deutschland zu nehmen. Murdoch aber behauptet, er habe das Interesse an Verlustgeschäften in Deutschland verloren. Skeptiker halten das für einen Schachzug.
 
München/Berlin - Lang wurde im Kanzleramt dementiert und bestritten: Während Murdoch, Springer und die Banken ihr Endspiel mit der fast bankrotten KirchGruppe spielten, hieß es, sehe sich Bundeskanzler Schröder nur als interessierter Beobachter. Tatsächlich scheint er sich mit dieser Rolle lang nicht mehr begnügen wo wollen. Wie der SPIEGEL in seiner neuesten Ausgabe berichtet, haben sich Schröder, Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff, Deutsche-Bank Chef Rolf Breuer und der WAZ-Miteigentümer Erich Schumann zu einer Geheimkonferenz im "Gasthaus Wichmann" in Hannover getroffen. Ihr Ziel: Auf jeden Fall zu verhindern, dass der politisch rücksichtslose Australo-Amerikaner Rupert Murdoch die Schulden-Misere der KirchGruppe nutzt, um einen Brückenkopf in Deutschland zu bauen. Auch dieses Mal kommt von Schröders Sprecher Uwe-Karsten Heye ein Dementi.
   

Gegen den Willen Kirchs hat die Runde dem Bericht zufolge eine weitgehende Entmachtung des Münchner Medienmoguls beschlossen. Nicht nur von den Formel-1-Rechten und von seinem 40-Prozent-Anteil am Axel Springer Verlag solle sich Kirch trennen, um seinen Schulden zurückzahlen zu können. Auch seine Fernsehfamilie, zu der Sat.1, ProSieben, Kabel 1 und das Deutsche Sportfernsehen gehören, müsse Kirch aus kartellrechtlichen Gründen an verschiedene Anbieter verkaufen. Kirch solle zwar Unternehmer bleiben dürfen - aber in die Rolle eines Minderheitsgesellschafters zurückgedrängt werden. Für Murdoch bliebe nur ein vergiftetes Schmankerl: Er dürfte von Kirch den Pay-TV-Kanal Premiere World übernehmen, mehr nicht. Und damit hätte Murdoch die immensen Verluste am Hals, die der Sender mit seinem viel zu kleinen Abonnenten-Kreis auf Jahre hin schreiben wird.

Der Plan soll patriotisch wirken, brächte aber jedem der Beteiligten vor allem eins: mehr Macht und Prestige. Die WAZ-Gruppe gewönne wohl Kirchs 40-Prozent-Anteil an Europas größtem Zeitungshaus Springer, die Deutsche Bank erhielte ausstehenden Kredite zurück. Bertelsmann müsste nicht fürchten, dass Murdoch auf deutschem Boden einen Konkurrenten zur den Free-TV-Programmen der RTL Group errichtet. Und Schröder könnte sich zu Gute halten, den deutschen Medienmarkt vor dem Vormarsch des konservativen Eroberers bewahrt zu haben. Ärgerlich allenfalls, dass Schröder seinem Rivalen Edmund Stoiber eine eminente Peinlichkeit ersparen könnte: Eine Kirch-Pleite hätte die halbstaatliche Bayerische Landesbank mit in den Strudel reißen können. In den Bank-Gremien sitzen führende Mitglieder des Stoiber-Kabinetts.

Noch einen Haken hat der offenbar im Gasthaus ausgeheckte Geheimplan: Die vier Mächtigen haben ihre Rechnung gegen Murdoch ohne Murdoch gemacht. Der 70-jährige Chef des global aktiven Medienkonzerns News Corp hat offenbar keinerlei Neigung, sich mit dem Verlustbringer Premiere die Bilanzen zu vergiften. Bisher war Murdoch stets ein infames Kalkül unterstellt worden: Der Medienzar werde im Oktober eine Verkaufsoption ziehen und Kirch zwingen, Murdochs 22-Prozent-Anteil an Premiere World zurückzukaufen - für den vereinbarten Preis von 1,3 Milliarden Euro. Spätestens dann dürfte die Implosion des mit sechs Milliarden Euro Bankschulden belasteten Kirch-Imperiums nicht mehr abzuwenden sein - und Murdoch könnte sich in der Konkursmasse bedienen,

Alles unrealistisch, sagte Murdoch der britischen "Financial Times". Er wolle seine Geschäftsverbindungen zu Kirch vollständig kappen. Anstatt bereits verlorenem Geld weiteres hinterher zu werfen, wolle er Abschied nehmen von seinen Beteiligungen an der Mediengruppe aus Ismaning. Auch seinen Anteil an der Filmrechte-Tochter KirchMedia werde er mittelfristig abgeben - bisher war stets spekuliert worden, Murdoch wolle ihn aufstocken, um Einfluss auf Kirch-Sender wie Sat.1 und andere Kanäle zu gewinnen. Murdoch aber sagt, er "sehe nicht, wie wir unsere Geschäftsbeziehungen (zu Kirch) fortsetzen können, ohne mehr Geld zu investieren. Und das ist etwas, zu dem wir nicht bereit sind."

Vielleicht ist die Verzichterklärung auch eine Kapitulation vor dem Kanzler. Schon aber wird gemunkelt, Murdochs Verzichterklärung sei nur ein taktischer Rückzug, um den Gegner zu verwirren. Der Medienzar könnte von den Plänen der Vierer-Runde erfahren haben - und nun versuchen, ihr den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Zugleich setzt Murdoch mit der Androhung eines doppelten Rückzugs aus Premiere und KirchMedia den Münchnern die Pistole auf die Brust. Möglicherweise, um Kirch dann doch dazu zu zwingen, dem gebürtigen Australier die Tür weiter aufzusperren.

Dafür, dass Murdochs Würfel noch nicht gefallen ist, spricht eine andere Meldung: Murdoch hat den Münchnern einen Trupp internationaler Wirtschaftsprüfer ins Haus geschickt. Bei einer so genannten "Due Diligence" interviewen die Prüfer Kirchs Personal, nehmen Bücher und Geschäftspläne der Kirch PayTV unter die Lupe. Vielleicht will Murdoch so nur klären, wie viel Mühe Kirch mit der Zahlung der 1,3 Milliarden Euro hätte. Wenn aber Murdoch schon definitiv entschieden hätte, Kirch den Rücken zu kehren, könnte er sich die Prüfung sparen.

Womöglich will Murdoch also durchrechnen, welchen Preis er bieten müsste, um sich Kirch zu kaufen. Die allenthalben erwartete feste Zusicherung, dass Murdoch seine Verkaufsoption ziehen wird, gab es am Freitag jedenfalls nicht. Tony Ball, CEO von Murdochs britischem Pay-TV-Kanal BskyB, sagte bisher nur, man "ziehe es gegenwärtig vor", das Verkaufsrecht auszuüben. Vorsichtshalber hat BSkyB schon einmal wie angekündigt 1,4 Milliarden Euro auf die Beteiligungen an Kirch abgeschrieben. Ein Zeichen dafür, dass Murdoch nicht sicher ist, sein Geld je wiederzusehen.

Sicheres weiß bisher kaum jemand. Wenn eine kleine Armee der mächtigen Männer aufeinander prallt - Schröder, Breuer, Middelhoff, Murdoch, Springer-Chef Döpfner und Kirch - ist es fast unmöglich vorherzusagen, wer als letzter auf dem Schlachtfeld stehen bleiben wird. Zumal Murdochs Option erst im Herbst fällig wird. Immer noch ist es auch möglich, dass Gerüchte über Leo Kirchs baldigen Kollaps grob übertrieben sind. Sein Reich wird zwar schrumpfen, zumindest Kernbestände aber intakt bleiben. Dass Kirch sich etwa von ProSieben und Sat.1 trennen muss, wie die Kanzlerrunde offenbar annimmt, ist längst nicht ausgemacht.

Schon berichtet die "FAZ", die Gläubigerbanken wollten Kirchs Kreditlinien nun doch bis Ende Mai offen halten. Bisher war stets angenommen worden, die Zerschlagung der KirchGruppe könne zu Ostern beginnen - wenn der Springer-Verlag 770 Millionen einfordert und die Dresdner Bank einen 460-Millionen-Kredit zurückverlangt. Andere Banken könnten Rolf Breuer verübeln, dass er als einziger Finanzmann am Treffen der Mächtigen teilnahm. Erst am Donnerstag hatte der Chef der Bayerischen Landesbank vor Alleingängen einzelner Kreditinstitute gewarnt.

Als ob der Auftritt der Medienriesen Murdoch und Middelhoff nicht genügen würde, stürmt nun auch Silvio Berlusconi die Bühne des Kirch-Dramas: Die italienische TV-Gesellschaft Mediaset, von der Familie des italienischen Ministerpräsidenten kontrolliert, will nach eigenen Ankündigungen einen Teil der Kirch-Anteile am spanischen Sender Telecinco erwerben. Das wäre wieder ein Kapital-Schub für den Münchner - wenn auch ein viel zu kleiner.

Zur Lösung des Kirch-Dilemmas gibt es mehr Möglichkeiten zwischen München, Hamburg und Berlin als manchem Beteiligten lieb ist. Der Krimi geht weiter.
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