Kampf der Käsesteuer!
Lutz Krusche
Frankreichs Staatspräsident Chirac, die gesamte Pariser Regierung und die Intellektuellen haben sicher mit Bauchgrimmen vernommen, was Weltstaatsmann a. D. Henry Kissinger da kürzlich lästerte: Der einzige Franzose, der in den vergangenen Jahren etwas bewegt habe, sei José Bové. Ein wahrer Adelsschlag für den Schafzüchter und Käserührer aus dem französischen Zentralmassiv, der mit seinem Obelix-Schnauzer, der verrutschten Wollmütze und dem rauchenden Pfeifchen noch vor zwei Jahren lediglich als rührendes Symbol des bedrohten Kleinbauerntums der französischen Provinz galt.
Inzwischen ist der Präsident eines Kleinbauernverbandes ein Kriegsgott aller Globalisierungsschlachten und ein weltweit gefragter Star für Talkshows. In Frankreich selbst ist Bové zur politischen Größe aufgestiegen. Der ideologisch bewegte Bauer, der in Wirklichkeit Soziologie studiert hat, wird vom EU-Kommissar Lamy in Brüssel wie auch vom Pariser Landwirtschaftsminister empfangen und erzwingt - für diese Woche - einen hochkarätig besetzten runden Tisch, um seine Forderungen nach einem Steuerkrieg gegen die USA wegen der hohen Importsteuern für Käse und Echalotte-Zwiebeln durchzusetzen.
Die Stationen des 40-Jährigen sind schon fast Zeitgeschichte: Wehrdienstverweigerer, Kämpfer gegen Atomversuche auf Mururoa und für die Kanaken in Neukaledonien. Galionsfigur des zur internationalen Bewegung gediehenen Aufstandes gegen die Globalisierung wurde Bové, als er mit der fachgerechten Zerlegung eines McDonald’s-Restaurants in Millau begann.
Seine Markenzeichen als verschmitztes Bäuerlein und seine phänomenale Nase für Chancen zur öffentlichen Selbstdarstellung hat sich Bové bewahrt. Aber hinter José I. ist inzwischen José II. wie aus einer Spiegelwand getreten. Letzterer ist ein Linksintellektueller, ein anarchistischer Sektierer, wie der bürgerliche Pariser Figaro jetzt erschrocken konstatierte. Bové fordert die Politiker heraus, und die kuschen. Er droht ultimativ mit der Zerstörung aller Versuchsfelder mit genetisch manipulierten Pflanzen - seine Anhänger haben schon damit begonnen. Vorletztes Wochenende blockierten er und seine Anhänger tagelang McDonald’s in Millau. Schickte der Staat Polizei gegen Bovés Gesetzesbrecher? Mitnichten. Man hofiert ihn.
Aber wer ist Bové wirklich?, fragen die Franzosen. Eine Deutungsmöglichkeit für seinen Kampf gegen Gen-Manipulation entdeckte ein US-amerikanisches Magazin: Vater Bové, jetzt 71, ist einer der bedeutendsten, weltweit gefragten Gen-Forscher. Über die Freunde seines Sohnes hat der geurteilt: "Im Mittelalter verbrannte man Hexen, heute verbrennen sie genetisch behandelte Pflanzen." Treibt den Sohn ein Ödipuskomplex?
Vor zwei Jahren lachte José I. nur über die Frage, ob er 2002 für das Amt des Staatschefs kandidieren wolle. José II. lacht nicht, er schweigt. Siegen kann er nicht, aber als Kampf-Kandidat das Spiel aller "Großen" empfindlich stören. Deswegen buckeln die jetzt vor ihm.
Asterix auf dem Heuwagen
José Bové ist der Held der Bauern-Revolte und ein Medien-Star dazu
MILLAU, 30. Juni. Mark Callway, ein Klein-Farmer aus dem US-Staat Iowa, hat seine Ersparnisse verballert, um in ein französisches Provinznest zu wallfahrten: Millau, rund 20 000 Einwohner, am romantischen Tarn und nördlich von Montpellier gelegene Käse- und Handschuh-Metropole. Andere sind angereist aus dem Senegal und aus England, Chile und Deutschland sowie aus allen Winkeln Frankreichs. Mal mit Bussen, mal mit Rucksack und per Anhalter oder mit einem Sonderzug aus Paris.
Wegen Überfüllung geschlossen
Am Freitag meldete Bürgermeister Jacques Godfrain Millau wegen Überfüllung geschlossen. Zwischen 20 000 und 30 000 fanden sich ein, um einem schnauzbärtigen Mann zu huldigen, den noch vor einem Jahr nur Polizisten und Profi-Demonstranten kannten. Nun ist er zur internationalen Ikone des Aufstandes gegen die Diktatur der Globalisten aufgestiegen ist: José Bové, 46 Jahre alt, ein kleiner Schafzüchter und Käseproduzent vom Hochplateau Larzac im Zentralmassiv.
Das ist heiliges Demo-Land, denn in den 70er-Jahren verhinderten Zehntausende in wüsten Gefechten mit der Polizei, dass die Militärs es als Truppenübungsplatz zerschießen durften; Bové war immer mittendrin. Das ist Öko-Geschichte. Seattle-am-Tarn, wie die Bovéisten Millau in Anspielung auf die von Globalismusfeinden ruinierte Welthandelskonferenz getauft haben, ist brandaktuell. Das zweitägige Festival mit Märkten und Fressständen (nur Naturprodukte und keine Cola), Debattierrunden und einem Makro-Konzert ist einberufen worden, weil Bové und neun Mitstreiter am Freitag wegen schwerer Sachbeschädigung vor Gericht gestellt wurden.
Letzten August hatten sie in einer Aktion gegen globalistischen "Drecksfraß" made in USA den neuen McDonald s-Imbiss in Millau fachgerecht zerlegt. Der Schaden belief sich auf mehr als 200 000 Mark - McDonald s verzichtete taktisch geschickt auf Regressforderungen. Dann beging die Untersuchungsrichterin Nathaly Marty eine Eselei, die sich als Geschenk für den Missetäter entpuppte. Die Dame ließ Bové in Handschellen abführen - die Fotos gingen um die Welt. Bové saß 20 Tage, weil er die Zahlung einer Kaution verweigerte. Er wurde gleichzeitig zum Märtyrer und zum Asterix, der gegen die Legionäre des Globalismus kämpft. Die durch Rinderwahn, Dioxin-Hühner und Gen-Mais verstörten Franzosen hatten ihren Apostel. 65 Prozent sympathisieren mit ihm.
Freitag gegen 14 Uhr. In knallender Sonne rollen Bové und Spießgesellen auf einem von einem Traktor gezogenen Heuwagen vor dem "Palais de Justice" in Millau vor. Es sieht aus, als würden sie zum Schafott gekarrt. Doch der Delinquent ist jetzt schon der Sieger; die Absicht des Gerichts, den Prozess schnell durchzuziehen, hat er zunichte gemacht. Sechs Anwälte wollen Experten aus Polen, den USA und Tahiti vorladen, vor Mitte September ist mit einem Urteil nicht zu rechnen. Das Tribunal wird zur Tribüne gegen "le mondialisme".
Und Bové zum Medien-Star. In Millau treten sich die Korrespondenten der internationalen Presse auf die Füße, CNN hat ein Studio eingerichtet. Die "Business Week" listet Bové unter den 50 wichtigsten Europäern auf, die den "alten Kontinent" bewegen. Sein Buch "Die Welt ist keine Handelsware" ist bereits 80 000-mal verkauft worden. Mit jedem verkauften Exemplar fließen etwa 3,50 Mark in die Kasse von Bovés Kleinbauern-Gewerkschaft "Confédération paysanne".
In Frankreich wird der Held der Bauern-Revolte zur politischen Größe. Zum Ärger des monopolistischen, industriefreudigen Bauernverbandes FNSEA besuchte Staatspräsident Jacques Chirac den Stand des Rebellen auf der Pariser Landwirtschaftsmesse. Und sein Rivale, Premierminister Lionel Jospin, der sich bis dahin mit Rücksicht auf die Großbauern geweigert hatte, auch nur auf einem Foto mit Bové zu erscheinen, lud ihn zu einem Mittagessen, das sich drei Stunden hinzog. Anschließend war der Sozi "tief beeindruckt".
Das sind auch andere. Denn Bové ist beileibe nicht der knorrige Wald- und Wiesenschrat mit gestrickter Wollmütze, als der er sich gern gibt. Er ist ein auf Schafzucht umgestiegener Intellektueller mit dem Handy am Ohr. Er spricht fließend Englisch, weil er als Kind in Kalifornien - die Eltern, Biochemiker, lehrten an der Universität Berkeley - gelebt hat. Überdies ist er ein wahrer Demo-Profi. Ob es gegen Atomversuche auf dem Atoll Mururoa oder den Unabhängigkeitskampf der Kanaken auf Neukaledonien ging, Bové kämpfte immer an vorderster Front.
Nun umschmeichelt ihn die Rechte, und die extreme Linke versucht, seinen Bauernbund zu unterwandern. Die Globalisierungsschlacht wogt weiter. und "Industriefraß": der französische Bauernheld José Bové.
Ein Gallier gegen das Imperium
.... In diesen Tagen wird Boves erstes Buch erscheinen. Es wird sicher ein Bestseller, denn der Mann mit der ewigen Pfeife im runden Gesicht und der Wollmütze hat einiges zu erzählen.
Das Scheitern des Gipfels der Welthandelsorganisation in Seattle war auch sein Werk. Selbst amerikanische Arbeiter riefen mit Bove auf Französisch "tous ensemble" alle gemeinsam. Die Reichsten und Mächtigsten wollten ihn zu ihrem illustren Gipfel in Davos als Gastredner hören und bekamen einen Korb: Er lasse sich "von denen" doch nicht als Alibi verheizen.
Der Veteran aller Aufstände gegen arrogante Obrigkeit, Wehrdienst, Nukleares, für die Rechte der Kanaken in Neu-Kaledonien, Greenpeace-Aktionen gegen Atomtests auf dem Südsee-Atoll Mururoa steht heute für Frankreichs Revolte gegen die US-Dominanz. Der Herr über 600 Schafe und eine kleine Roquefort-Käserei im Weiler Montredon steht für die Bewegung eines neuen Souveränismus. Jäger, Kleinbauern, Altgaullisten wehren sich gegen die Globalisierung, die ihnen genmanipulierten Mais, krankes Rindfleisch und "Drecksfraß à la McDonald s" aufzwingt sowie gegen die Brüsseler Eurokraten, die den Galliern selbst auf die Revolution von 1789 zurückreichende Jagdrechte nehmen wollen. Während andere theoretisieren, hält es Bove mit dem Motto: "Um die Gesellschaft zu verändern, muss man Tatsachen schaffen".
Politiker und Parteien schlagen sich um ihn. Doch Bove will keine politischen Bindungen, selbst mit den Grünen nicht: "In Allianzen muss man oft Texte mit unterzeichnen, die man allein niemals signieren würde. " Boveianer wollen ihren Helden bewegen, sich als Kandidat fürs Amt des Staatspräsidenten aufzubauen als Hecht im Karpfenteich des Establishments und als Stimmungsbarometer für die Anti-Globalisierung. Doch Bove winkt ab: "Ich bin noch nicht größenwahnsinnig. "
Lutz Krusche
Frankreichs Staatspräsident Chirac, die gesamte Pariser Regierung und die Intellektuellen haben sicher mit Bauchgrimmen vernommen, was Weltstaatsmann a. D. Henry Kissinger da kürzlich lästerte: Der einzige Franzose, der in den vergangenen Jahren etwas bewegt habe, sei José Bové. Ein wahrer Adelsschlag für den Schafzüchter und Käserührer aus dem französischen Zentralmassiv, der mit seinem Obelix-Schnauzer, der verrutschten Wollmütze und dem rauchenden Pfeifchen noch vor zwei Jahren lediglich als rührendes Symbol des bedrohten Kleinbauerntums der französischen Provinz galt.
Inzwischen ist der Präsident eines Kleinbauernverbandes ein Kriegsgott aller Globalisierungsschlachten und ein weltweit gefragter Star für Talkshows. In Frankreich selbst ist Bové zur politischen Größe aufgestiegen. Der ideologisch bewegte Bauer, der in Wirklichkeit Soziologie studiert hat, wird vom EU-Kommissar Lamy in Brüssel wie auch vom Pariser Landwirtschaftsminister empfangen und erzwingt - für diese Woche - einen hochkarätig besetzten runden Tisch, um seine Forderungen nach einem Steuerkrieg gegen die USA wegen der hohen Importsteuern für Käse und Echalotte-Zwiebeln durchzusetzen.
Die Stationen des 40-Jährigen sind schon fast Zeitgeschichte: Wehrdienstverweigerer, Kämpfer gegen Atomversuche auf Mururoa und für die Kanaken in Neukaledonien. Galionsfigur des zur internationalen Bewegung gediehenen Aufstandes gegen die Globalisierung wurde Bové, als er mit der fachgerechten Zerlegung eines McDonald’s-Restaurants in Millau begann.
Seine Markenzeichen als verschmitztes Bäuerlein und seine phänomenale Nase für Chancen zur öffentlichen Selbstdarstellung hat sich Bové bewahrt. Aber hinter José I. ist inzwischen José II. wie aus einer Spiegelwand getreten. Letzterer ist ein Linksintellektueller, ein anarchistischer Sektierer, wie der bürgerliche Pariser Figaro jetzt erschrocken konstatierte. Bové fordert die Politiker heraus, und die kuschen. Er droht ultimativ mit der Zerstörung aller Versuchsfelder mit genetisch manipulierten Pflanzen - seine Anhänger haben schon damit begonnen. Vorletztes Wochenende blockierten er und seine Anhänger tagelang McDonald’s in Millau. Schickte der Staat Polizei gegen Bovés Gesetzesbrecher? Mitnichten. Man hofiert ihn.
Aber wer ist Bové wirklich?, fragen die Franzosen. Eine Deutungsmöglichkeit für seinen Kampf gegen Gen-Manipulation entdeckte ein US-amerikanisches Magazin: Vater Bové, jetzt 71, ist einer der bedeutendsten, weltweit gefragten Gen-Forscher. Über die Freunde seines Sohnes hat der geurteilt: "Im Mittelalter verbrannte man Hexen, heute verbrennen sie genetisch behandelte Pflanzen." Treibt den Sohn ein Ödipuskomplex?
Vor zwei Jahren lachte José I. nur über die Frage, ob er 2002 für das Amt des Staatschefs kandidieren wolle. José II. lacht nicht, er schweigt. Siegen kann er nicht, aber als Kampf-Kandidat das Spiel aller "Großen" empfindlich stören. Deswegen buckeln die jetzt vor ihm.
Asterix auf dem Heuwagen
José Bové ist der Held der Bauern-Revolte und ein Medien-Star dazu
MILLAU, 30. Juni. Mark Callway, ein Klein-Farmer aus dem US-Staat Iowa, hat seine Ersparnisse verballert, um in ein französisches Provinznest zu wallfahrten: Millau, rund 20 000 Einwohner, am romantischen Tarn und nördlich von Montpellier gelegene Käse- und Handschuh-Metropole. Andere sind angereist aus dem Senegal und aus England, Chile und Deutschland sowie aus allen Winkeln Frankreichs. Mal mit Bussen, mal mit Rucksack und per Anhalter oder mit einem Sonderzug aus Paris.
Wegen Überfüllung geschlossen
Am Freitag meldete Bürgermeister Jacques Godfrain Millau wegen Überfüllung geschlossen. Zwischen 20 000 und 30 000 fanden sich ein, um einem schnauzbärtigen Mann zu huldigen, den noch vor einem Jahr nur Polizisten und Profi-Demonstranten kannten. Nun ist er zur internationalen Ikone des Aufstandes gegen die Diktatur der Globalisten aufgestiegen ist: José Bové, 46 Jahre alt, ein kleiner Schafzüchter und Käseproduzent vom Hochplateau Larzac im Zentralmassiv.
Das ist heiliges Demo-Land, denn in den 70er-Jahren verhinderten Zehntausende in wüsten Gefechten mit der Polizei, dass die Militärs es als Truppenübungsplatz zerschießen durften; Bové war immer mittendrin. Das ist Öko-Geschichte. Seattle-am-Tarn, wie die Bovéisten Millau in Anspielung auf die von Globalismusfeinden ruinierte Welthandelskonferenz getauft haben, ist brandaktuell. Das zweitägige Festival mit Märkten und Fressständen (nur Naturprodukte und keine Cola), Debattierrunden und einem Makro-Konzert ist einberufen worden, weil Bové und neun Mitstreiter am Freitag wegen schwerer Sachbeschädigung vor Gericht gestellt wurden.
Letzten August hatten sie in einer Aktion gegen globalistischen "Drecksfraß" made in USA den neuen McDonald s-Imbiss in Millau fachgerecht zerlegt. Der Schaden belief sich auf mehr als 200 000 Mark - McDonald s verzichtete taktisch geschickt auf Regressforderungen. Dann beging die Untersuchungsrichterin Nathaly Marty eine Eselei, die sich als Geschenk für den Missetäter entpuppte. Die Dame ließ Bové in Handschellen abführen - die Fotos gingen um die Welt. Bové saß 20 Tage, weil er die Zahlung einer Kaution verweigerte. Er wurde gleichzeitig zum Märtyrer und zum Asterix, der gegen die Legionäre des Globalismus kämpft. Die durch Rinderwahn, Dioxin-Hühner und Gen-Mais verstörten Franzosen hatten ihren Apostel. 65 Prozent sympathisieren mit ihm.
Freitag gegen 14 Uhr. In knallender Sonne rollen Bové und Spießgesellen auf einem von einem Traktor gezogenen Heuwagen vor dem "Palais de Justice" in Millau vor. Es sieht aus, als würden sie zum Schafott gekarrt. Doch der Delinquent ist jetzt schon der Sieger; die Absicht des Gerichts, den Prozess schnell durchzuziehen, hat er zunichte gemacht. Sechs Anwälte wollen Experten aus Polen, den USA und Tahiti vorladen, vor Mitte September ist mit einem Urteil nicht zu rechnen. Das Tribunal wird zur Tribüne gegen "le mondialisme".
Und Bové zum Medien-Star. In Millau treten sich die Korrespondenten der internationalen Presse auf die Füße, CNN hat ein Studio eingerichtet. Die "Business Week" listet Bové unter den 50 wichtigsten Europäern auf, die den "alten Kontinent" bewegen. Sein Buch "Die Welt ist keine Handelsware" ist bereits 80 000-mal verkauft worden. Mit jedem verkauften Exemplar fließen etwa 3,50 Mark in die Kasse von Bovés Kleinbauern-Gewerkschaft "Confédération paysanne".
In Frankreich wird der Held der Bauern-Revolte zur politischen Größe. Zum Ärger des monopolistischen, industriefreudigen Bauernverbandes FNSEA besuchte Staatspräsident Jacques Chirac den Stand des Rebellen auf der Pariser Landwirtschaftsmesse. Und sein Rivale, Premierminister Lionel Jospin, der sich bis dahin mit Rücksicht auf die Großbauern geweigert hatte, auch nur auf einem Foto mit Bové zu erscheinen, lud ihn zu einem Mittagessen, das sich drei Stunden hinzog. Anschließend war der Sozi "tief beeindruckt".
Das sind auch andere. Denn Bové ist beileibe nicht der knorrige Wald- und Wiesenschrat mit gestrickter Wollmütze, als der er sich gern gibt. Er ist ein auf Schafzucht umgestiegener Intellektueller mit dem Handy am Ohr. Er spricht fließend Englisch, weil er als Kind in Kalifornien - die Eltern, Biochemiker, lehrten an der Universität Berkeley - gelebt hat. Überdies ist er ein wahrer Demo-Profi. Ob es gegen Atomversuche auf dem Atoll Mururoa oder den Unabhängigkeitskampf der Kanaken auf Neukaledonien ging, Bové kämpfte immer an vorderster Front.
Nun umschmeichelt ihn die Rechte, und die extreme Linke versucht, seinen Bauernbund zu unterwandern. Die Globalisierungsschlacht wogt weiter. und "Industriefraß": der französische Bauernheld José Bové.
Ein Gallier gegen das Imperium
.... In diesen Tagen wird Boves erstes Buch erscheinen. Es wird sicher ein Bestseller, denn der Mann mit der ewigen Pfeife im runden Gesicht und der Wollmütze hat einiges zu erzählen.
Das Scheitern des Gipfels der Welthandelsorganisation in Seattle war auch sein Werk. Selbst amerikanische Arbeiter riefen mit Bove auf Französisch "tous ensemble" alle gemeinsam. Die Reichsten und Mächtigsten wollten ihn zu ihrem illustren Gipfel in Davos als Gastredner hören und bekamen einen Korb: Er lasse sich "von denen" doch nicht als Alibi verheizen.
Der Veteran aller Aufstände gegen arrogante Obrigkeit, Wehrdienst, Nukleares, für die Rechte der Kanaken in Neu-Kaledonien, Greenpeace-Aktionen gegen Atomtests auf dem Südsee-Atoll Mururoa steht heute für Frankreichs Revolte gegen die US-Dominanz. Der Herr über 600 Schafe und eine kleine Roquefort-Käserei im Weiler Montredon steht für die Bewegung eines neuen Souveränismus. Jäger, Kleinbauern, Altgaullisten wehren sich gegen die Globalisierung, die ihnen genmanipulierten Mais, krankes Rindfleisch und "Drecksfraß à la McDonald s" aufzwingt sowie gegen die Brüsseler Eurokraten, die den Galliern selbst auf die Revolution von 1789 zurückreichende Jagdrechte nehmen wollen. Während andere theoretisieren, hält es Bove mit dem Motto: "Um die Gesellschaft zu verändern, muss man Tatsachen schaffen".
Politiker und Parteien schlagen sich um ihn. Doch Bove will keine politischen Bindungen, selbst mit den Grünen nicht: "In Allianzen muss man oft Texte mit unterzeichnen, die man allein niemals signieren würde. " Boveianer wollen ihren Helden bewegen, sich als Kandidat fürs Amt des Staatspräsidenten aufzubauen als Hecht im Karpfenteich des Establishments und als Stimmungsbarometer für die Anti-Globalisierung. Doch Bove winkt ab: "Ich bin noch nicht größenwahnsinnig. "