SPIEGEL ONLINE - 18. April 2002, 15:15
URL: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,192423,00.html
Laudatio für Bush sen.
Wie der Ex-Straßenkämpfer den Ex-Präsidenten lobte
Von Severin Weiland
Die Zeiten ändern sich. Der einstige Straßenkämpfer Joschka Fischer lobt bei einer Preisverleihung in Berlin den früheren US-Präsidenten Bush und erwähnt nur nebenbei seine eigene Vergangenheit.
Berlin - Am Ende der Rede wirkt Fischer gerührt. Der Kanzler applaudiert, dessen Gattin sowie Richard von Weizsäcker. "Ganz hervorragend" sei das gewesen, was der Außenminister gerade gesagt habe, meint auch der Vorsitzende der Atlantik-Brücke, der Unternehmer Arend Oetker.
Dabei sollte an diesem Mittwochabend im Charlottenburger Schloss in Berlin eigentlich George Bush senior geehrt, ihm von der Atlantik-Brücke der Eric-M.-Warburg Preis verliehen werden.
Der Gast aber gerät ein wenig zur Nebensache, denn nicht nur die Mitglieder der Atlantik-Brücke, eines Vereins von deutschen und amerikanischen Unternehmern, Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten, wollen vor allem wissen: Was sagt ein früherer Straßenkämpfer dem Mann, der zwischen 1989 und 1993 der mächtigsten Nation vorstand und der einst im Golfkrieg für viele Grüne ein Bösewicht war?
Ohne Bush und Kohl, sagt der Außenminister, "wäre der Umbruch in Europa anders und, wer weiß, womöglich weniger friedlich verlaufen".
Helmut Kohl ist sichtlich zufrieden. Mit entspannter Miene blickt er auf den Mann am Pult - wie ein Lehrer auf seinen Schüler. Nur wer von den 500 Gästen genau zuhört, der ahnt an diesem Mittwochabend die Brüche in Fischers Biografie. Er muss schon sehr genau hinhören, um herauszufinden, wo der oberste Grüne mit sich selbst ein wenig ins Gericht geht. Dass Einheit und Freiheit Deutschlands am Ende doch zusammenkamen, das sei ein Verdienst des Präsidenten gewesen, sagt er und fügt hinzu, er habe zu jenen gehört, die der Wiedervereinigung "mit großer Skepsis" gegenüberstanden.
Derartig zurückhaltend hat sich Fischer zwölf Jahre zuvor keineswegs geäußert, als er noch Lederjacke trug und auf dem besten Wege war, Helmut Kohl in Sachen Gewicht einzuholen. Deutschlands Doppelstaatlichkeit sei, sagte er im Herbst 1990 in Anlehnung an Günter Grass, eine "Sühne für Auschwitz". Weiß das der Ex-Präsident? Wenn er es wüsste, was täte es noch zur Sache. Wer bei der Atlantik-Brücke eine Laudatio halten darf, der gehört endgültig dazu.
Vorbei, vorbei. Fischer erwähnt seine Vergangenheit im Charlottenburger Schloss so beiläufig, als sei sie ein Ereignis aus der Steinzeit. "Geschichte, so hieß es einmal, werde nicht von Menschen, sondern von objektiven Faktoren gemacht", sagt der deutsche Außenminister, und mancher im Saal, der wie er oder der Kanzler in den Siebzigern auch zu marxistischen Theoretikern griff, weiß, was gemeint ist. Vorbei, vorbei. Bush und sein damaliger Außenminister James Baker seien, sagt Fischer und wendet sich an den Gast, "ein Beweis für die Fragwürdigkeit dieser These".
Wie soll es auch anders sein, ist doch der Außenminister selbst heute ein Mann, der die Geschichte zu bewegen versucht. Und so holt Fischer weit aus, spricht von Milosevic, vom Kosovo, vom Afghanistan-Krieg und landet schließlich in der Gegenwart. Das Existenzrecht Israels, betont er, sei für Deutschland "unantastbar". Die arabischen Partner müssten verstehen, dass es ein "historisch begründetes Sonderverhältnis" mit Israel gebe, das sich in "schweren Zeiten in Solidarität bewähren muss". An dieser Stelle klatschen die Gäste im Saal, lange und kräftig.
Fischer ist klug. Er weiß, dass bloße Lobhudelei niemand im Saal glauben würde. Ihm schon gar nicht. Hat er nicht selbst vor kurzem die USA vor einem Alleingang gegen den Irak gewarnt? Es knirscht zwischen Europa und den USA, seitdem der Sohn des Alten im Weißen Haus sitzt. Fischer ist sich dessen bewusst - und erwähnt diesen Missklang, natürlich in wohltemperierten Worten. Die Stimmungslage "diesseits und jenseits des Atlantiks" habe sich in den vergangenen Monaten "unübersehbar in unterschiedliche Richtungen entwickelt". Wenn die USA mehr die militärische, die Europäer mehr die politische Komponente betonten, werde dies "auf beiden Seiten leider missverstanden", sagt er, und mancher im Saal war wohl erleichtert, dass da einer nicht alles unter den Teppich kehrt.
Joschka Fischer: Lob für Bushs Deutschlandpolitik
Bush, der Geehrte, hörte sich die leisen Töne der Kritik höflich an. Artig dankte er Fischer für die Rede, dem Kanzler für die Solidarität im Anti-Terror-Kampf. Ansonsten aber tat Bush senior, was alte Männer am liebsten tun, wenn sie nicht mehr im Amt sind: Er erzählte lieber eine Anekdote vom Sohn. Als der sich kürzlich im Haus ausruhte, habe seine Frau gesagt: "George, würdest du bitte die Füße von meinem Tisch nehmen." In diesem Augenblick lachte der Saal und ganz besonders der Kanzler. Um das deutsch-amerikanische Verhältnis steht es so schlecht also nicht.
Wenn Joschka Fischer und Gerhard Schröder eine Lehre am Mittwochabend aus dem Charlottenburger Schloss mit in ihre Dienstsitze nahmen, dann diese: Wenigstens die Mutter kann den mächtigsten Mann der Welt gelegentlich noch in seine Schranken weisen.
URL: www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,192423,00.html
Laudatio für Bush sen.
Wie der Ex-Straßenkämpfer den Ex-Präsidenten lobte
Von Severin Weiland
Die Zeiten ändern sich. Der einstige Straßenkämpfer Joschka Fischer lobt bei einer Preisverleihung in Berlin den früheren US-Präsidenten Bush und erwähnt nur nebenbei seine eigene Vergangenheit.
Berlin - Am Ende der Rede wirkt Fischer gerührt. Der Kanzler applaudiert, dessen Gattin sowie Richard von Weizsäcker. "Ganz hervorragend" sei das gewesen, was der Außenminister gerade gesagt habe, meint auch der Vorsitzende der Atlantik-Brücke, der Unternehmer Arend Oetker.
Dabei sollte an diesem Mittwochabend im Charlottenburger Schloss in Berlin eigentlich George Bush senior geehrt, ihm von der Atlantik-Brücke der Eric-M.-Warburg Preis verliehen werden.
Der Gast aber gerät ein wenig zur Nebensache, denn nicht nur die Mitglieder der Atlantik-Brücke, eines Vereins von deutschen und amerikanischen Unternehmern, Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten, wollen vor allem wissen: Was sagt ein früherer Straßenkämpfer dem Mann, der zwischen 1989 und 1993 der mächtigsten Nation vorstand und der einst im Golfkrieg für viele Grüne ein Bösewicht war?
Ohne Bush und Kohl, sagt der Außenminister, "wäre der Umbruch in Europa anders und, wer weiß, womöglich weniger friedlich verlaufen".
Helmut Kohl ist sichtlich zufrieden. Mit entspannter Miene blickt er auf den Mann am Pult - wie ein Lehrer auf seinen Schüler. Nur wer von den 500 Gästen genau zuhört, der ahnt an diesem Mittwochabend die Brüche in Fischers Biografie. Er muss schon sehr genau hinhören, um herauszufinden, wo der oberste Grüne mit sich selbst ein wenig ins Gericht geht. Dass Einheit und Freiheit Deutschlands am Ende doch zusammenkamen, das sei ein Verdienst des Präsidenten gewesen, sagt er und fügt hinzu, er habe zu jenen gehört, die der Wiedervereinigung "mit großer Skepsis" gegenüberstanden.
Derartig zurückhaltend hat sich Fischer zwölf Jahre zuvor keineswegs geäußert, als er noch Lederjacke trug und auf dem besten Wege war, Helmut Kohl in Sachen Gewicht einzuholen. Deutschlands Doppelstaatlichkeit sei, sagte er im Herbst 1990 in Anlehnung an Günter Grass, eine "Sühne für Auschwitz". Weiß das der Ex-Präsident? Wenn er es wüsste, was täte es noch zur Sache. Wer bei der Atlantik-Brücke eine Laudatio halten darf, der gehört endgültig dazu.
Vorbei, vorbei. Fischer erwähnt seine Vergangenheit im Charlottenburger Schloss so beiläufig, als sei sie ein Ereignis aus der Steinzeit. "Geschichte, so hieß es einmal, werde nicht von Menschen, sondern von objektiven Faktoren gemacht", sagt der deutsche Außenminister, und mancher im Saal, der wie er oder der Kanzler in den Siebzigern auch zu marxistischen Theoretikern griff, weiß, was gemeint ist. Vorbei, vorbei. Bush und sein damaliger Außenminister James Baker seien, sagt Fischer und wendet sich an den Gast, "ein Beweis für die Fragwürdigkeit dieser These".
Wie soll es auch anders sein, ist doch der Außenminister selbst heute ein Mann, der die Geschichte zu bewegen versucht. Und so holt Fischer weit aus, spricht von Milosevic, vom Kosovo, vom Afghanistan-Krieg und landet schließlich in der Gegenwart. Das Existenzrecht Israels, betont er, sei für Deutschland "unantastbar". Die arabischen Partner müssten verstehen, dass es ein "historisch begründetes Sonderverhältnis" mit Israel gebe, das sich in "schweren Zeiten in Solidarität bewähren muss". An dieser Stelle klatschen die Gäste im Saal, lange und kräftig.
Fischer ist klug. Er weiß, dass bloße Lobhudelei niemand im Saal glauben würde. Ihm schon gar nicht. Hat er nicht selbst vor kurzem die USA vor einem Alleingang gegen den Irak gewarnt? Es knirscht zwischen Europa und den USA, seitdem der Sohn des Alten im Weißen Haus sitzt. Fischer ist sich dessen bewusst - und erwähnt diesen Missklang, natürlich in wohltemperierten Worten. Die Stimmungslage "diesseits und jenseits des Atlantiks" habe sich in den vergangenen Monaten "unübersehbar in unterschiedliche Richtungen entwickelt". Wenn die USA mehr die militärische, die Europäer mehr die politische Komponente betonten, werde dies "auf beiden Seiten leider missverstanden", sagt er, und mancher im Saal war wohl erleichtert, dass da einer nicht alles unter den Teppich kehrt.
Joschka Fischer: Lob für Bushs Deutschlandpolitik
Bush, der Geehrte, hörte sich die leisen Töne der Kritik höflich an. Artig dankte er Fischer für die Rede, dem Kanzler für die Solidarität im Anti-Terror-Kampf. Ansonsten aber tat Bush senior, was alte Männer am liebsten tun, wenn sie nicht mehr im Amt sind: Er erzählte lieber eine Anekdote vom Sohn. Als der sich kürzlich im Haus ausruhte, habe seine Frau gesagt: "George, würdest du bitte die Füße von meinem Tisch nehmen." In diesem Augenblick lachte der Saal und ganz besonders der Kanzler. Um das deutsch-amerikanische Verhältnis steht es so schlecht also nicht.
Wenn Joschka Fischer und Gerhard Schröder eine Lehre am Mittwochabend aus dem Charlottenburger Schloss mit in ihre Dienstsitze nahmen, dann diese: Wenigstens die Mutter kann den mächtigsten Mann der Welt gelegentlich noch in seine Schranken weisen.