IWF: Risiko für "Harder Landing" gestiegen


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das Zentrum d.:

IWF: Risiko für "Harder Landing" gestiegen

 
25.05.01 10:28

Geldpolitik in den USA notfalls "weiter lockern" - "Moderate Zinssenkung im Euroraum jetzt angemessen"

buc Washington - Der US-Wirtschaft droht ein noch stärkerer Abschwung mit Wachstumsraten von unter 1 % in den Jahren 2001 und 2002, sollte es in den nächsten Wochen zu einer abrupten Dollarabwertung kommen. Davor warnt der Internationale Währungsfonds (IWF) in einem Alternativ-Szenario namens "Harder Landing" in seiner Frühjahrsprognose.

"Illustrativ" sollen damit die vom hohen US-Leistungsbilanzdefizit ausgehenden Gefahren aufgezeigt werden. In seiner "plausibleren", aber mit hoher Unsicherheit behafteten Basisprognose erwartet der IWF dagegen, dass die US-Konjunktur schon im zweiten Halbjahr wieder in Fahrt kommt. Sollten die Erholungsanzeichen ausbleiben, seien weitere Zinssenkungen nötig.

Allerdings könnte sich infolge der verzögerten Wirkung der jüngsten Talfahrt der Aktienkurse auf die Wirtschaft die Erholung verlangsamen, meinen die IWF-Exekutivdirektoren in dem am Donnerstag veröffentlichten "World Economic Outlook". Sie weisen in ihrer zusammenfassenden Bewertung darauf hin, dass die Aussichten für die Wirtschaft der USA diesmal von einer über das übliche Maß hinausgehenden Unsicherheit geprägt seien. Einerseits halten sie es für möglich, dass sich die Konjunktur in den USA und damit auch weltweit viel schneller erholt als bislang erwartet. Anderseits seien "die Risiken für einen weniger günstigen Ausgang eindeutig signifikant".


US-Prognose sehr unsicher

An Konjunkturwendepunkte komme es erfahrungsgemäß oft zu einem unerwartet ausgeprägten konjunkturellen Tempowechsel. In einer gesonderten Abhandlung wird erläutert, dass die Treffsicherheit der Konjunkturprognosen gerade in Phasen zyklischer Umschwünge zu wünschen übrig lasse und die Prognostiker meist der Entwicklung hinterherhinkten (siehe nebenstehenden Bericht).

Auf jeden Fall muss man nach Ansicht der IWF-Direktoren das "signifikante Risiko" der Ungleichgewichte in den USA anerkennen, die sich in der langen Expansionsphase aufgebaut hätten. Gemeint sind das Leistungsbilanzdefizit von etwa 4,5 % (2000) des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die "offenkundige Überbewertung des Dollars", die negative private Sparquote sowie die - trotz der jüngsten Korrektur - gemessen an historischen Standards noch immer recht hohe Bewertung der Aktien. Ein abrupter Anpassungsprozess zum Abbau der Ungleichgewichte würde begleitet von einem weiteren Vertrauensschwund sowie erhöhter Risikoaversion an den Finanzmärkten und letztlich zu einem Rückgang der Gesamtnachfrage führen.


Vor Abwärtsdynamik gewarnt

Zwischen den Ungleichgewichten und den Erwartungen hinsichtlich eines anhaltend starken US-Produktivitätswachstums im Vergleich zu anderen Ländern sieht der IWF einem engen Zusammenhang. Ausmaß, Modalitäten und Tempo des Abbaus der Ungleichgewichte würden davon bestimmt, wie sich diese Erwartungen im einem Umfeld nachlassenden Wachstums entwickelten. Es bestehe die Gefahr, dass der sich selbst verstärkende New-Economy-Prozess von steigender Produktivität, steigenden Börsenkursen, wachsendem Zugang zu Finanzierungen und zunehmenden Technologie-Investitionen ins Gegenteil umschlage. Sollte sich die Wachstumsabschwächung in den USA als steiler und dauerhafter erweisen als bislang absehbar, würde dies das Risiko beträchtlich erhöhen, dass sich global "ein stärker synchronisierter und sich selbst verstärkender Abschwung entwickelt", heißt es warnend.


Zinssenkungen bevorzugt

Auch vor diesem Hintergrund begrüßen die Direktoren die raschen und deutlichen Zinssenkungen der US-Notenbank Fed seit Jahresbeginn und empfehlen, bei anhaltend schwachen wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen die Geldpolitik weiter zu lockern. "Die Geldpolitik bleibt das bevorzugte Instrument, um aktiv auf zyklische Entwicklungen zu reagieren", heißt es ferner im "World Economic Outlook". Doch auch über mehrere Jahre hinweg gestreckte, schrittweise Steuersenkungen, deren Finanzierung jeweils neu zu überprüfen ist, hält der IWF in den USA für angebracht. Über derartige Steuerpläne verhandelt die US-Administration zurzeit mit dem Kongress. In ihrem "Harder Landing"-Szenario unterstellen die IWF-Ökonomen, dass sich der Dollar bis Mitte 2001 um real 20 % gegenüber Euro und Yen abwertet sowie um 15 % gegenüber den Währungen anderer Industrieländer. Diese Entwicklung würde begleitet von Kursrückgängen an den Börsen sowie von einer Erosion des Vertrauens von Verbrauchern und Anlegern vor allem in den USA und Japan.


Kurzfristig starke Einbußen . . .

Im Verlauf der nächsten drei Jahre würden sich dann die Aktienkurse durch neues Anlegervertrauen wieder nach und nach erholen. Die Ungleichgewichte werden auf diese Weise rascher als bei einem "Soft Landing" der US-Wirtschaft abgebaut, doch geht dies, wie es in dem Bericht heißt, zulasten "beträchtlicher kurzfristiger Einbußen beim globalen Wachstum".

So dürfte die Weltwirtschaft im Jahre 2001 nur noch um 2,1 % und 2002 um 2,8 % expandieren, verglichen mit 3,2 % beziehungsweise 3,9 % in der Basisprognose des IWF. Die USA kämen in diesen zwei Jahren nur noch auf Wachstumsraten von 0,1 % und 0,9 % anstelle von 1,5 % und 2,5 %. Japans Wirtschaft würde 2001 um 0,5 % schrumpfen und ein Jahr später nur um 0,4 % zulegen, verglichen mit Zuwachsraten von 0,6 % und 1,5 % nach der Basisprognose. Im Euroraum würden die Wachstumsraten auf deutlich unter 2 % fallen, nämlich auf 1,3 % in diesem und auf 1,6 % im nächsten Jahr, während die Basisprognose von 2,4 % und 2,8 % ausgeht.


. . . bei mehr Gleichgewicht

Angesichts einer derart verstärkten Abschwächung käme es weltweit auch zu einer weiteren geldpolitischen Lockerung. Nicht ausgeschlossen wäre dem IWF zufolge, dass die Dollarabwertung verzögert werden könnte, wenn nach wie vor - in der Erwartung eines künftig wieder stärkeren Wachstums - viel Kapital in die USA strömen würde. In diesem Fall wären kurzfristig die Verluste an Wachstum und realer Nachfrage in den USA noch höher, weil die Vorteile des schwächeren Dollars im Gegenzug erst zeitverzögert die Wirtschaftsaktivität beleben würden.

In einem Szenario eines "Soft Landing" unterstellt der IWF, dass sich der Dollar über drei Jahre gestreckt allmählich um 20 % gegenüber Euro und Yen abschwächt und das Leistungsbilanzdefizit von derzeit etwa 450 Mrd. Dollar um rund 85 Mrd. Dollar zurückgeht. Die Wachstumsverluste für die Welt, die USA und den Euroraum lägen nur zwischen 0,1 und 0,4 Prozentpunkten.


Europas Wachstum stärken

Der IWF weist ausdrücklich darauf hin, dass der Abbau der Ungleichgewichte erheblich erleichtert würde, wenn Japan und Europa ihr Wachstum verstärken könnten. Ein halber Prozentpunkt mehr Wachstum pro Jahr in beiden Regionen könnte nämlich in fünf Jahren eine Minderung des US-Leistungsbilanzdefizits um etwa 50 Mrd. Dollar bewirken, haben die Fonds-Ökonomen ausgerechnet. Nicht zuletzt auch deshalb beklagt der IWF, dass Euroland bislang sein Potenzialwachstum noch nicht über die Marke von 2,5 % hinaus erhöht habe und noch immer hohe Arbeitslosigkeit verzeichne. Mit einem solchen Wachstum "sollten sich die Politiker nicht zufrieden geben", auch wenn die kurzfristigen Konjunkturaussichten für Euroland vergleichsweise günstiger seien als die für die USA und Japan.

Der Fonds rät deshalb erneut dazu, die Strukturreformen zu beschleunigen und zu vertiefen, und zwar vor allem an den Arbeits- und Gütermärkten sowie in der Rentenversicherung. Eine explizite Lockerung der Fiskalpolitik halten die IWF-Volkswirte nicht für notwendig, raten aber dazu, im Haushaltsvollzug die automatischen Stabilisatoren voll wirken zu lassen.


Andere Inflationsbeurteilung

Die Geldpolitik hingegen habe Spielraum, den sie nutzen sollte, meint der IWF. Die Mäßigung des Geldmengenwachstums und andere Inflationsindikatoren, bereinigt um die indirekten Ölpreiseffekte "weisen auf einen verhaltenen Preisdruck hin". Deshalb sei "eine moderate Senkung der Zinsen jetzt angemessen", heißt es.

Einen größeren Zinsschritt hält der IWF für angebracht für den Fall einer starken Euro-Aufwertung oder bei Anzeichen verstärkter Dämpfungseffekte durch den globalen Abschwung. Der IWF kommt damit zu einer deutlich anderen Einschätzung der Inflationsrisiken als die Europäische Zentralbank (EZB), die bislang noch keinen Zinssenkungsspielraum sah und vor so genannten Zweitrundeneffekten wie zu starken Lohnerhöhungen warnte.

Anders die IWF-Experten: Die grundlegende Inflation werde bei 1,5 % in diesem Jahr bleiben, und es gebe bisher kaum Anzeichen dafür, dass die hohen Energiepreise und die Auswirkungen des schwachen Euro aus dem vergangenen Jahr zu Lohnerhöhungen führten.


Japan braucht Basisreformen

Japan mit dem schwächsten Wachstum der drei großen Wirtschaftsregionen wird in diesem Jahr nach Einschätzung des IWF nur dann wieder mittelfristig einen höheren stabilen Wachstumspfad erreichen, wenn es tief greifende Reformen insbesondere zur Restrukturierung des Banken- und Unternehmenssektors anpackt. Das Maßnahmepaket, das dazu die Regierung kürzlich geknüpft hatte, hält der IWF für einen Schritt in die richtige Richtung, der aber nicht ausreiche. Die Aufsichtsregeln müssten schärfer angewendet, die Standards für die Klassifizierung von Krediten kräftig erhöht und die Restrukturierungen begleitende Neuregelungen in den Bereichen Rechtssystem, Steuern und Bodenrecht geschaffen werden. Eine Lockerung der Fiskalpolitik empfiehlt der IWF nur als letztes Mittel, um etwa einer Rezession zu begegnen.
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