3. November 2007!!!! züricher zeitung:
Warum es den Finanz-Wikingern auf Island zu eng wird
Hinter den Erfolgen stecken harte Arbeit und geglückte Reformen
Islands Wirtschaft umfasst mehr als Fischerei, Energie und Aluminium. Liberalisierungen, der EWR-Beitritt und be trieb same Arbeitskräfte haben dem Land im hohen Norden zu einem rasanten Strukturwandel verholfen.
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Lukrative Fischzüge im Finanzsektor
So wie sich das Finanzzentrum einen sichtbaren Platz im modernen Reykjavik schafft, so ist die Branche zu einem wichtigen Pfeiler der isländischen Wirtschaft und zur Triebkraft im Rahmen der rasanten Globalisierung geworden, die auch Island erreicht hat. 2006 trug das Bankwesen rund einen Zehntel zum Bruttoinlandprodukt (BIP) bei, doppelt so viel wie ein Jahrzehnt zuvor. Der BIP-Anteil der Industrie (Fischerei, Fischverarbeitung, Aluminium) und der Landwirtschaft dagegen schrumpfte während der vergangenen 30 Jahre von einem Drittel auf weniger als 20%.
Obwohl erst ab Ende der neunziger Jahre aus dem staatlichen Eigentum entlassen, schlugen die drei Geschäftsbanken Kaupthing, Glitnir (ehemals Islandsbanki) sowie Landsbanki einen forschen Expansionskurs ein, der ihnen in Nordeuropa und in Grossbritannien den Übernamen Finanz-Wikinger eintrug. Zu den jüngsten «Eroberungen» von Kaupthing gehört etwa die in den Strudel der US-Hypothekenkrise geratene niederländische NIBC (für 3 Mrd. €). Dazu kommen Finanzhäuser wie Exista (Grossaktionär von Kaupthing, der finnischen Grossbank Sampo und vom norwegischen Versicherer Storebrand) sowie Straumur-Burdarás. Das letztgenannte Unternehmen hat das sehr ambitiöse Ziel, bis in drei Jahren zur führenden Investmentbank in Nord- und Zentraleuropa aufzusteigen.
Woher stammt das Geld?
Auch private Gesellschaften wie Novator und Baugur mischen fleissig mit. Baugur akquirierte unter anderem die traditionsreichen dänischen Warenhäuser Magasin du Nord und Illum und möchte laut Gerüchten für 3 Mrd. $ einen Mehrheitsanteil an der US-Warenhauskette Saks übernehmen. Der «Beutezug», an dem sich auch börsenkotierte Konzerne wie Actavis (Generika), Össur (Prothesen) und Marel (Lebensmittelverarbeitung) beteiligen, spiegelt sich in den sprunghaft gestiegenen isländischen Direktinvestitionen im Ausland. Diese sind zwischen 1996 und 2006 von vernachlässigbaren 4,2 Mrd. iKr. (rund 81 Mio. Fr. ) pro Jahr auf 335 Mrd. iKr. (6,5 Mrd. Fr.) oder ein Drittel des BIP angeschwollen.
Das plötzliche Auftauchen isländischer Investoren auf etablierten Märkten weckte neben Verwunderung auch Misstrauen: Woher stammt all das Geld der Wikinger? Die rasante Entwicklung mag umso mehr erstaunen, als Islands Finanzlandschaft bis weit in die siebziger Jahre eher an «die Dritte Welt als an Westeuropa» erinnert, wie die Isländische Handelskammer in einer Studie* schreibt.
Nicht Marktkräfte, sondern Politiker und Interessengruppen gaben lange den Ton an: Private Auslandinvestitionen waren verboten, der Zugang zu Fremdwährungen stark reguliert, und die Nominalzinsen wurden durch die Regierung vorgegeben. Dieses Regime dauerte bis 1979, als hohe Inflation zu zweistelligen negativen Realzinsen führte und das geltende System sich praktisch selbst zerstörte. Die Folge war eine lange Reihe von Liberalisierungsschritten. Unter anderem wurden finanzielle Verbindlichkeiten an die Teuerung gekoppelt, die staatliche Zinskontrolle wurde aufgehoben, ein Kapitalmarkt geschaffen, und Fremdwährungstransaktionen wurden zugelassen. 1995 trat eine neue Gesetzgebung für ausländische Direktinvestitionen in Kraft. Die zweite Stufe der Liberalisierung wurde 2001 gezündet, als der Notenbank Unabhängigkeit garantiert wurde und Island von festen zu freien Wechselkursen überging. Parallel dazu wurden die bisher staatlichen Banken privatisiert.
Der EWR als Katalysator
Ein zentraler Katalysator für das folgende Wachstum war der Betritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) im Jahr 1994. «Island, das in einem kleinen Teich schwamm, bekam plötzlich Zugang zu einem grossem Pool mit einheitlichen Regeln», beschreibt der Geschäftsführer der Iceland Financial Service Association, Gudjón Rúnarsson, diesen wichtigen Schritt. Für das EFTA-Land war der EWR-Beitritt ein voller Erfolg, wurde es doch zum innern Markt der Europäischen Union zugelassen, ohne dass diese sich in die Fischereipolitik der Isländer einmischen konnte. Letzteres stellt auch heute noch die höchste Hürde für einen möglichen EU-Beitritt des Landes dar.
Hinter dem Geheimnis der isländischen Milliardeninvestitionen steckt nicht zuletzt das Pensionskassensystem der Insel, dem die Deregulierung und Liberalisierung des Finanzsektors zur Blüte verhalf. Die im Kapitaldeckungsverfahren finanzierten Pensionskassen pumpten viel Kapital in die Märkte und sorgten damit für eine hohe Liquidität. Ihr starkes Engagement in heimischen Firmen legte deren finanzielles Fundament für die Expansion nach Ost und West, nachdem es auf Island zu eng geworden war. Gleichzeitig, und dies ist die Kehrseite der Medaille, schuf der Investitionsbedarf der Pensionskassen ein zeitweilig schwer durchschaubares Geflecht aus Kreuzbeteiligungen. In jüngster Zeit haben die Vorsorgeeinrichtungen vermehrt begonnen, sich nach alternativen Anlagen wie Private Equity umzusehen.
Das Heimweh überwiegt
Die Kapitalbeschaffung stellt daher für Jungunternehmen auf Island kaum ein Problem dar. Dies kann Sigsteinn Grétarsson bekräftigen, Managing Director von Marel, einer Tochtergesellschaft der gleichnamigen Industriegüter-Gruppe. Der Konzern, dessen Aktien seit gut einem Jahr an der Börse kotiert sind, stellt Ausrüstungen für die Fisch-, Fleisch- und Geflügelverarbeitung her. Er gründet in einem Spin-off der Universität Reykjavik, einem Unternehmen, das in enger Zusammenarbeit mit der Fischindustrie wuchs. Aber nicht nur der Weg zum Kapital ist kurz: Wer auf der Insel, wo (fast) jeder jeden kennt, mit Medienleuten, Politikern oder Wirtschaftsführern in Kontakt kommen will, «muss nur den Telefonhörer in die Hand nehmen», sagt Grétarsson. Zum guten Investitions- und Geschäftsklima gesellen sich tiefe Unternehmensgewinnsteuern, die etappenweise von über 50% auf 18% gesenkt worden sind.
Besonders stolz sind die Isländer auf ihre hervorragend ausgebildeten und fleissigen Arbeitskräfte. Ein grosser Teil der Inselbewohner ist zu wiederholten Auslandaufenthalten gezwungen, um die Ausbildung zu komplettieren. Einen Braindrain kennt man aber nicht, das 312 000 Seelen zählende Inselvolk hält zusammen. Wie einst die Wikinger kehren fast alle in die Heimat, zu Familie und Freunden zurück und stürzen sich – mit komplettiertem Wissen, geschliffenen Sprachkenntnissen und einem internationalen Beziehungsnetz im Gepäck – in die Arbeit. Zwei oder drei gleichzeitig ausgeübte Jobs sind keine Seltenheit, Statistiken zeugen von langen Arbeitstagen und hohen Beschäftigungsraten. Diese Mentalität scheint sich über die Generationen herausgebildet zu haben, um auf der rauen Insel zu überleben.
Akuter Arbeitskräftemangel
Auch flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege und offene Chefbüros gehören zu den Geheimnissen des Erfolgs. Bei Marel etwa gilt das Motto «Alles ist möglich, solange es nicht verboten ist»; die Eigeninitiative der Beschäftigten wird gefördert, und es ist erlaubt aus Fehlern zu lernen. Erwerbslosigkeit ist auf der Insel der Fleissigen gegenwärtig ein Fremdwort. Im September wurde mit einer Arbeitslosenquote von 0,8% der niedrigste Stand seit 19 Jahren erreicht, bei den Arbeitsämtern waren gerade einmal 1336 Arbeitssuchende registriert. Für viele Branchen ist die Personalknappheit zu einem Hemmschuh geworden, was kreative Lösungen erfordert. Die Hauptstadt etwa erlaubt es seit kurzem, über 70-Jährige in Mangelberufe zu rekrutieren, sofern sie über die nötigen Qualifikationen verfügen. In Reykjavik fehlen unter anderem 200 Kindergärtnerinnen, auch viele Pflegestellen sind offen.
Die Rettung Islands, das mit einem Durchschnittsalter von 35 über die jüngste Bevölkerung Europas verfügt, sind ausländische Arbeitskräfte, vor allem aus neuen EU-Ländern wie Polen und Litauen. Ohne ihre Hilfe wären weder die Kraftwerke noch das neue Finanzviertel gebaut worden, stünden die Fischfabriken still und würden das Gesundheitswesen wie auch der Detailhandel gelähmt. Vilhjálmur Egilsson, Generalsekretär des isländischen Arbeitgeberverbands, der grundsätzlich nicht viel zu klagen hat, fordert vereinfachte Regeln bei der Anstellung ausländischer Arbeitskräfte. Heute sei es einfacher, in den USA eine Zweigstelle zu eröffnen, als für einen nordamerikanischen Spezialisten auf Island eine Arbeitsgenehmigung zu erhalten, sagt Egilsson in seinem Büro an der Borgartún.
Der Preis des Fortschritts
Auf der Insel, deren einzige Ressource neben Energie im Überfluss eigentlich die grossartige Natur ist, wird vermehrt über den Preis des Fortschritts diskutiert. Der kräftige Ausbau der Schwerindustrie trug dank Milliardeninvestitionen zum Wirtschaftsboom bei und reduzierte die Abhängigkeit von der Fischindustrie weiter. Doch das heuer fertiggestellte Wasserkraftwerk Káranjúkar, dessen Damm zwei Gletscherflüsse in zuvor unberührter Natur staut, führte zu Protesten in der Bevölkerung. Es wurden zunehmend Fragezeichen hinter die weitere Expansion der Schwerindustrie gesetzt. Drei Viertel von Islands erneuerbaren Energien sind noch ungenutzt, weshalb die internationalen Aluminiumkonzerne Schlange stehen.
Vorläufig gilt jedoch ein dreijähriges Pro-forma-Moratorium für den Bau neuer Kraftwerke, eine Zeitspanne, die für Diskussionen über die gewünschte künftige Wirtschaftsstruktur genutzt werden soll. Gleichzeitig wird versucht, wertschöpfungsintensivere Branchen auf die Insel zu locken. Microsoft und Yahoo sollen beispielsweise daran interessiert sein, auf der Atlantikinsel «Server-Farmen» (Rechenzentren) zu bauen. Gemäss Industrieminister Össur Skarphedinsson liegt Islands Zukunft unter anderem im Tourismus, aber auch in der Energie. Energie kann zwar kaum in grossen Mengen exportiert werden, wohl aber technologische Lösungen zur Anwendung von Erdwärme, wie es sich die Anfang Jahr gegründete Firma Geysir Green Energy zum Ziel gesetzt hat.