'Irrationale Übertreibung' wird fünf Jahre alt


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'Irrationale Übertreibung' wird fünf Jahre alt

 
05.12.01 15:08
WOLFRATSHAUSEN (GoingPublic.de) - Läßt man sich von historischen Daten leiten, stehen die Chancen auf geschichtliche Relevanz für den heutigen Tag ausgesprochen gut. Die famose Rede "Irrational Exuberance" von Alan Greenspan jährt sich heute zum fünften Mal.

Doch schauen wir zunächst auf das vergangene Jahr zurück, denn auch damals bewegten seine Worte den Markt. Am 5. Dezember letzten Jahres äußerte sich der US-Notenbankchef überraschend deutlich - was sonst gewiss nicht seine Art ist. Er stellte unverbunden eine oder mehrere Zinssenkungen in Aussicht. Wie wir heute wissen, blieb es nicht nur bei Versprechungen. Ob er sich allerdings zum damaligen Zeitpunkt hatte träumen lassen, dass es gleich zehn an der Zahl - nächste Woche Dienstag folgt wohl Nummer 11 - sein müssen, darf bezweifelt werden. Vielmehr hatte er wohl erst die beabsichtigte außerplanmäßige Zinssenkung des 3. Januar 2001 im Hinterkopf.

Wie sich herausstellte, haben nicht alle seinen Wink verstanden - ein Problem, dass er nur zu gut kennt (s. unten!). So lagen bei der Fed keine Anträge über eine Zinssenkung über mehr als 25 Basispunkte für den Diskontsatz vor, was jedoch von der Prozedur so vorgeschrieben ist. Das führte dazu, dass Greenspan am 3. Januar zunächst den Tagesgeldsatz um 50 und den Diskontsatz um 25 Basispunkte herabnahm. Am nächsten Morgen erst reichten die regionalen Notenbanken ihre Anträge nach und erhielten am Abend eine Absenkung des Diskontsatzes um weitere 0,25 %.

Börsianer nahmen seinen Wink am 5. Dezember 2000 dankbar auf und sorgten dafür, dass die Nasdaq mit einem überschäumenden Kursgewinn von 10,5 % - damals 274 Punkte - den größten Tagesgewinn aller Zeiten einfuhr. Im Rückblick bleibt jedoch zu konstatieren, dass Greenspan selbst offenbar nicht ganz den Durchblick behielt. Denn er sah (oder zumindest äußerte er das so) eine "weiche Landung" der US-Wirtschaft im Jahr 2001 - und davon kann ja wohl nun überhaupt keine Rede sein. Es bleibt also offen, ob er den Ernst der Lage tatsächlich nicht erkannte oder aber nur der Öffentlichkeit eine unangenehme Wahrheit ersparen wollte.

Das lief bei seiner Rede am 5. Dezember 1996, die später große Berühmtheit erlangte, gänzlich anders. Die Rede, "Die Herausforderung der Zentralbank in einer demokratischen Gesellschaft", versprach eigentlich nicht gerade der ganz große Quotenhit zu werden. Die historische Entwicklung der Notenbanken mit ihren Anfängen wäre nicht zwangsläufig dazu geeignet gewesen, Börsianer wachzurütteln. Wäre da nicht eine Bemerkung eingeflossen, die die Marktteilnehmer umgehend aus dem Dornröschen-Schlaf riss: "Wie können wir wissen, wann irrationale Übertreibung die Werte an den Finanzmärkten aufgeblasen hat und dann zum Auslöser für eine unerwartete und fortdauernde Kontraktion wird, wie wir sie in Japan im letzten Jahrzehnt erlebt haben?" Das hat gesessen. Obwohl diese Frage eigentlich nur rhetorischer Natur war, nahmen Marktteilnehmer diesen Hieb als Greenspans Meinung auf. Die Folge war ein schmerzhafter Einbruch der Aktienkurse an der Wall Street.

Damals stand der Dow bei 6.440 Zählern, das Markt-KGV lag bei 19, die Arbeitslosenquote ging zurück, und die Wirtschaft boomte. Wenn Greenspan damals tatsächlich eine Überbewertung monierte, so muss man festhalten, dass die Marktteilnehmer seine Bedenken schon wenige Tage später beiseite gewischt hatten und - wie wir heute wissen - in die Ära der High Tech-Manie einscherten. Was wird Greenspan also heute über den Markt denken? Der Dow steht bei knapp 10.000 Punkten, das Markt-KGV liegt bei 30, die Arbeitslosenquote explodiert, und die Wirtschaft hat mal geboomt. Vielleicht hätten sich Börsianer einen Teil der Qualen der Jahre 2000 und 2001 ersparen können, wenn sie schon 1996 auf den "Meinungsmacher" gehört hätten. Wobei keineswegs sicher ist, dass mit dem laufenden Jahr schon das Tal der Reue durchschritten sein muss.

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